Ursel 20.10.2010, 14:02 Uhr 50 85

Zu Hause fühlen

"Ach ja, wenn du Bock hast, kannste bei mir schlafen, ich hatte noch nie Sex mit ner Südländerin."

Als ich die beiden so nebeneinander in der Bahn sitzen und sich unterhalten sehe, wird mir ganz warm ums Herz. Wann sieht man das schon Mal, einen schwarzhaarigen sogenannten Gastarbeiterjungen, Migranten dritter Generation, Türkdeutschen mit Migrationshintergrund - Ausländer ist ja nicht politisch korrekt -, so einen Hiphopstyle türkischen Jugendlichen, neben einer älteren gesetzten Dame in ein Gespräch vertieft. Ich höre aufmerksam hin.
"Ach das wäre so schön, mal in die Türkei zu reisen, das ist bestimmt so ein tolles Land und die türkische Gastfreundschaft, von der hört man ja so viel," sagt sie.
"Noch besser wäre dort vor Ort jemanden zu kennen, einen Einheimischen vielleicht, der könnte einem das Land ganz anders näher bringen und auch mal übersetzen."
"Ja aber kennen sie nicht vielleicht jemanden, eine türkische Familie oder so, die Sie mal mitnehmen könnte? Vielleicht aus der Nachbarschaft?"
"Also nein" antwortet die Dame "in so einem Viertel wohne ich bestimmt nicht und solche Leute kenne ich auch ganz sicher nicht."

Manchmal kannst du dich echt nicht zu Hause fühlen.

Langsam leert sich der Zug und irgendwann sitze ich ganz alleine im Abteil. Jetzt kann ich es mir richtig gemütlich machen. Alle Plätze sind frei und ich kann die nächsten Stunden ungestört schlafen, ein bisschen wie zu Hause.
Nach 10 Minuten kommt jemand mit polterndem Koffer ins Abteil. Läuft begutachtend durch den Gang, bis er vor mir stehen bleibt.
"Entschuldigen Sie bitte, der Platz auf dem Sie sitzen, der ist für mich reserviert!"
"Na dann, dann stehe ich mal besser auf, bevor sie die restliche Fahrt stehen müssen."

Manchmal kannst du dich echt nicht zu Hause fühlen.

Nach schlafen ist mir jetzt nicht mehr zumute und ich verziehe mich ins Bordcafe. Gegenüber von mir steht ein nett aussehender Herr, der mir aufmunternd zuprostet und fragt wohin denn die Reise geht.
"Ich besuche alte Freunde in Hamburg. Wollte mal einen Spaziergang an der Alster machen und vielleicht mal auf den Fischmarkt."
"Was wollen sie denn auf dem Fischmarkt?"
"Na ein leckeres Fischbrötchen essen!"
"Hmm?" er stutzt. "Sie sind doch nicht aus Deutschland."-"Oh doch ich wohne in Bochum."-" Nein, nein ich meine vorher."-"Na vorher habe ich in Bielefeld gewohnt."-"Nein davor meine ich."-"Achso, davor habe ich in Marburg gewohnt." Jetzt wird er sauer und schaut gar nicht mehr so freundlich, der freundliche Herr. "Mensch Mädchen wo kommen deine Eltern her?"-"Ach soooo, die wohnen in Mülheim an der Ruhr." Der freundliche Herr schaut mich wütend an. "So ursprünglich, blutmäßig, rassetechnisch?"
"Meine Eltern haben vor 50 Jahren mal in der Türkei gelebt."-"Na siehste, ist doch gar nicht so schwer, hättest ja gleich sagen können, dass du ein Türkenmädchen bist. Sieht man ja sowieso sofort, da brauchste gar nich so zu tun und mir was von Fischbrötchen erzählen, als ob ihr sowas essen würdet!"

Manchmal kannste dich echt nicht zu Hause fühlen.

