hinein 23.08.2007, 11:46 Uhr 69 59

Zwischen den Welten

Schanzen-Schlampe goes Perlen-Paula oder Wie ich einen Tag lang als Klischee durchs Leben stöckelte

Alles begann damit, dass ich mich nach einem sehr langen Tag im Hamburger Rechtshaus, wo ich derzeit an meiner (juristischen!) Diplomarbeit schreibe, bei meiner Mitbewohnerin, ihres Zeichens Jurastudentin, beschwerte.
Was sind das eigentlich für Kommilitonen, die du da hast?
Tussis! Dieses Abchecken, diese abwertenden Blicke, Täschchen, Strähnchen, Polo-Pferdchen! Oder wahlweise superkonservativ mit Blüschen und dem obligatorischen Pullover über den Schultern. Gruselig. So freudlos irgendwie.

In der Tat sind manche dieser Damen heftiger gestylt als wenn ich abends auf die Piste gehe … und nachdem ich nun ein paar Tage Zeit hatte, das Geschehen im Rechtshaus zu beobachten, kann ich ohne Übertreibung sagen, dass es einige Herrschaften gibt, die dort eher chillen als arbeiten – sehen und gesehen werden. Schon irgendwie schick, den ganzen Tag im Rechtshaus abzuhängen, und sinnvoll, irgendwo muss man ja seinen künftigen (bitte vermögenden und erfolgreichen) Ehemann aus gutem Hause aufreissen.

Ich fühlte mich jäh an die Anfangszeit meines Jurastudiums zurückversetzt, damals in Mannheim, als wir solche Mädels nur die Handtaschen-Fraktion genannt haben, weil sie außer einem kleinen Handtäschchen, in das gerade einmal etwas Bargeld, das Handy, die Puderdose, Lippenstift, Handcreme und Nagellack – ja, Nagellack! – passte, nichts in die Vorlesung mitbrachten. Skripte? Wo bekommt man sowas? Gesetzestexte? Och … für diese Mädchen reichte es, gut auszusehen und sich in der Vorlesung die Fingernägel zu lackieren.
Und „ich studiere Jura“ klingt ja auch irgendwie irrsinnig sexy, nicht wahr?

Doch zurück nach Hamburg…

Getoppt wurden diese Damen von ihren männlichen Kommilitonen. Sehr schick und gepflegt, jaha, ich gebs ja zu: Gutaussehend! Ein bisschen konservativ vielleicht, aber hey … weltmännische Gentleman-Attitude … ganz großes Tennis.

So. Nun bin ich eine Frau, die sich auch gerne gut anzieht, aber einen völlig anderen Stil pflegt. Ich finde, ich kann mich im Rechtshaus und auch sonst durchaus sehen lassen. Ich habe diese abwertenden Blicke nicht verdient.

Und ich bin eine Frau, die es sehr schätzt, wenn man sie höflich behandelt. Nein, keine Kampf-Emanze, die eine Tür lieber eintritt, wenn sie keine Hände frei hat, als sie sich von einem Mann öffnen zu lassen. Im Gegenteil. Als Raucherin, die öfter mal ihr Feuerzeug vergisst, mag ich es sehr, wenn mir ein Mann Feuer gibt. Das ist nur eine Kleinigkeit, zugegeben, aber dennoch schätze ich solche Gesten. Es gibt Männer, denen ich es nicht übel nehme, wenn sie mir nur ihr Feuerzeug in die Hand drücken, alles andere würde irgendwie auch nicht zu ihnen passen. Da bin ich nicht Frau, da bin ich Kumpel. Aber Entschuldigung … bei Männern, die sich selbst unter Garantie als Gentleman mit guten Manieren bezeichnen würden, erwarte ich, dass sie mir die Türen nicht vor der Nase zufallen lassen und dass sie mir verdammt noch mal Feuer geben, wenn ich sie freundlich darum bitte.

Nicht so im Hamburger Rechtshaus, wo reihenweise Männer im Hemd oder mit aufgestelltem Polokragen zugegen sind. Nicht selten schnappten die Türen vor mir zu, obwohl ich schwer bepackt war, bei der Bitte um Feuer wurde ich teilweise komplett ignoriert, in allen anderen Fällen wurde mir wortlos ein Feuerzeug in die Hand gedrückt … ich habe mir irgendwann über die letzten Tage einen Spaß daraus gemacht herauszufinden, ob es nicht doch noch wahre Gentlemen gab, aber ich wurde enttäuscht.

