Riif-Sa 30.11.-0001, 00:00 Uhr 341 804

Warum ich dich nicht vergewaltigen wollte

Noch heute beiße ich mir nachts vor dem Einschlafen auf die Zunge, weil ich meine Chance nicht nutzte, einen Traum in Erfüllung gehen zu lassen.

Du kamst sehr spät zu uns in die Klasse, eine eingeschworene Gemeinschaft. Du wirktest ein wenig schüchtern und zurückhaltend. Du warst weder wie eine Streberin, noch wie eine von diesen strohdoofen Tussen. Irgendwie warst du genau wie ich. Unauffällig. Halb Mensch, halb Schatten. Es war eigentlich kein Wunder, dass wir uns anfreundeten. Oftmals bestritten wir unsere Wege in und aus der Schule gemeinsam, denn zu zweit ließen sich die Hänseleien aus der Oberstufe viel leichter ertragen. Du erzähltest mir von deiner zerrissenen und zerstrittenen Familie und ich dir von meiner zu perfekten, zu oberflächlichen. Wir bedauerten uns gegenseitig. Ich denke heute noch darüber nach, ob ich dir vielleicht hätte vorschlagen sollen, einfach abzuhauen, doch ich schätze, dafür war es einfach nicht schlimm genug.

Wir wurden älter, kamen in die Sekundarstufe und die kindischen „wer-geht-mit-wem“-Geschichten wurden durch die noch viel kindischeren „wer-fickt-mit-wem“-Geschichten ersetzt. Tatsächlich empfand ich es damals nicht als albern, dass es einer meiner größten Wünsche war, mit dir zu schlafen. Immerhin warst du ein sehr sexueller Mensch. Unsere Wege bestritten wir immer noch zu zweit und während wir Neunt- und Zehntklässler ärgerten, erzähltest du mir von deinen sexuellen Abenteuern. Mehr als ein paar Mal hatte ich Angst, du könntest die Begierde in meinen Augen aufflackern sehen, doch es passierte nichts. Ich denke heute noch darüber nach, ob ich dir vielleicht hätte vorschlagen sollen, mich in deine Abenteuer mit aufzunehmen. Wahrscheinlich hättest du gelacht.

Die Zeit verstrich, ich hatte eine Freundin, du hattest einen Freund, aber wir blieben uns sehr nah. So nah, dass du mir eines Tages erzähltest, du stündest gar nicht auf Männer und dein neuer Freund sei eine Freundin. Sex zwischen zwei Frauen sei die schönste und die ästhetischste Form, die es gibt. Man zwinge sich gegenseitig zu nichts, man hat alle Zeit der Welt um sich kennen zu lernen und den Körper der anderen zu erforschen. Man gehe viel geschickter miteinander um, weil man weiß, was eine Frau sich wünschte. Ich bekam eine Erektion, aber nur kurz, denn dann erzähltest du, im Nachhinein sei dir jeder Geschlechtsakt mit einem Mann wie eine Vergewaltigung vorgekommen. Männer wären in der Form einfach widerlich und denken, einer Frau gefallen all die Dinge, die die Männer in den Pornos immer mit den Darstellerinnen anstellen. „Nichts Persönliches gegen dich“ hast du zu mir gesagt, „du bist ja nicht auf Sex aus.“ Ich hätte sterben wollen.

Wir schafften unser Abitur und das bedeutete jede Menge Partys. Auf einer dieser Partys sah ich dich mit einem Mann im Arm. Ein großer, bulliger Typ mit Glatze, Bomberjacke und der Andeutung eines Vollbarts. Das sei dein neuer Freund, erklärtest du uns fröhlich. Die meisten schüttelten wohl den Kopf. Dein Outing lag noch gar nicht so lange zurück, da schlepptest du auf einmal einen Kerl an (wir sollten ihn später „Pferd“ nennen). Mein fragendes Gesicht erklärte wohl alles, also nahmst du mich zur Seite. „Ich bin in einer Findungsphase. Ich weiß nicht, was ich will. Ich bin ein wenig verwirrt.“ Sagtest du und das war es dann. Irgendwann verschwandest du mit deinem Typ in einem Zimmer und ich hatte die ganze restliche Party über ein Stechen im Magen. Doch während du dich oben vergewaltigen ließest, warst du hier unten Gesprächsthema. Alle prophezeiten dir ein baldiges Beziehungsende und ich gehörte dazu. Nicht, weil ich es dir wünschte, sondern weil ich es wusste.

