Fegefeuer 02.05.2009, 11:58 Uhr 15 2

Cyberkritik als Aggressionsabbau?

Kritik ist wichtig. Man könnte sie, vorsichtig gesagt, vielleicht als charakterlichen Leitfaden bezeichnen. Aber was berechtigt mich zur Kritik?

Kritik reflektiert unser Handeln und das ist wichtig. Als Kind agieren wir unter dem Deckmantel der Erziehung und der Schulnoten. Haben wir uns danebenbenommen, konnten wir dies leicht daran erkennen, dass wir den Rest des heißen Sommertages wohl eher über den Lateinbüchern, als im Freibad verbrachten. In der Schule sind unsere Leistungen regelmäßig durch benotete Klassenarbeiten überprüft und bewertet worden. Im Bestfall also übersteht man die ersten 18 Jahre seines Lebens mit ständigem feedback über das eigene Handeln. Aber was passiert danach? Wonach richtet sich der Durchschnittsbürger?
Wenn wir Stützpfeiler, wie die Erziehung, Ethik, Moral, das eigene Gewissen und den ständigen Vergleich mit den Mitmenschen erstmal mit einbezogen haben, was sorgt dann für den Feinschliff? Klar, arbeiten wir ineffizient , merken wir dies spätestens am Verlust des Arbeitsplatzes, ähnlich Verhält es sich mit Freundschaften, oder Beziehungen, aber was passiert darüber hinaus?

Was wir als Kind doch als eher lästig empfunden haben, gewinnt als Heranwachsender doch erheblich an Reiz. Kann ich singen? Frag ich die Jury von DSDS! Bin ich ein ganzer Kerl? Leg ich mich mit Stefan Raab an. Bin ich schön? Kläre ich das eben mit Bruce, der mich nebenbei noch über die Vitalität einer handelsüblichen Handtasche aufklärt. Für etwas weniger Mutige ist jedoch ebenfalls schnell Abhilfe gefunden. Hot or Not z.B. nennen sich Seiten, die Menschen ermöglichen, die Optik ihrer Mitmenschen anhand einer Skala von 0 bis 10 zu bewerten. In jeder zweiten StudiVZ Gruppe habe ich heute die Möglichkeit mich an rasanten Themen, wie: "Sex mit dem Vorposter?", oder "Welcher Vorposter ist der attraktivste?" zu beteiligen. Für fast jede Kategorie gibt es einen Weg mein Handeln bewerten zu lassen. Im Sport messe ich mich in Wettkämpfen, möchte ich wissen, was mein Äußeres bei meinen Mitmenschen auslöst, sende ich meine Fotos an eben erwähnte Seiten und will ich wissen, ob meine Artikel eine nennenswerte Alternative zu den handelsüblichen Barbituraten ist, veröffentliche ich sie eben auf neon.de.
Gut.
Damit hätte ich meine Bedürfnisse abgedeckt. Was mich aber wirklich interessiert ist: Wer ist dieser Mensch, der da mithilfe seiner Tastatur vernichtende, oder schmeichelnde Urteile über meine Person fällt. Sitzt ein Brasilianisches Topmodel konzentriert vor ihrem Laptop und fachsimpelt über Geometrie des Gesichtes, Augenfarbe und Ausstrahlung des vor ihr flimmernden Bildes, um anschließend schweren Herzens ihre frisch manikürten Finger auf die Taste mit der undankbaren 2 zu drücken? Nette Vorstellung für den Anfang, aber wohl etwas realitätsfern. Spielen wir doch eine ähnliche Szene auf anderem Terrain durch.
Wer ist es wohl, der sich mit Abfälligen Kommentaren und Kraftausdrücken unter meinen Artikeln verewigt? Ich stelle fest: Je weniger Aufschluss das jeweilige Profil des Verfassers über seine Person zulässt, desto ausfallender werden die Bemerkungen. Geschützt durch die bequeme Anonymität des Internets fällt es reizvoll leicht, vernichtende Urteile über Gesang, Aussehen, oder etwaige Talente zu fällen. Ich bin mir sicher, dass nicht mal ein viertel der Kommentare bestehen würden, sollten sie von Angesicht zu Angesicht übermittelt werden. Warum? Ganz einfach! Die Angst vor schlechter Kritik. Sage ich einem Sänger ins Gesicht, dass er sich anhört, wie ein Affe auf dem Schleifstein, kann ich davon ausgehen, dass das Äffchen mich umgehend auffordert mein eigenes Talent unter Beweis zu stellen, um mir ein derartiges Urteil zu erlauben. Lasse ich jedoch als kitty73 meiner momentanen Stimmung freien Lauf und schimpfe wüst unter den Arbeiten Fremder herum, hat es absolut keine Konsequenz.

Aber bedeutet diese Erkenntnis nun zwangsläufig, dass ich jeden gut gemeinten Ratschlag und jede schlechte Kritik, die ich vielleicht von jemandem erhalten habe, der nicht gleich Name, Geburtsdatum und Adresse unter seinem Kommentar hinterlassen hat mit erhobenen Haupte für Nichtens erklären muss?

Ich denke nicht, aber sie hilft mir sicherlich, wenn mir das nächste Mal eventuell eine Nase nicht passt und ich mich genötigt fühle ein Urteil über andere zu fällen.

