lavish 17.03.2011, 11:35 Uhr 6 23

Wochenende

"alles okay bei dir? hab so'n komisches gefühl! meld dich! hase"

Das ist eine SMS und ich lese sie, obwohl sie gar nicht an mich gerichtet ist. Sie erscheint auf einem Handy, welches in einem Plastiksack liegt, zwischen einem aufgeschnittenen T-Shirt und einem Kapuzenpullover, einer Hose und einem Slip, der feucht von Urin ist. Mit gummibehandschuhten Fingern klaube ich das Kommunikationsgerät aus den Plünnen. "hase", so, so. Das scheint die Freundin zu sein. Fies, in so intimen Dingen herumzuschnüffeln, andererseits brauchen wir die Telefonnummer der Freundin oder der Mutter. Jemand muss sie anrufen und sagen, dass der Freund (oder Sohn) soeben tot vom Fahrrad gekippt und auf der Straße reanimiert worden ist. Und jetzt hier beatmet auf der Intensivstation liegt.

Vor wenigen Stunden ist in Japan ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen, hei, wie plastisch das klingt, es ist aber ja auch wirklich abstrakt und gleichzeitig frage ich mich, wie viele japanische Frauen und Männer eine ähnliche SMS bekommen oder geschrieben haben mögen, als die Erde bebte und dann das Wasser kam und die Oma mitsamt dem Haus weggespült hat und die Patienten aus dem Krankenhaus, einfach so, saug', weg waren sie. Und dann auch noch der Reaktor explodierte. Massenhaft diese eine Frage, auch "komisches gefühl", natürlich, Angst und die Bitte um Rückmeldung. In vielen Fällen wohl leider obsolet.

"Jasper Kohl, geb. 20. 9. 1983," herrjeh, das Durchschnittsalter unseres Patientenkollektivs ist eher 65, allgemeine Betroffenheit, so ein junger Kerl, natürlich zuerst Drogenscreening Cannabinoideamphetamineopiate, klick! weg ist das Labor, wird man ja sehen - alles sauber, wie sich später herausstellt.
Zwischen Anlage eines zentralvenösen Katheters, arteriellem Zugang, Blutabnahmen in sonder Zahl, EKG schreiben und dergleichen mehr dudelt das Handy, "Katze ruft an", "Herwig ruft an", "hase ruft an", das geht aber rund hier.
"Ich komm mit den Dingern nicht klar, guckst du mal, ob du die Nummer der Mutter rauskriegst?" fragt der Arzt und reicht mir das Handy, super, die gleiche Menüführung wie bei meinem. Ich fühle mich wie ein Spitzel, jetzt summt das Ding nochmal, schon wieder "Herwig", traue mich nicht, da ran zu gehen, lasse es ins Leere klingeln und scrolle mich durch das Telefonbuch, da, "Mama home" und "Mama mobil". "Hier," sage ich zum Arzt, "das ist die Nummer," und bin froh, dass ich da nicht anrufen muss.

Der Sozialwissenschaftler Günter Amendt wird am selben Samstag von einem unter Drogeneinfluss stehenden PKW-Fahrer umgefahren, es erwischt außerdem noch einen Schauspieler und dessen Ehefrau, wenn ich das richtig gelesen habe. Ich frage mich, ob bei Amendt und dem Schauspieler-Paar auch das Handy gebimmelt hat, als man sie zerdrückt und kaputtgefahren in die Eppendorfer Ambulanz transportiert und bemerkt hat, dass da leider gar nichts mehr zu machen ist. Und dann sieht, "oh - der Amendt? DER Amendt! Ach du Scheiße!" "Dietmar Mues? Kennichnich. N Schauspieler. Ach so." Wo und wen denn jetzt mal anrufen?

Die Freundin, "hase", kippt am Bett ihres beatmeten Freundes erstmal um und kann nicht aufhören zu heulen. Schmal und zierlich wie sie ist fühlt sie sich in meinen Armen an wie ein zitterndes Vögelchen. Ich flöße ihr Wasser ein, jemand holt Cola, "es geht schon wieder," sagt die Frau, später wird sie sich dafür entschuldigen, "Sie haben doch schon genug um die Ohren und dann nerv' ich hier noch rum." Nein. Kenn' ich. Schon zig Mal gesehen und erlebt, gehalten und gehandelt. Das macht mir gar nichts aus. Gar nichts.

Denke an die Japaner. Ob's da noch ein Halten gibt?

Denke an Günter Amendt, "Sexfront", gutes Buch, die Empörung damals, weil er da erigierte Penisse abgedruckt hat, haha, macht doch das Licht aus beim Pimpern, wenn Ihr das nicht abkönnt.

Meine Bilanz vor Ort ist die Beste, weil Jasper Kohl mittlerweile wieder wach und sogar "adäquat ansprechbar" ist, was das auch immer heißen mag, na gut, es kommt auf jeden Fall mehr als "ja" und "nein", auch "danke!" kommt und "bitte".
Herzrhythmusstörungen, da kann man aber was machen, sagt die Internistin. Die Freundin, "hase", hat mich nochmal umarmt und Blumen mitgebracht. Ich hatte ein Brennen in den Augen. Das kommt sicher von der Klimaanlage.

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6 Antworten

Kommentare

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    Den Krankenhausalltag mal poetisch auf den Punkt gebracht - wunderbar! 

    26.04.2012, 19:01 von Leena
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    toll.

    22.06.2011, 11:15 von Blue-Bird
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    ...sehr gut !

    06.06.2011, 12:56 von Julez_80
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    finde ich sehr viel gelungener als deine letzten texte

    18.03.2011, 09:44 von frl_smilla
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    gefällt mir enorm gut!

    mal ein anderer tenor, schroff mit herz.

    daumen hoch!

    17.03.2011, 21:00 von RedSonja
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    Saugut.
    Man wäre das ein toller Episodenfilm, so wie Babel oder L.A. Crash.
    Harter Job, kosmisches Schulterklopfen von mir.

    17.03.2011, 12:22 von cosmokatze
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