Aloisia 30.11.-0001, 00:00 Uhr 74 56

Zurück auf Werkseinstellung

Fünf Jahre lang waren wir ein Paar. Ein Fünftel meines Lebens. Ob er mich erfolgreich gelöscht hat, als er alle Briefe und Fotos von mir verbrannte?

Oder war es eher wie am Computer: „Objekt in den Papierkorb verschieben“? Gelöscht ist es dann noch nicht. Selbst wenn man die Option „Wiederherstellen“ zerstört, indem man „Papierkorb leeren“ anordnet, ist das Objekt (laut meines computergeilen Bruders) noch irgendwo auf der Festplatte vorhanden. Schwerer zu finden vielleicht, aber es ist noch da. Genug über Computer. Die arbeiten rational. Herzen hingegen nicht.

Wir lernten uns eine Woche vor meinem 18. Geburtstag kennen. Er trug einen grün-blau-gelb karierten Schal und einen dicken Lodenmantel, als wir uns zum ersten Mal trafen. Nach drei Wochen waren wir ein Paar. Natürlich hatte ich vorher mal ein bisschen rumgeknutscht. Das hier war anders. Ich war verliebt. Wir sahen uns viel. Er kam immer mit seinem kleinen grünen Cabrio angefahren. Die Wochenenden gehörten ebenfalls uns. Wir teilten alles. Ideen, Gedanken, Schokolade, schließlich auch Freunde. Er war da, wenn ich weinte, wenn ich müde war; er ertrug meine Zickereien, meine Unsicherheit, meine albernen Sprüche. Nie hatte ich mich jemandem so nah gefühlt. Nirgendwo war ich ruhiger als in seinen Armen. Wenn er da war, hatte ich das Gefühl, die Welt könne untergehen – mit ihm würde mir nichts passieren. Wir gingen stundenlang spazieren, lagen in der Sonne, wir redeten. Wir machten gemeinsam Ferien; wir schmiedeten Pläne. Wenn wir uns nicht sehen konnten, telefonierten wir stundenlang. Manchmal weinend, weil wir die Nähe des anderen so vermissten. Ihm gehörte mein erster Gedanke morgens; mein letzter abends, bevor ich einschlief. Meine Eltern mochten ihn. Es war perfekt.

Nach meinem Abitur gingen wir in die gleiche Stadt, um unser Studium zu beginnen. Seit fast zwei Jahren gehörten wir zusammen. Als er Mitglied einer Studentenverbindung wurde, galt seine Aufmerksamkeit nicht mehr vorrangig mir. Damit tat ich mich schwer. Die Stadt war neu, das Unileben auch. Ich lernte täglich neue Leute kennen und fühlte mich trotzdem oft einsam. Ich warf ihm vor, sich mir nicht genug zu widmen. Kurz vor Weihnachten trennte ich mich schließlich von ihm. Er weinte. Ich auch.

Es begann ein furchtbares Hin und Her. Wir telefonierten, weinten, stritten, machten Versprechen. Wir konnten nicht ohne einander. Nach zwei Monaten waren wir wieder ein Paar. Die Streitereien gingen weiter. Ich wollte mehr Aufmerksamkeit, er wollte mehr Verständnis. Ich wollte Sicherheit, er wollte Vertrauen. Nach einem halben Jahr trennten wir uns wieder. Doch wie Singleleben fühlte es sich nicht an; unsere Herzen waren nicht frei voneinander. Wir telefonierten; wussten immer, was der andere machte, wo er war, wie er dachte. Wir vermissten einander.

Nach einigen Wochen hatte er eine neue Freundin. Ich weinte, warf ihm vor, nicht allein sein zu können und mich deshalb zu ersetzen. Nie hatte ich mich so hilflos, so verraten gefühlt. Wir telefonierten, wir sahen einander. „Ich liebe Dich. Ich würde sofort hier bei dir bleiben, wenn ich wüsste, dass es gut gehen würde“, sagte er mir. Dann stieg er in den Zug zu ihr. Ich war verzweifelt, aber nicht sicher genug, um kämpfen zu wollen. Es vergingen ein paar Monate. Wir telefonierten, lachten, sprachen über Kindernamen. Ich war zwanzig, er zwei Jahre älter.

