hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 28 48

Wir waren Königskinder

Ich hoffe sie schreiben über uns keine Lieder.

Wir hatten einander so lieb.

Irgendwann waren die Dinge durcheinander gekommen. Als ich dich getroffen habe und du mich tief getroffen hast so wie ich dich auch. Wir haben uns Kronen aufgesetzt schon in der ersten Nacht, in der wir uns kannten. Kurz bevor es hell geworden ist, war das. Kurz bevor das Licht Schatten in unser Leben brachte. Auf den Knien in Demut vor dem großen Moment, in dem wir gefangen waren wie zwei Fliegen in einem Glas. Wir waren einander die einzige Chance. Als ich später Zuhause ankam, war es nicht mehr mein Zuhause. Nichts war mehr an seinem Platz. Wenn man die Dinge plötzlich aus einem anderen Winkel betrachtet, scheinen sie verrückt. Ich sah die Dämmerung in meinem Gesicht, als ich in den Spiegel schaute. Unter meinen Augen hing sie in dicken Schwaden, auf meiner Stirn quoll sie fett aus tiefen Gletscherfalten heraus. Ich hab dich gleich angerufen und du hast mir gesagt, dass du die dunklen Flecken auch hast. Es hätte uns klar sein müssen, vom ersten Moment an. Aber wir haben in die andere Richtung geschaut. Wir wollten die Schmetterlinge im Bauch. Aber wir bekamen dreckige Insekten mit scharfen Flügeln. Es waren braune Falter, die wie Motten aussahen. Sie flatterten genau so mit den Flügeln, wie ihre bunten Verwandten, aber ihnen fehlte der Auftrieb. Sie suchten nach einem Ausweg aus der Dunkelheit. Aber sie stürzten immer wieder ab, denn es gab kein Licht. Wir wussten vom ersten Schritt an, dass unter unseren Füßen kein Weg war. Seit dem Moment liefen wir nebeneinander her und versuchten eins zu werden. Und blieben doch immer nur zu zweit.


Ach, könntest du schwimmen.

So oft hast du mich angerufen und gefragt, wann ich vorbei komme. Ob ich irgendwann vorbei komme. Und so oft hab ich mir vorgestellt, wie ich einfach die nächste Fähre zu dir nehme und du auf mich wartest am Ende der Reise. Aber ich bin niemals losgefahren. Du hast Angst vor dem Wasser, hast du mir gleich in der ersten Nacht gesagt. Vor den Wellen, die dich hin und her werfen. Vor der blauen Tiefe unter deinem Körper, wenn er strampelnd flach im Wasser liegt. Schwimmen konnten wir beide nicht. Wir konnten uns nur wie Steine auf den tiefsten Grund des anderen sinken lassen und uns gegenseitig die Luftblasen in die Münder drücken. Bis der Sauerstoff aufgebraucht war und wir auftauchen mussten. Jeder an seinem Ufer. Wir haben mit Feuer gespielt und uns Funken zugeworfen. Solange, bis wir in Flammen voreinander standen. Wir haben mit Taschenlampen fliegende Hoffnungsschimmer in die Luft geschrieben. Haben hektisch Morsezeichen gegeben, wenn wir den anderen nicht mehr sehen konnten am anderen Ufer. Nur nachts, wenn unsere Leben Pause machten, zog sich das Wasser in unseren Köpfen zurück und wir trafen uns in der Mitte des Grabens. Doch sobald der Morgen anbrach graute es uns vor der Flut und wir zogen uns zurück. Bis sich der Graben zwischen uns wieder mit Wasser füllte und wir jeder für sich am Selbstmitleid ersoffen.


Ihr seht mich nimmermehr.

So ging das über eine lange Zeit. Unsere Freunde erklärten uns für verrückt. Sie erklärten uns, dass wir nicht zueinander passen würden. Dass wir nur nach uns suchten, weil wir uns gar nicht finden wollten. Während sie ihre Mäuler in Papierfetzen zerrissen ritzten wir uns mit spitzen Nadeln den Namen des anderen unter die Haut. Wir wollten, dass der andere irgendwie da war, dass man ihn spüren konnte. Und wenn wir Blut sahen, fühlten wir uns verstanden. Wir riefen uns an und taten uns weh mit Worten. Wir schlugen sie uns um die Ohren, wir rammten sie uns in die Brust, wir warfen sie uns an die aufgeblähten Köpfe bis sie platzten. Jeder hatte schon mindestens einmal versucht, es zu beenden. Aber nach ein paar Tagen klingelte stets das Telefon. Fand man eine Flaschenpost am Wasser. Floss die Hoffnung in trügerischen Schlieren zurück in unsere Augen. Aber eines Tages hatte ich Post von dir unter meiner Tür, die war anders. Ein Brief, geschrieben mit ängstlichen Schwüngen. Darin stand, dass du aufgegeben hast. Dass du alles Holz auf deiner Insel verbrannt hast, um die Hoffnung auf ein Boot nicht mehr vor Augen zu haben. Dass du alles Gras auf deiner Insel schwarz gemalt hast, damit das Grün dir keinen falschen Mut mehr machen kann. Dass du nicht mehr warten würdest Nacht für Nacht an deinem Ufer. Und dass du gehen müsstest. Irgendwohin, wo kein Wasser sei, die Wege kurz und staubig sind. Dann hast du dich verabschiedet und gesagt, dass wir uns nie wieder sehen werden. Ich habe dir geglaubt. Da bin ich aufgesprungen und ans Wasser gerannt, um nach dir zu sehen. Doch es war so dunkel, kein Mond schien, kein Stern zeigte mir wo oben und unten war. Ich konnte nicht sehen, wo du warst. Also lief ich im Kreis um meine Insel und Runde um Runde vergaß ich mehr, wo ich losgelaufen war. Meine Spuren im Sand grüßten sich und ich begann, mich von hinten zu sehen. Und in meiner Verzweiflung lief ich ins Wasser bis kein Boden mehr unter meinen Füßen war.