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15 Antworten

Kommentare

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    Erfahrung angemerkt:
    Wenn man sich in PNs mit sonst aggressiven Kommentatoren austauscht, dann pöbeln und rumpeln sie weit weniger bösartig als in öffentlichen Foren. Was ja auch schon viel aussagt. Das Publikum wirkt da wie eine Ego-Droge.
    zz.

    22.10.2009, 09:37 von zzebra
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    Wenn man sich einfach so benimmt, wie man sich in der Realität auch benehmen würde, ist alles in Buddha...

    Dann zeichnet man auch ein "reales" Bild von sich selbst.
    Ich habe zum Beispiel überhaupt keinen Zweifel daran, das Proffi (mal wahllos und ungefragt als Beispiel rausgegriffen) in echt genau so ist, wie er sich hier auf der NEON-Bühne gibt...

    Ich finde es immer spannend, den einen oder anderen User im realen Leben zu treffen und mal zu schauen, ob das Bild, was man sich über sein Online-Profil und seinen virtuellen Habitus gemacht hat, mit seinem realen Habitus übereinstimmt.

    21.10.2009, 10:45 von sailor
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      @[Benutzer gelöscht] Kennen wir uns?

      22.10.2009, 17:31 von sailor
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      @[Benutzer gelöscht] Upps...

      Ich hätt ja nicht gedacht, das du die Frage ernsthaft ernst nimmst.

      Hab mich wohl auch getäuscht

      23.10.2009, 09:45 von sailor
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      @[Benutzer gelöscht] Weitermachen...

      :)

      26.10.2009, 09:28 von sailor
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      @[Benutzer gelöscht]
      "dass man bei der Masse an schlechten/miesgemac hten sich ewig wiederholenden Texten und Inhalten mittunter dazu neigt, einen doofen Spruch zu machen"

      Daher mein grundlegendes Verständnis für Kommentare, die nicht so nett sind. Allerdings ist es eine Frage der Achtung auch vor sich selbst, dabei nicht so tief abzurutschen, daß man Autoren, die man nicht kennt, beleidigen oder deren persönlich schweren Erlebnisse ins Lächerliche ziehen muß.

      Man kann die Banalität im Ausdruck auch kritisieren, wenn man nicht auf den beschriebenen Erlebnissen herumreitet.

      22.10.2009, 09:53 von LudwigMartin
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    Schön zu sehen, dass die Artikel zum Denken anregen und manche Kommentare fast die Länge der Ursprungsartikel übertreffen. Jemand hat sich Gedanken über das gemacht, was er schreibt und das finde ich toll.

    @Cyro: Den Kommentar über mein eigenes mögliches Ableben fand ich auch absoulut daneben und hab mich gefragt, was sich die Frau dabei gedacht hat. Genau wie die Dame, die den Tod einfach nicht wiederfinden konnte.....Merkwürdig manchmal....

    20.10.2009, 11:29 von Fegefeuer
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    Ich empfehle jetzt mal diesen Artikel, weil ich das darin enthaltene Thema persönlich spannender finde als die üblichen Verdächtigen.
    zz.

    19.10.2009, 16:39 von zzebra
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    Sei nicht erbost oder traurig, fühl dich nicht angegriffen, lass dich nicht ärgern. Es gibt ein paar User hier, die müssen ständig und überall ihren Senf drunter setzen, manche charmanter, andere eben zynisch bis gemein, das ist so eine Art Freizeitsport unausgelasteter BSP-Zuarbeiter, außerdem poliert das unglaublich das Ego auf und - lass dich beruhigen - die Redaktion hat dies längst erkannt:

    "Viel zu häufig geht es in den Kommentaren um die Person des Autors und nicht um das Thema, das er in seinem Text beschreibt. Und viel zu häufig wird über den Vorwand, ja nur Kritik zu äußern mit einer Überheblichkeit provoziert, die man in keiner Unterhaltung im realen Leben an den Tag legen würde." (Christian Flierl, NEON Redakteur)

    zz.

    19.10.2009, 16:34 von zzebra
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    hat alles viel mit langeweile, geltungsbedürfnis und sendungssucht zutun, ja

    19.10.2009, 14:00 von MisterGambit
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      @[Benutzer gelöscht]
      Kein dummer Gedanke, aber angesichts der Tatsache, daß hier die letzte Grütze online geht, wenn sie nicht geklaut oder verfassungsfeindlich ist, hat sich der Effekt erledigt.

      Und ausdrucken, ja ausdrucken (!) lassen hab ich mir hier bis jetzt Texte von maximal drei Autoren, die so gut schreiben, daß ich, fände ich einen Fehler, erstmal schauen würde, ob und warum das Absicht war.

      Nein, die meisten "Fehler"-Meldungen hier sind schlicht Gejapse nach Aufmerksamkeit oder Frust, nach zwanzig Stunden online immer noch keinen Orgasmus bekommen zu haben.

      Die Startseitentexte """"sollen"""" wohl redaktionell kotrolliert werden. Munkelt man.

      04.05.2009, 18:08 von LudwigMartin
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    Es geht um die Kernaussagen.

    Und wie die formuliert werden, ist mir eigentlich ziemlich egal. Ob da nun "Gähn" steht oder "Deine Wortwahl macht den Text leider unspannend" –

    Was war nochmal das Problem?
    Ach so ja. Also, in meinem Profil steht genug drin. Und ich bin im echten Leben auch so.


    Was war jetzt nochmal das Problem?

    04.05.2009, 10:23 von frl_smilla
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