hib 16.01.2007, 16:22 Uhr 80 192

Was macht dich schön?

Glaubst du daran, dass jeder Mensch schön sein kann, wenn der, der ihn anschaut, das gerade will?

Und weil ich Antworten will muss ich zuerst fragen.

Wenn man dich ansieht, will man dann schon bald wieder vorbeischauen? Glaubst du daran, dass jeder Mensch schön sein kann, wenn der, der ihn anschaut, das gerade will? Und wenn man dich zufällig gegen Mittag in der Stadt trifft, kann es sein, dass du dann schöner bist als noch gestern Abend? Das Braun in deinen Augen, oder das Blau, ist es immer gleich, auch wenn du schwarz siehst? Meinst du, ich wäre ein besserer Mensch als du, nur weil ich die Menschen mit meinem Anblick glücklich machen kann? Und deine Lippen. Was ist wenn ich einen ganzen Abend daran gehangen habe? Gehst du nicht mehr unter Menschen, nur weil du dann anders aussiehst, als letzte Woche? Bist du der Meinung, dass Schönheit von innen kommt und hast du schon mal eine ganze Nacht lang vergeblich in dir selbst danach gesucht? Glaubst du, dass wenn dich jemand berührt, den du magst, er durchkommt bis dahin, wo du dich versteckst? Und wie war das damals, als du dir das Maul in Stücke zerrissen hast, über die Dicke, den Dünnen, den Dummen, die Alte oder den Toten. Waren die vielleicht auch schön in diesem Moment und du hast nur darüber hinweggesehen? Warum kann ich nur bis auf deine Haut schauen?

Zurück zum Leben.

Es ist November. Du läufst durch den Park bei dir um die Ecke. Der Stoff um deinen Hals wirkt Schal. Deine Schuhe schmatzen sich durch das gefallene Blattwerk. Auf den Bäumen an den Ästen warten noch die Hoffnungslosen. Du denkst an die letzte Nacht und wie wenig Schlaf du gefunden hast. Trotz intensivster Suche. Du hast Angst vor heute Abend, weil du keinen Rotwein mehr im Schrank hast. In diesem Moment ziehst du deine recht Augenbraue nach oben und kräuselst dir die Lippen lockig. Mit deinem rechten Fuß bleibst du ungeschickt an einem Luftloch hängen. Du stolperst aber fällst nicht, wie schon so oft. Deine Gesicht und deine Arme kämpfen um dein Gleichgewicht. Du siehst aus wie: Ein Zirkus ist in der Stadt. Und ich. Ich kam dir schon eine Weile entgegen. Und kann dich genau jetzt sehen. Was denke ich?

Das Konzert deiner Lieblingsband. Du stehst in der vierten Reihe. Von hinten drückt die Masse ihre Hitze durch deine Poren. Von vorne schlägt die Band die richtigen Töne an. In dir schwingt die gute Saite. Du hast jetzt einen Klangkörper. Dein Mund formt, was des Sängers Hände vor einem Jahr auf einen Bierdeckel schrieben. Du triffst die Melodie nicht. Aber nur weil du dich selbst nicht hörst. Denn meine Gedanken sind ohrenbetäubend. Ich stehe nämlich hinter dir. Schaue dir auf deine hautfarbenen Schultern. Und küsse tausende Mal deinen wunderschönen Hals in Gedanken. Und höre dich singen. Und muss lächeln. Weil du so fehlbar bist wie ich selbst. Und ich rieche deine Haare. Die du zwei Tage nicht gewaschen hast. Du wolltest bis nach dem Konzert warten. Und ich warte auf den Moment, in dem das Strobo dein Gesicht erhellt, weil du von der Seite noch schöner aussiehst, als von hinten. Auch wenn deine Nase nicht so ganz in dein Konzept passt. Ich mache mir Platz um dir auf den Hintern zu schauen. Ich bin dir nah. Davon weißt du nur nichts. Was will ich?

