Riif-Sa 30.11.-0001, 00:00 Uhr 63 78

Wie mal der Kühlschrank explodierte

Eine wirklich wahre WG-Geschichte.

Um manche Sachen wird sich in einer WG mit ziemliche akkurater Genauigkeit gekümmert. Zum Beispiel, dass immer Kaffee da ist und Milch, dass man seine Musik so laut stellt, damit die anderen nicht schlafen können, man aber selber grade noch so keinen Hörsturz bekommt oder dass die anderen ihre Rechnungen immer schön pünktlich bezahlen. Lebensnotwendiges eben.
Dann wiederum gibt es Dinge, die als eher nebensächlich eingestuft werden. Die Bakterienpopulation in der Küche zum Beispiel, der Zustand der Wohnung im Allgemeinen, wenn sich nicht grade Besuch ankündigt oder auch, wie viel Toilettenpapier noch da ist. Jedes Mal, wenn jemand laut nach Hilfe rufend sich daran erinnert, beschließen wir, wenigstens das zu ändern, doch der Gedanke ist und bleibt der Selbe: „Es wird schon reichen.“

Zur letzterer der beiden Kategorien gehörte im Übrigen auch diese riesige Eiswand, die sich im obersten Kühlschrank unaufhaltsam von der oberen rechten Ecke aus über den ganzen Kühlschrank auszubreiten drohte.
Ich muss dazu vielleicht erwähnen, dass wir zwei Kühlschränke besitzen, oder vielmehr besaßen, aber dazu komme ich gleich. Das ist schon so, seit ich hier eingezogen bin und ich fand es eigentlich immer ganz vernünftig, denn ein Kühlschrank ist für fünf Mann eindeutig zu wenig. Grade auch dann, wenn man das System kennt, mit dem ein Mann einen Kühlschrank einräumt. Seit je her werden bei uns die frischen Lebensmittel nach vorne gestellt, das sieht auch besser aus, wenn mal jemand den Kühlschrank aufmacht. ‚Oh!’ kann man denjenigen dann denken hören, ‚Das ist ja alles frisch hier. Sehr ordentlich’, während im hinteren Teil des Kühlschranks die natürliche Verdauung der Natur langsam aber gründlich vor sich hinarbeitet.

Mit ein Grund, warum die Bakterienpopulation in der Küche auch in die zweite Kategorie gehören. Bio-Müll? Wir brauchen keinen Bio-Müll? Wir haben doch unseren Kühlschrank. Schon oft habe ich jemanden zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt. „Lars,“ hatte Philipp mit versichert, „ich habe mal einen Blick in den Pudding geworfen, den hätte niemand mehr geklaut.“ Er erklärte mir auch, dass durch die günstigen Bedingungen in unserem Kühlschrank sogar Plastik extrem schneller verrotten würde als in der „normalen“ Natur. Es klang irgendwie glaubwürdig und erklärte auch das Verschwinden meines Puddings
Nun ja, kommen wir zurück zum eigentlichen Thema. Um all die unangenehmen Dinge aus der Kategorie zwei wird sich eigentlich immer dann gekümmert, wenn grade mal nichts zu tun ist oder wenn man Frust hat (oder bei Bedarf, wie bei der Sache mit dem Toilettenpapier). Das macht das Ganze wesentlich erträglicher. Alle sechs bis acht Wochen hat sicherlich irgendjemand Langeweile und der Abwasch wird in einem Rutsch erledigt, was dann schon mal den ganzen Vormittag in Anspruch nehmen kann und alle sechs Monate hat im Schnitt jemand Stress mit der „Liebe seines Lebens“. Flur, Bad und Küche glänzen hinterher wieder wie neu. Doch man muss vermutlich Langeweile und Stress habe, um auf die (zugegeben grandiose) Idee zu kommen, den Kühlschrank abzutauen. Ich ging davon aus, dass das wahrscheinlich zu selten passiert, als dass ich es in meiner Amtszeit als staatlich anerkannter Mitbewohner einmal miterleben würde.

Doch eines Tages passierte es. Dann aber gleich richtig. Die genaue Abfolge der Erlebnisse kann ich persönlich (Gott sei’s gedankt) nur nacherzählen, aber es muss sich in etwa so zugetragen haben:

Es war so gegen halb elf, was man aus der Sicht eines Stundenten auch ohne schlechtes Gewissen als „die frühen Morgenstunden“ bezeichnen kann. Der gute Philipp stand noch ein wenig schlaftrunken mit Shorts und SpongeBob T-Shirt in der Küche und machte sich den ersten Kaffee des Tages. Grade, als er die Küche nach getaner Arbeit wieder verlassen wollte, lies ihn der erste Schluck des schwarzen Goldes ein wenig aufhorchen. Er drehte sich noch einmal um und ließ das Bild auf sich wirken. Das rhythmische Tropfen war anders als das, dass das Tropfen des Wasserhahns seit einigen Jahren verursachte und an das sich eigentlich jeder bisweilen gewöhnt hatte. Der obere Kühlschrank ließ ihn stutzen, denn er war geöffnet und nach eingehender Betrachtung stellte sich heraus, dass er komplett geleert und sein Inhalt auf dem Küchentisch ausgebreitet war. Philipp schaute auf den Boden und fand dort ein Meer von Tauwasser vor. Musikalisch wie er ist, erkannte er sicherlich sofort den Takt, mir dem das Wasser der Eiswand in die riesige Pfütze auf dem Boden des Kühlschrankes tropfte.

