Wenn du gehen musst, darfst du gehen.
Halte nicht fest, weil du dir um uns Sorgen machst.
Wir sind fertige Menschen. Mein Bruder und ich. Du hast uns so weit begleitet, wie es nötig und möglich war.
Es fällt dir schwer zu atmen. Die Metastasen in der Lunge nehmen dir die Luft. Du sagst, es fühlt sich an, als hätte dir jemand ein Band um die Lunge gelegt, welches sich immer fester zuzieht. Jeder Atemzug scheint Schwerstarbeit. Ein Kampf. Ich würde dir gerne das Atmen erleichtern. Aber ich kann nichts tun außer dich im Arm zu halten. Mein Arm spürt kaum dein Gewicht. Du bist dünn geworden. Früher hättest du dich gefreut über diese Topfigur. Früher, als du immer mit deinem Gewicht zu kämpfen hattest. Nun freut sich niemand darüber. Auch du nicht. Es macht nur sichtbar, wie krank und schwach du bist. Deine dünnen Beine vermögen kaum dich von einem zum anderen Zimmer zu tragen.
Ich streichle über deine gelbe Haut. Deine Leber ist mit ihrer Arbeit überfordert.
Langsam verklingt dein Wimmern. Das Morphium scheint endlich zu wirken. Du entschuldigst dich am laufenden Band, dass du nicht bei uns bleiben kannst. Dass du gehen musst. Und du darfst. Wenn Papa erfährt, dass ich dir die Erlaubnis gab, wird er ausrasten. Als ob dich festzuhalten den Krebs stoppen würde.
Ich frage dich, wie du dir deine Beerdigung wünschst. Nein, ich habe dich nicht aufgegeben, ich möchte nur für den Fall des Falles vorbereitet sein und alles richtig machen. Es erleichtert dich, dass du mit jemand über dieses Thema sprechen darfst. Wir flüstern, damit Papa uns nicht hört. Wie es in deinem ganzen Leben der Fall war, scheint es nur wichtig zu sein, dass wir es einfach haben. Als ob es auf irgendeine Weise einfach sein könnte.
Du sagst mir, dass du dir wünschst in dieser Nacht sterben zu können. Dass du einschläfst und alles vorbei ist. Ich streichle dich noch eine Weile und dann fahre ich nach Hause.
Am nächsten Morgen höre ich deine schwache Stimme am Telefon. Schwach und dennoch unendlich wütend, dass "es immer noch nicht geklappt hat". Ich muss fast lachen und verspreche nach der Arbeit vorbei zu schauen.
Als ich dich besuchen möchte, bist du nicht mehr zu Hause. Die Schmerzen waren zu groß. Das Atmen zu schwer. Ich fahre ins Krankenhaus. Klein siehst du aus, als du da im Bett liegst. Wie ein Kind. Wir reden ein wenig über meinen Tag. Wir lachen über meine bescheuerten Kollegen. Du diktierst mir eine Liste, was ich für deinen Krankenhausaufenthalt besorgen soll. Weiche, warme Socken, eine neue weiche Zahnbürste. Deine eigene schmerzt im Mund. Die gelbe Schlafanzughose, denn die hellblaue ist dir zu weit geworden. Das grüne langärmlige Oberteil. Du möchtest wenigstens einigermaßen gut angezogen sein.
Als ich zu Hause bei euch ankomme, um die Sachen zu holen, bist du bereits gestorben. Mein Bruder nahm das Telefonat entgegen. Du hast dich einfach so davongeschlichen, als keiner von uns bei dir war. Ich auf dem Weg alles zu besorgen, Papa auf dem Weg zu dir. Du hast die Minute genutzt als du alleine warst. Das sieht dir ähnlich. Ich muss trotz des Schmerzes kurz lächeln.
Dich tot zu betrachten ist leichter, als ich mir das vorstellte. Der Schmerz ist aus deinem Gesicht gewichen. Es sind keine röchelnden Atemgeräusche zu hören. Trotzdem spielt mir meine Wahrnehmung einen Streich und ich habe das Gefühl, ich könnte dich atmen sehen. Du siehst friedlich aus. Erleichtert. Du hast es geschafft.

Kommentare
Der Text ist wunderschön geschrieben. Bewundernswert, wie du damit klarzukommen scheinst.
29.03.2010, 00:11 von frau_wachsmalstiftHat mich wirklich berührt.
Es tut mir wirklich leid für Dich, ich wünsche Dir, Deinem Bruder und Vater ganz viel Kraft für die kommende Zeit.
08.03.2010, 16:16 von nici-mausKann Euch nur raten: redet viel über sie und erinnert Euch an schöne Zeiten, das hat uns damals sehr geholfen. Lasst Eurer Trauer anfangs (so oft sie will) freien Lauf - heulen, jammern, schreien, gegen was treten, ein Kissen boxen - manchmal muss es eben einfach raus. Danach ging´s mir meist etwas besser.
Es wird zwar gedanklich immer schmerzen, wenn man seine Mama verloren hat, aber der Schmerz wird irgendwann leichter zu ertragen sein, das verspreche ich Dir..
Wünsche Euch nur das allerbeste!
Liebe Grüße
Herzschmerz total, wunderbar geschrieben! wünsch dir viel Kraft & Liebe!
02.03.2010, 17:08 von muddinIregndwie ist es nie dasselbe aber ähnlich erging es uns allen.
28.02.2010, 21:53 von DschiinnHut ab. Dass du Worte findest, die etwas versuchen zu beschreiben dass kaum in Worte zu fassen ist.
28.02.2010, 21:46 von Dschiinnich kenn das gefühl nicht aber es bewegt mich. ich wünsch dir viel kraft.
28.02.2010, 17:05 von GefangenWirklich ein wunderbarer Text. Er drückt viel aus und er berührt mich sehr. Habe das zwar nicht mit meiner Mutter gehabt, sondern mit meinem damaligen ( und auch immernoch irgendwie) besten Freund. Er hat sich auch einfach so davon geschlichen, wo keiner bei ihm war.
28.02.2010, 13:59 von rotten.polaroidvielen dank! ich hätte niemals diese worte finden können. gleiches schicksal; nur bereit war sie noch nicht... und ich auch nicht... es tut mir unendlich leid für dich und deine familie, ich weiß sehr genau, wie schwer dieser verlust ist!
26.02.2010, 21:29 von Kime_Dicevielen dank! ich hätte niemals diese worte finden können. gleiches schicksal; nur bereit war sie noch nicht... und ich auch nicht... es tut mir unendlich leid für dich und deine familie, ich weiß sehr genau, wie schwer dieser verlust ist!
26.02.2010, 21:28 von Kime_DiceSehr berührend. Bei uns war es ähnlich und ich merke, dass mein Schmerz beim Lesen dieser Beschreibung immer noch tief in mir sitzt...und mich zum Weinen bringt...
25.02.2010, 22:46 von GluecksaktivistinIch wünsche dir viel Kraft für die nächste Zeit!