Im Herbst verliebte ich mich in einen anderen. Es wurde keine Beziehung, doch die Ablenkung tat mir gut. Im Winter lernte ich wieder jemanden kennen. Wir wurden ein Paar. Ich wollte unbedingt glücklich und verliebt sein; doch mein Versuch scheiterte. Karneval traf ich meinen Exfreund. Wir redeten, wir küssten uns, wir weinten. Er trennte sich von seiner Freundin, ich trennte mich von meinem Freund. Wir hatten uns gegenseitig so oft verletzt, dass wir beide nicht weiterwussten, doch wir hielten Kontakt. Schließlich ertrug ich die Nähe ohne Sicherheit nicht mehr und bat ihn, diesen abzubrechen. Wir sahen uns ein letztes Mal. „Was soll ich denn ohne dich machen?“, waren seine Worte, als er weinend ging. Meine Freunde waren genervt, ich war unglücklich. Acht Wochen lang hatten wir keinen Kontakt. Jeder einzelne Tag war ein Kampf.

Wir trafen uns auf einem Fest wieder. Redeten, lachten, weinten; unsere Herzen noch immer verbunden. Wir wurden wieder ein Paar. Unsere Freunde schüttelten die Köpfe; unsere Eltern machten sich Sorgen. Ich studierte in Berlin, er in Stuttgart. Wir waren froh, einander wieder nah sein zu dürfen. Es war anders als vorher, dennoch schön. Wir waren älter geworden. Die Entfernung, das Pendeln, das ständige Telefonieren allerdings nervte uns beide. Ich war viel unterwegs und lernte ständig neue Leute kennen. Meine 4er-Mädels-WG trug nicht unerheblich dazu bei. Er lernte viel, hatte wenig Zeit. Wir verbrachten Stunden im Zug oder im Flieger, um uns sehen zu können, doch immer wieder lagen Wochen dazwischen. Ich fand unsere Telefonate anstrengend und hasste es, dass wir unseren Alltag nur bedingt teilten. Er wurde ein immer kleinerer Teil meines Berliner Studentenlebens. Während ich mich gedanklich von ihm entfernte, fehlte er mir kaum noch. Es war mir unmöglich zu greifen, woran es lag, und umso weniger war ich bereit, mich damit auseinanderzusetzen. Auch heute kann ich nicht genau sagen, was mich davon abgehalten hat, die Beziehung beim ersten Auftauchen dieser Gedanken zu beenden oder mit ihm ein ernsthaftes Gespräch zu diesem Thema zu führen. Vielleicht trug seine Art, uns so wenig wie möglich zu hinterfragen und unglaublich verzweifelt zu sein, sobald ich solche Dinge ansprach, dazu bei. Schließlich geriet im Dezember 2004 mein Leben innerhalb von drei Wochen aus den Fugen: Bei einem Abendessen lernte ich den Freund eines Freundes kennen. Wir kamen ins Gespräch, scherzten, verabredeten uns schließlich zum Mittagessen. Es folgte ein zweites, dann ein Nudelabendessen. „Bis morgen, ich warte auf dich“, waren seine Worte in der Einladungs-Email. Anfangs gelang es mir, mich mit einem „Ich hab doch einen Freund, es passiert nichts“ selbst zu betrügen, doch nach dem dritten Treffen fühlte ich, dass mein Herz meinen Kopf überholt hatte. Ich dachte von morgens bis abends an ihn, ich konnte nichts mehr essen, jeder Tag zog sich wie Kaugummi, wenn ich erst abends mit ihm verabredet war. Nach drei Wochen, in denen ich ständig das Gefühl hatte, Engel und Teufel in meinem Kopf würden sich gleich umbringen, hielt ich es nicht mehr aus. Ich fuhr in den Süden und trennte mich von meinem Freund. Fünf Jahre passé. Es folgten zwei Tage, in denen ich mich im Stundentakt weinend fragte, ob ich die Fehlentscheidung meines Lebens getroffen hatte. Dann fuhr ich nach Berlin.

