Wir sehen uns
Am 1. Dezember war Welt-Aids-Tag. Vielleicht hat sich an diesem Tag niemand an dich erinnert. Ich schon, denn wir waren Freunde.
Es war dein Weg.
Dein Kampf mit dieser Krankheit und der Angst, irgendwann daran sterben zu müssen. Bist immer voller Hoffnung und Mut gewesen, hast gelebt, so gut es ging und trotz der gesellschaftlichen Ausgrenzung, den Blicken und Anfeindungen. Oft mit einem verschmitzten Grinsen, manchmal mit einem stillen, wütenden Aufschrei. Bis zuletzt.
Ich weiß noch, wie wir damals um die Häuser gezogen sind.
In diesen verrückten, schrillen Zeiten, Ende der 70er.
Sind hungrig und neugierig gewesen, waren bekloppte, gedankenlose Hühner, vergnügungssüchtig – und dauergeil. Haben die Kerle klar gemacht, uns genommen, was gefiel. Warum auch nicht? Schließlich waren wir jung und der Augenblick zählte, wen interessierte, was morgen sein wird. Weißt du noch, John Travolta, dieser scharfe Italo-Ami mit den schwingenden Hüften und einem Blick, der uns extrem wuschig machte? Wie oft haben wir uns „Saturday Night Fever“ und „Grease“ sabbernd und quiekend rein getan, 20 mal? Bestimmt. Gott, was waren wir für zwei blöde kichernde, schwärmende Teenies. Schon irgendwie peinlich, wie wir damals in den Kinosesseln festklebten und auf die Leinwand stierten, aber was soll’s, uns hat es ne Menge Spaß gemacht.
Warst schon ein Lieber.
Manchmal furchtbar zickig und stur, genau wie ich, aber wahrscheinlich hat es gerade deshalb zwischen uns gepasst. Wirkliche Fetzereien gab es nie, ein bisschen „Zick-Zick“ und die Nummer war wieder gegessen. Ja, unglaublich, was wir für Dinge zusammen erlebt haben, es war wirklich ne geile, aufregende Zeit. Bis er kam. Ich war sofort in diesen blonden, gut aussehenden Kerl mit den hellen blauen Augen verknallt. Hab schnell gemerkt, dass hinter der hübschen Hülle ein richtiges, egoistisches Arschloch steckte und wieder Schluss gemacht. Das hat weh getan, aber ich stehe nun mal nicht auf überall rum vögelnde Typen, wenn man zusammen ist. Du auch nicht. Trotzdem hast du dich nach mir auf ihn eingelassen, wolltest ihn haben. Ging dabei ja nur um Sex, nicht um Gefühle, sagtest du. Aber ich habe gespürt, dass es dir um mehr ging, als nur einen kurzen, geilen Fick. Mit ihm.
Vielleicht war das ein Fehler.
Wir wussten später nicht wirklich, ob er es war der dich infiziert hat. Nur, dass er es ohne Gewissen weiterreichte, selbst nachdem er Bescheid wusste. Vielleicht hat er dich angesteckt, vielleicht auch ein anderer. So oder so, es war egal, du hattest dir dieses beschissene, todbringende Virus eingefangen. Erinnerst du dich, wie viele Nächte wir deswegen geheult haben, gepackt von der Angst, zu wissen, dass du sterben wirst? Morgen, nächste Woche, vielleicht in einem Jahr? Die Ungewissheit hat uns verrückt gemacht, wir waren fassungslos und wütend. Auf uns, die Kerle, auf Aids. Viele von unseren Freunden sind damals sehr schnell gestorben. Er auch.
Du durftest weiterleben.
Noch viele unerwartete Jahre, die sogar glücklich waren, von Zeit zu Zeit. Zuversichtlich hast du jeden Tag, jeden Augenblick genossen, selbst als sie ausgebrochen und dich kalt erwischt hat, diese Krankheit, die du nicht haben wolltest und doch zu dir gehörte, wie eine Hassliebe. Ja, jetzt hast du es geschafft und sie gewonnen. Leidest nicht mehr unter den Tonnen von Medikamenten, die deinen Körper zerfressen haben und der trügerischen Hoffnung, Aids aufzuhalten zu können. Hast den Schrecken dieser Krankheit endlich losgelassen. Und dich. Es tut mir so leid, dass wir uns seit Jahren nicht mehr gesehen haben, ich nicht wusste, dass es mit dir soweit war und keine Gelegenheit hatte, bei dir zu sein. So wie früher, als wir gemeinsam um die Häuser gezogen sind. Du und ich. Werde dich vermissen, dich nicht vergessen. Dich und die anderen.
Hoffe, es geht dir gut.
Dort, wo du jetzt bist. Hey, grüß mir unsere alten Kumpel. Sag ihnen, dass ich auch sie vermisse und mich an sie erinnere. Dann, wenn ich an unsere Zeiten denke, damals, als wir noch halbe Kinder waren und wie John Travolta sein wollten. Ich weiß, wir werden uns wiedersehen, dort, im Kinosaal unsere Träume längst vergangener Tage.
Halt mir einen Platz neben dir frei bis ich komme und lass die Finger von Johnny, du weißt, ich habe ihn zuerst gesehen...

Kommentare
heftig
29.06.2007, 19:16 von herzschmerzund traurig, sehr traurig :(
sehr sehr trauriger und berührender text, der zum nachdenken und zum lächeln anregt....
17.06.2007, 20:02 von Alatariel...bin mir sicher, dass ihr euch wieder sehen werdet..
Einen besseren Nachruf kann man sicherlich nicht für einen Freund schreiben.
12.03.2007, 21:20 von AnkeDer Text hat mich wirklich zu Tränen gerührt.
Mein bis eben noch dagewesenes Lächeln hat sich so in Tränen aufgelöst. Sehr schön geschildert, find gar keine Worte...
18.01.2007, 23:02 von LadyLiamToller text,
05.01.2007, 21:23 von Donna-Dulcineaeigentlich find' ich ihn sehr traurig und ich hoffe, dass mehr Leute ihn lesen..
danke
Ein super schöner herzergreifender Text...danke dafür
20.12.2006, 23:34 von pilangoDanke.
14.12.2006, 01:10 von anni.straurig, total süß von dir geschrieben.
11.12.2006, 10:25 von Babalouunglaublich schön geschrieben, der text!
10.12.2006, 22:05 von V.Kiara*schluck*
schön....verdammt traurig....danke!
09.12.2006, 19:51 von MissErfolg