Maximilian_Gaub 20.11.2007, 10:46 Uhr 12 7

Aus Spaß wird ernst

Serious Games, pädagogische Computerspiele mit ernsten Themen, vermitteln neue Perspektiven, bekommen viel Lob und sind sensationell erfolglos.

Die israelischen Soldaten am Checkpoint vor Jerusalem reagieren nervös, als die Schwangere zusammenbricht: Baby oder Bombengürtel? Palästinenser in der Schlange sind empört. Sie muss zu einem Arzt in die Stadt, schreien sie. Die Grenzer lehnen ab. Jeder Palästinenser innerhalb der Mauern sei eine zusätzliche Gefahr. Der Mob tobt, aber am Straßenrand freut sich ein Journalist. Endlich eine Geschichte! Und vielleicht ein Highscore.

Den Berichterstatter steuert ein Spieler am Computer. Die Szene stammt aus »Global Conflicts: Palestine« – einem sogenannten »Serious Game«, ein Spiel, dessen Hauptaugenmerk nicht auf Unterhaltung liegt – so die Definition des Bundesverbands für interaktive Unterhaltungssoftware. Zum Beispiel also ein Spiel, in dem man einen Nahost-Reporter verkörpert, dessen wählbarer Auftraggeber eine knackige Story erwartet, die entsprechend tendenziös sein muss: Israelische Leser wollen nichts hören von fiesen Grenzbeamten. Und Palästinenser hassen es, auf ein Volk von Selbstmördern reduziert zu werden.

Ein pädagogisch wertvoller Zwiespalt: Ein Spiel, das die Perspektiven im Nahen Osten vermitteln und die Fähigkeit zur Differenzierung lehren will. Ein Spiel, das reale Fakten des Konflikts in die Interviews des virtuellen Reporters einwebt. Ein Spiel, das leider keiner zocken wird. Lernspiele sind wie ein Biomüsli in vergilbten Schachteln: wertvoller Inhalt – hässliche Verpackung. Selbst auf der Grafikeinstellung »Fantastisch« wirkt das Game wie ein Playstation 1-Spiel. Aufwändige Programmierung ist teuer. So viel Geld hatten die Macher nicht. Nur mühsam hatten sie die EU, die dänische Regierung und Investoren vom Potenzial des Spiels überzeugt und 400 000 Euro gesammelt. Blockbustergames kosten gerne das 50-Fache. Game over? In Deutschland entsteht erst langsam eine Lobby. Seit diesem Jahr existiert der deutsche Game-Oscar, der Lara Award – mit einer Kategorie »Education«. Es gewinnt »Luka und das geheimnisvolle Silberpferd«. Ein Anti- Aggressions-Adventure für Volksschüler, gesponsert von der Polizei. Auch Hessens Regierung fördert und hat aktuell einen Serious Game Award ausgeschrieben. Die Gewinner bekommen 5000 Euro. Das reicht bei einer Produktionszeit von zwei Jahren nicht einmal, um die Praktikanten zu bezahlen.

Muss das so sein? Computerspiele sind Hanteln für den Geist. Der US-Autor Steven Johnston erörtert das in seinem Buch »Everything bad is good for you«. Weil der Spieler Entscheidungen treffen, sich an neue Situationen anpassen und Taktiken ausarbeiten muss. Aktuelle Games sind meist mehr als Übungen für die Hand-Augen-Koordination. Wer das meistgekaufte Spiel in Deutschland 2006, »World of Warcraft«, spielen will, kommt ohne Hilfsseiten im Internet oder Lösungsbücher nicht aus. Wenn Spielprinzip und optischer Reiz stimmen, sind Computerspiele wie Latein: Die Inhalte braucht später niemand. Aber das Denken ist geschult.

Wenn die Präsentation stimmt, wird sogar ein Serious Game zum Erfolg. Wie »America’s Army«. Das virtuelle Ausbildungscamp der US-Army zur Akquise neuer Soldaten verzeichnet aktuell 8,5 Millionen registrierte Spieler und 40 Millionen Downloads seit dem Start vor fünf Jahren. Der Propagandashooter bietet blutstropfengenaue Grafik. Technisch brilliant. Jederzeit kommt der Spieler zudem auf die Website der US-Army. Dort findet er Geschichten von echten Helden des Irakkriegs. Und Argumente, warum auch er dabei sein sollte. Das Lernziel wird perfekt inszeniert: Sei dabei in diesem geilen Krieg! Wie viele neue Soldaten akquiriert wurden, bleibt geheim. Wie »Global Conflicts: Palestine« ist auch das Spiel der US-Armee eine Konfliktsimulation. Allerdings mit einer anderen Botschaft: Gewalt ist eine Lösung. Auch eine interessante Perspektive.

