Alternativen 18.05.2010, 12:48 Uhr 27 65

Zehn Begegnungen mit Menschen zwischen Dezember und Mai

„Geh’ da nich so nah ran, Dominik! Das beißt!“

Der kleine Junge im Laden, der den großen Pandabären aus Stoff anstrahlt. Als er die Hand ausstreckt, ruft eine Frau:
„Geh’ da nich so nah ran, Dominik! Das beißt!“
Der Junge erstarrt, schaut das Stofftier an und rennt weinend zu ihr. Sie lacht.


Der betrunkene Mann am Porscheplatz, der den Halt der Säule verliert. Das markante Geräusch berstender Bierflaschen in seiner Plastiktüte. Seine Hände zitternd stützend zwischen Bier, Dreck und braunen Scherben. Er stammelt, lallt. Es tut mir so leid. Ich schaffe das. Es tut mir so leid. Ich versuche seine Handflächen vom Boden zu ziehen. Bier und Schweißgeruch. Eine weitere Flasche fällt aus seiner Jacke und zerplatzt auf dem Bahnsteig, Gischt spritzt mir ins Gesicht. Das aufgeschminkte, blonde Mädchen von vor uns eilt hinzu und greift ihn von hinten, versucht ihn hochzuziehen. Ich starre sie für einen Moment überrascht an. Ein anderer Mann eilt ihr zu Hilfe, er versucht den Mann unterzuhaken und redet dabei auf ihn ein, versichert ihm, dass so etwas mal passieren kann. Wir haben Sie. Kommen Sie, wir helfen Ihnen hoch. Ich versuche weiter, die unsicher in die Lache klatschenden Hände des Betrunkenen vor Glas zu schützen, während er sich weiter laut schämt. Als wir ihn aufgerichtet haben, lehnt er es ab, sich auf die Bank zu setzen. Ich helfe die Scherben aufzulesen, das Mädchen trägt die Plastiktüte in den Müll, Bier fließt über ihre Strumpfhose und die schwarzen Absatzstiefel. Wir machen das schon, sagt der andere Mann. Es ist gut. Geht es Ihnen gut? Er winkt ab. Jaja. Danke. Danke. Es tut mir so leid. Er torkelt hinter den Pfeiler, als wolle er sich vor uns verstecken. Ich sehe mich um. Die Blicke der anderen, ich erwarte sie verurteilend, doch sie sind mild, sie sind mitfühlend und dahinter noch ein bißchen erschrocken. Niemand schüttelt einen Kopf. Ich schäme mich für das Gefühl, beeindruckt worden zu sein.


Irgendwo werden Texte von mir vorgelesen und wieder fühlt es sich an wie Flohzirkus, wie großes Bohei und TamTam aus Pappmaché, doch ich packe für vielleicht eine Beerdigung. „Woran ich denken musste: Mach’ was aus Deinem Leben, aus Deinem großen Talent!“, sagt sie am Krankenhausbett. Ich suche die Besuchertoiletten, vergesse zu pissen und heule stattdessen in meiner Klokabine auf Station 2, bis es weh tut.


Das junge Mädchen mit dem ‘Ich lerne noch‘-Namensschild in der Apotheke, das mich aufrichtiger anlächelt als den alten Mann vor mir. Sie wirkt nervös, der Verkaufsraum ist ziemlich voll. Ihren Satz beherrscht sie noch nicht mit heiterer Selbstverständlichkeit. Guten Tag, was kann ich für Sie tun? Ich lächle ermutigend zurück und reiche ihr den Abholzettel. Das, bitte. Hat sie geknickst? Ich glaube schon. Sie geht zu den Lagerschränken. Ihr Chef lächelt mich mit diesem ‘Sie lernt noch’-Lächeln an, während er einem anderen Kunden eine Quittung schreibt. Als sie sich umdreht, ist ihr Lächeln verschwunden. Sie kommt ein paar Schritte in Richtung Verkaufsraum zurück, bleibt stehen und ruft genervt zu niemandem und allen „Wo soll’n DAS sein? Is’ das beim harten Zeug, oder was?“. Für einem Moment ist es, als würde ich mich im Spiegel betrachten, während der Chef mich anschaut und unsere Gesicher synchron erstarren und dann verrutschen.


Platz Nummer 82. Sie erinnert mich an Natalie Portman. Ihre Augen sind dunkel, freundlich und klug. Wir haben eine gelegentliche Augenromanze von Kassel-Wilhelmshöhe bis Paderborn. Ein Nicken mit Lächeln zum Abschied.


Der Vater spricht kein Deutsch, die Mutter kennt die notwendigsten Worte und fragt, spricht freundlich Akzent, in nicht einmal Halbsätzen. Allo, Gute Aben. Mit Allen? Zwiebel? Scharfes Soße? Das magt dann. Schöne Aben nog. An den Tischen sitzen die Alten, spielen Karten, sehen ehrwürdig und geschlossen aus, trinken diesen grünen Tee, den ich noch nicht probiert habe, aus silberummantelten Glastassen. Ich komme gern hierher, auch wenn ich etwas laufen muss, ich komme immer wieder, weil das Lächeln ehrlich ist, der Preis in Ordnung und das Essen gut. Ich bestelle das Übliche und warte. Im Hintergrund laufen türkische Nachrichten. Der Sohn der Besitzer kommt herein, seine rechte Hand in der Hand eines anderen Jungen, so etwas sehe ich immer und immer schnell, beide um etwa 16 Jahre alt. Auf ihren gegelten Haaren sind die weißen Schneepunkte verschwunden, noch bevor sie an mir vorbeigegangen sind. Ein türkischer Gruß, die Mutter schaut auf, der Vater dreht sich vom Grill zu ihnen und mir um. Ich beobachte die beiden Hände, die sich weiter halten. Schwarze Handschuhe aus Wolle. In meiner Lunge wärmt sich schwere Luft. Helle Gesichter eilen mit weiten Armen um die Theke, begrüßen die Jungen auf zwei Arten familiär. Hände getrennt, Begrüßung vorüber. Arme sinken von Schultern, Hände ziehen Handschuhe aus, suchen, finden und greifen sich erneut und passen genau in einander. Einladende Gesten des Vaters, mehrere. Türkischer Dialog und Lächeln. Die Mutter streicht dem anderen Jungen über den Arm und zeigt auf einen Tisch, verschwindet dann wieder hinter der Theke. Die Alten heben die Hand, die Jungen grüßen zurück. Hände trennen sich wieder, der Andere zieht einen Stuhl vom Tisch und setzt sich. Und der Sohn setzt sich auf seinen Schoß. Ich habe vergessen zu atmen. Allo, höre ich die Mutter fragen. Allo? Ich bin gemeint. In ihrer Hand dampft Fladenbrot. Mit Allen? Ich schnaufe ein Lachen. Möchte ungläubig den Kopf schütteln. Mit Allem. Ja.


