frl.froehlich 30.11.-0001, 00:00 Uhr 97 60

Wie hässlich können schöne Menschen werden

Im Laufe eines Lebens begegnet man einer ganzen Menge Menschen.

Zum Beispiel die, die du flüchtig kennst, weil sie im Kindergarten immer deine Schüppe geklaut oder in der Realschule im Religionsunterricht neben dir gesessen haben.
Dann gibt's die Sorte Mensch, die man irgendwo kennen lernt und bei denen es gut ist, dass es sie gibt. Bekannte eben. Menschen bei denen man sich freut, wenn man am Wochenende mal das ein oder andere Bier in seiner Lieblingsbar oder in einem angesagten Club trinkt. Smalltalk, das war's. Bis zum nächsten Mal.
Es gibt Menschen, die man trifft, man versteht sich und es entwickelt sich eine wundervolle Freundschaft. Und dann gibt es noch die seltene, wirklich ganz seltene Sorte Mensch, die einem so mir nichts dir nichts über den Weg läuft, dich ansieht und durch deine Augen direkt auf den Grund deines Herzens blicken kann. Solche Menschen, bei denen man fast Luftsprünge machen könnte alleine bei dem Gedanken an ein Wiedersehen. Bei deren Anblick man denkt "Du bist schön... Aber nicht wegen deines Äußeren".
Bisher durfte ich zwei solcher Menschen begegnen. Meiner besten Freundin und dir.

Als wir uns vor ca. 3 Jahren kennen lernten, warst du unscheinbar. Ja sogar sehr. Wenn ich so daran denke, muss ich fast ein bisschen schmunzeln. Es ist Ironie, irgendwie.
In der Schule haben wir uns kennen gelernt. Mehr oder weniger. Eigentlich wussten wir schon seit deinem 16. Lebensjahr, wer der andere ist.
Dann, in der Abizeit war es so weit, dass sich unsere Wege kreuzen sollten.
Heute sitze ich manchmal hier und denke "wieso eigentlich?" Wer kam auf diese bescheuerte Idee?

Du warst immer etwas ganz besonderes. Mein Ex-Freund ist fast an Eifersucht gestorben, weil du für mich so besonders warst, dass mir jede Meinung von jedem anderen egal war. Hauptsache, wir konnten Zeit miteinander verbringen.
Du warst eben schön für mich. Das sollte mir keiner nehmen.

Mit der Zeit wurde unser Verhältnis anders. Wir waren offen zu einander. Sehr offen. Bis sich heraus stellte, dass da mehr war. Aber nicht von meiner Seite. Mein bester Freund konnte nicht in mich verliebt sein. Ich wollte mir das doch nicht durch Gefühle kaputt machen lassen.

Als ich mich später für dich entschied, weil ich mich in deinen Charakter verliebt hatte, wusste ich noch nicht, dass nicht ich diejenige sein sollte, die alles kaputt macht. Obwohl ich davor die meiste Angst hatte. Ich dachte, ich würde immer die bleiben, die dir nicht genug geben kann. Ich würde die sein, die das ganze kaputt macht. Ich wäre schuld, wenn wir uns verlieren.


Wie werden aus Menschen, die mal so schön waren, die hässlichsten Monster, die man sich vorstellen kann? Solche Monster, wie es sie früher in Träumen gab. Solche Träume, aus denen man wach wurde und schnellst möglich zu Mama und Papa ins Bett gekrabbelt ist, weil man befürchtete, dass sie einen holen und einem dann, allein durch ihren Anblick, irgendwas Schlimmes passiert.
Ganz einfach. Sie enttäuschen dich. Sie enttäuschen dich so sehr, dass du denkst, deine Welt hört schlagartig auf sich zu drehen, und durch den abrupten Stop fliegt dir alles um die Ohren. Laut, schnell, chaotisch.
Du stehst vor einem Trümmerhaufen und es dauert bis du merkst, dass dieser Haufen ein Mix aus deiner Liebe, deinem Vertrauen, deinen Gefühlen, deiner Freundschaft, ja ein Mix aus allem ist, was du investiert hast. In meinem Fall mit einem imaginären Post-it oben drauf, auf dem so etwas stehen könnte wie "nie benötigt" oder "Lumpen und Alteisen" oder so was.

