Wegen des Stroms
Freundliche Frau, das geht nicht. Ich kann das gerade nicht als wichtig empfinden, so sehr ich es auch versuche: Mein Strom wird mir nicht wichtig.
Wegen des Stroms, freundliche Frau von der Hotline meines Energiekonzerns, ist es so: Wenn ich heute heimkomme, werde ich wieder dreizehn Stunden gearbeitet haben. Es wird wieder kurz vor Mitternacht sein und ich müde, aber bis zum nächsten Morgen sind es ja wieder nur sieben Stunden und ich würde so gerne noch teilnehmen an meinem Leben. Weil das sonst immer so ohne mich abläuft. Ich wäre da so gerne mal dabei, aber ich bin irgendwie immer in diesem konstanten Ausnahmezustand, in einer Welt aus Spätkauf und langen Wartezeiten an Gleisen, wenn es kalt ist.
Das Schlimme ist, dass man weggehen könnte, dass man aufgeben könnte, auswandern oder den Beruf wechseln könnte, umziehen, studieren, kündigen. Neu starten, wenn sie einen anschreiben, dass man seinen Strom bezahlen soll. Wenn sie einen Inkassobescheid verfassen. Wenn man in einem Büro anruft, wo eine freundliche Frau, wie Sie das durchaus sind, sitzt und sagt, dass sie dir nicht helfen kann. Ich lache dann, ich kann da nicht mehr anders. Ich möchte ihr sagen: Aber, freundliche Frau, das geht nicht. Ich kann das gerade nicht als wichtig empfinden, so sehr ich es auch versuche. Mein Strom wird mir nicht wichtig. Oder nur auf einer abstrakten Ebene, wo ich weiß, dass es nicht schön wäre, wenn Sie ihn mir abstellen.
Wissen Sie: Ich war schon mal glücklich, echt wahr, ich war schon so glücklich, dass ich gerne in diesem Moment abgetreten wäre. Weil ich mich gefragt habe, was denn jetzt noch kommen kann und ob es nicht die durchaus realistische Möglichkeit gibt, dass es nie wieder so gut wird. Verstehen Sie?
Ich schaue mich um, schaue mir die Leute an. Leute mit so einem Blick, als würden sie immer durch dichten Nebel schauen müssen. Aber an den Nebel haben sie sich schon gewöhnt, weil der geht ja auch gar nicht mehr weg.
Und dann denke ich mir, dass die doch auch schon mal glücklich waren und gelebt haben und schreien wollten vor Glück. Der Welt entgegen schreien, dass man schon völlig überlastet ist mit Glück, dass da gar nichts mehr reingeht in diesen kleinen Körper, dem die verflüssigten Endorphine schon aus den Augen hinauslaufen. Aber die Welt hat weitergepumpt und die haben die Arme ausgebreitet, weil: wer weiß schon, wie lange das jetzt halten muss, dass ganze Glück. Und dann kam so eine kleine Angst, dass es das gewesen sein könnte.
Und ganz ehrlich: Glück, das hatte nie was mit meinem Strom zu tun oder mit dem System oder so. Immer, wenn ich glücklich war, da hatte das was mit mir zu tun. Ich weiß noch, wie ich mal mit 16 auf Klassenfahrt richtig glücklich war, weil ein Mädchen, das ich mochte, mit dem Kopf auf meiner Schulter eingeschlafen ist. Wissen Sie, was ich meine?
Ich bin so sehr am Ende, freundliche Frau. Derzeit. Ich weiß nicht, wann das vorbeigeht. Mir fehlt da irgendwie die Konsequenz. Entschuldigung, ich bezahl dann mal den Strom. Es ist kein Problem.

Kommentare
wenn man mal so ein glück hatte, dann verschieben sich die prioritäten und der ganze andere kladderadatsch ist einem keinen feuchten furz mehr wert.
28.06.2009, 10:56 von ich.lese.gernsehr geil
Toller Text!!!
01.02.2009, 12:36 von Wanjaguter text, angenehme wortwahl :)
30.01.2009, 16:07 von AlexB1985Ich find den text herrlich. Und zwar gerade eben weil es um nichts geht oder um alles. Jeder kennt es, keinen bereichert diese Story, aber irgendwie beruhigt es auch, dass man nicht alleine in dieser Scheiße steht und nicht der einzige ist der hinterfragt was das alles hier werden soll.
29.01.2009, 23:38 von and-whyIch mag den Text, das Thema ist mal was anderes. Gut geschrieben!
26.01.2009, 22:54 von SupergalaktischInteressanter Stil,
26.01.2009, 21:46 von Mienigkeitschön verpacktes Thema,
guter Text.
Also ganz ehrlich: Ich hab´s schon erlebt, dass mir der Strom abgestellt wurde u. es macht eine depressive Phase nicht unbedingt lustiger. Falls Du kannst, dann zahl lieber schnell. Das ist sonst tatsächlich unangenehmer als man so -abstrakt- denkt.
26.01.2009, 20:36 von barcafanAlles Gute für Dich.
bringt Euch doch einfach gleich alle um. Mann Mann Mann :-) Kollektive Winterdepression und Sinnkrise. Alle Jahre wieder.
26.01.2009, 00:19 von endmonster