Ich komme in Hamburg an und Sebastian wartet schon am Bahnsteig auf mich. Ich verspüre Hunger, aber der Appetit auf ein Fischbrötchen ist mir redlich vergangen. "Komm Basti, lass uns einen Döner essen gehen. Fischbrötchen ist mir heute zu assimilativ. In der Dönerbude spielen die türkische Musik und ich brauche gerade mal was heimeliges. Basti versteht nur Bahnhof, ist aber einverstanden. Basti ist ein Hühne von 1,98 und blond. In der Dönerbude überragt er alle Anwesenden. Ich bestelle auf Türkisch zwei Döner und zwei Ayran. Der Dönermann schaut mich abwertend an, klar sagt er auf Türkisch. "Unseren Döner fressen sie und unsere Mädchen auch."

Manchmal kannste dich echt nicht zu Hause fühlen.

Basti ist am Abend auf eine Party eingeladen und ich gehe gerne mit. Ein lustiger Studentenhaufen, weniger Vorurteile, Bildung schützt, denke ich, ich bin erleichtert, Studenten, meine Leute mein Bezirk.
So gegen 2 stellt sich Achim neben mich, wir hatten heute schon mal über Bildungsstreik gesprochen und über Studiengebühren, darüber wie schwierig es ist den Soziologenjargon zu verstehen und dass es aber irgendwann schon klappt. Achim ist auch Soziologe und leicht angetrunken.
"Sag mal Özzlem, du sprichst aber gut Deutsch?"-" Ja Achim, du aber auch!" sage ich. "Und überhaupt", sagt er "bist du nicht jemandem versprochen? Es wundert mich im Übrigen, dass du um diese Zeit noch raus darfst? Ach ja, wenn du Bock hast, kannst bei mir schlafen, ich hatte noch nie Sex mit ner Südländerin."

Manchmal kannst du dich echt nicht zu Hause fühlen.

Drei Tage später bin ich zurück in Bochum.
Ich möchte umziehen und habe telefonisch einen Termin vereinbart. Anschließend muss ich noch zur Ausländerbehörde, ich stelle heute meinen Antrag zur Einbürgerung. Frohen Mutes fahre ich zur verabredeten Adresse, mein neues Zuhause. Die Frau am Telefon war so freundlich und hat sich ganz lange mit mir unterhalten und wenn mir die Wohnung gefällt, bekomme ich sie bestimmt ganz sicher.
Ich klingel an der Tür. Die Tür geht auf und vor mir steht eine Frau in rosagepunkteten Leggins und blaugrünem Bigshirt.
"Hallo mein Name ist Özlem, wir hatten einen Termin." Sie schaut entrüstet, als ob ich ihr etwas weggenommen hätte.
"Also nee, dat se Ausländer sind, hams mir aba nisch gesacht." Ne datt will ich nisch, die kochen immer so und haben nen schlechten Geschmack.

Manchmal kannste dich echt nicht zu Hause fühlen.

Naja egal, ich fahre jetzt mal zur Ausländerbehörde, muss ja meinen Einbürgerungsantrag stellen, da kann nichts Schlimmes passieren, die wissen ja schon vorher, dass ich keine Deutsche bin.
Beschwingt gehe ich zum Schalter: "Hallo, mein Name ist Özlem, ich bin zwar in Mülheim geboren und aufgewachsen, aber eigentlich bin ich Ausländerin, Türkin um genau zu sein. Nicht, dass sie denken, ich will ihnen etwas vormachen. Ich wollte den deutschen Pass beantragen. Aber keine Sorge, sich zu Hause fühlen wird echt schwer."

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Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Danke :D Bin zur Hälfte Tunesierin und die Sprüche vonwegen "Bist du nicht jemandem versprochen?" oder "Du sprichst ja gut Deutsch" kenn ich gut. Ist immer wieder interessant wie dumm manche Menschen sind. :P

    29.11.2011, 20:35 von Lady_Hope
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    Oh man. Was ein Bild von der Gesellschaft.
    Danke für den Text.

    16.10.2011, 18:19 von JoshBloc
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  • 0

    ich bin russin. dein text hat was. er sagt die wahrheit und nichts als die wahrheit. man kann sich hier wirklich nicht zu hause fühlen....

    11.06.2011, 14:12 von waynetrain
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    man kann sich als ausländer hier wirklich nicht zu hause fühlen...

