alb1no 02.01.2011, 14:19 Uhr 4 0

Die viel zu lange Weile

Wenn dir langweilig ist, sitzt du vor dem Computer – Rumklicken.

Der Fernseher ist zu passiv geworden und es kommt sowieso nur noch Dreck.
Die ICQ-Liste einmal hoch und runterscrollen. Niemand neues online in den letzten zwei Minuten. Aber immerhin gibt es jetzt die neue Statusfunktion, auf die man noch kurz einen Blick werfen kann. Wieder vier Sekunden rumgebracht.

Die Windows-Taskleiste immer im Blick. Neben dem „Facebook“ wird einen kleine „(1)“ angezeigt. Irgendjemandem gefällt irgendetwas. Hätte der- oder diejenige nicht wenigstens einen Kommentar schreiben können? Etwas, das Zeit und Aufmerksamkeit beansprucht.

Wenn dir langweilig ist, gehst du an den Kühlschrank, obwohl du keinen Hunger hast.
Du hast Appetit und Essen beschäftigt. Es ist nicht ganz sinnlos und irgendwie macht es glücklich. Im Kühlschrank findest du natürlich nichts anständiges, selbst nach dem zehnten Öffnen. Zur Not kochst du dir eben einen Kaffee, oder Tee. Das geht locker als „Beschäftigung“ durch.

Hin und wieder muss man Facebook schließen, um nicht als vollkommener Suchti da zu stehen. Man kann es ja trotzdem immer wieder für einen kurzen Moment öffnen, um zu sehen, dass man nicht alleine ist, dass andere ebenfalls nichts zu tun haben. Um sich zu beruhigen, indem man kontrolliert, ob etwas passiert ist.

Musik läuft sowieso permanent im Hintergrund. Wird mal mehr, mal weniger bewusst gehört. Die Lieder, die man bewusst auswählt, lenken ganz bewusst ab, von dem wofür man gar keinen Namen hat. Vielleicht von der Langeweile. Alle anderen Lieder der Playlist, sind lediglich ein Teil von ihr. Die Musik läuft jedenfalls fast ununterbrochen.

Ein kurzer Marsch zum Kühlschrank. Zur Toilette. Mal schnell aus dem Fenster und aufs Handydisplay schauen, was gar nicht nötig wäre, weil es sowieso auf „laut“ steht. Aber vielleicht hat es ja unhörbar geklingelt, auf dem Weg zur Küche.
Das ist jedoch nur ein schlechtes Alibi, denn du schaust auch auf das Display, wenn es direkt, seit Stunden wie abgeschaltet, neben dir liegt. Kein Anruf. Nur eine SMS.
Sie kommt von O².

Zeit, selbst aktiv zu werden!
Jemanden anzuschreiben. Zu chatten. Man hat zwar keinen Grund und findet auch niemanden, auf den man wirklich Lust hat, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.
Also wird eine Person, mit der man eher selten zu tun hat angeschrieben:

„Hi! Wie gehts?“
- „Gut und selbst?“
„Ja auch. Was geht?“
- „Nichts. Und bei dir?“
„Nix.“

Ende.

Ein durchschnittliches, eher klassisches Gespräch.

Seit Stunden werden dieselben Internetseiten geöffnet. Keine Veränderung. Nichts Lesenswertes. Zu lange Texte werden ohnehin ignoriert.
Ein Buch in die Hand zu nehmen wäre eine Alternative, aber Seiten blättern beschäftigt die Hand nicht so permanent, wie rumklicken. Den Mauszeiger bewegen. Alte Ordner durchsuchen, Lieder in den Player ziehen, Bilder anschauen. Hin und wieder mal was tippen. Das läuft.

Und so bekommt man tatsächlich einen ganzen Tag rum. Stunden vergehen.
Da wird gechattet und Mails werden geschrieben. Informationen ausgetauscht, an die man sich, nicht selten, schon am nächsten Tag nicht mehr erinnert.

Vielleicht bestellen wir was auf Amazon, oder woanders. Betrachten fremde Facebook-Profile. Das StudiVZ liegt ja bereits im Sterben.
Noch eine Zigarette, noch ein Kaffee, mal was Süßes.
Das weibliche Pendant, zum männlichen Konsum von Pornoseiten und den daraus resultierenden Handlungen, kenne ich nicht. Vielleicht gibt es da auch gar keins und für Männer ist das so was wie Zähneputzen. Man kann mal einen Tag darauf verzichten, aber letztlich macht man es doch besser regelmäßig. Morgens und abends. Ein gutes Gefühl eben. Etwas, das man abhaken kann.

Höchstwahrscheinlich hoffen viele, dass an diesen Tagen, die immer häufiger zu werden scheinen, irgendetwas passiert. Das man plötzlich die Nachricht, von der gewissen Person bekommt. Das man, sehr hoch gegriffen ausgedrückt, eventuell sogar Liebe findet. Denn ehrlicherweise, fühlt man sich doch ganz schön alleine, wenn man so da sitzt.