Es stellte sich heraus, dass irgendjemand auf die Idee gekommen war, den Kühlschrank abtauen zu lassen und nebenher noch einige Besorgungen zu erledigen. Eigentlich kein abwegiger Gedanke wenn man nicht weiß, dass Eis nicht einfach verschwindet, sondern zu Wasser wird und die Eigenschaft besitzt, der Schwerkraft zu folgen. Das bedeutete in unserem Fall (das ist ja hier die Erde): Nach unten. Ich weiß, hinterher klugscheißen kann jeder, aber ich weiß auch, dass derjenige sicherlich Langeweile hatte, Stress mit der Freundin, Prüfungsstress, Versagensängste, schlechte Laute, Stechen im Rücken oder, wie Funny van Dannen sagen würde, Schilddrüsenunterfunktion.
Philipp trank seinen Kaffee und überlegte. Er konnte die ganze Aktion abbrechen, was zur Folge gehabt hätte, dass das Eis irgendwann einmal sein Zimmer erreichen würde, weil es ja der Küche am nächsten lag, oder er konnte an dieser Stelle weiter machen und den Kühlschrank ein für alle mal vom Eise befreien, was… nun ja, Arbeit zur Folge gehabt hätte, was machen, sich bewegen und so. Gar keine so leichte Entscheidung, doch er gab sich einen Ruck und beschloss, die Sache zu Ende zu bringen. Er holte ein paar Handtücher, einen Lappen und Küchenrollen und begann, das Wasser aus dem Kühlschrank zu entfernen.

Das Ganze stellte sich als wesentlich komplizierter heraus, als es auf den ersten Blick aussah, denn das Wasser hatte sich bereits weit nach vorne gewagt. Auch wurde es immer wärmer und das Wasser tropfte schneller nach unten, als er es beseitigen konnte. Es dauerte nicht lange, da lief die Suppe schon über. Sie lief in immer größer werdenden Bächen nach unten und bildete am Boden um den unteren Kühlschrank herum eine Lache. Es muss ungefähr eine Stunde gedauert haben, bis Philipp den Wasserfluss stoppen konnte und alles aufgewischt hatte.

Bedauerlicherweise hatte er keine Zeit, sich im Erfolg der getanen Arbeit zu laben, denn das Wasser hatte wohl schon beträchtlichen Schaden angerichtet. Plötzlich gab es einen Funkenflug und wenn es Nacht gewesen wäre, hätte Philipp im Dunkeln gestanden. Die Küche war stromlos. Nachdem er ein paar Sekunden lang starr in der (imaginären) Dunkelheit gestanden hatte, trennte er den Kühlschrank vom Stromnetz und warf einen Blick in unseren Sicherungskasten. Dieser Kasten muss noch aus der Zeit stammen, als der junge Thomas Alva Edison stolz das Patent für seine Erfindung in der Hand hielt. Jedenfalls konnte Philipp erkennen, dass die Sicherung für die Küche herausgeflogen war, was keineswegs bildlich gesprochen war. Die Sicherung lag auf dem Boden des Kastens und man konnte sehen, dass sie einen Abdruck auf der Innenseite der Holztür des Kastens hinterlassen hatte. Er schraubte die Sicherung für das Badezimmer heraus und setzte sie in der Küche wieder ein, damit wenigstens der obere Kühlschrank weiterarbeiten konnte. Das war wohl zu viel Stress am frühen Morgen für den armen Philipp und als er dann auch noch feststellte, dass der Rest seines Kaffees kalt geworden war, hatte er überhaupt keine Lust mehr und verkroch sich auf sein Zimmer.

Am Nachmittag kam Detlev nach hause und bemerkte, dass der Kühlschrank nicht funktionierte. Er dachte, das läge daran, dass der Stecker nicht in der Steckdose steckte, was ja auch nahe liegend war. Ich meine, im Ernst, wenn der Stecker eines Gerätes nicht in der Steckdose steckt, dann kann ein Gerät nicht funktionieren, also sollte man, wenn ein Gerät nicht funktioniert, nachsehen, ob der Stecker auch in der Steckdose steckt. Detlev sah, dass das Gerät nicht funktionierte und dass der Stecker nicht in der Steckdose steckte, also steckte er den Stecker in die Steckdose.