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12 Antworten

Kommentare

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    Defination : SPIEL

    21.11.2007, 19:48 von SkP
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    ...eine Verknüpfung der Spielwelt mit der realen halte ich für bedenklich. Dem Spieler werden Lösungsansätze in einem sehr begrenztem Rahmen gegeben. Zudem sind, bei der langen Entwicklungszeit der Spiele, diese Ansätze schon bei Erscheinen veraltet, die politische Situation kann sich total verändert haben. Dies erklärt vielleicht auch die Erfolglosigkeit. Zudem wird vielleicht auch eine gewisse Teilnahmslosigkeit des Spielers generiert, nach dem Motto: "Ich allein kann ja sowieso nichts ändern. Aber in meinem Spiel kann ich alles zum Guten wenden. Was interessiert mich also die wirkliche Welt?"
    Außerdem, wo fängt "serious gaming" an? Wenn ich mit meiner Knarre durch die Wälder streife und die Welt vor Außerirdischen rette, oder vor einem durchgeknallten Terroristen mit ner Atombombe,
    finde ich das schon ziemlich serious. Da wir dieses virtuelle, fiktive Problem durchspielen und versuchen es zu lösen, ist es für uns nicht weniger real als die Zeitungsmeldung von neuen Anschlägen im nahen Osten.
    So darauf erstmal ne Runde Crysis.

    21.11.2007, 16:39 von Malique
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    Wenn ich schon den Begriff "Serious Game" lesen muss... da hat wieder eine clevere Marketing-Abteilung eine Wortschöpfung kreiert und der Journalist, auf der Suche nach Meldungen zwischen Killerspielen und Amoklauf, stürzt sich begeistert auf das neue Genre. Wenn ich über "ernsthafte Spiele" - also Spiele, bei denen es um mehr als die reine Unterhaltung geht - nachdenke, dann kommt mir relativ schnell Tetris in den Sinn. Das ist ein paar Jahrzehnte alt. Aktuellere Beispiele gefällig? Brain Jogging, English Training, Endless Ocean... Nintendos "Touch"-Serie besteht ausschließlich aus "Serious Games". Auch wenn man da vielleicht nicht spielerisch den Nahost-Konflikt lösen kann. Das Spiele, wenn sie als Kunst oder Kulturobjekt gelten wollen, mehr bieten müssen als reine Unterhaltung (die ich nicht verdamme - auch sie hat ihren Platz), ist ja keine Frage. Das man aber immer gleich die großen Themen der Welt erörtern muss, und das im Medium "Spiel" - und das wird es immer bleiben - um als ernsthaft angesehen zu werden, ist reines Schwarz-Weiß-Sehen. Wieso nicht darüber diskutieren, wie fragwürdig es ist, dass ein kleines 10-Mann-Team ein solch hochkomplexes Thema mit ihren subjektiven Ansichten an die Leute bringt? Da finde ich ein Halo, in dem man ein paar Außerirdische wegballert, weniger bedenklich. Und ja, auch da schult man die Hand-Augen-Koordination, und im Mehrspieler-Modus gar die Kommunikation. Man will es kaum glauben. Also bitte, Herr Gaub: Nächstes mal das ganze Bild, und nicht von einem Fallbeispiel auf die erfolglosen, ernsthaften Spiele schließen. Das ist dann doch ein bisschen zu einfach.

    20.11.2007, 17:23 von thegodsend
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    was sind denn volksschüler?

    und für was bist du jetzt eigentlich lieber maximian, neon-autor? bzw. wofür soll dieser artikel stehen? für education-spiele? für "normale"spiele mit inbegriffenem lern/denk-faktor oder für die us-army?
    steht das irgendwo und ich hab das nur überlesen?

    20.11.2007, 17:01 von Der_Misanthrop
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      @Der_Misanthrop volksschule ist der (österreichische) bergiff für grundschule.

      20.11.2007, 17:11 von Enigami
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      @Enigami ah. danke!

      20.11.2007, 17:18 von Der_Misanthrop
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      @[Benutzer gelöscht] Hast Du nie KZ-Manager gespielt?

      20.11.2007, 19:19 von Romeo_Flausch79
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      @Romeo_Flausch79 hahaha....

      21.11.2007, 16:17 von Malique
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      @Malique ...der war echt gut!

      21.11.2007, 16:18 von Malique
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    Die Idee Spiele zu entwickeln, die auch was vermitteln, also Bildung und die Entwicklung des Menschen positiv beeinflussen halte ich für durch aus gut! Das es da an Geld mangelt ist bedauernswert. Und die Aussage, das solche Spiele generell zum Scheitern verurteilt sind, liegt einfach daran, das die Mittel fehlen, nicht das Interesse fehlt! Es gibt viel zu viel, ich sag mal Schrott auf dem Markt!

    Es wäre schön, wenn endlich mal jemand das nötige Geld und die nötige Kompetenz hat, ein gutes Spiel zu entwickeln, was auch in gewisser weise was vermitteln sollte, das muss auch nicht immer nur auf den Aspekt Bildung beschränkt sein.

    20.11.2007, 14:03 von Der_Optimist
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