lavish 17.12.2009, 15:05 Uhr 41 43

Zerwühlt

Die Haustür ist noch gar nicht richtig zu, da geht das Gezerre schon los. Es braucht nur wenige Stunden, um mich völlig aus der Bahn zu werfen.

Die Haustür fällt klackend ins Schloss, da fliegt auch schon Esthers' Pullover durch den Flur. Überall Hände, Lippen, Körper, es ist nicht auszuhalten, alles muss weg, ein Räumungsverkauf am Körper, Kleidung nein. Zwei Stunden später taumle ich endorphinbesoffen aus dem zerwühlten Bett, ziehe mich an, küsse Esther und gehe. Im Zug kann ich meine Kopfhörer nicht ertragen, im Kopf ein rauschender Wald unserer Geräusche, das Atmen, Keuchen, Stöhnen, wie das Bett knarrt bei all dem Gewälze und das Gefühl, ihre Hände sind immer noch an und in mir.
Zu Hause schließe ich die Wohnungstür auf. Liz ist für vier Tage zu einer Fortbildung gefahren, ich bin froh, dass ich meine Ruhe habe. Die Ruhe einer langjährigen Beziehung, in der jede von uns ihren Kram machen kann, weg fahren, weg gehen - aber nicht fremd gehen. Das muss ein Ende haben, hallt es durch meinen Kopf, immerhin sind Liz und Esther Kolleginnen, die sich sehr schätzen. Wenn das raus kommt! Ich bin wie in Trance, ich bin noch nie fremd gegangen, Esther hat noch nie zuvor mit einer Frau geschlafen, Liz ahnt nichts, es ist zum heulen. Was hab ich nur gemacht! Und glücklich bin ich auch noch!
Nur schwer ist diese Ambivalenz zu ertragen, nie habe ich mein Glück über eine aufregende Affaire oder eine beginnende Liebe versteckt, doch jetzt muss ich alles für mich behalten und habe das Gefühl zu platzen.
Zwei Tage später kommt Liz zurück, ich freue mich, alles scheint so normal. Sie ist müde, im Zug war die Hölle los. Wir gehen schlafen, ich habe sie im Arm, sie schläft fast sofort ein. Ich bin mit meinen Gedanken alleine.
Ich schaffe es so zu tun, als sei alles in bester Ordnung. Esther ist diskret wie ein CIA-Agent, Liz und ich leben wie immer, nichts ist anders, nur in mir tobt es unaufhörlich, "janeinjaneinjanein, du musst es ihr sagen, nein, lass es bleiben!"
Als Liz für zwei Tage ihre schwer kranke Mutter besuchen fährt, starre ich auf das Telefon. Esther weiß, dass ich alleine bin, ich warte auf ihren Anruf, obwohl ich nicht weiß, was ich sagen soll. "Wir müssen das Ganze beenden" wäre vernünftig, "ich will dich nochmal" zumindest authentisch. "Ich glotze doch hier nicht für Stunden auf das Telefon," höre ich mich sagen und als ich gerade meine Jacke anhabe und zur Tür hinaus will, klingelt es. Das ist nicht das Telefon. Unten vor der Tür steht Esther.
Wir stolpern und taumeln in mein Bett. Bloß nicht in das von Liz, soviel Anstand muss sein, wir sind nackt und dann klingelt das Telefon. Was ist denn hier los?! Der Anrufbeantworter geht an, "huhu! Ich bin's, Liz. Wo steckst du denn?" (ogott, das möchtest du lieber nicht wissen!) "Ich komme morgen vormittag wieder, meiner Mutter geht's besser, ich vermisse dich!" Klack. Tüüüüt. Fertig.
Ich liege auf dem Rücken und starre an die Zimmerdecke. Esther hat ihren Kopf in die Hand gestützt, liegt auf der Seite und sieht mich an. "Was machen wir nur?" fragt sie. Ich sehe sie an, schmerzhaft zieht es durch meine Aorta, schmerzhaft und lüstern, "einmal und dann nie wieder," sage ich und wir machen uns wieder aneinander zu schaffen, als hinge unser Leben davon ab. Am späten Abend fährt Esther los. Das Ganzen hat uns Tränen gekostet, wir beide verheult mit Kissen im Rücken auf dem Bett, jetzt hat es sich was mit Exstase. Esther hat sich verliebt, ich hab mich verliebt, wir können die Finger nicht voneinander lassen und der Gedanke an Liz schnürt mir den Hals zu, denn die liebe ich auch. Esther weiß das.
Wir schaffen es, uns nicht mehr zu treffen. Wir schreiben uns verzweifelte und sehnsüchtige e-mails und SMS'en. Wir kommen uns total bescheuert vor. Regelmäßig muss ich mein Bedürfnis unterdrücken, in den Zug zu steigen, um Esther hektisch das Hemd aufzuknöpfen. Das kostet mich soviel Kraft, dass ich in zwei Wochen vier Kilo abnehme. Ich verkaufe Liz meine miese Stimmung als Stress bei der Arbeit und freue mich, als ich eine eklige Grippe bekomme und völlig erledigt in meinem Bett liegen kann, ohne etwas sagen zu müssen. Liz kümmert sich, kocht Tee und kauft mir idiotische Tantenhefte. Wir sind einträchtig, das fühlt sich gut an, das will ich haben. Liz.
Neben meinem Kissen finde ich ein Haar von Esther, ein dunkelbraunes schulterlanges Haar. Was soll ich damit machen? Es kleinschneiden und essen? Als Lesezeichen benutzen? In meinen Kalender kleben? Ich komme mir vor wie ein Psycho, als ich das Haar um meinen Finger wickle und küsse. Dann werfe ich es aus dem Fenster. Wir schaffen es, uns nicht mehr zu treffen.

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41 Antworten

Kommentare

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    mitreißend geschrieben! man fühlt total mit mit Dir!

    02.04.2010, 20:43 von dunkleLichter
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    Sehr gut....schön zu lesen und wirklich authentisch...danke für die schönen 5min des Lesens...:-)
    Gerne mehr...

    02.03.2010, 14:49 von ChronistderWinde
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    Als Leser fühlt man sich selbst zerwühlt und
    hektisch den Text zu lesen.
    Alles wunderbar beschrieben.
    Doch ich finde nicht, dass hierzu eine Fortsetzung geschrieben werden sollte.
    Das Ende ist schön, sie wie es dasteht

    15.02.2010, 15:03 von laphz
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      @laphz
      Das Ende ist schön, SOOOO wie es dasteht

      pardon

      15.02.2010, 15:04 von laphz
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    schönschönschön...

    02.02.2010, 17:01 von GrinseTier
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    schönschönschön....

    02.02.2010, 17:00 von GrinseTier
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    schönschönschön....

    02.02.2010, 17:00 von GrinseTier
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    nur 3 mal lesen..und es fängt an zu schweben. Anfang..Ende? egal..its lavish

    21.01.2010, 21:38 von Kokomiko
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    wie gehts weiter?

    21.01.2010, 07:51 von kacki
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    ... etwas was man gerne gelesen hat... und ganz ehrlich, keine Fortsetzung... so ist das genau richtig...

    12.01.2010, 18:08 von Daggchen
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