Die gruselige Frau an der Kühltruhe, die versuchte mit mir zu flirten. Sie nannte mich ‘Süßer’ und beugte sich über Hähnchenschenkel. Und strich gefärbtes Haar hinter ihr Ohr. Ich knetete Käsescheiben und dachte an Christiane F. Und daran, wie leid mir das alles tat. Über meinem nervös zuckenden Mund ängstliche Augen. Unter ihren beachtlichen Augenringen ein verspieltes Lächeln. Über uns Meat Loaf und das, was er für Liebe nicht tun wird. Unter uns Hühnerherzen, frisch verpackt, in jeder Packung 400 Gramm.


Das Mädchen in der Straßenbahn, das meine Nachbarin und mich anlächelt, als teilten wir drei ein ein witziges Geheimnis, über das wir nicht sprechen dürfen.
Doch das denke ich erst später.
Zuerst denke ich, dass sie keine Freunde hat.


Die alte Frau ist nicht meine Oma, doch jeder nennt sie Oma. Sie ist 95 Jahre alt und schon vor meiner Geburt jedermanns Oma gewesen. Unsere Nachbarin führt sie zum Auto, als meine Mutter und ich zu einem Spaziergang aufbrechen. Oma weint. Ihr Sohn trägt zwei Koffer aus dem Haus, schließt die Haustür zu und verstaut das Gepäck im Kofferraum. Er grüßt uns, woraufhin Oma uns bemerkt und uns entgegenweint, dass wir ihr bitte helfen sollen. Sie bringen mich einfach weg, schluchzt sie. Es ist nur für zwei Wochen, ruft uns die Nachbarin zu und lächelt gequält. Nur so lange, wie sie im Urlaub sind. So fit Oma auch noch ist, allein kann sie doch im Haus nicht mehr bleiben. Nicht wahr? Oma will es nicht hören. Sie hat keine Wahl, sie geht zwei Wochen ins Pflegeheim. Es ist zu ihrem Besten. Es geht nicht anders. Meine Mutter schweigt. Der Sohn öffnet die Beifahrertür und unsere Nachbarin hilft Oma beim Einsteigen. Sie hat keine Wahl. Als das Auto losfährt, winkt Oma mir zu. Ich versuche, den Stein im Hals herunterzuschlucken. Das ist schlimm, sage ich zu meiner Mutter. Sie nickt. Dann sagt sie leise: „Sie fahren nicht in den Urlaub. Das Haus ist verkauft.“


Ich höre zu, wie sie sich in der Küche begegnen und einander vorstellen. Er fragt, wo bei uns die Kaffeefilter sind. Ich kann die Antwort mitflüstern. Er trinkt keinen Kaffee, er weiß nicht, wo ich die Filter habe. Sie suchen in den Schränken. In der Dachrinne gluckst Regen, der im Mai nicht fallen sollte.
Ich drehe mich im Bett auf die Seite und höre meinem Kissen zu.
Ich will das nicht schon wieder.

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27 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Ich könnte Bücher voll solcher Begegnungen lesen.
    Manche gucken die Welt so aufmerksam, wie noch nie ein Mensch im Leben je ferngesehen haben kann.
    Und wenn sie richtig gut in irgendwas sind, machen sie aus dem Gesehenen dann auch noch Musik.
    Geklappt hats, wenns bei Anderen drinnen klingt.
    Das ist, was ich dann, so ganz ohne Alles und insbesondere ohne angestrengtes Expertenwissen, Kunst nenne.


    04.09.2011, 15:40 von LivoGar
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  • 2

    "Wir haben eine gelegentliche Augenromanze..."

    Großartig.
    Alle zehn.

    05.06.2010, 17:12 von euphorisch
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  • 1

    Sehr schön und eindringlich. Mir gefällt deine Form und der Ausdruck.

    31.05.2010, 16:55 von CreativeChaos89
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  • 1

    Wird empfohlen, Monsieur.

    30.05.2010, 15:00 von akua
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  • 1

    Sehr schön. Begegnungen, die man alle irgendwie kennt. So nüchtern niedergeschrieben geben sie einem die Möglichkeit, sich die Dinge nochmal aus sämtlichen Blickwinkeln nochmal anzusehen...Das Beste: kein erhobener Zeigefinger... :-)

    28.05.2010, 15:09 von MadActor
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Gefällt. Sehr gut sogar.

    21.05.2010, 21:07 von Zebri
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  • 1

    ICH MAG IHN!

    21.05.2010, 12:43 von Goldpony
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  • 1

    "..und höre meinem Kissen zu"

    DAs kenn ich ganz genau.

    21.05.2010, 10:10 von Tanea
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