Was wünscht man einem Sterbenden?
„Alles geht vorüber, alles geht vorbei. Auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai“, sagt mein Opa. „Aber manchmal kommt doch kein Mai mehr.“
Früher saßen wir zu zweit auf dem alten Sofa und haben zusammen Bonanza geschaut. Ich, der Cowboy. Und du, der alte Häuptling. Du hast mir immer gesagt: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Aber es tut weh, dich so zu sehen.
Der Mann, mit dem ich früher Fußbälle gegen das alte Garagentor kickte, kann kaum noch alleine aufstehen. Er ist ein Gefangener in seinem eigenen Körper. Der Geist ist noch wach, aber der Körper besteht nur noch aus Haut und Knochen. Als ich ihn zum Kaffeetisch führe, machen wir mehrmals Pause. Jeder Schritt bringt ihn an seine Grenzen. Ich halte ihn am Arm fest und fühle nur einen Knochen in meiner Hand. Wo ist der starke Opa geblieben, der mir Pfeile aus Ästen schnitzte, und meinen Indianer-Bogen spannen konnte? Irgendwo in meiner Erinnerung.
Du freust dich wenn, du uns siehst. Deine Kinder, Enkel, Familie. Dann rappelst du dich auf für eine Stunde Kaffeetrinken. Aber du musst die meiste Zeit im Stillen genießen. Wenn sich zu viele Leute am Tisch zugleich unterhalten, fiept dein Hörgerät – und du kannst kein Wort verstehen. Als sich unsere Blicke treffen, lachst du mich an. Ich lächele zurück und versuch dein fröhliches Gesicht für immer zu bewahren. Ich weiß nicht, was ich dir wünschen soll. Eine schnelle Erlösung von deinen Leiden oder... ja, oder was? Die Chance auf Heilung gibt es für dich nicht mehr. Nur noch eine Linderung der Schmerzen.
Was wünscht man jemandem, der nicht mehr gesund werden kann? Das „Gute Besserung“, was einem fast automatisch bei Krankenbesuchen rausrutscht, klingt hier fast eher zynisch als lieb gemeint. Aber wem nützt es was, die traurige Wahrheit immer wieder auszusprechen? Sie zu verleugnen macht es natürlich auch nicht besser. Ich will meinen Großvater nicht verlieren. Noch nicht. Aber dieser Gedanke ist egoistisch von mir. Er hat keine Lust mehr auf dieses Leben voller Krankheit, Schmerzen und Probleme. Er hat es satt – und in der Form sagt er es auch. Jeder weitere Tag macht es nur schlimmer. Eigentlich kann ich ihm nur wünschen, dass er wenig Schmerzen hat und friedlich im Schlaf geht.
Als wir uns verabschieden, beugst du dich dicht an mich ran. Wir wissen beide dass, es das letzte Mal sein kann. Ich mag nicht daran denken und versuch dir aufmunternde Worte zu sagen. Irgendwo zwischen Verleugnung der Situation und dem Versuch dir Kraft zu geben. Plötzlich blickt du mich fest an und fängst an zu singen: „Alles geht vorüber, alles geht vorbei. Auf jeden Dezember, folgt wieder ein Mai….“
„...Aber manchmal kommt auch kein Mai mehr“, sagt mein Opa. Seine Augen sind noch da. Und sie funkeln, wenn er mir ins Gesicht schaut. Als ich gehe, fällt es mir schwer seine Hand loszulassen. Seinen Blick nicht mehr zu erwidern, das letzte Wort, das letzte Wort gewesen sein zu lassen. Ich will mich nicht verabschieden. Noch nicht. Und doch weiß ich, dass es das beste für ihn ist.

Kommentare
der text geht unter die haut.
27.01.2010, 19:51 von lilxlillitraurig. ich musste die ein oder andere träne verdrücken.
letzte worte
07.01.2010, 17:15 von Binta.geliebte, wenn mein geist geschieden,
so weint mir keine träne nach
denn, wo ich weile, dort ist frieden
dort leuchtet mir ein ewger tag.
wo aller erdengram verschwunden
soll euer bild mir nicht vergehn
und linderung für eure wunden
für euren schmerz will ich erflehn.
weht nächstlich seine seraphsflügel
der friede übers weltenreich
so denkt nicht mehr an meinen hügel
denn von den sternen grüß ich euch.
droste-hülshoff
das hat mir in der beschriebenen situation enorm weitergeholfen.
ernstes Thema und sehr erwachsen niedergeschrieben, du hast meine bewunderung auch für deine stärke,..
09.05.2009, 23:51 von queenmumdu bist bestimmt ein toller Enkel,..
alles gute
Das Gute daran ist, dass Ihr so ein inniges Verhältnis habt. Ich glaube das veranlasst Ihn auch ohne jegliche Sorge oder Zweifel irgendwann Deine Hand ein letztes Mal zum Abschied zu halten. Wirklich bewegende Zeilen...und wirklich stark von Dir es zu erzählen und nicht zu verdrängen.
24.04.2009, 15:26 von reinairwow. dein text hat mir ein paar kleine tränen aus den augen gelockt.
18.03.2009, 17:18 von miss_pipedream2.0zu gut kenne ich die situation.
wirklich bewegend.
Ein trauriger und liebender Text, der gut nachzuvollziehen ist.
27.11.2008, 17:26 von toirmisgteToirmisgte
ich wünschte ich könnte mich auch an meinen opa erinnern
05.11.2008, 23:05 von e_v_adein text tut weh...
03.06.2008, 23:01 von flamingstar