Miss_Satansbraten 30.11.2007, 10:01 Uhr 88 175

Wie Licht schmeckt

Wie tot hat er in meinen Armen gelegen. Sein Atmen war ein Röcheln. Er war gelähmt, komatös, bis an den Rand gefüllt mit seinem Alltagsgift.

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"Hier siehst du den Menschen, der für dein Leben verantwortlich ist"

schrieb ich auf meinen Badezimmerspiegel.
Und dann lauerte ich hinter der Tür.
Wartend, ob du irgendwann den Mut haben würdest, hineinzusehen.

Wie tot hat er in meinen Armen gelegen.
Sein Atmen war ein Röcheln.
Er war gelähmt,
komatös,
bis an den Rand gefüllt mit seinem Alltagsgift.
Ich hab ihn auf der Straße gefunden.
Obdachlos.
Zerschlissene Klamotten, - von seiner Seele gar nicht zu reden.
Auf der Suche nach Leben.
Inmitten von Pisse und Dreck.
Bier und Kotze.
Er war erst 24.
Und er hatte offenbar vor, nicht viel älter zu werden...

Ich sah ihn zum ersten Mal, als er eine "Feuershow" vor meinem Buchladen machte.
Mehr Kind als Mann jonglierte dort unter dem Staunen der Passanten mit brennenden Fackeln,
spuckte Flammen in den Nachthimmel und lieferte mit schlagfertigem Wortwitz eine meisterhafte Show.
Ein Freak kein Zweifel.
Lachend.
Tänzelnd.
Ihn anschauend.
Staunend.
Ich war fasziniert. - Nicht erst, als er sein Tshirt auszog und ein dünner, - mit vielen tätowierten Erfahrungen seines jungen Lebens vertuschter Körper zum Vorschein kam, auf dem er die brennende Fackel rollen ließ.
Während das Publikum bei diesem Anblick johlte, - spürte ich meine Haut schmerzen.
Drei Wochen später blutete mein Mund.
Als er mit zwei Gramm Heroin im gelblichen Restleib, in einer viel zu lauen Sommernacht panisch Feuer schluckend vor den Besuchern eines Cafés auf und ab rannte.
Nur wenige Minuten blieben bis zum nächsten "Schuss".
Und solange er das Geld nicht komplett zusammen hatte, goß er billiges Lampenöl wie Wasser in seinen zerschundenen Körper und schrie seine Angst, seinen Hass und seine Gier in Form von Flammenfontänen in die Köpfe der Zuschauer.
Sie applaudierten und warfen begeistert tanzende Münzen in seinen Hut.
Unaushaltbarer Amokdrang.
Turkey.
Seine Wut ist kein Kind mehr, sie hat seine Vernunft schon längst totgefickt.
Und dann...zwei Minuten später:
Urplötzliche stecknadelkopfgroße Ruhe in gelben Augen.
Zufriedenheit in einem seelig lächelnden Gesicht, während in meinem Gehirn Sterne tanzten und mir sämtliche Synapsen verbrannten.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon alles über ihn.
Übliche Abfolge, nichts besonderes.
Gymnasium abgebrochen,
Ausbildung vergessen,
die falschen "Freunde",
coole Punker,
wohnen in Abrisshäuser,
scheißen aufs System und die Straße.
Irgendwann fixt ihn jemand an.
Der klassische Bilderbuchabgang.
Dann irgendwann aneinandergeklebte Bahnhofsliebe.
Die Rettung?!
Ihr Verlust.
Der Absturz.
Obdachlosigkeit, weil sie alles mitnahm.
Nun wohnt er in seinem blauen Rucksack.
Sein Hund wärmt ihn nachts auf der Bahnhofbank.
Alternativen?
Wozu?
Ihm geht es doch gut!
Er verdient nämlich ein Heidengeld, ist selbstständiger Gaukler und Animateur.
Geht nach einer Woche aufm Mittelaltermarkt mit 1000 Euro nach Hause, wenns gut läuft.
Und drogensüchtig ist er natürlich nicht...und..

heute.
Vier Monate Schweiß.
Blut.
Kotze.
Tränen.
Schreie.
- unterbrochen von Gelächter, glücklichen gelben Augen und Sinneswandel liegen hinter uns.

Meine Freunde erklärten mich damals für komplett verrückt und "völlig bescheuert".
Wie man sich "einen fremden Junkie von der Straße in die Wohnung holen und nen kalten Entzug mit ihm machen kann", ...."der ist süchtig, Mel, dem kannst auch du nicht helfen"...und außerdem wird der dich beklauen, wenn du nicht da bist!"
Und während ich versuchte, meine Angst mit einem gewinnenden, zuversichtlichem Lächeln vor dem Rest der Welt zu überspielen, ist er - in meiner Wohnung eingeschlossen - gegen Wände gerannt.
Jeden Tag hatte ich Kopfschmerzen davon.

