cat_woman 15.04.2009, 19:55 Uhr 41 57

Zurück zum Glück

Ich sitze auf meinem Platz und addiere 5000 Kilometer mit 12 Stunden Flug. Unterm Strich ergibt das 60 Billionen Gedanken.

Im Flieger. Ich sitze auf meinem Platz und addiere 5000 Kilometer mit 12 Stunden Flug. Unterm Strich ergibt das 60 Billionen Gedanken. Mindestens. Ich rechne immer, wenn ich nervös werde. Kaufe mir eine Tageszeitung und rechne aus, wie alt die Verstorbenen geworden sind. Addiere sinnlos jeden Summanden einer angegebenen Telefonnummer und versuche sie mir zu merken. Ich bin dann nicht imstande einen einzigen Artikel zu lesen, müsste jedes Wort im Duden nachschlagen und würde den Zusammenhang doch nicht erkennen. Meine Hände zittern mindestens so sehr wie die Tragflächen des Flugzeugs beim Auftrieb. Ich stecke sie unter meine Oberschenkel und setze mich auf sie. Ich ziehe sie wieder hervor, weil ich befürchte, mein Sitznachbar könne denken, ich hätte einen Vibrator in der Hose. Noch schlimmer allerdings ist die Vorstellung zweier gigantischer Schweißflecken auf meiner khakigrünen Leinenhose, wenn ich dir am Flughafen gegenüberstehe. Subtrahiere also weiter im Kopf die Menge an Flüssigkeit, die ich verloren habe könnte, vom Subtrahenden Körpergewicht. Der Wert der Differenz ist ein vor Aufregung flacher Bauch und das dringende Bedürfnis, mir die Hände zu waschen.
Dann stehst du da, die Hände in den Taschen. Ich denke an Schweißflecken auf Leinenhosen und grinse. Du grinst. Sagst etwas von Koffer ab und mich unter deine Fittiche nehmen. Dann nimmst du das eine und das andere, und mir unterm Strich das Gleichgewicht.

Im Wüstensand. Wir haben es in den Sand gesetzt. Den Jeep. Da steht er. Steht, versackt, versenkt. Dir fehlt nichts. Zum Glück. Mir auch nicht. Ich spüre heißen Wüstensand zwischen meinen Zehen. Die Schuhe liegen im Auto. Achtlos abgelegt. Du sagst etwas von Schippen und Burgenbauwettbewerb. Soviel Sand und keine Förmchen. Das ist alles, woran ich denken kann. Lache über dich, weil du Wasser suchen willst. Ich weiß nicht, wofür. Um uns im Notfall zu retten oder um Sandburgen bauen zu können. Ich frage nicht. Frage auch nicht, welche Oase du finden willst. Ich habe sie gefunden. Du fluchst. Läufst auf und ab, während ich Löcher mit dem Zeh in den Sand bohre und zusehe, wie sie sich lautlos wieder schließen. Das Schauspiel erinnert mich an das Meer. Mitten in der Wüste denke ich an das Meer. Wie gleich das Prinzip doch ist. Wenn man mit den Füssen am Strand steht und die Wellen die Knöchel umspülen und man bemerkt, wie das Wasser einen den Boden unter den Füssen wegspült, nur um mit der nächsten Welle neuen Grund zu ebnen. Genauso lautlos weht die Wüste offene Wunden zu.
Welch Malheur, höre ich dich sagen. Frage mich, ob das Glück hier fehlt. Aber das ist nicht ausgeblieben. Liegt vor uns im Sand, während wir Schatten suchen.

In der Nacht. Schummeriges Licht bedeckt dich. Vom Mond, dem Pool, was weiß ich. Du liegst da, hältst das Weinglas in der einen und mich mit der anderen Hand. Ich frage mich, ob du wohl weißt, dass du ganz leicht nach Erdnüssen riechst. Suche die Antwort in deinem Gesicht. Und finde dein Leben im Angesicht.
Zusammen erwecken wir erneut deinen Schrei um die Narbe an deiner Stirn. Erzählen jede Geschichte um jede einzelne Lachfalte in unserem Gesicht. Vier Sommersprossen an der Nase, oben links, für alle vier Sommer im ungeschützten Licht. Werden ganz still bei dem ein oder anderen Klang der Vergangenheit, machen uns auf zu neuen Ufern, unbekanntem Land, fernen Geschichten, Helden, Giganten, Feuertaufen. Wir könnten niemals so weit laufen wie die einzelnen Geschichten uns tragen. Fühlen uns wie Herren der Gezeiten. Wälzen unser Wissen, angesammelt, gebunden, schieben es uns zu, damit der andere es sortiert, erneut bindet und es geordnet versendet.
Wir zeichnen eigene Portraits von uns im schattigen Licht. Halten einander die Hand, vertrauen in jener Nacht auf etwas, das wir nicht kennen. Vielleicht so etwas wie Ewigkeit.

