quatzat 26.08.2009, 14:44 Uhr 19 10

Die Flierschen Vorgärten

KLF: Horror auf dem Dorf

Als ich letztes Jahr aus beruflichen Gründen in eine andere Region Deutschlands umziehen musste, überlegte ich nicht lange und entschloss mich, endlich aufs Dorf zu ziehen. Meine Arbeitsstelle ist zwar fast zwingend immer in der Nähe einer Stadt angesiedelt, doch mir liegt das ruhige, beschauliche Leben auf dem Lande mehr. Nach eingehender Suche fand ich ein passendes Dorf nur wenige Kilometer von meiner Firma entfernt. Ich mietete mich in einem kleinen Reihenhäuschen ein und begann sofort, mich wohl zu fühlen.

Das lag natürlich auch an meinen Nachbarn. So zum Beispiel Frau Röhn, die ich schon bei meinem Einzug kennenlernen durfte. Während ich schwitzend Kiste um Kiste aus meinem gemieteten Lieferwagen schleppte, lehnte sie mehr oder weniger galant aus dem Frontfenster des Reihenhauses neben meinem und kommentierte ununterbrochen mein Treiben. Dabei wurde ihr Mann Albert, der im Hinterhof seine Ruhe zu suchen schien, immer auf dem Laufenden gehalten.

Ich brauchte nicht lange, um mein neues Zuhause einzurichten. Kühlschrank, Bett und diverse Elektronikartikel. Dann saß ich auch schon da und machte das, was wohl neunzig Prozent der Dorfbevölkerung macht: Ich langweilte mich. Also beschloss ich, ein wenig spazieren zu gehen, und mein neues Dorf zu inspizieren. Nach einer eher wenig informativen Runde durch fast immer gleich aussehende Straßen blieb ich kurz vor meinem Hauseingang vor dem trauten Heim der Familie Röhn ein wenig gedankenverloren stehen. Ich betrachtete den Vorgarten. Picobello aufgeräumt, die Grasnarbe perfekt getrimmt, zwei kleine Beete und ein künstlich angelegter Miniteich mit einem Bächlein, das von einem kleinen Berg floss. Dazu fuhr eine kleine elektrische Eisenbahn immer im Kreis um den See oder wahlweise über eine kleine Brücke direkt darüber. Die Szenerie wurde von verschiedenen Gartenzwergen bewacht und zu guter Letzt wurde alles im dunkeln von bunten Scheinwerfern hell beleuchtet.

Meine Augen glitten von diesem Meisterwerk der Vorgartenkunst zu meinem eigenen, eher bescheidenen Konstrukt. Neben zwei Latschen, die auch in zweitausend Metern Höhe gesünder aussähen würden, und einem kiesigen oder wahlweise matschigen Stück Rasen war dort nicht viel zu sehen. Meine Yucca-Palme stand draussen vor der Terassentür. Das gute Stück begleitete mich schon ettliche Jahre und hat einige Dürrperioden erfolgreich hinter sich gebracht. Ein Klacken und ein Quietschen riss mich aus meinen Tagträumen. Das Klacken kam von dem Frontfenster, das gerade geöffnet wurde, das Quietschen entflog direkt Frau Röhns entzückendem Rachen.

„Ahh, Häär Ä, bäwundärn sie grad unserän Vorgadda?“, flötete sie mich an. Ich nickte etwas scheu, da ich nicht unbedingt auf Konversation erpicht war. „Und was halde Sie von dem?“, grinste sie schelmisch, worauf ich nur ein kurzes „Gut!“ lügen konnte. Frau Röhn fing an, mir sämtliche Details und Gimmicks ihres Vorgartens zu erklären und als langsam die Dämmerung hereinbrach, konnte sie ihr Glück kaum fassen, mir all die Lichteffekte vorzuführen. Das brachte sogar Alfred auf die Bühne, der mir fachmännische Ausdrücke an den Kopf warf, die mir nur verständnislose Blicke entlockten. „Abr des Wichtigschde isch ja, dass Sie ihre Moinung auf a Schildle schreibe könna ond Sie bei jedem Vorgadda im Dorf an dr Zaun nahängä könna.“ Frau Röhn bleckte in der Dämmerung ihre Zähne, Alfred fingert irgendwo an einer rosa Lampe herum. „Mir sin hier nämlich sähr an dr Moinung aderer Leit intärressiert, wisset Se?!“ In der Tat waren mir bei meinem Rundgang vor ein paar Stunden diese Schildchen aufgefallen, die an den Jägerzäunen vor den Vorgärten hingen. Gelesen hatte ich ein paar, alle schienen ausgesprochen positiv.