„Eine schöne Frau gibt sich niemals selbst Feuer“ – wenn ich nach dieser Formel leben würde, wäre ich wohl bald Nichtraucherin, dachte ich bei mir, und dann: „Es muss an mir liegen. Ich bin für die nicht schön genug.“

Damit war die Idee zu meinem Experiment geboren:
Zur sehen-und-gesehen-werden-Tussi eigne ich mich nicht … aber ich werde mich als ambitionierte Juristin verkleiden.

Der Freund meiner Mitbewohnerin traute am nächsten Morgen kaum seinen Augen, als er sah, wie ich das Haus verlassen wollte. „Oh neeeee … das ist jetzt nicht dein Ernst?“. Ich hatte meine Stiefel, die enge schwarze Hose, über die ich bevorzugt Unterkleidchen aus den 60er-Jahren anziehe und meinen heißgeliebten schwarzen langen Schal gegen eine elegante Jeans, schwarze hohe Lederpumps, eine weiße Bluse und einen royalblauen V-Pullover eingetauscht, die Haare streng zusammengesteckt, anstatt sie nur mit einem Tuch zu bändigen, meine randlose Brille aufgesetzt und um das Outfit abzurunden meine Perlenkette herausgekramt. Dazu ein dezentes Make-up und voilà, auf einmal sah man mir meinen fachlichen Background schon von weitem an.
Unglaublich.
Kleider machen Leute.

Auf dem Weg zur S-Bahn merkte ich, dass ich mich ganz anders bewegte als sonst. Als ich mich in einer Schaufensterscheibe spiegelte, erschrak ich über meinen strengen Blick und weil ich mich selbst nicht wiedererkannte. Und am Hamburger Rechtshaus, ich hatte noch Bedenken, ob jemand bemerken würde, dass ich eigentlich nicht echt war, begann das Spiel.

Um das Ganze abzukürzen: Ich hab an diesem Tag keine einzige Tür selbst geöffnet und mir auch nur einmal selbst Feuer gegeben, begleitet von den Worten „sorry, es ist so windig, mach mal lieber selbst“. Vielmehr: auf einmal wurde ich angelächelt, vorgelassen, die abwertenden Blicke blieben aus, man hat sich sogar mit mir unterhalten: „Woran arbeitest du gerade? Studierst du auch hier?“

In der Bahn auf dem Weg zurück nach Hause machte sich niemand über Gebühr breit, rempelte mich niemand an, drückte sich keiner aufdringlich an mir vorbei. Aber eine Clique, die bezeichnenderweise an der Sternschanze einstieg, und die mir und meinen Freunden sehr ähnlichen sah, musterte mich kurz und blickte mich dann mitleidig an, ein Mädchen warf ihrer Freundin vielsagende Blicke zu und diese nickte nur und verdrehte die Augen. Gestern hätte sie mir vielleicht zugelächelt. Dabei war ich doch derselbe Mensch. Oder doch nicht?

Nun sitze ich hier in meiner bequemen verwaschenen Yogahose, mit Kopfschmerzen, die ich meiner straffen Frisur verdanke und weiss nicht, wie ich das Ergebnis meines Experiments einordnen soll.

Es wäre natürlich ein Leichtes, noch tiefer in die Klischee-Schublade zu greifen und zu sagen „die sind halt oberflächlich“ oder „sie machen einfach Unterschiede, zu wem sie nett sind und zu wem nicht“, aber das wäre platt und intolerant.

Bin ich in meiner normalen Aufmachung ein Eindringling, liegt es daran, dass man grundsätzlich erst einmal skeptisch gegenüber allem Fremden ist?
Hat meine Anwesenheit in Zeiten von Hausarbeiten und Klausurvorbereitung, in denen das Rechtshaus für Nicht-Juristen (zu denen ich mich nicht zähle) gesperrt wird, etwas Störendes?
Welche Aussage transportiere ich mit meinem Aussehen?
Sehe ich vielleicht aus wie eine Frau, die keinen Wert auf solche kleine Gesten wie Türe aufhalten und Feuer geben legt?
Bedarf es einer „korrekten“ Kleidung, wenn man höflich und respektvoll behandelt werden möchte?
Und sind die die Klischeejuristen vielleicht gar nicht so übel wie ich dachte?

Ertappt, möchte man sagen. Und: Experiment gelungen.
Die eigene Voreingenommenheit ist kein Stück besser als die der anderen.