Anderthalb Jahre später ging auch diese Beziehung zuende. So stark unsere Gefühle füreinander auch waren – wir waren zu verschieden. Die Streitereien häuften sich so, dass wir es schließlich nicht mehr aushielten. Seit April letzten Jahres gehen wir getrennte Wege. In jeder Hinsicht.
Mit meinem ersten Freund habe ich heute wieder losen Kontakt. Ich habe meine Entscheidung nie bereut. Nichtsdestotrotz habe ich oft über uns nachgedacht und daran hat sich seltsamerweise bis heute nichts geändert. Einordnen kann ich das nicht, aber es hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Die erste Liebe lässt einen unglaublich hoch fliegen und wahnsinnig tief fallen - vor allem aber setzt sie einen Maßstab für spätere Beziehungen. Wenn ich heute über ihn nachdenke, so empfinde ich vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit für seine Art mit mir umzugehen, für das, was er mir gezeigt hat, mir beigebracht hat, für das, was ich mit ihm erleben durfte, für seine Art, mich zu lieben, mich ihn lieben zu lassen.
Ich weiß, dass die Trennung damals ein wichtiger und richtiger Schritt für mich war. Trotzdem merke ich jeden Tag wieder, dass man Herz und Kopf nicht auf Werkeinstellung zurücksetzen kann. Bei meinem Handy geht das - alles ist dann wieder bei Null – das klappt auch nach fünf Jahren noch. Mit einem Herzen funktioniert das nicht. Erfahrungen prägen, gelebte Gefühle prägen, vor allem, wenn man noch so jung ist. Vielleicht liegt es einfach an den Spuren, die die erste richtige Liebe in einem unberührten Herzen hinterlässt.

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74 Antworten

Kommentare

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    genauso geht es mir, nur bin ich gerade 21 und irgendwie in der Mitte von deinem Text. ich in aachen, sie in freiburg... frisch getrennt, aber trotzdem unglücklich... l(i)eben ist sooo schwierig!

    01.10.2009, 17:34 von Flenn
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    die erste große liebe. dieser text beschreibt es perfekt. hochachtung!

    21.11.2008, 23:48 von TiffanyDeLuca
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    Ich finde, dass dieser Text auch sehr viel über dich verrät. Und da kann ich nicht nur Dir als Verfasserin ein Kompliment aussprechen, sondern auch Dir als junge Frau. Echt schön.

    03.02.2008, 15:03 von Frauchen
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    Durch Zufall darauf gestoßen. Sehr ehrlich, sehr traurig, sehr schön, sehr aufmunternd...und sehr sehr wahr... Ich weiß wie schwer es ist Gedanken so hemmungslos nieder zu schreiben...zolle dir meinen Respekt ...

    Leben ist nicht schwer aber das Leben zu verstehen ist nicht immer so einfach wie wir denken...

    Danke dafür
    Greets und alles Gute Maxxx

    30.01.2008, 21:40 von MaxxxPower
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    das geht mir sehr nahe.... miss my girl 3

    23.01.2008, 21:59 von dont-know-anything
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    "Wenn ich heute über ihn nachdenke, so empfinde ich vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit für seine Art mit mir umzugehen, für das, was er mir gezeigt hat, mir beigebracht hat, für das, was ich mit ihm erleben durfte, für seine Art, mich zu lieben, mich ihn lieben zu lassen.
    Ich weiß, dass die Trennung damals ein wichtiger und richtiger Schritt für mich war."

    Die Worte haben mich zum Weinen gebracht. Dankbarkeit ist das einzige positive Gefühl, dass man entwickelt, mit der Zeit, und versucht es zu verstehen...

    Schöner Artikel!

    13.01.2008, 14:36 von LittleBlinD
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    Hi...
    Ein schöner Text über etwas, was wohl viele erleben...
    Und es ist gut so, dass man die Werkseinstellung nicht wieder herstellen kann - denn das ganze nennt man Erfahrung...

    29.12.2007, 17:19 von blacklitedelight
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    Ja manchmal wäre das schon schön und hilfreich wenn es so funktionieren könnte wie bei einem Handy.
    Schön geschrieben!

    liebe Grüße

    22.12.2007, 19:05 von MetalAgression
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    Klasse Text. Die Situation kenne ich genau. Sehr genau sogar. Die erste große Liebe ...

    14.12.2007, 10:41 von schubidu07
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