Im Zimmer am Klavier. Du sitzt davor und schaust unschuldig zu, wie deine Finger sich selbstständig machen. Improvisierst etwas richtig Schräges. Eine Mischung aus Boleros und Bossa Nova. Ich stehe hinter dir, höre zu, den Becher in der Hand und den Kaffeegeschmack noch auf der Zunge. Du klimperst die letzten elf Takte noch mal. Und wieder. Und noch mal. Ich stelle den Becher ab, beuge mich vor, spüre meine Brust auf deinem Rücken. Kalt ist es. Warm. Blauwarm. Ich strecke den Arm aus und spreize die Finger. Dein Blick folgt ihnen, während ich eine Taste berühre und eine schlichte, gerade Melodie spiele. Passend zum Text, den du gesummt hast, schlichte Harmonien drunter. Und du spielst unbeirrt weiter. Querfeldein, rechts ab, weiter schräg, so eine Art E-Dur Power Chord mit vier Kreuzchen und allen verfügbaren Bs. Absolut freakig. Und absolut perfekt.
Wir müssen schräg wegrutschen, sind ziemlich heiser. Sprachlos huschen Fingerspitzen über Tasten und Rücken. Wir sagen etwas. Irgendwas. Sanftes Stöhnen wird zu dreimal Vollbremsung mit erneutem Kickstart.

Zurück. Zurück in die Vergangenheit. Zurück in der Gegenwart. Zerstückeltes Glück. Ich werde wieder nervös, beginne wieder zu zählen. Eine Woche addiert mit Glück ergeben drei kleine Passagen beschrieben am Stück. Ich mag das hier zerreissen, den Passagen zufügen, was ich fühle. Ich will zurück. Zum Glück. Will ich zurück zum Glück oder will ich zum Glück zurück? Unterm Strich bleibt übrig: Ich verlor ein Stück vom Glück. Ich ließ es im Sand zurück. Aber ich bekam auch ein Stück. Von deinem Herzen. Welch Glück.
Vergangenheit und Glück kommen nicht zusammen zurück. Ich muss loslassen, wenn ich halten will, was im Sand zurückblieb. Halten werde ich etwas anderes. Dich. Im Herzen. Im Ganzen. Und da ist es wieder - das Glück.

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41 Antworten

Kommentare

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    Bittersüß....!
    Große Kunst, nicht nur der Text, sondern auch die Art und Weise wie du damit umgehst, sofern es auch eigene Erfahrungen basiert....

    21.07.2009, 14:41 von Manou-Dee
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    Gott, was ist das schoooeeen!!! Ganz ehrlich...

    22.05.2009, 05:30 von bondi.beach
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    wunderbare bilder gezeichnet, geschrieben.. bildhafte sprache in der kombination von gefühltem und erlebtem!

    17.05.2009, 20:06 von c1nderella
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    So schön beschrieben das Glück!

    27.04.2009, 20:35 von Rockstella
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    Schöööön.
    Und genau wie thesecretsuhide will ich auch. Liebe! Gibt es etwas Besseres?
    :)

    27.04.2009, 00:24 von amourette
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    oah, sehr sehr sehr sehr schön! wie schön!! :')

    25.04.2009, 13:01 von nic.is.listen
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    ich bin zu sprachlos für einen kommentar!

    25.04.2009, 11:30 von gehpunkt
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    Oh wie toll! Toll geschrieben! Tolle Bilder!

    24.04.2009, 17:38 von Moglima
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    ch sitze auf meinem Platz und addiere 5000 Kilometer mit 12 Stunden Flug. Unterm Strich ergibt das 60 Billionen Gedanken. Mindestens. Ich rechne immer, wenn ich nervös werde. Kaufe mir eine Tageszeitung und rechne aus, wie alt die Verstorbenen geworden sind.

    Das kenne ich nur zu gut! Und auf dem Rückweg nach einem halben Jahr neuen Glücks saß ich im Flugzeug, konnte vor lauter Billionen Gedanken aber nicht mehr denken und saß wie betäubt oder versteinert da und habe nur das Blut durch meine Adern rasen gefühlt, sei es aus Angst oder Verwirrung oder was auch immer gewesen, aber es war so schlimm, das mir mein Handgelenk weh tat, weil das Blut so pochte.

    23.04.2009, 23:58 von Milabelle
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