zett 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1039 1754

Während du mit ihm schläfst,

liege ich auf einer Wiese und starre in den dunklen Himmel. Sterne? Fehlanzeige.

Unsere Eltern sind von jeher gegen unsere Beziehung. Ich bin deinen Eltern nicht katholisch genug, du bist meinen Eltern zu gewöhnlich. Das Letzte, was ich mir wünsche, ist ihnen die Befriedigung zu geben, sie hätten es von Anfang an gewusst. Ich habe es allenfalls von Anfang an geahnt, dass du mit Frank schläfst. So wie jetzt, in diesem Moment, während ich auf der nassen Wiese liege und in die Dunkelheit starre.

Ich habe nie etwas dagegen gehabt, dass du alle drei Monate deine Eltern für ein Wochenende besuchst. Meistens kann ich an diesen Wochenenden eine ganze Menge Büroarbeit erledigen, sodass es mir sogar ganz recht ist, ein freies Wochenende zu haben. Natürlich finde ich es etwas seltsam, dass deine Eltern kein Bett für dich haben. Aber deine Eltern haben nur zwei Zimmer, nicht sonderlich groß. Vielleicht haben sie wirklich kein Bett. Anfangs war ich sogar noch sorglos, dass du immer bei Frank übernachtet hast. Er wohnt schließlich im gleichen Haus. Es bietet sich förmlich an.

Was bleibt, ist der vage Verdacht, deine Eltern hätten absichtlich keinen Platz für dich in ihrer Wohnung, damit du bei Frank übernachten musst. Frank ist ihnen natürlich tausendmal lieber und vor allem, richtig katholisch. Sie nehmen es bewusst in Kauf, dass zwischen euch was läuft. Besonders katholisch finde ich das nicht, ehrlich gesagt – von keinem von euch.

Ich habe dir nie von meinem Verdacht erzählt. Ich bin mir deiner Liebe eben sehr, sehr sicher. Du gibst mir nie einen Grund zum Zweifeln und warum soll ich das alles aufs Spiel setzen, nur weil du alle drei Monate „deinen Spaß“ hast, dazu mit deinem Ex-Freund? Zählt das Schlafen mit dem Ex-Freund überhaupt zu Kategorie „Fremdgehen“? Schlafende Hunde weckt man nicht. Darum sage ich nichts, denke mir, ich kann damit leben. Ich liebe dich zu sehr.

Nie werde ich dein strahlendes Gesicht vergessen, als du mir vor vier Wochen erzähltest, du seist schwanger: „Wir bekommen ein Baby!“, fielst du mir um den Hals und beglücktest mich mit tausend Küssen. Hattest du jemals mehr Liebe in dir, als in diesem Moment? Mir wird ganz warm, wenn ich an deinen Ausdruck denke. Ich war etwas überrascht, weil wir noch nicht über Familienplanung gesprochen hatten und du anscheinend davon ausgingst, ich wäre genauso von Nachwuchs begeistert. Wann ist eigentlich der richtige Moment, um über Familienplanung zu reden?

Den ersten Verdacht hegte ich, als du mich einmal über meine Meinung zum Fremdgehen befragtest. Ich wunderte mich über deine Frage, denn du wusstest, dass ich Fremdgehen nie im Leben tolerieren würde. Dann wolltest du alles über meine Vergangenheit wissen. Du hattest zu viel über mich gehört und ich erklärte dir, dass die Vergangenheit passé sei und ich, seit ich dich kenne, nie einen Gedanken an eine andere Frau verschwendet habe.

Seit vier Wochen erzählst du von nichts anderem, als dass du die Wände gelb streichen möchtest, damit immer die Sonne ins Kinderzimmer scheint und Sterne willst du an die Decke kleben. Eine Spieluhr, die La-le-lu spielt, braucht das Baby und es soll Gesangsunterricht bekommen und am besten zweisprachig aufwachsen und später mal Medizin oder Jura studieren. Und trotzdem fährst du wieder zu deinen Eltern. Du musst es ihnen persönlich sagen und außerdem ist es kein Problem, Frank ist auch da.

So liege ich auf der nassen, kalten Wiese und lasse es auf mich hinabregnen. Mir ist schweinekalt, ich werde mir bestimmt den Tod holen. Und während du mit ihm schläfst, denke ich an dich. Ob du wirklich, trotz Schwangerschaft, mit ihm schläfst? Bestimmt. Er ist dir so vertraut und es ist alles so unkompliziert mit ihm, hast du mal gesagt.

Und dann frage ich mich wieder, wann der richtige Zeitpunkt gewesen wäre, über Familienplanung zu sprechen. Jedenfalls wäre das der richtige Zeitpunkt gewesen, dir zu sagen, dass ich seit meinem Unfall keine Kinder mehr bekommen kann.

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1039 Antworten

Kommentare

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    Wow.

    01.04.2015, 16:31 von maritschka
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    Wow. Dieser letzte Satz macht den Text noch perfekter, als er ohnehin schon ist. Tiefgründig. Ergreifend. Berührend. Gänsehautauslösend. Lob!

    27.02.2015, 18:45 von Kein_Wunderkind
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  • 2

    Der letzte Satz lässt einem echt den Atem stocken...  Das tut sogar beim Lesen weh :(

    21.02.2015, 00:40 von Salana
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  • 3

    lässt einen mit einem offenen Mund und Sprachlosigkeit zurück

    03.02.2015, 14:03 von NaWunderbaerchen
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    total rührend =/

    01.02.2015, 00:58 von Crunchips_Oriental
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    Unglaublich. Kalter Schauer über den Rücken, als ich den letzten Absatz las.

    Ich weiß nicht, wie man das als Mann aushalten soll.

    27.01.2015, 10:45 von Hans222
    • 0

      Aber als Frau oder was? Wozu diese Betonung?

      23.03.2015, 18:24 von fallasa
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    20.01.2015, 16:40 von kreisdiagramm
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    Wahnsinnig ergreifender Text. Habe ihn nach diesem Ende gleich noch einmal gelesen. Wie ging es weiter?

    16.01.2015, 14:17 von __tinkerbell__
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Wahnsinnig ergreifend! 

    09.01.2015, 01:22 von linaeb
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