RedSonja 30.11.-0001, 00:00 Uhr 19 42

Wie es ist

Mein Gegenüber schaut mich mit riesengroßen Augen überrascht an und fragt nach einer kurzen Atempause: "Ja, und wie ist das so?"

Ich habe gerade erzählt, dass mein 11-jähriger Sohn mehrfach schwerbehindert ist.

Ja, und wie ist das so?

Ganz ehrlich?
Scheiße ist es - und das steht für eine ganze Palette von häßlichen Gefühlen, die sich da zu Wort melden:

Trotz, wenn meine Umwelt mir zu verstehen gibt, dass wir aus der Norm fallen, irritieren und stören. Wenn wir auf der Strasse angeglotzt werden, weil mein Kleiner in Verhaltensstereotypen verfällt, die laut sind und unangepasst. So wie wir in Cafés, Kneipen oder Restaurants pikiert angeschaut zu werden, wenn er seiner Freude über sein neues Spiel lautstark Ausdruck verleiht

Erschöpft bin ich, weil sich der Antrag auf einen Einzelfallhelfer jetzt über 2 Jahre hinzieht

Wütend macht mich der Gedanke, die machen das nur, damit wir den langen Atem verlieren und den Antrag vergessen

Dummheit und Vorurteile unterstelle ich, wenn ein Psychologe meinem Kind geistige Behinderung attestiert

Hass rührt sich, wenn mir anempfohlen wird, den Kurzen in ein Internat für schwer Erziehbare zu stecken, damit er "gebessert" werde

Hilflos frage ich mich, ob ich während der Schwangerschaft etwas falsch gemacht habe oder ob die Geburt nicht rechtzeitig eingeleitet wurde

Resigniert bin ich, wenn ich lese, dass "es" ein genetischer Defekt sein könnte, der nicht "heilbar" ist

Traurig macht mich sein Blick, wenn ich in seinen Augen sehe, dass er langsam versteht, dass er anders ist als andere Kinder und von seiner Umwelt mit Unverständnis und Ablehnung angesehen wird

Verzweifeln läßt mich der Gedanke, dass er vielleicht trotz seiner Intelligenz nie alleine und selbständig leben können wird

Frustriert bin ich, wenn ich den nächsten Urlaub plane und weiß, dass wieder nur die Fahrt zu meiner Mutter in frage kommen wird, weil er die Eindrücke einer fremden Umgebung nicht verarbeiten kann

Egoistisch finde ich mich, wenn ich den Wunsch verspüre, fortzugehen und alles hinter mir zu lassen

Selbstmitleidig werde ich, wenn ich in Gedanken versinke, wie alles hätte sein können, wenn .. ja nur wenn….

Arroganz rührt sich, wenn ich andere Mitmenschen über ihre Probleme jammern höre

Peinlich ist es mir, wenn mich Menschen mitleidig anschauen und sagen: "Das merkt man Ihnen aber gar nicht an."

Ja, so ist es. Und anders.

Und ich würde ihm gerne sagen: "He, mach dir keine Sorgen, wir kommen da durch, du und ich"

Meinem Gegenüber sage ich dann: "Naja, was soll ich sagen, vielleicht auch nicht anders als mit einem normalen Kind""Wichtige Links zu diesem Text"
http://autismus-kultur.de/autismus/eltern/willkommen-in-holland.html

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19 Antworten

Kommentare

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    ich bin grade auch nicht wirklich fähig einen sinnvollen kommentar abzugeben.
    dennoch störe ich mich an einem wort...
    "gebessert" <- wirklich gefallen?
    unglaublich!
    fällt mir nichts mehr zu ein... methoden und ausdrücke wie vor 70 jahren :-(

    07.10.2009, 03:34 von Dude01
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    hut ab! du verdienst meinen respekt!!

    13.01.2009, 21:04 von mousetrap
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    lässt mich erstmal wortlos zurück!