Jemand wird älter und möchte das feiern. Du hast nichts vor. Du gehst mit. Obwohl dir unwohl ist bei dem Gedanke einen Raum voller fremder Menschen zu betreten. Du klingelst. Doch die Tür ist nur angelehnt. Du atmest dich durch den Flur. Durch den langen Raum kommen dir Zweifel. Du magst die Bilder an den Wänden nicht. Dann die Küche. Dort sitzt die Meute und wetzt sich die Netzhäute. Du stellst dich in deinen Schatten. Deine Hose sitzt ein Stück zu tief. Man kann sehen, was du drunter trägst. Wenn man will. Ein paar wollen. Du merkst davon nichts. Du unterhältst dich über Musik. Den kleinsten gemeinsamen Nenner, im besten Fall. Währenddessen sitze ich am Boden. Und sehe wie du hinter deinem Rücken mit deinen Händen spielst. Und sehe, wie deine Finger zittern. Und wie es deine Knie ihnen gleich tun. Dein Köper ist gleichgeschaltet. Du blickst dem Smalltalk nicht ins Auge. Das kann ich von hier unten sehen. Und deine Schuhe haben seltsame Flecken. Über die ich mir ein wenig länger als nötig Gedanken mache. Dein Bier hältst du, als ob ich an Sex denken solle. Dann spielen sie ein Lied, das du magst. Du bewegst dich, als ob du es noch nie gehört hast. Und als die zwei anderen, die mit dir tanzen, nach kurzer Zeit still halten, verlässt du dich in Panik darauf dass es reicht, die Augen zu schließen. Um nicht gesehen zu werden. Als du dann auf die Toilette gehst schmeißt du meinen Wein um. Und ich sage es ist kein Problem. Doch du flüchtest dich in Klopapier Peinlichkeit. Gegen vier gehe ich nach Hause. Und hab dich längst vergessen. Was war nur mit dir los?

Es ist Dienstag. Du hast Philosophie Vorlesung. Im größten Hörsaal der Uni. Du denkst du gehst in der Masse unter. Doch du schwimmst an der Oberfläche. Du gehst tief. Weil du den Eindruck machst, als wüsstest du was du tust. Immer. Dein Körper spricht lange Monologe. Ich sitze ein paar Meter von dir entfernt. Höre ihm zu. Und kann sehen, wie du durch deine braunen Haare streichst, wenn du etwas nicht verstehst. Und wie deine Augen hinter dem Professor sich einen Punkt suchen, an dem sie niemanden stören. Und an dem dich niemand stört. Du denkst vielleicht an deine Mutter. Oder an Morgen. Und machst dir Sorgen. Dabei schüttelst du ein wenig den Kopf. Ohne dass deine Halsmuskeln etwas davon wissen. Ich kann sehen, wie sich angespannte Sehnen in deinem Haaransatz verlieren. Und beschließe irgendwann danach zu suchen mit meinen Fingern. Dann schreibst du etwas auf, mit deinem blauen Kugelschreiber. Und das mit links. Es ist nur ein Wort, das dir gerade einfällt. Und ich hoffe ein wenig dümmlich, dass es mein Name ist. Dann blickst du auf. Aus dem Fenster hinter mir. Und versuchst anhand der Himmelsfärbung zu erraten wie spät es ist. Schaust du auf die Uhr und ärgerst dich darüber, dass du nur um etwa fünf Minuten daneben lagst. Ich würde gern neben dir liegen, denke ich. Für deine soeben gewonnen fünf Minuten. Und verliere dich für einen kurzen Moment aus den Augen. Weil du unter deiner Bank nach Schätzen suchst. Was machst du heut Abend?

