the_steppo 30.11.-0001, 00:00 Uhr 97 74

Was wünscht man einem Sterbenden?

„Alles geht vorüber, alles geht vorbei. Auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai“, sagt mein Opa. „Aber manchmal kommt doch kein Mai mehr.“

Früher saßen wir zu zweit auf dem alten Sofa und haben zusammen Bonanza geschaut. Ich, der Cowboy. Und du, der alte Häuptling. Du hast mir immer gesagt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Aber es tut weh, dich so zu sehen.

Der Mann, mit dem ich früher Fußbälle gegen das alte Garagentor kickte, kann kaum noch alleine aufstehen. Er ist ein Gefangener in seinem eigenen Körper. Der Geist ist noch wach, aber der Körper besteht nur noch aus Haut und Knochen. Als ich ihn zum Kaffeetisch führe, machen wir mehrmals Pause. Jeder Schritt bringt ihn an seine Grenzen. Ich halte ihn am Arm fest und fühle nur einen Knochen in meiner Hand. Wo ist der starke Opa geblieben, der mir Pfeile aus Ästen schnitzte, und meinen Indianer-Bogen spannen konnte? Irgendwo in meiner Erinnerung.

Du freust dich wenn, du uns siehst. Deine Kinder, Enkel, Familie. Dann rappelst du dich auf für eine Stunde Kaffeetrinken. Aber du musst die meiste Zeit im Stillen genießen. Wenn sich zu viele Leute am Tisch zugleich unterhalten, fiept dein Hörgerät – und du kannst kein Wort verstehen. Als sich unsere Blicke treffen, lachst du mich an. Ich lächele zurück und versuch dein fröhliches Gesicht für immer zu bewahren. Ich weiß nicht, was ich dir wünschen soll. Eine schnelle Erlösung von deinen Leiden oder... ja, oder was? Die Chance auf Heilung gibt es für dich nicht mehr. Nur noch eine Linderung der Schmerzen.

Was wünscht man jemandem, der nicht mehr gesund werden kann? Das „Gute Besserung“, was einem fast automatisch bei Krankenbesuchen rausrutscht, klingt hier fast eher zynisch als lieb gemeint. Aber wem nützt es was, die traurige Wahrheit immer wieder auszusprechen? Sie zu verleugnen macht es natürlich auch nicht besser. Ich will meinen Großvater nicht verlieren. Noch nicht. Aber dieser Gedanke ist egoistisch von mir. Er hat keine Lust mehr auf dieses Leben voller Krankheit, Schmerzen und Probleme. Er hat es satt – und in der Form sagt er es auch. Jeder weitere Tag macht es nur schlimmer. Eigentlich kann ich ihm nur wünschen, dass er wenig Schmerzen hat und friedlich im Schlaf geht.

Als wir uns verabschieden, beugst du dich dicht an mich ran. Wir wissen beide dass, es das letzte Mal sein kann. Ich mag nicht daran denken und versuch dir aufmunternde Worte zu sagen. Irgendwo zwischen Verleugnung der Situation und dem Versuch dir Kraft zu geben. Plötzlich blickt du mich fest an und fängst an zu singen: „Alles geht vorüber, alles geht vorbei. Auf jeden Dezember, folgt wieder ein Mai….“

„...Aber manchmal kommt auch kein Mai mehr“, sagt mein Opa. Seine Augen sind noch da. Und sie funkeln, wenn er mir ins Gesicht schaut. Als ich gehe, fällt es mir schwer seine Hand loszulassen. Seinen Blick nicht mehr zu erwidern, das letzte Wort, das letzte Wort gewesen sein zu lassen. Ich will mich nicht verabschieden. Noch nicht. Und doch weiß ich, dass es das beste für ihn ist.

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    der text geht unter die haut.
    traurig. ich musste die ein oder andere träne verdrücken.

    27.01.2010, 19:51 von lilxlilli
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    letzte worte
    geliebte, wenn mein geist geschieden,
    so weint mir keine träne nach
    denn, wo ich weile, dort ist frieden
    dort leuchtet mir ein ewger tag.

    wo aller erdengram verschwunden
    soll euer bild mir nicht vergehn
    und linderung für eure wunden
    für euren schmerz will ich erflehn.

    weht nächstlich seine seraphsflügel
    der friede übers weltenreich
    so denkt nicht mehr an meinen hügel
    denn von den sternen grüß ich euch.
    droste-hülshoff

    das hat mir in der beschriebenen situation enorm weitergeholfen.

    07.01.2010, 17:15 von Binta.
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    ernstes Thema und sehr erwachsen niedergeschrieben, du hast meine bewunderung auch für deine stärke,..
    du bist bestimmt ein toller Enkel,..
    alles gute

    09.05.2009, 23:51 von queenmum
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    Das Gute daran ist, dass Ihr so ein inniges Verhältnis habt. Ich glaube das veranlasst Ihn auch ohne jegliche Sorge oder Zweifel irgendwann Deine Hand ein letztes Mal zum Abschied zu halten. Wirklich bewegende Zeilen...und wirklich stark von Dir es zu erzählen und nicht zu verdrängen.

    24.04.2009, 15:26 von reinair
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    wow. dein text hat mir ein paar kleine tränen aus den augen gelockt.
    zu gut kenne ich die situation.
    wirklich bewegend.

    18.03.2009, 17:18 von miss_pipedream2.0
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    Ein trauriger und liebender Text, der gut nachzuvollziehen ist.
    Toirmisgte

    27.11.2008, 17:26 von toirmisgte
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    ich wünschte ich könnte mich auch an meinen opa erinnern

    05.11.2008, 23:05 von e_v_a
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    dein text tut weh...

    03.06.2008, 23:01 von flamingstar
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