Tonic 02.03.2008, 13:23 Uhr 57 17

10% Freundschaft

Elli spielt World of Warcraft. Sie spielt es nicht einfach nur. Sie ist Teil dieser Fantasywelt.

Angefangen hat das 2005. Da war dieser „Typ“. Natürlich hat sie ihn übers Internet kennen gelernt. Schon damals bestand das Kürzel der Liebesessenz aus nur drei Buchstaben, MSN. Der Instant Messenger des Softwarekonzerns öffnete das Tor zu den Sorgen und Freuden fremder Menschen. Beschwor aber scheinbar auch den ein oder anderen Dämon herauf.

Dieser „Typ“, nennen wir ihn Marcel, ist der tollste Mensch der Welt. Er ist 10 Jahre älter als Elli und sooo erwachsen, so reif, so intelligent, so souverän in dem, was er tut, wie er denkt und empfindet. Er ist Selbstständiger in einem Kreativberuf, und weil Elli auch mit dem Gedanken spielte, haben sie hier sogar noch etwas gemeinsam. Im Grunde gibt es nichts, was er nicht besonders toll oder besser könnte als alle anderen. Kurzum, Marcel ist eine Laberbacke, ein Blender, der, der „kleinen“ Elli mit der rosaroten Brille das Gefühl der großen Liebe vermittelte. Die Sache hatte nur einen Haken: Marcel hatte bereits ein weibliches Pendant, Marie. Marie wusste nichts von Elli, und natürlich lief es in der M&M Beziehung gerade "ganz schlecht" und gefühlsmäßig war auch "nicht mehr so viel Substanz vorhanden", als Elli Marcels Leben trat. Weil Marcel so ein Toller ist, war für Elli zunächst nicht relevant, dass da noch eine Marie im Spiel war, und für Marcel, der emotional so litt, war der Schoß von Elli ein Hort des Friedens. Doch als sich hier schon nach kurzer Zeit Routine einstellte, begann die Liebessicherheit, die eine Marie offerieren konnte, für Marcel wieder äußerst interessant zu werden. So kam es, wie es kommen musste, und alles, was Elli aus der etwas unglücklich verlaufenen Liebelei mit Marcel mitbrachte, war ein 10 Tage-World-of_Warcraft-Testaccount, kurz: WoW. Er spielte es immer. Er war begeistert davon. Er war scheinbar leicht mit Oberflächlichkeiten zu beeindrucken und sie, sie war angefixt.

Installieren, anmelden, die neusten Erweiterungen und Nachbesserungen downloaden und los ging’s. Zunächst mal einen Charakter erstellen. So viel Auswahl. Elfen, Orks, Menschen, Tauren, ... scheinbar endlose Möglichkeiten. Nach vielen Minuten der Entscheidung und der emotionalen Bindung war sie fertig. Die Menschen-Hexenmeisterin. Eine dralle Blondine in roter Robe, die Elli, vermutlich nicht ganz zufällig, doch sehr ähnlich sah. Diese Hexenmeisterin trug die Erinnerung an IHN mit sich in die Welt, in der ER so gern Monster tötete und Quests löste. Ein Quest folgte dem nächsten, die Hexenmeisterin erreichte schon nach kurzem, intensivem Spielen Level 10. Alles schien so neu, so grenzenlos, so viele Abenteuer, so viel Erfolgsgefühl. Elli ist hoch motiviert. Doch ihrer Welt ist ein zeitlicher Rahmen gesetzt. Also schnell zum nächsten Elektronikfachmarkt, denn Elli ist ja nicht blöd und holt sich WoW natürlich in der Vollversion und einmal da, greift sie dann auch gleich noch ein WoW Kompendium ab, mit Tipps, Tricks und Lösungen. Die Abenteuerwelt aus der Spieleschmiede Blizzard will bezahlt sein, deshalb informiert sie anschließend noch die Erzeugerfraktion über die anstehenden monatlichen Kosten. Kurz darauf wird wieder fleißig in die Tasten gehämmert.