Und so passierte es dann auch. Eure „Beziehung“ hielt volle drei Wochen. Du erzähltest es uns in dieser einen Nacht. Du konntest auch nicht erklären, was dich in seine Arme trieb und du gabst dem Alkohol die Schuld. Cleveres Mädchen. Aber, so sagtest du, du seiest immer noch verwirrt und hättest merkwürdigerweise immer noch das Verlangen nach Männern. In dieser Nacht, so glaube ich heute, konntest du die Begierde in meinen Augen aufflackern sehen, die dir noch vor vier Jahren verborgen geblieben war. Als sich der Abend dem Ende zuneigte, fragtest du mich, ob ich dich nicht mit nach Hause begleiten würde. Eine Antwort war überflüssig. Du wusstest, dass ich mitkommen würde.

Ich erinnere mich noch an die Busfahrt. Es war das seltsamste Gefühl, dass ich jemals hatte. Mein Herz schlug ganz normal, obwohl es hätte rasen müssen. Meine Sicht war klar, obwohl sie hätte verschwimmen müssen. Mein Kopf, meine Haut, meine Gedanken… so ist dass doch immer in diesen Filmen und Büchern. Nichts davon geschah. Hatten wir unsere Karten schon ausgespielt? Waren wir zu abgehärtet, zu abgestumpft um wenigstens den kleinsten Funken der Romantik aufblitzen zu sehen, der da in der Luft lag? Oder war da gar nichts? Schon im Fahrstuhl, als ich hinter dir stand, legte ich meine Arme um dich und ich wusste, du würdest keinen Widerstand leisten. Du würdest nicht einmal erschrecken. Ein Funken blitze auf, als die Spitze meiner Lippen die Haut deines Nackens berührte, doch er verschwand, als sich die Fahrstuhltüren öffneten und wir deine Wohnung betraten. Wir redeten dann sehr lange, doch kann ich mich an kein einziges Wort mehr erinnern. Ich sehe nur dich, wie du mich mit deinen großen Augen anschautest und mit meinen Fingern spieltest. Dann, wie wir plötzlich auf dem Sofa lagen und uns ineinander kuschelten. Ich spürte die Hitze deiner Haut an deinem Hals, deinem Bauch, deinen Füßen und an jedem Flecken deiner Haut, der nicht durch Stoff verdeckt wurde. Doch mir war kalt. Ich wollte mehr.

Du verschwandest im Bad und ich wollte nachdenken, doch ich kam nicht weit. Du kamst wortlos wieder, löschtest das Licht und ich ließt mich in einer Ungewissheit, die mir sehr behagte. Ehe ich mich versah, hattest du dich auf meinen Schoß gesetzt und deine Arme um meinen Hals gelegt. Ich sah nur schemenhaft, wie sich deine Lippen meinen näherten und endlich küssten wir uns. Ich hatte vier Jahre lang in noch halbpubertärer Leichtgläubigkeit von diesem Augenblick geträumt und jetzt war er da. Wieder blitzte der Funken auf. Er schien heller zu sein, doch später erst bemerkte ich, dass es mehr als nur ein Funken war. Ich schätzte, es waren 19 Funken. Kein ganzer Funkenregen, wie bei Verliebten, doch zu wenig, um einfach nur Sex zu haben. Langsam entkleideten wir uns gegenseitig. Wir nahmen uns alle Zeit der Welt, den Körper des anderen zu erforschen. Noch nie war ich so zärtlich zu einer Frau und noch nie war eine Frau so zärtlich zu mir. Auch wenn die Luft um uns nicht flimmerte und die Welt draußen nicht stillstand, es gab nichts, was ich in diesem Moment lieber getan hätte und keinen Ort, an dem ich lieber gewesen wäre. Die schönste Ewigkeit meines Lebens dauerte es, bis wir nichts hatten, unsere Scham voreinander zu verstecken als den Körper des anderen. Tausend Küsse schenkte ich deiner Haut und tausend Küsse bekam ich zurück. Selbst als wir nichts mehr anhatten, schienen wir uns immer weiter zu entkleiden. Obwohl es dunkel war, versuchte ich so viel wie möglich von deinem Körper zu erhaschen, mir alles gut einzuprägen und so viel wie möglich in mich aufzusaugen.