    05.11.2008, 20:55 von marco_frohberger
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    Ich hab' gerade deine beiden Artikel "Wie es ist" und "fuer den Rainman" gelesen.
    Weiss nicht, ob's was bringt, aber: An unserem Fachbereich gibt es einen Diplomanden mit Asperger (er sagte das zumindest), der zeitweise auch in der "Diplomandengrube" meines Instituts (theoretische Festkoerperphysik) untergebracht war (also da wo die ganzen angehenden Klugscheisser sitzen und an ihren Meisterwerken feilen). Ja, mir scheint, er hat es nicht leicht. Nein, er merkt nicht, dass seine Mails nicht lustig, sondern absolut unangebracht sind. Ja, er hat schon genervt, wenn er hektisch war und mit sich selbst geredet hat. Und er tauchte sehr selten auf, vielleicht, weil es schwer fuer ihn war, mit 3 anderen in einem Zimmer zu sitzen. Ja, auf einige scheint er SEHR arrogant gewirkt zu haben. Und nicht wenige haben so eine "Der macht wohl was besonderes aus sich" - Einstellung, obwohl sie nichtmal die Energie aufbringen, mal schnell "Asperger, Wiki" zu googeln.
    - Es ist nicht leicht, sich zu sagen, das jmd., der offentsichtlich intellektuell voellig normal funktioniert, das nicht so meint, was er sagt, oder gar nicht versteht, wie das ankommt. -

    Und er ist auch MIR manchmal auf den Sack gegangen, trotz 15 Monaten Erfahrung durch Zivi in einer KB - Schule und obwohl ich mich ein bisschen informiert hatte.
    Wenn's mir zuviel wurde, bin ich eine Rauchen gegangen & hab mir gesagt, das es fuer IHN wahrscheinlich 100 mal schwieriger mit uns ist als umgekehrt. ABER: er war (ist?) da, er schreibt seine Diplomarbeit in einem sauschweren Fach (Kosmologie) und er geht mit andern Leuten um, wenn auch selten und manchmal sehr speziell, er tuts, in welcher Form auch immer.
    Ich meine nur, das dein kleiner Pirat vielleicht ein sehr ungewoehnliches Leben haben wird, aber vielleicht auch keins der schlechtesten. Bei der Mutter bin ich mir sogar ziemlich sicher.

    Und wer zum Teufel sagt, das dir das nicht auch mal zuviel werden darf?

    17.08.2008, 21:03 von hellerBARde1789
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    Du hast ein Recht auf alle Emotionen. Nur wer fühlt kann auch wieder Kräfte zum Weitermachen sammeln. Die wünsch ich dir.

    25.07.2008, 12:08 von volumINA
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    hallo an euch alle.

    ich freue mich über eure empfehlungen und ich hoffe, ich habs geschafft, mich bei allen zu bedanken.

    auch die kommentare von euch haben mich wirklich gefreut und das positive feedback ist für mich ein zeichen, dass es gut ist, offen mit der situation umzugehen. auch dafür ein danke von herzen.

    ein wort zu taekwon.
    ich möchte nicht behaupten, ihn wirklich zu verstehen, aber ich respektiere sein art, seine anteilnahme auszudrücken.
    er ist sicherlich niemand "von der stange", aber ich gehe davon aus, dass er ehrlich ist in dem was er zum ausdruck bringt, auch wenn wir ihn nicht immer nachvollziehen können.

    respekt, bitte.

    ich danke euch nochmal allen!

    23.06.2008, 17:38 von RedSonja
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    Man muss leider sagen, dass es einfach nicht sehr viele intelligente Menschen gitb, die auch noch empathiefähig sind. Und das Thema Behinderung ist anscheinend ein Tabu, da sind die Leute sehr schnell peinlich berührt.
    Neulich hat mich der Freund einer Freundin gefragt: "Ich hab gehört, es ist was mit Deinen Augen. Merkt man gar nictht. Was hast Du denn" Ich: "Ich bin sehbehindert." Er: "Oh. Aber Du solltest das nicht unbedingt erzähen so wie mir jetzt. Damit erschreckst Du sicher viele. Würd ich nicht machen." Danke auch.
    Man kann meines Erachtens nur versuchen, die positiven Reaktionen zu gewichten, die es auch häufig gibt.

    19.06.2008, 18:19 von eineLeserin
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    ich kenn dich zwar gar nicht persönlich und so, aber ich würd dich gern in den Arm nehmen.(jaja, kommt nur her mit euren blöden Kommentaren, aber so fühl ich halt grade!)

    Dass du ein sehr starker Mensch sein musst, das merkte man ja schon oft. Jetzt weiß ich wenigstens, woher das kommt.

    Empfehlung!

    19.06.2008, 17:34 von Kaddinsky
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    Respekt.

    19.06.2008, 00:23 von touchthesky
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