Level 11, 12, 13, ..., läuft! Tage ziehen ins Land. Freunde trifft Elli zwar in letzter Zeit etwas seltener, aber das ist okay und solange sich keiner beschwert kümmert es sie nicht. Am Wochenende Party, ist doch klar. Viele tote Monster, Zauber, Rüstungen und Items später erreicht die Hexenmeisterin Level 50. Ein Level-50-Held zieht, für Elli etwas unerwartet, dann auch den Respekt der anderen WoW Spieler nach sich und bewundert und voller Bewunderung tritt sie einer Gilde bei, der Gilde.
Ab jetzt ist Freizeit nicht mehr frei, sondern in Gildenquest- und Raidtermine unterteilt. Das Real-Life, die Off-Welt, die kann warten und solange die schulische Leistung stimmt, steht der Finanzierung der Monatsgebühr nichts im Weg. Freunde trifft sie immer seltener, aber solange sich keiner beschwert, ist’s okay. Die Gilde bietet nicht nur Schutz und Beistand vor bösen Monstern im Kampf, nein sie hält alle Lebensweisheiten bereit, die ihre Mitglieder aus der Off-Welt mitbringen. Der Teamgeist steigt, man wächst zusammen, Brüder und Schwestern im Kampf. Da ist Tobias nicht mehr Tobias sondern der Blutelfenkrieger „Indoril“ und Anna ist nicht Anna sonder die Priesterin „Amalia“. Die Grenzen zwischen Avatar und „Spieler“ verwischen und der Gedanke, dass diese Form der Kommunikation auf 10% reduziert ist, ist schnell vergessen. Der Hexenmeisterin genügen diese 10% von Amalia und Indoril um diese als ihre neuen besten Freunde zu erklären und die Gemeinschaft wächst.

Einige Wochen später (Amalia und Indoril waren Gildenverräter und eh schon immer viel zu kindisch, sie wurden aus der Gemeinschaft verbannt) sind der Zwerg Bogrius und die Kriegerin Mia an die Stelle der beiden getreten. Ellis Off-Welt-Freunde erfahren jetzt jeden Tag neues aus der Welt des Kriegshandwerks und auch wer Bogrius und Mia sind, wie toll sie sind, und so intelligent, und so lebenserfahren, ... Deja vu? Viele Abenteuer später und längst schon auf Level 60 tritt der adrette Tim in die Gilde ein.

Tim spielt einen Menschen-Krieger (Hektor) und ist bereits auf Level 65. Eine echte Bereicherung für die Erfolgsgefühlchancen der Gilde. Tim ist Ende zwanzig und beginnt gerade das neununddreißigste Studium. Das letzte musste er wegen WoW abbrechen. Aber er ist nicht süchtig. Er hat eingesehen, dass es ein Fehler war. Aber eigentlich wollte er sowieso schon immer was anderes studieren. Man lernt sich bis an das 10%-Limit kennen, und viele Textzeilen später hat Elli Schmetterlinge im Bauch. Wie die da wohl hingekommen sind? Als klar wird, dass die Hexenmeisterin ernsthaftes Interesse am Krieger hat, bricht das der jungen Priesterin Ealain (hinter der sich der 32-jährige Kurt verbirgt) das Herz. In seinem Herzschmerz verlässt Kurt die Gilde, die damit eine mächtige Priesterin verliert. Kurt ist sauer und es folgen Wochen mit garstigen Mails und Schimpftiraden. Tim will Elli treffen. Aber 648 Kilometer sind eben kein Pappenstiel.

Aber Tim setzt sich unversehen und voller Hoffnung ans Steuer und brettert los. Einige nervenaufreibende Fahrstunden später steht er da, aber irgendwie, irgendwie wirkte er im Gildenchat so anders. Nee. Nee, also irgendwie, ist das nicht Hektor ... ähm ... Tim. Man beschließt, sich körperlich nicht zu sehr auf die Pelle zu rücken, und um nicht sinnlos Zeit zu zweit verbringen zu müssen, begibt man sich auf den Weg zu Bogrius und Mia. Die Welt des Kriegshandwerks kollidiert mit der Off-Welt. Ellis Freunde, Freunde unter vielen. Alte Freunde aus der alten Off-Welt gehen in letzter Zeit immer öfter allein ins Kino, allein auf Partys, und das nächste World of Warcraft Addon steht schon in den Startblöcken.

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57 Antworten

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    Dein Debüt? Ich les hier schon ne ganze Weile, auch wenn ich mich heut erst angemeldet hab. Aber ich muss sagen: nich schlecht! =)

    Ich kenne ähnliche Geschichten. Von virtueller Liebe die real werden soll, sogar von Hochzeiten auf dem Kathedralenplatz in Sturmwind (der Haupstadt der Allianz, der "guten" Fraktion)...