Als ich am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kam und vergeblich versuchte, unbemerkt an dem Frontfenster vorbeizukommen, machte mich Frau Röhn sofort darauf aufmerksam, dass ein Kommentarschildchen an meinem Jägerzaun befestigt war. Ich las: „Des isch aber koi regelkonformär Vorgadda!!!!!!!“ Ein wenig verwirrt ob der viele Ausrufezeichen fragte ich mich, wer zum Henker hier irgendwelche Regeln für Vorgärten aufstellen sollte und wer mich denn in die Schranken weisen konnte. Schließlich war das mein Grund und Boden. Noch am selbigen Abend wurden weitere Schildchen angebracht, die immer ähnliche Inhalte trugen. Eine Woche später schien mein Jägerzaun die Last von Schildchen kaum noch halten zu können, ich sah mich genötigt, etwas zu ändern. Also pflanzte ich meine Yucca-Palme in den matschigen Fleck Rasen. Zufrieden sah ich mein Meisterwerk an, als ich schon wieder das Geräusch eines neuen Schildchens an meinem Zaun hören konnte. Auch verschiedene Osterglocken und eine Gartendusche brachten keinen Erfolg.

Auf meinen Spaziergängen durch das Dorf konnte ich einige Vorgärten entdecken, die, so ähnlich wie meiner, viele Schildchen mit immerwährenden Hinweisen auf Nichtkonformität enthielten. Ich unterhielt mich mit einigen Besitzern – keiner wußte etwas von Regeln. Auch Frau Röhn wollte nicht heraus mit der Sprache. Und weil es mir zu bunt wurde, begann ich, sebst kleine Schildchen mit praktischen Hinweisen und Fragen an den Vorgärten zu platzieren. So wies ich Frau Röhn darauf hin, dass die ganze Scheinwerfersache doch eher nur umweltschädlich sie. Herrn Meerwein machte ich darauf aufmerksam, dass Nager in Käfigen ohne Dächer auf Dauer leiden und Frau Meltzel fragte ich, warum sie denn ausgerechnet neunundneunzig Gartenzwerge in ihrem Vorgarten hatte und nicht hundert. Wo hundert doch ein viel schönere Zahl sei.

Am nächsten Abend fing mich Frau Röhn wieder gutgelaunt von ihrem Frontfenster aus ab und nagelte mir ein Gespräch ans Knie. Ich erkundigte mich nach meinem Schildchen. „Wasn für ä Schildle?“, fragte sie und lächelte schmierig. „I hab koi Schildle g'sähä.“ Verwundert sah ich, dass mein Schildchen wirklich weg war und als ich nur die Namen Meerwein und Meltzel aussprach, hing die Röhn schon am Telefon, nur um sich zu vergewissern, dass auch an deren Jägerzäunen nie Schildchen von mir hingen. Unter den listig miteidigen Augen von Frau Röhn entschwand ich schnell in mein Zuhause.

In den nächsten Wochen verschwanden die Vorgärten, die, so wie meiner, nicht konform waren. Die Mieter zogen einfach aus und wurden durch neue Mieter ersetzt. Dazu konnte ich feststellen, dass sich die Vorgärten des Dörfchens immer mehr glichen. Fast jeder hatte nun einen kleinen Teich. Alle besserverdienenden hatten eine elektrische Eisenbahn und die mit weniger Geld setzten auf Holzkonstrukte und ließen diese von ihren Enkeln durch den Vorgarten schieben. Ich versuchte ab und zu mit etwas Kreativität gegen den Einheitsbrei zu arbeiten, aber außer ein paar galligen Schildchen änderte ich dadurch nichts. Im Gegenteil, die Stimmung schien gegen mich zu schlagen und nachdem einige anonyme Aufforderungen, meinen Vorgarten endlich freizugeben, von mir in den Wind geschlagen worden waren, wachte ich eines Samstag Morgen auf und sah zu meinem Entsetzen die Dorfgemeinschaft vor meinem Haus versammelt. Einige hatten tatsächlich Sensen und Dreschflegel am Mann. Die Stimmung war aufgeheizt. Als ich mich im Schlafanzug zeigte, noch immer der Überzeugung, dass alles nur ein Mißverständnis war, schrien sie plötzlich: „Da isch er, da isch er!“ Die eifrigsten begannen, über meinen Jägerzaun zu steigen und mir wurde plötzlich klar, dass es ernst war. Ich riss die Yucca-Palme aus dem lockeren Erdreich, klemmte sie mir unter den Arm und wich in den Garten von Frau Röhn aus. Von nicht allzu weit weg konnte ich ihr entsetztes Quieken vernehmen, als ich auf meinem Marsch durch ihre Beete den kleinen Berg umriss und einige Gartenzwerge niedertrampelte. Ich lief, was meine Beine hergaben, rannte auf den Dorfausgang zu und passierte das Dorfschild, an dem die Meute schließlich stehen blieb. Auf dem Schild stand: NEON – Freies Forum.