Da lagen zwei Königskinder.

Irgendwann als mir die Kraft zum Strampeln ausging bin ich ersoffen. Der Weg zurück war gemeinsam mit dem steilen Uferhang abgestürzt. Deine Seite hab ich nicht erreicht. Der Graben zwischen uns war zu groß, das Wasser darin tief genug, um mich zu verschlucken. Man sagt ja immer im haltlosen Überschwang, die Liebe würde Flügel verleihen. Aber ich hatte keine in der Nacht. Vielleicht weil ich sie nicht verdient hatte. Wer weiß schon, ob ich damit überhaupt aus dem Wasser heraus gekommen wäre. Wenn Federn nass werden, wird man ein Stein. Gefunden haben sie mich auf dem Grund des Wassers. Dort, wo nicht mal der kalte Mondschein noch einen Blick hinwirft. Gar nicht weit entfernt von mir triebst du leblos zwischen Sand und Froschlaich, mit einem großen Loch in der Brust, in dem bereits zwei Fische wohnten. So haben wir uns dann doch noch gefunden. Es musste ja so kommen.


Ich hoffe sie schreiben über uns keine Lieder. Wir dummen dummen Königskinder.

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28 Antworten

Kommentare

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  • 0

    wirklich ganz ganz schön.

    ,,...in dem bereits zwei Fische wohnten.So haben wir uns doch noch gefunden.Es musste ja so kommen"
    Die Stelle gefällt mir am besten.

    Irgendwie tut der text aber auch wirklich fürchterlich weh.Ich schätze,das soll auch so sein...(?)
    Schön jedenfalls

    und richtig toll geschrieben.

    28.09.2010, 18:30 von ParticularlyPeculiar
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    ohne blöd..du schreibst sehr ergreifend.
    danke für den text!

    28.09.2010, 17:24 von weAreAnimals
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    unglaublicher Text!
    Empfehlung!

    28.09.2010, 17:22 von some_kind_of_nature
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    ich bin überwältigt!Was man sich gegenseitig antut, was wir uns selbser antun...Was bleibt ist dieser großartige Text.

    24.09.2010, 18:58 von grica
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  • 0

    Dieser Text ist ein perfektes Beispiel dafür wie ein Haufen aneinandergereihter Buchstaben irgendwie tiefe Emotionen hervorrufen kann...Idee und Ausführung sind genial, da hast du echt ein Kunststück zusammen gepuzzelt!

    17.09.2010, 09:57 von sparklenina
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  • 0

    ich finde die stilistischen mittel unglaublich passend und gut platziert.

    15.09.2010, 14:09 von MsLeigh
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    • 0

      @[Benutzer gelöscht] wunderschön geschrieben. die bilder malen sich durch deine worte in meinem kopf. wahnsinnig tolles gefühl ... danke.

      14.09.2010, 18:13 von JustBeingWeird
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Eigentlich müsste ich jetzt nach Hause fahren, aber dein Text hat in mir so verdammt viel aufgewühlt, dass ich mich unfähig sehe....und Alles wieder da ist, was ich längst eingestaubt glaubte bzw. hoffte!

    Der letzte Satz "Wir dummen dummen Königskinder" sagt das aus, was ich seit Jahren wütend denke und mich doch so hilflos dieser eigenen Dummheit ausgeliefert fühle...und akzeptieren muss, dass unsere Geschichte ebenfalls weit in den Tiefen des kalten Nichts versank....

    Deine Worte sind wahnsinnig stark und berühren mich tief...! Danke für diesen Text!

    Ich sollte nicht nach Hause fahren - wohl eher in die Richtung meines sturen Königskindes und fragen, ob es noch da ist.......... Sollte ich tun, aber wie gesagt: Dumme dumme Königskinder - verschenken die beste Zeit ihres Lebens!

    13.09.2010, 16:51 von XeNia79
    • 0

      @XeNia79 Hm, es gibt Narben die verheilen nie. Auch wenn man nicht ersoffen ist und das Leben irgendwie weiter geht, sinkt man doch regelmäßig wieder auf den tiefsten Grund des Ozeans zurück und kann nicht fassen, wie die Dinge so kommen konnten...

      Manchmal tut's gut zu sehen, dass man nicht der einzige ist, dem's so geht.

      17.09.2010, 09:55 von ellissa
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