Online auf der Jagd nach Zuneigung. Was erwarten wir, die Generation Internet, denn, wenn wir unsere Tage vor dem Bildschirm und in sozialen Netzwerken verbringen?
Eine Art Wunder? Ein Ereignis, das uns loslöst von der Droge, die wir freiwillig konsumieren? Die Heroinsucht mit noch mehr Heroin bekämpfen.
Scrollen, klicken, gruscheln.

Von World of Warcraft fange ich erst gar nicht an. Auch nicht von Online-Poker und ähnlichen Dingen. Diese unterdrücken immerhin dieses Gefühl der Langeweile. Sie schröpfen dich, sperren dich im Keller ein und nehmen dir häufig sogar die letzten Chancen, jemals Sex zu haben. World of Warcraft bedeutet: Opfer. Durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten hindurch. Die Problematik dieser Entwicklung ist jedoch (zum Glück) schon seit geraumer Zeit bekannt.

Für den Rest der Internet-Junkies bleibt nur noch die Langeweile übrig.
Aber nicht das Internet ist das Problem. Es ist eine persönliche, innere Leere, bei einem großen Teil der modernen Jugend. Eine Leere, die Montag bis Freitag, nach der Schule, nach der Arbeit und nach der Uni, ausgefüllt werden muss. Am Wochenende füllen wir uns dann schon selbst (ab). Das ist der Konterrausch zum Internet. Zu der Lethargie.
Das Internet ist nur der Betablocker, der uns wach hält und beschäftigt. Das Internet gaukelt uns soziale Kontakte und hunderte „Freunde“ vor. Es verbindet uns zu jeder Zeit, mit jeder Person. Der Bedarf alles zu teilen – Es schneit! Das poste ich mal auf Facebook. Nur falls es jemand nicht bemerkt, wenn er auf der Autobahn im Stau steht, oder sich auf die Fresse legt, beim Nachhauselaufen. - war vielleicht nie vorhanden, oder man kam nicht mal auf die Idee, er könnte existieren. Dann wurde dieser Bedarf geschaffen, durch „Social Networks“ und die Menschen erlagen diesem vermeintlichen Ambrosia bereitwillig und millionenfach.

Wir lehnen uns zurück, strecken uns im Stuhl. Manchmal schlafen die Beine ein. Webcams, Skype, Chatroulette und Statusmeldungen umgeben uns, wie ein dichter Nebel. Man kann zwar noch atmen, sieht aber kaum noch etwas und die Orientierung fällt schwer.

Die Zeiten, in denen wir in Bars, Discotheken, oder, noch weiter zurückliegend, in (ich mag das Wort) Tanzcafes, gingen, um Menschen kennenzulernen, sind vorbei.
Ein Großteil der zweiten Kontaktaufnahme zu Menschen, findet über das Internet statt. Über Facebook. Manchmal sogar die erste Kontaktaufnahme.
Das ist wie Katalog-Shopping. Bilder betrachten, Informationen lesen. Alles in Ruhe, mit Abstand. Mit Bedenkzeit. Selbst das klassische Telefonat wird immer mehr zur Überwindung. Eine SMS ist schnell getippt und die SMS-Flat, für viele, schon unverzichtbar geworden. Unpersönlich ist der neue Weg in das Leben der anderen.

Ich will eigentlich nicht viel, in den Momenten der Langeweile. Wenn ich so darüber nachdenke, wahrscheinlich nur Zärtlichkeit. Das klingt sehr klischeehaft, überzogen und banal zugleich, aber mir fällt keine bessere Beschreibung ein.
Wieso sitzt man manchmal, ohne Probleme, sechs Stunden am PC?
Es ist bewusst verschwendete Zeit und ich weiß, dass es nicht jedem, aber vielen, so geht.
So geht es denen, die eine Unruhe in sich haben. Die, die immer in Bewegung, in Kontakt mit anderen, bleiben müssen. Die, die Aufmerksamkeit brauchen und sich alleine fühlen.
Einfach so, ohne speziellen, offensichtlichen Grund."Wichtige Links zu diesem Text"
Mein Blog! Schaut mal rein!

4 Antworten

Kommentare

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    Leider sehr wahr. An manchen Tagen zuminest. Aber man kann das ändern. Ich versuchs gerade.

    03.01.2011, 16:24 von HoerTheater
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    Erinnert an eine Zusammenfassung mehrerer Texte der letzten Tage. Unter anderem einem von mir. Daher nur ein müder Blick bevor der Text schon wieder aus dem Gedächtnis verschwindet.

    02.01.2011, 20:41 von nyx_nyx
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Das kommt mir sehr bekannt vor. Vorallem unter der Woche nach der Arbeit, und die Dinge, die man eigentlich tun müsste, lässt man liegen. Verrückt und irgendwie traurig zugleich.

    02.01.2011, 15:17 von nurluftundluegen
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