Den Knall konnte sogar ich hören, obwohl ich Kopfhörer aufhatte, schlief und zwischen meinem Zimmer und der Küche noch das Badezimmer liegt. Nachdem ich aus meinem Bett gefallen war, rappelte ich mich auf und ging nachsehen. Detlev war wohl okay, er saß in der anderen Ecke der Küche in der imaginären Dunkelheit und hielt sich den Kopf. Er konnte mir zunächst nicht sagen, was geschehen ist, doch nachdem wir Philipp geweckt hatten (sein Zimmer liegt neben der Küche und er hatte keine Kopfhörer auf), konnte uns dieser aufklären. Schließlich kam noch Yves dazu und wir beratschlagten, was zu tun sein. Zunächst haben wir die Sicherung des Flurs rausgeschraubt und sie in der Küche eingesetzt. Detlev erklärte sich bereit, neue Sicherungen zu kaufen und zog auch sogleich los. Wir kamen zu keiner weiteren Übereinkunft und beschlossen, unser Dasein vorerst mit einem Kühlschrank zu fristen.
Spät am Abend, ich stand grade mit einer Kerze im Bad und putzte meine Zähne, kam er wieder. Ohne Umschweife setzte er die fehlenden Sicherungen wieder ein. Wie aus heiterem Himmel fing die Waschmaschine hinter mir an zu rumpeln. Bei dem Versuch, die Kerze daran zu hindern, hinunter zu fallen und mir die Haare am Hintern zu versengen verschluckte ich fast meine Zahnbürste. Ich hatte mich grade von diesem Schock erholt, da hörte ich noch, wie Detlev sagte, er wolle „das mit dem Kühlschrank noch mal ausprobieren.“ Bisher wusste ich gar nichts von seinen masochistischen Anwandlungen. Ich versuchte noch, ihn aufzuhalten, doch ich sah nur noch, wie er den Stecker in die Steckdose steckte.

Nachdem der Arzt uns versicherte, dass er keine bleibenden Schäden davontragen würde, beratschlagten wir erneut, was zu tun sei. Bedauerlicherweise hatte Detlev genau zwei Sicherungen gekauft, weswegen wir nun erneut den Flur stromlos machen mussten. Seit diesem Tag leben wir mit nur einem Kühlschrank mit vier Fächern. Ärgerlich, dass wir fünf Leute sind, was das temporäre Zusammenleben in der Küche zu einem Pulverfass macht. Yves wollte das Problem frei nach dem „divede et impera“-Prinzip Cäsars lösen. Er räumte den ganzen Kühlschrank aus, teilte ihn in verschieden große Teile im selben Verhältnis wie die Zimmergrößen zur ganzen Wohnung ein. Schlecht für mich, denn ich habe das kleinste Zimmer. Noch heute höre ich Beschwerden, wenn ein paar von meinen Weintrauben über meine Grenze hinweg in der Halbfettmagarine von Kun hängen. Noch schlimmer ist, dass man mir, ohne vorher meine Meinung einzuholen, das Fach ganz oben rechts zugewiesen hat. Nun wird mein kleines kaltes Reich in beängstigend regelmäßigen Abständen von eben jenem Eisblock verkleinert, von dem am Anfang die Rede war. Jedes Mal, wenn ich mich darüber beschwere, rät man mir freundlich, den Kühlschrank doch abzutauen. Das ist zwar ärgerlich, aber jedes Mal, wenn ich das tue, bietet es mir die einmalige Chance, mein Reich unauffällig um ein paar Millimeter zu vergrößern. Das mag zwar ungerecht erscheinen, doch ich sehe es positiv. Jetzt muss ich wenigstens keine Zettel mehr mit der Aufschrift „Meins“ an meine Lebensmittel pappen.

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63 Antworten

Kommentare

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    oh Gott ich liebe diese Story...

    hab sie schon vielen vorgelesen und

    feier jedesmal die verzwickte Situation mit der Kerze und der Zahnbürste.

    16.05.2014, 19:39 von trix
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  • 1

    "Bio-Müll? Wir brauchen keinen Bio-Müll? Wir haben doch unseren Kühlschrank."


    Sehr lustig! :-)

    22.04.2013, 01:44 von Fromagius
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  • 0

    ich lach mich knitterig! danke das tut gut.

    25.11.2012, 00:51 von ein_zipfelchen_zeit_in_der_tasche
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    :D sehr unterhaltsam. gerade heute haben wir in unserer 6er-WG das Gefrierfach abgetaut und alte "Schätze" sowie 100000 Tüten Hackfleisch gefunden. Zum Glück ist nichts explodiert, sondern nur Eisstückchen in mein Gesicht geflogen bei dem Versuch das Eis  mit einem Eiskratzer zu entfernen...

    30.01.2012, 00:59 von Lin.X
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  • 1

    Es lohnt sich diesen Artikel im Abstand von Monaten wieder zu lesen, er macht jedes mal gute Laune :)

    02.03.2010, 21:27 von Cyro
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    selten so gelacht. WG Leben eben. Mein asiatischer Mitbewohner verigsst auch mal eben über die Weihnachtsferien eine rießige Rinderzunge im Kühlschrank. Na dann, guten Appetitt :-D

    15.01.2010, 23:06 von Kitty_Kaddi
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    Habe laut gelacht (und wahrscheinlich meine WG Mitbewohnerinnen geweckt)...
    Super geschrieben und ich erkenn da so einiges wieder...ist bei einer Frauen WG gar nicht so anders...

    11.01.2010, 02:36 von sparklenina
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    hhahahah geil geil geil

    06.01.2010, 14:56 von Blackalicious21
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