Nächtelang konnte ich nicht schlafen, weil sein wehleidig röchelndes Träumen aus dem Nebenzimmer kleine nasse Flüsse an meinem Körper hinab gleiten ließ.
In seinem Gesicht jedoch entstanden ganze Seen.
Und Ozeane in seinem Herzen.
Bis er keine Tränen mehr hatte.

Seine Kotze stank erbärmlich und fraß sich in meine Fußsohlen,
wenn ich
- aufgewacht von seinen Schreien -
nachts aufstand, um nach ihm zu sehen.
Ich fror von seinem Schüttelfrost und meine Knie waren wund von seinem Kopf, der sich ständig an sie schmiegte, sie umklammerte und mit festem Fingernagelgriff Halt in ihrem Fleisch suchte.

Nachdem ich sämtliche Gelder beantragt und ihn krankenversichert hatte,
sind wir von Klinik zu Klinik gelaufen, um einen Entgiftungsplatz für ihn zu bekommen.
Aber alle weiß angezogenen Augenpaare wandten sich von uns ab.
"Kommen sie in drei oder vier Wochen wieder", erklärten sie uns resigniert, während sie rollten.
Er stand hilflos vor ihnen, seine blutunterlaufene Seele demütig auf den sterilweißen Fußboden gerichtet.

"In drei Wochen bin ich vielleicht schon tot", flüsterte er schwach.
"Aber trotzdem vielen Dank, dass sie sich für mich Zeit genommen haben."
Fassungsloses Zucken in meinen Händen.
Als wir die letzte Klinik verließen, sank er kraftlos auf den Asphalt.
Ihre gleichgültigen Messer steckten tief in seinem bunten Bauch, in seinen Eingeweiden, in Waden, Unterarmen und seinem Herz.
Er schrie und wand sich,- als ich ihn ins bunte Herbstlaub drückte, die Arme hinter seinem Rücken an der Realität fest band und ihn von den scharfen Klingen befreite.
Er wollte nicht mehr.
Wollte alles.
Drauf sein.
Voll sein.
Leben.
Sterben.
Von oben bis unten ausgefüllt sein.
Mit Gift.
....
Ich habe ihn vergiftet.
Mit Liebe.
Hoffnung.
Zuversicht.
Glaube.
An ihn.
Mich.
Wunder.


"Ich nehme an, Sie haben sich über die Statistiken informiert, Frau T.", erklärte mir der Chefarzt in den "Neinstedter Anstalten". "Seine Chancen stehen eher schlecht, er ist politoxikoman und die Rückfallquote bei Heroin liegt über dem 80%-Bereich. Aber wir werden hier das Bestmöglichste für ihn tun."

Aufatmen.
Doch nach nur 14 Stunden erleichterter Sauerstoffzuführ kam sein Anruf.
"Mel, bitte...du musst mich hier wieder rausholen...einer der Typen hat das Zeug in seinem Arsch hier in die Klinik reingeschmuggelt...die Line liegt auf dem Fensterbrett..."
Panik.
Hektisches Fahren ans andere Ende der Stadt.
Schlüssel entriegelten Türen.
Taschen waren noch gepackt.
Wieder zurück in meine vier Wände.
Kraftlos, aber zufrieden sank er in die Kissen der Couch und schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen saß ich gerade am Schreibtisch meines Arbeitsplatzes, als sein Anruf kam.
"Mel...du glaubst nicht, was passiert ist...aber....mein Hund .....ich hab ihn nur eine halbe Stunde alleine in deiner Wohnung gelassen....er ....er hat Hamlet gefressen."

Der Telefonhörer fiel mir aus der Hand, das Büro begann sich zu drehen und vor meinen Augen zu einer breiigen grauen Masse zu verschwimmen.
Ohrensausen.
Dunkelheit.
Nichts.
Ich rutschte vom Stuhl.
Im Auto des Kumpels, der mich sofort von Arbeit abholte schrie ich wie ein verwundetes Tier.
In der Wohnung angekommen ...ein Bild des Grauens.
Chaos.
Blut.
Hundescheiße.
Hasenkot.
Mein verängstigter blinder Hund, der nichts von dem verstanden hatte, was sich hier in den letzten Stunden abgespielt haben musste, in seinem Körbchen.
Sein verprügelter Hund zitternd in der anderen Ecke des Zimmers.
Kissen,
Decken,
durcheinander,
Möbel umgestürzt,
der Hasenstall in seine Einzelteile zerlegt.
Und mittendrin stand er,
den Wischeimer in der Hand, blutbesudelt .... nen Dübel im Mund.