Du gehst durch die Innenstadt. Es hat nur einen Grund, dass du heute aufgestanden bist. Du musst zur Post. Dich etwas verschreiben. Du läufst dabei über den großen Platz, mit dem Brunnen in der zwei drittel Mitte. Du denkst darüber nach, welchen Film du dir gleich aus der Videothek ausleihst. Um dem grauen Mattscheibenhimmel in deinem Zimmer wenigstens ein paar Farben zu entlocken. Du kümmerst dich heute um niemanden. Denn du findest manchmal, dass du niemand bist. Ich sehe dich, als du gerade an der Mensa passierst. Ein Freund hat mir von dir erzählt. Ich weiß was du getan hast. Auch wenn es schon ein paar Monate her ist. Und ich kannte ihn. Oder sie. Ich mache mir keine Gedanken darüber, dass du schon deine Gründe dafür gehabt haben wirst. Und dass dazu immer zwei gehören. Ich sehe wie sie leidet. Oder er. Und ich sehe wie hässlich schlacksig deine Arme neben deinem Körper baumeln. Und wie der kalte Dezember um dich herum offenbart, dass in dir nur heiße Luft ist. Dein eigener Atem ist gegen dich, denke ich. Und finde das fair. Ich sehe dich einen Bekannten grüßen. Mit starrem Gesicht und stumpfer Mine. Frage mich, ob er davon weiß und warum er dich noch grüßt. Vielleicht ist er ein Komplize. Oder nur ein Kindergartenfreund. Er wäre sicherlich enttäuscht, wenn er davon wüsste. Ich folge dir ein paar Meter. Halte Abstand, mit allem was ich habe. Ich finde du solltest an dir arbeiten. Und dabei nichts weiter verdienen, als ein schlechtes Gewissen. Ich finde du läufst komisch. Weil deine Beine zu lang sind und deine Jacke zu gelb. Und ich finde mich nicht im Geringsten anmaßend. Ich finde mich an einer roten Ampel wieder. Neben dir. Und du weiß nichts über mich. Und ich fühle mich mächtig. Und finde dein Kinn verrät dich. Und dann gehst du links und ich rechts. Und ich sehe wie du deinen Kaugummi ins Gebüsch spuckst, mit zuckendem Oberkörper. Dann denke ich über die schlechte Welt nach. Bis ich zu Hause bin. Was hast du mir getan?

Wer von uns beiden war zuerst da? Und hast du mich wirklich mit deinen Augen gesehen?
Ich finde wir sollten uns nicht kennen lernen. Ich finde wir müssen sehen üben. Und zwar darüber hinweg. Und auch hinter die Kulissen. Und manchmal auch auf den Punkt. Ich finde wir sollten noch mal von vorn beginnen. Ich will uns diese eine Frage stellen.

Was macht dich nur so schön.

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80 Antworten

Kommentare

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  • 0

    die Fragen gehen unter die Haut. Wirklich sehr poetisch, teilweise etwas unklar. Doch der Eindruck nach diesem Text prägt, finde ich :-)

    06.01.2014, 23:24 von freudentanz
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  • 0

    wahnsinnig!

    irgendwie empfinde ich es als großartige liebeserklärung...

    18.03.2011, 23:28 von WirrWuschelKopf
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  • 0

    erinnert mich an mich.

    15.03.2011, 15:42 von evamaja
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  • 0

    4 Jahre später. Und immer noch wunderschön.
    Danke.

    12.03.2011, 00:38 von Neala
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  • 0

    :-) Das zauberte mir doch glatt ein Lächeln aufs Gesicht!
    Chrmchrm, zauberschön...

    03.02.2011, 13:37 von Farbenteich
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  • 0

    Das ist ein Text, der fesselt und Bilder im Kopf entstehen lässt. Toll!

    18.01.2011, 16:21 von Spiegelstrich
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  • 1

    Und auch nach 4 Jahren wird dieser Text immer noch neu entdeckt und als schön empfunden.

    05.01.2011, 15:01 von HoerTheater
    • 0

      Grandios wie schlecht ich rechnen kann...^^ 5 Jahre sogar schon. 5!

      10.02.2013, 19:43 von HoerTheater
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  • 0

    Wirklich schön, aber ich versteh das teilweise nicht.
    Manchmal wirkt es als findest du ihn schön und dann wieder nicht. dann wirkt es so als würdest du ihn bereits kennen, weil es so klingt als habe er mal was verbrochen und dann klingt es so als wenn du dich in eine namenloses gesicht verliebt hättest......
    Aber wie gesagt sehr sehr schön geschrieben:)
    Lieben gruß

    13.12.2010, 22:41 von Dina-Lisa
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    "Glaubst du, dass wenn dich jemand berührt, den du magst, er durchkommt bis dahin, wo du dich versteckst?"

    JA!

    29.03.2010, 22:48 von Diasam
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