mariada 08.02.2007, 01:06 Uhr 99 113

Wenn Nächte süß und traurig werden

Und wieder sitze ich hier. Allein. Das heißt, nicht ganz. Zu meiner Rechten eine Tafel Schokolade und ein halbes Glas Rotwein

Die alte Uhr auf meinem Nachttisch springt soeben um auf 01:18. Wobei springen natürlich maßlos übertrieben ist. Eher quält sich die sieben mühsam nach oben, während die acht fast schon widerwillig erscheint. Und um ganz ehrlich zu sein liegt links neben mir die zusammengenüllte Verpackung der Schokolade, die vor einer halben Stunde dran glauben musste und direkt daneben steht die Flasche Merlot, deren Inhalt mein Glas nicht mal mehr zu einem Viertel füllen würde. Ich überlege mir noch, ob ich eventuell noch eine Kerze anzünden sollte und im Hintergrund Diana Kralls "Boulevard of broken Dreams" laufen lassen sollte, verwerfe diesen Gedanken jedoch augenblicklich, denn ich weiß, ich müsste heulen.

Es gibt nunmal diese Nächte, in denen Freunde und Familie nicht weiterhelfen können. Es gibt diese Nächte, in denen es sich nicht einmal lohnt, Pizza zu bestellen oder die Glotze anzuschmeißen. Man sehnt sich nach so vielem und doch, in dem Moment, genau in so einem wie dem um 01:18 Uhr, hat man keine Lust auf nichts. Auf gar nichts. Ganz schleichend überkommt einen das Gefühl der Einsamkeit. Ach was wäre die Welt schön, wenn ich jetzt, genau jetzt, jemanden hätte. Mich an jemanden kuscheln könnte, meine kalten Füße unter seine herrlich warmen Waden schieben könnte und der Nacht einen kaum hörbaren und dennoch unheimlich glücklichen Seufzer schenken könnte. Doch leider bleibt es in diesen Nächten nicht nur bei diesen Träumen.

Nachdem man diese Gedanken loslässt, kommen auch schon die nächsten. Und es verblüfft mich immer wieder, dass die Steigerung immer ins Negative verläuft. Im Anschluß an die süßen "Ach-was-wäre-das-schön"-Geschichten kommen gleich die "Was-wäre-wenn"-Geschichten. Und ganz plötzlich sind wieder alle gescheiterten Affären präsent mit all den Fragen und all den unasgesprochenen Wünschen, Emotionen, all den Lügen und den Halbwahrheiten. Und wieder findet man sich, obwohl mittlerweile 01:37 Uhr und wer weiß wie lange schon von den schönen Zeiten entfernt, mitten drin im damaligen Trennungsschmerz. Wieder stellt man sich dieselben Fragen, die mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit niemals beantwortet werden, da man den dafür richtigen Moment hat verstreichen lassen. Wieder verspürt man ein kleines, wenn auch wirklich nur ein ganz winziges Verlangen nach diesem Menschen, den man sich so sehr gewünscht hat und nicht bekommen hat. Selbst wenn man ihn ohne Wein und Schokolade gar nicht mehr wirklich will.

Dann irgendwann, vermutlich gegen 02:30 Uhr, wenn sich zu Hause tatsächlich nichts Süßes mehr und erst recht keine zweite Flasche Wein findet und man auf dem Balkon auch noch feststellt, dass in dem roten Päckchen sich nur noch zwei Zigaretten befinden, ist man endlich bereit, sich wohl oder übel wieder zusammen zu reißen. Man schaut dann in den Himmel, schenkt ihm, wenn auch keinen glüklichen, aber immerhin einen "ach-was-solls"-Seufzer und schleppt sich ins Bett. Dort angekommen, hängt man womöglich noch fünf oder sechs Minuten dem melancholischen Abend nach, doch schon beim Löschen des Lichts ist man wieder ganz zufrieden mit der Situation, wie sie jetzt ist.

Ich denke an Freitag, wenn meine beste Freundin endlich von ihrer Dienstreise wiederkommt und wir wieder in unsere Stammbar gehen, in der seit Neustem dieser unverschämt gutaussehende Brünette ein- und ausgeht. Mein Herz macht einen kleinen Sprung und die Welt sieht wieder ganz passabel aus. Gleich werde ich das Licht löschen und zufrieden einschlafen...wäre da nicht..

..der nächste Morgen, an dem ich mich tierisch über die Schokolade und den Wein ärgern werde und mir wie immer hoch und heilig schwören werde, dass ich meine negativen Emotionen niemals wieder mit Alkohol oder Süßem bekämpfen werde. Und das einzig positive wird sein, wenn ich mit meinem Kaffee auf den Balkon trete und sehe, dass ich wenigstens schlau genug war, mir noch diese eine Zigarette für den morgen danach übrig zu lassen.

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99 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Jaja, die Kippe für den Morgen danach. Ich kenn solche Nächte auch, mir fehlt nur definitiv der Balkon..

    17.07.2011, 21:42 von zeraphinchen
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  • 0

    was für ein toller text. da spricht mir jemand aus der seele.

    26.06.2011, 19:16 von bunter_traeumer
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  • 0

    wahnsinn, ich könnt den text immer wieder lesen...


    24.05.2011, 23:24 von easys
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  • 0

    perfekt umschrieben! wirklich klasse!

    06.04.2011, 16:19 von Effektiva
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  • 0

    Ja, die allbekannte Melancholie...
    Und ich hab noch nicht mal nen Balkon, verdammt!

    24.01.2011, 20:40 von topfbluemchen
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] wundervoll beschrieben, genauso geht es mir auch an diesen jenen abenden, bloß versinke ich dann in dem selbstmitleid bis zum nächste morgen eben =D an dem alles weitergeht wie zuvor.

      weiter so! großes lob!

      08.11.2010, 20:54 von vonannodazumal
  • 0

    sehr schön zu lesen, sehr leicht sich darin zu finden und faszinierend, dass es uns (fast) allen so geht!

    07.07.2009, 13:07 von lauramelina
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  • 0

    Jaja, Wein und Schokolade... Auch ich mag diese Kombination und ärgere mich am nächsten Morgen über zuviel von beidem! ;o)

    16.06.2009, 12:06 von FallingStar74
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  • 0

    Fantastisch, beschreibt genau das, was ich die letzten Nächte auf repeat erlebt habe.

    13.06.2009, 21:03 von Nee-Cee
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  • 0

    wunderschön und unglaublich nachvollziehbar!

    08.04.2009, 17:07 von ah-oui-comme-ca
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