    Ich selbst habe meinen Account Anfang 2006 erstellt. Seitdem hab ich verschiedene WoW-Phasen durchgemacht:

    Man kann das Vergnügen auf's Wochenende begrenzen, ganz einfach weil man in der Woche in der Kaserne sitzt und schlicht und ergreifend keine Zeit hat.

    Man kann das Vergnügen aber auch auf 24/7 erweitern wenn man "arbeitsuchend" ist. Dann heißt es: "Klar, kannst vorbeikommen. Aber lass dir ruhig Zeit, ich bin noch im Raid." Aber nicht nur gesellschaftliche Kontakte, sondern der Tagesrhythmus, die Ernährung und bei manch einem sogar die Körperpflege leiden darunter.

    Heute hab ich einen Lvl80 Krieger, eine Lvl80 Priesterin und bin dabei mir eine Hexe hochzuspielen. ABER: ich gehe jeden Tag zur Arbeit, von 6:30 bis 15:00, sage lieber Raids ab statt meinen Freunden zu sagen: "Macht ihr ma, ich muss zocken!" und bin gepflegter denn je.

    Fazit: Ja, WoW kann(!) ein Suchtmittel sein, wenn man eh schon suchtgefährdet ist. Wer wirkliche Freunde und eine liebevolle Familie hat (und sei es nur die kleine Schwester) aber vor allem auch noch mehr als nur Azeroth, die Scherbenwelt und Nordend sehen möchte, für den besteht hierbei keine Gefahr!

    MfG Tokkró - Lvl80 Krieger - Taure - Mal'Ganis

    08.06.2010, 14:38 von m.aus.w.an.der.o
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    heeeeeeeeeeeeeey
    sehr schöner artikel gefällt mir sehr gut^^

    ja 10 % freundschaft ist ein sehr treffender Titel (mein ex hat seine Freundin aus der schweiz durch WoW kennen gelernt^^)

    allerdings muss ich sagen dass ich auch WoW spiele und sich dadurch auch sehr intensive freundschaften im RL entwickeln können...

    aber die Geschichte an sich.. sehr eindrucksvoll..

    13.02.2010, 19:47 von Meradil
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    Mir hat dein Artikel sehr gut gefallen.
    Als ich in der Oberstufe war habe ich fast 1 Jahr nur WoW gespielt. Es ist wahr, dass die Freundschaften, die man dort macht nicht über 10% rausgehen, wenn überhaupt.
    Ich denke man sollte auf Freunde die danach "süchtig" sind zugehen, sich das Spiel erklären lassen und was demjenigen daran gefällt.
    Ich denke wenn meine Freunde das getan hätten, hätte ich früher damit aufeghört.

    02.11.2008, 02:14 von fu110
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    @lucutzZ

    Der war gut !! ;-)

    30.06.2008, 14:52 von house2breaks
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    es gibt kein real-life, nur afk;)

    27.06.2008, 12:39 von lucutzZ
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    netter artikel. :)
    stimmt auch einiges was du dadrin schreibst.. leider.. bin selbst, zum glueck, ehemalige, WoW spielerin. ;)

    25.03.2008, 01:59 von Ceilyn
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    sämtliche spiele, ob onlinegames , normale ballerspiele, browsergames odr sonst was... haben mich nach spätestens 3mon gelangweilt... ich könnte nie soviel zeit darein investieren, ich zocke gern mal was, abr auf dauer kenn ich spannenderes...

    23.03.2008, 13:52 von der_Fabi
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      @der_Fabi und das ist ja wohl der entscheidende Punkt!

      04.06.2008, 23:40 von Mirabella_123
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    ...gefällt mir.Und leider kenne ich auch jemanden der dem WoW Wahn verfallen ist min. 16 h am Tag und zwischendurch essen und schlafen, es ist wirklich übel zuzusehen wie jemand sich immer mehr isoliert und die sozialen Kontakte auf Minimum reduziert werden und die Welt aus dem eigenem Zimmer mit runtergelassenen Rolladen besteht und einem 24 h am Tag laufenden Computer

    22.03.2008, 21:35 von Chaosqueen87
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