Mein zweiter Hase "Crash" hatte die Szenerie überlebt und ich fand ihn regungslos - aber lebendig im Hundekorb meines Labradors.
Eindeutige Vitalzeichen.
Hatte wohl Schutz gesucht beim "großen Bruder".
Nach vorsichtigem Hochheben des Häufchen Fells, - verzweifeltes Schreien, Weinen, Tränentauschen.
Meine sah man, seine nicht.
Crash weinte leise.
Ich drückte ihn an mich und alle Dämme brachen, alles würgte sich durch sämtliche Öffnungen meines Körpers.
Er blieb. Stumm.
Die vom Schock weit aufgerissenen Hasenaugen spiegelten in Endlosschleife´per Momentaufnahmen das unvorstellbar schreckliche Geschehen wider.
Von da an jeden Tag.
Crash schaut mich nun mindestens einmal täglich an...

Hamlet war überall.
Auf dem Boden im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, im Bad.
Sein Rücken lag auf der Anrichte,
ein paar Beine im Flur.
"Ich kann seinen Kopf nicht finden", erklärtest du nüchtern, während du den Lappen mit deinem rechten Fuß in einer Blutlache hin und herbewegtest.

Die Leitungen zu meinem Gehirn waren verstopft.
Selbst meinen Kopf hin und her zu schütteln und ihn gegen die Wohnungstür zu schlagen, löste die Drähte meiner inneren Verknotungen nicht.
Ich war unfähig zu begreifen, welch ein Bild sich mir bot.
Die Unmöglichkeit dieses Augenblickes und seine Realität zwangen mich auf die Knie.

Er wrang den Lappen aus und inhalierte nebenbei genießerisch Gras nebst
Billigtabak.
Seine roten Augen schauten verständnislos fragend an meinen zusammengesunkenen blassen Tränenwangen hinab.
Das Hasch hatte seine Pupillen zwar größer gemacht, aber ich konnte das Heroin in seinem Körper förmlich riechen.
Emotionslos sprang sein Blick von mir zurück auf den Wischlappen.
Tote Haut starrte in den Eimer.

"Raus!" schrie ich innerlich!

SCHEISSWUT!

"Raus hier!", fluchten meine Lippen tonlos, während ich meine Tasche nahm und fluchtartig die Wohnung verließ.

Nach drei Wochen Antidepressiva, einem Hasengrab im Wald, Selbstmitleid und endlosen Telefonaten mit Behörden und Kliniken ENDLICH ein Therapieplatz.
Ich konnte kaum noch aufrecht stehen.
Die Verantwortung hatte mir 8 kg Fleisch aus dem Bauch gefressen und mein Gehirn fühlte sich jeden Tag an, als hätte es jemand mit Pricknageln durchstanzt.
Acht Wochen "Freiheit" meiner eigenen Gefangenschaft folgten.
Dann stand er plötzlich wieder vor mir.

"Ich muss es allein schaffen", sagte er.
Erfolgloses Suchen des Gierschleiers in seinen blauen Augen.

"Ich werde es allein schaffen", flüsterten seine gesunden rote Lippen lächelnd während er mich in die Arme nahm.

"Alleine - mit dir."



Suchtzentrum.
Zweimal wöchentlich Urinkontrolle.
Betreutes Wohnen.
Therapie.
Bewerbung.
Ausbildung.
Er geht mit bei allem, was ihm gesagt wird.
Sein Körper ist schwach von dem plötzlichen Lachen, das viel zu groß für sein Gesicht zu sein scheint.
Zuversicht.
Hoffnung.
Leben.
Macht sich in ihm breit.


Gestern hat er sich vor meinem Badezimmerspiegel die Haare rasiert.
Als er wenig später meine Wohnung verlassen hatte und ich den Raum betrat, brannten meine Augen.

"Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt"

stand dort in Lippenstiftrot auf dem Spiegel.


Tags: Verpasste Chancen
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    Puh, unglaublich gut...Anfangs find ich ihn etwas schleppend, der Wendepunkt lässt etwas auf sich warten. Aber an jener Stelle dann so packend...Fast unheimlich. Ich glaub ich war lange nicht mehr so angespannt beim Lesen. Danke für die fesselnde Erzählung.

    21.10.2013, 14:07 von keinmaerchenbuch
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    Alltagshelden!

    07.01.2013, 16:20 von lelie
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    unglaublich gut.

    16.11.2012, 17:59 von lijamati
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    Scheiße was für ein guter Text. Mir ist schlecht.Vor Angst und Wut und Erleichterung.

    16.11.2012, 17:41 von ein_zipfelchen_zeit_in_der_tasche
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    wundervoll.

    07.12.2011, 19:42 von pecadomortal
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    Solche Helden braucht die Welt.

    12.10.2011, 21:23 von natece
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    Da steckt so viel Emotion drinnen und so viel Wahres. Hat mir sehr gut gefallen.

    20.06.2011, 19:53 von wunschpunkt
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    Wunderbar!

    11.02.2011, 14:12 von topfbluemchen
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