Beziehungen gehen auseinander. Das ist nun mal so. Nur die Art und Weise wie.
Man muss sich vorstellen... da gibt man alles was man hat, weil man der Meinung ist, jemanden gut zu kennen und weil man meint, dass alles das, was man tut ankommt. Man fühlt sich komplett in der Gegenwart dieses Menschen.
Aber was passiert, wenn man merken muss, dass der andere scheinbar ein komplett anderes Bild von Beziehungen hat? Was passiert, wenn man merkt, dass man selbst mit emotionaler Intelligenz ausgestattet ist, der andere jedoch noch nicht mal den Ansatz von Emotionalität und Taktgefühl besitzt? Wenn man merkt, dass da die ganze Zeit eine Fassade aufrecht erhalten wurde? Wenn man merkt, dass der andere nicht in der Lage ist einen auf zu fangen, wenn es ihm schlecht geht, sondern flüchtet? In die Arme einer anderen. Was dann? Was wenn man merkt, dass so was nicht nur einmal, sondern während der gesamte Beziehung passiert ist? Und dann noch mit der Frau die vor einem sein Herz besessen hat. Oder es immer noch tut.
Was ist, wenn der beste Freund stirbt und doch nicht tot ist?
Was dann?
Man begräbt ihn trotzdem. Das ist leichter als sich vor zustellen, dass er niemals wirklich da war.

Du hast keine Ahnung, wie hässlich du bist. Wie ein Monster aus meinen Kinderalpträumen. Ungefähr so hässlich wie der komische Hund unserer Nachbarin. Selbst das ist fast noch zu nett.
Einer meiner Leitsätze ist, nichts in meinem Leben zu bereuen, wenn ich mit vollem Herzen und ganzer Energie dahinter gestanden habe.
Wir hatten eine wundervolle Zeit. Denk bitte nicht, dass ich dich hasse. Nein, das tue ich nicht. Ich habe Mitleid. Wirkliches Mitleid. Du hast nie gelernt aufrichtig zu sein.
Weißt du was ich dir wünsche? Ich wünsche dir Kraft. Ja, Kraft. Genau so viel Kraft wie ich sie aufbringen musste um zu begreifen, dass der Mensch, der mir am meisten bedeutet hat, nicht mehr da ist. Die Kraft die ich benötigt habe, um Fotos, Festival Karten, Erinnerungen in eine Box zu packen und da hin zu stellen, wo ich sie nicht mehr sehe. Die Kraft, die ich brauchte um zu verstehen, wieso du so bist wie du bist. So unecht.

Ich wünsche dir, dass du lernst, ehrlich zu sein. Ehrlich zu deinen Mitmenschen, aber vor allem zu dir selbst. Das hilft in vielen Dingen. Ich wünsche dir außerdem, dass du verstehst, dass es ok ist, Gefühle zu haben. Egal ob Angst, Liebe, Hass, Trauer, was auch immer. Die gehören dazu... und sie sind wunderbar.
Ich wünsche dir, dass du in Zukunft merkst, dass Oberflächlichkeit nicht lange währt. Die Dinge bleiben nicht immer schön. Und dann braucht man Freundschaft. Ich drück dir die Daumen, dass du so eine Freundschaft noch mal findest. Du brauchst sie dringender als manch anderer.
Manchmal ertappe ich mich sogar dabei, dass ich mich bei dir bedanken möchte. Nicht für den Betrug oder so. Dafür, dass ich an Erfahrung reicher bin und dafür, dass ich wachsen konnte. Dafür, dass ich wieder mal gesehen habe, wer meine Freunde sind, wie wichtig Familie ist und für die Gewissheit, dass ich stark bin.

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97 Antworten

Kommentare

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    oh.
    ich find' mich so sehr wieder darin.

    26.08.2010, 21:32 von eskalation
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    Fast zu ehrlich für die vielen Fasaden hier...

    07.07.2010, 16:43 von musicalism
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    Danke...Du sprichst mir aus der Seele. Ich stecke genau da noch mittendrin.

    Aber es tut gut zu lesen, dass es noch mehr Menschen gibt denen es so geht oder ging.

    13.06.2010, 11:37 von Chaosqueen13
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    Sag mal hast du in meinen Gedanken gestöbert und daraus diesen wunderbaren Text gemacht? Es ist erschreckend. Aber auf eine gute Art und Weise.

    Man muss sich vorstellen... da gibt man alles was man hat, weil man der Meinung ist, jemanden gut zu kennen und weil man meint, dass alles das, was man tut ankommt. Man fühlt sich komplett in der Gegenwart dieses Menschen.

    Was passiert, wenn man merkt, dass man selbst mit emotionaler Intelligenz ausgestattet ist, der andere jedoch noch nicht mal den Ansatz von Emotionalität und Taktgefühl besitzt? Wenn man merkt, dass da die ganze Zeit eine Fassade aufrecht erhalten wurde?