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69 Antworten

Kommentare

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    Jeder hat sicher schon mal überlegt, wie es wäre, anders auszusehen (tuen Frauen vermutlich häufiger :-)) aber es mit einem sozial-psychologischen Hintergrund zu tun ist 'ne witzige Idee - sehr schön! Nur so kann man mal die "andere Seite" nachvollziehen und auch sehen, dass jede Gruppierung ihre eigene Arroganz als Schutzschild benutzt, sich damit von anderen abgrenzt und sich selbst zu definieren versucht.
    Schlimm find' ich es nicht, im Gegenteil...
    so ist es nun mal - Menschen sind visuell beeinflussbare Wesen, zumindest bei dem ersten äußeren Eindruck sind wir darauf angewiesen, das was wir sehen zu bewerten und in unserer eigenes Schubladensystem einzusortieren.
    Die Grenzen sind nur in unseren Köpfen, nicht in unserer Kleidung. Diese Grenzen muss jeder für sich selbst auflockern und überwinden lernen; das zeigt Dein Beitrag ganz schön... *schmunzel*

    31.07.2010, 02:20 von anuka
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    Ich studiere Biologie, wohne in der Schanze und liebe Mode und Design..mein Äußeres ist weit einfernt vom Jura-Perlenohrring-Style, leider aber auch viel zu "tussig" für den Stereotyp "Biostudent"
    (dabei trage ich werder nagellack noch makeup..)
    Freund habe ich in meinem Studienzweig nicht viele da ich von vornherin als oberflächliche Tussi abgestempekt werde..nur weil meine Klamotten nicht aus Naturhanf sind und hübsche Mädchen ja eh zu doof für Naturwissenschaften sind..
    Nun muss ich zugeben hatte ich natürlich nicht weniger Vorurteile meinen "Hippikommilitonen" gegenüber.
    Aber ab und an lohnt es sich seine alten Schubladen aufzuräumen..eine Chance geben..
    Sonst hätte ich meine besten Freundinen nie kennengelernt..
    also..wtf..es sind ja nur Klamotten!!

    11.06.2010, 10:03 von juicylucy
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    Gut geschrieben.;)
    Wie viele Fragen solch ein "kurzes" Experiment doch aufwerfen kann.

    11.05.2010, 21:14 von totheirend
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    "You don't dress for the job that you have, but for the job that you want to have", hatte schon Alec Baldwin in 30Rock gesagt, ein Satz, den man sich hinter Löffel schreiben kann. Du hast bewiesen, dass du das Spiel mitspielen kannst. Und sich von Zeit zu Zeit zu verkleiden, kann auch ganz amüsant sein, oder?

    08.08.2009, 12:46 von synecstasy
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    Die welt ist schon verdammt intolerant und ich denke, niemand kann sagen, dass er dies niemals ist. In Zukunft werd ich mal drauf achten, wie extrem diese Voreingenommenheiten mein Leben und meine Bekanntschaften beeinflussen.

    29.03.2009, 14:07 von Koeniglich
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    von gelegentlichen Ausflügen in den Kosmos des Rechtshauses kenne ich es nur zu gut, und teile deine Erfahrung. Als klassischer BWL'er würde ich dort auch nicht auffallen, hätte ich nicht in den Niederlanden studiert und meinen Stil von der Stehkragenkultur deformiert. Ich klappe den Polokragen (ohne Pferd) einfach ein.

    Schonmal das Verhalten nicht der Kleidung angepasst? Mit der richtigen Portion Selbstsicherheit (Arroganz meine ich nicht) kommt man aber auch mit legerem (und weit ausgeschnittenem) Acne-T-Shirt und Gummistiefeln locker durchn bzw. erreicht Akzeptanz!

    12.03.2009, 13:45 von fashionalysta
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    wirklich gelungener Text udn die EMpfehlung gibts dazu!
    Ich sehe in deinem Experiment auch die Realität wieder, die hier auch immer wieder zu spüren kriege, sobald du gestylt bist und einem gewissen Klischee entsprichst, öffnen sich viele Türen. Warum das? Ich weiß es nicht, aber ich habe ja noch ein bisschen Zeit das herauszufinden!

    21.02.2009, 21:02 von CarinchenCarbon
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    wieder ein gutes beispiel hast du gut erkannt jeder beurteilt nach der kleidung wobei kleidung steht für das lebensbild und für einen selber

    27.01.2009, 10:11 von LuxurY
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    Willst du uns tatsächlich etwas Neues erzählen? Der Text wirkt auf mich platt und weltfremd. Wundert es dich tatsächlich, dass du anders behandelt wirst, wenn du dich dem Bild solcher Leute anpasst?
    Sowohl sprachlich als auch inhaltlich überzeugt mich der Text nicht..
    Und ganz ehrlich - der letzte Satz machts auch nicht besser. Wie du schon sagst, man selber behandelt andere Menschen auch immer so, wie man es anderen vorwirft..
    Aber viel Erfolg noch beim Erkunden der 'schlimmen' Realität..

    24.01.2009, 01:38 von itsuki-masuka
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