Als du in meinen Augen völlig nackt warst und meine Finger, meine Augen und meine Lippen nichts mehr zu erforschen hatten. Hieltest du plötzlich inne. Du sahst mir nur beiläufig in die Augen und fragtest mich dann „Stört es dich, wenn ich unten liege.“
Stille. Nichts passierte. Ich kämpfte mit mir selbst. Ich versuchte, den ersten Gedanken zu verdrängen, den ich mit dieser Frage verband. So ist es am bequemsten für dich, wenn ich dich vergewaltige. Es ist bequemer für dich, so kannst du es leichter über dich ergehen lassen. Ich fühlte mich genau so widerlich, wie du es mir einst beschrieben hattest. Es war vorbei. Die Funken verschwanden. Sie benutzen eine Ausrede, wie ich. Sie flohen vor der Morgendämmerung, die man durch das Fenster schon in weiter Ferne erahnen konnte. Ich weiß nicht, was ich sagte, welche Ausrede ich erfand, um dich nicht vergewaltigen zu müssen. Es spielte auch keine Rolle, denn es war alles vorbei. Es war vorbei und ich wollte weg. Kaum ein Ort, an dem ich in diesem Moment nicht lieber gewesen wäre als in deiner Wohnung.

Nach diesem Tag sah ich dich noch zwei Mal, dann zog ich in eine andere Stadt. Das letzte Mal, als ich dich sah, warst du wieder mit Pferd zusammen. Zwei Jahre ist das jetzt her. In dieser Zeit sind mir viele Dinge passiert. Ich habe mich verliebt, hatte Streit, Trennung und Liebeskummer. Ich erlebte schöne Momente, die ich nie vergessen wollte, doch sie verschwimmen bereits. Ich erlebte beschissene Momente, und ich befürchtete, mich ewig an sie zu erinnern, doch auch sie verblassen. Die Zeit zerschlägt Ängste und erfüllt Träume, doch bringt sie Freundschaften zum Einschlafen und Liebe zum Zerbrechen. Die Zeit ändert viele Dinge, doch etwas ist bis jetzt geblieben. Ich liege immer noch zu unbestimmten Zeiten und an unvorhersehbaren Tagen wach und denke an diese eine Nacht. Ich sehe deinen glatte Haut vor mir, ich spüre deine festen Brüste in meinen Händen und deinen warmen Bauch an meinen Lippen und ich wünsche mir, dass ich wüsste, was ich mir wünschen muss, damit diese Nacht anders verlaufen wäre. Ich weiß nicht, wo du jetzt bist, was du machst und ob du manchmal an mich denkst, aber ich wollte, wir würden jetzt hier nebeneinander sitzen und uns gemeinsam an diese Nacht erinnern."Wichtige Links zu diesem Text"
"Nein, ich habe dich nicht vergewaltigt." - Die Fortsetzung

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341 Antworten

Kommentare

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    SO IST ES!!

    18.07.2014, 15:24 von loucreme
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    Konnte nicht aufhören zu lesen. Und mich dabei ertappt, die gleichen Gedanken auch zu denken.

    09.07.2014, 22:20 von siewargluecklich
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    Ich finde die Überschrift schon seeeehr seltsam

    02.07.2014, 14:07 von TAFKAW_reloaded
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    Ein toller Text, fesselnd, sensibel, ohne kitschig zu wirken. Gefällt mir.

    13.06.2014, 08:56 von MiezeLiz
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    Bei einem kalten Fiege Pils und paar Kippchen kann ich nur sagen: Wow! Hat mich gefesselt!

    21.05.2014, 01:26 von Schwalberich.Jo
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  • 2

    Kinners, wie die Zeit vergeht und plötzlich sitze ich hier, heule über verpasste Chancen und schreibe einen Text mit beschissenem Titel.

    Das ist Menstruationsliteratur vom Feinsten.

    01.05.2014, 13:32 von Patroklos
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  • 2

    Wunderschön geschrieben und fesselnd. Am Ende verdienen wir doch alle die Liebe, die wir selbst bereit sind zu geben...

    29.04.2014, 19:35 von Rosetalgia
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    Wie gern ich zurückgespult hätte.. wie wäre es wohl gewesen, wenn sie das nicht gesagt hätte? Schade!!

    27.03.2014, 22:19 von Nachdenk-Aroma
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    Es war schmerzhaft, da ich mich selber wieder gefunden hab ..
    Es hat mir gezeigt, was mein Gegenüber fühlt und das hat mir geholfe.

    Danke 

    08.03.2014, 14:20 von RoshRojin
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    Zack, verliebt.

    06.03.2014, 22:33 von pardon_me
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