    Wir hatten eine wundervolle Zeit. Denk bitte nicht, dass ich dich hasse. Nein, das tue ich nicht. Ich habe Mitleid. Wirkliches Mitleid. Du hast nie gelernt aufrichtig zu sein.

    Weißt du was ich dir wünsche? Ich wünsche dir Kraft. Ja, Kraft. Genau so viel Kraft wie ich sie aufbringen musste um zu begreifen, dass der Mensch, der mir am meisten bedeutet hat, nicht mehr da ist. Die Kraft die ich benötigt habe, um Fotos, Festival Karten, Erinnerungen in eine Box zu packen und da hin zu stellen, wo ich sie nicht mehr sehe. Die Kraft, die ich brauchte um zu verstehen, wieso du so bist wie du bist. So unecht.

    Ich bin einfach nur ... ich kann's nicht in Worte fassen! DANKE!!! - Für diesen wunderbaren Text.

    NEON spinnt mal wieder. Mein Kommentar ist irgendwie in einen anderen Kommentar mit reingerutscht... Auch wenn's schon wieder fast ein Jahr her ist: Dieser Text hat mir wirklich geholfen über meine Ex hinwegzukommen. Danke!

    22.03.2010, 17:15 von x.damn.verwirrt
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      @[Benutzer gelöscht] ich muss sagen, dass ich den text nicht "wunderschön" geschrieben finde, so wie viele hier. ich finde er ist echt, schlicht und du sagst einfach nur was du gefühlt hast. stilistisch oder ähnliches ist er nicht anspruchsvoll und auch die aussage ist natürlich nichts neues. ich fand den text aus einem anderen grund interessant: ich habe mich wiedererkannt. nicht in dir, sondern in ihm. wenn du willst kann ich dir erklären wie man so ein monster sein kann und warum es sogar besser ist so zu leben. es ist zwar hart, und man muss auch dafür geboreb worden sein, aber es ist auf jeden fall bessre für dich. du willst das er lernt gefühle zuzulassen? damit er auch verletzt werden kann. er soll lernen aufrichtig zu sein? damit er auch verletzt werden kann. er soll zeign wie er wirklich ist, offen und ehrlich sein, sich selbst geben und sich auch in die hände anderer geben? er wird verletzt werden, aber wozu? andersrum ist es deutlich einfacher. und besser.

      16.03.2010, 16:27 von Junger_Faust
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      @Junger_Faust Inzwischen is der Schmerz verflogen und ich muss sagen, dass ich ihn nur noch als schwache Person sehe, die es vorzieht andere Menschen zu verletzten, bevor es ihm passiert.
      Ich weiß, dass es viele Männer (und sicher auch Frauen) gibt, die so denken. Allerdings finde ich hat jeder Mensch das recht so zu leben wie er will, solang Andere nicht zu schaden kommen. Alles andere mag zwar einfach sein aber auch nur, wenn man kein Gewissen bzw. kein Interesse an seinen Mitmenschen.

      16.03.2010, 16:36 von frl.froehlich
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    Wunderschön geschrieben, bringt die Sache auf den Punkt. Besonders dieser Abschnitt::
    Was ist, wenn der beste Freund stirbt und doch nicht tot ist?
    Was dann?
    Man begräbt ihn trotzdem. Das ist leichter als sich vor zustellen, dass er niemals wirklich da war.

    Danke!

    07.01.2010, 13:05 von Lacrizn
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    Mach dir da nichts vor, solche Menschen lernen es nie. Ich war mal ungefähr in dieser Situation, mit den gleichen Gedanken. Mir gefällt dein Leitsatz.
    Wünsch dir lieber, dass es DIR gut geht. Aber dem ist eindeutig nicht mehr zu helfen. Irgendwann wirst du ihn vielleicht doch hassen.

    19.11.2009, 11:20 von she_devil
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    Was ist, wenn der beste Freund stirbt und doch nicht tot ist?
    Was dann?

    ja traurig ist das... und es ist so schwer loszulassen...

    19.11.2009, 10:43 von Canadajojo
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    wie wahr...

    11.08.2009, 02:01 von Linska89
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    Ich hab mich noch nie so mit einem Text identifizieren können. Aber ich habe gleichzeitig noch nie solche Abneigung für diese Situation empfinden können.
    Ich habe immer noch Gänsehaut.

    Du hast keine Ahnung, wie hässlich du bist. Wie ein Monster aus meinen Kinderalpträumen.

    30.07.2009, 01:50 von T.iffy
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