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19 Antworten

Kommentare

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      Wennse mir dann nich schon die Zunge rausgeschnitten haben...

      29.11.2012, 16:39 von quatzat
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      Meine Enkel! Die Baschtarde!

      29.11.2012, 16:43 von quatzat
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      Der war gut ^^

      29.11.2012, 16:54 von quatzat
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      Ich will's mir denen doch nich verscheißen, die bringen sonst kein dope mehr mi.

      29.11.2012, 17:00 von quatzat
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    Der Vorgartenvergleich ist nicht tot - er lebt!
    :-))))


    Ich schick gleichma meine 400 Nebennicks vorbei, um den Text abzunicken... sprich, zu empfehlen.

    10.09.2009, 14:43 von LudwigMartin
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    Ein schöner Text, um einen weit verbreiteten Selbstbetrug zu dokumentieren: bevor ich mich mit mir selbst, meinen Verhalten und vorallem den Anforderungen des von mir selbst gewählten Umfeld beschäftige, kanzle ich es in meinem Kopf lieber als kleinbürgerliche Spießigkeit ab. Alles unfreie Menschen, die einem selbst die Freiheit rauben wollen und es eine erste Bürgerpflicht ist, sich dagegen zu wehren! Das ist einfach und erhebt einen vor sich selbst in den Stand der vermeindlichen Coolness. Und Unterstützer die sofort anlaufen , wenn man "Diese Spießer wollen meine Freihiet beschränken!" ruft, finden sich immer.

    Aber Selbstbetrug ist nun mal wie sich im Winter in die Hose zu machen. Das ist nur am Anfang angenehm warm.

    Nach einer Zeit sollte man merken, dass man zwanghaft ein Umfeld sucht, um dort zu bleiben und sich über ihre Spießigkeit zu beschweren und zu echauffieren.

    Cool wäre es, innerlich die Schulter zu zucken und sich schleunigst an einen anderen Ort zu begeben oder einen solchen zu schaffen, an dem das Umfeld zum eigenen Verhalten passt. Aber das wäre auch nur cool. Und es setzt voraus, dass es ein solches Umfeld überhaupt geben kann.

    Wie wäre es dagegen mal, sich selbst die Frage zu stellen, warum es diesen Ort für einen selbst oft gar nicht gibt und man aus irgendeinem Grund so gerne an den angeblich spießigen Orten verbleibt? Und solche Texte wie diesen von "quatzat" schreibt?

    28.08.2009, 13:21 von Tim123
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      01.09.2009, 12:19 von sailor
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    Komisch. Aber auch ganz lustig. Ich dachte ja erst, das seien Hessen. Aber egal.

    28.08.2009, 08:08 von zwulee
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    Fehlt in der Überschrift nich ein "L"?

    Sind solche Kommentare verboten?

    26.08.2009, 15:42 von Claud187
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      @Claud187 @claud. dem Autor wird´s egal sein, aber die Red. findet ihn vielleicht zu unqualifiziert und löscht ihn....

      Ich finde den Text klasse, konnte gut lachen und ganz abwegig ist´s ja auch wirklich nicht.

      Hätte die Red. Humor, wär´s was für die Startseite, aber gibt´s den Weihnachtsmann??? :D

      26.08.2009, 15:48 von HeikeT.
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      @[Benutzer gelöscht] Aber erfüllt der auch Wünsche???

      26.08.2009, 15:57 von HeikeT.
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      @[Benutzer gelöscht] So, ich hab´s getan! ;)

      26.08.2009, 16:45 von HeikeT.
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      @[Benutzer gelöscht] Och, jetzt isse offline....


      Freie Baaaaahn!

      26.08.2009, 18:26 von HeikeT.
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    "Freies Forum"? pah, Unsinn, das stand da nirgends, das hätt ich doch gesehen...

    26.08.2009, 15:33 von Christian_Flierl
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      @Christian_Flierl Lieber, lieber CF,

      ich war immer artig und ich wünsche mir, daß dieser Artikel auf die Startseite kommt....

      Ein ganz lieber Gruß von der kleinen Heike ***

      26.08.2009, 16:44 von HeikeT.
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    Hihi. Ich finds witzisch,

    26.08.2009, 15:29 von B.tina
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    jaaa. nicht schlecht.

    aber ich hätte das thema eher nüchtern aufgezogen .. so in richtung schönen neue welt mit halbandroiden anstatt schwaben..

    makellos und unantastbar. ach ja.

    26.08.2009, 15:17 von RedSonja
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