    11.06.2011, 14:08 von waynetrain
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  • 0

    Oh es ist unfassbar, wie du mir aus der Seele sprichst!! Du hast es einfach auf den Punkt getroffen! Respekt :)

    22.02.2011, 15:05 von khadija
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  • 0

    super text, aber echt schade wieviele leute einfach zu eingeschränkt sind um sich einfach mal nur mit dem mensch der ihnen gegenübersteht auseinandere zu setzten.....

    19.01.2011, 13:14 von meistermar
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  • 0

    sehr cooler text. ellerine saglik ;)

    26.12.2010, 09:54 von Faraduna
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    ich fand den Text zuerst nicht gut, vielleicht weil er komprimiert auf einen Tag zu übertrieben scheint (und ich instinktiv gehofft habe, dass die Situationen übertrieben oder im besten Fall nicht ganz wahr sind).

    mit dem Hintergrundwissen, dass es sich um einen Text für die Bühne handelt, kann ich mich schon eher mit ihm anfreunden. versehen mit gewisser Betonung, Mimik und Körpersprache die, die Übertreibung offensichtlich machen... ja, wieso nicht :)

    26.10.2010, 01:11 von BamSuddenly
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  • 0

    Ich find den text nicht gut.

    Der viele zuspruch ist meiner meinung nach rassistisch motiviert und daher diskriminierend, denn die autorin wird nicht für ihr schaffen sondern für ihren "migrations background" gelobt.

    Darüber solltest du mal schreiben.

    Labayka ya Nasrallah Labayka ya Hizb Allah

    23.10.2010, 19:52 von leBosh
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      @leBosh leBosh erhebt gegen die Kommentatoren sozusagen den Vorwurf der "positiven Diskriminierung" (klassisches Bsp: Afrikaner haben so ein tolles Rhythmusgefühl.")

      Das ist in diesem Fall genauso übertriebener Unsinn, als wenn ich leBosh jetzt "deutschenfeindlichkeit" vorwerfen würde, weil er oder sie irgendwas arabisches(?) in seinen Kommentar schreibt und wir Kartoffeln nicht wissen, was das heißt ; )

      24.10.2010, 16:04 von ...niemand...
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      @...niemand... Irgend was mit 'Nasrallah' und 'Hisbollah'...

      Ich weiß jetzt aber nicht, ob das so'ne Art Grußformel wie 'Ho-Ho-HoChiMin' ist... Oder ob die Ursel mal darüber schreiben soll...

      25.10.2010, 14:40 von sailor
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      @sailor http://answers.yahoo.com/question/index?qid=20081115194323AAx8tWF

      Also nach diesem Link heißt das so in etwa:

      "Ich werde auf ewig Nasrallah dienen ich werde auf ewig der Hisbollah zu Diensten sein."

      Tja...


      25.10.2010, 14:56 von ...niemand...
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      @...niemand... ewig is aber ganz schön lange...

      25.10.2010, 18:51 von sailor
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      @sailor ein ewig ist da auch gar nicht enthalten... wär auchn bisschen lang der satz sonst, eh?

      26.10.2010, 05:05 von leBosh
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      @leBosh Dann lass uns Irrenden Aufklärung zukommen, und verrate und was da steht. Du hast Dein Ziel doch erreicht und alle schauen dich an, gespannt wie ein Flitzebogen.

      Ginge es dir um Inhalte, hättest du dich wahrscheinlich verständlich ausgedrückt...

      26.10.2010, 10:55 von sailor
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      @sailor ja hast du schon richtig erkannt. Manchmal hat man halt so aus-prinzip-anti-alles-tage. Manchmal is man einfach in der stimmung noch etwas mehr rum zu rotzen.

      Und manchmal merkt man dann das man sich zum deppen macht und sagt das dann halt auch so. Tja.

      26.10.2010, 12:06 von leBosh
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      @leBosh Tja...

      Was verzeichnen wir denn jetzt unter 'Erkenntnisgewinn'?

      26.10.2010, 12:14 von sailor
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      @sailor erstmal denken ist ne feine sache?

      26.10.2010, 12:28 von leBosh
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      @leBosh Das ist aber schon ein rechtschaffend alter Gewinn.

      Geradezu antik. Sehr schön.

      :D

      26.10.2010, 12:51 von sailor
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