circaviolett 23.10.2009, 13:29 Uhr 25 29

Vor 365 Tagen...

Wir waren vier Schultern, vier Hände, vier Füße, zwei Rücken und zwei Köpfe.

365 mal aufstehen bedeutet, 365 mal den Willen haben, die eigene Situation zu retten, den Tag zu erleben mit allen Seiten, die Augen zu öffnen und nicht den Kopf sofort in den Sand zu stecken.
Genau 365 mal habe ich das getan und bin jetzt hier, dort wo ich hingehöre, dort wo ich hin sollte und dort wo ich schon war, bis genau vor einem Jahr alles kaputt ging.

Wir waren vier Schultern, vier Hände, vier Füße, zwei Rücken, zwei Köpfe.
Zugegeben, auch ich lud ab und an etwas von meinen Schultern auf deine, wenn ich nebenher noch etwas für unsere oder auch meine Zukunft tat, war aber der Meinung, dich nie alleine im Regen stehen zu lassen, dir immer zur Seite zu stehen, auch wenn wir nicht mehr zwei Ringfinger sind. Das gehört für mich sowieso zum Grundlebenssatz, dass man da ist, das man hilft und teilt wenn es nötig ist. Zwar ist die Grenze der Selbstlosigkeit immer schwierig, aber für dich war sie nur die Grenze deiner eigenen Haltung.

Wir waren vier Schultern, vier Hände, vier Füße, zwei Rücken, zwei Köpfe und sollten alles zusammen meistern, was wir zusammen aufbauten, zusammen kaputt machten und zusammen erlebten. Wir, die eine ganze Weile lang am Baum des Lebens hoch kletterten und zwischendurch Rast machen, sollten uns helfen und halten, vor dem Sturz ins Nichts bewahren und immer die Baumkrone als Ziel anvisieren.

Doch du, du warst zwei Schultern, zwei Hände, zwei Füße, ein Rücken und ein Kopf. Und ohne mein Wissen hast du dein eigenes Baumhaus gebaut. Du hast lange daran gesessen, zwischen drin immer etwas dort abgeladen und nur darauf gewartet, dass ich uns beide nicht mehr halten kann, dass ich falle und du in dein Baumhaus rennen kannst und ich am Boden liege, vor Trümmern und mit gebrochenen Knochen.

Vor 365 Tagen konnte ich uns nicht mehr halten und der Ast brach ab. Ich stürzte alleine in die Tiefe, ins nichts und landete vor Trümmern, du warst nicht da, die Baumkrone war weit entfernt und meine gebrochenen Knochen konnte nur ich heilen.

Es war nichts mehr da, die Rastplätze waren verschwunden, die Blätter fielen auf mich herab und es war mir überlassen, eigenständig nach oben zu klettern und dabei zuzusehen, wie du dich in deinem Baumhaus einigelst und geschützt nichts davon mitbekommst, wie ich die ganze Last nun alleine tragen sollte.

Und heute, 365 Tage später, bin ich an dir vorbei geklettert. Zwar sitze ich noch nicht oben und schaue mir alles gelassen an, dennoch sitzt du immer noch in deinem Baumhaus, wartest auf jemanden, der dir hilft wieder nach oben zu gelangen, der dir deine Last abnimmt und dich stützt, weil du alleine nach unten fallen würdest und nie den Willen hättest, selbstständig nach oben zu kommen.

Ich bin zwei Schultern, zwei Hände, zwei Füße, ein Rücken und ein Kopf.

Und du?

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25 Antworten

Kommentare

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    schön!

    21.03.2010, 19:16 von weAreAnimals
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    :) mag ich.

    06.02.2010, 19:09 von Kathue-tata
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    danke für den text.
    gefällt mir sehr gut.
    vorallem die metapher sind klasse.

    06.01.2010, 02:06 von MiraHey
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      @MiraHey ich schliesse mich an. toller text mit tollen bildern. hat mich sehr berührt weil der sturz ins nichts bei mir nicht allzulange her ist. es macht mut ohne die typischen phrasen. danke schön.

      12.01.2010, 14:13 von unbelehrbar
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    kann mich sehr gut mit dem Text identifizieren.. Auch bei mir sind es nächste Wochen 365 Tage her, als meine große Liebe und ich uns trennten.. Bin am hochklettern und er wartet auf jemand der ihn hochnimmt.. Aber mich wollte er nicht.. bin vorbei geklettert.
    viel erfolg weiterhin <3

    01.11.2009, 10:39 von heart_limit
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    Sehr schönes Bild kann ich super nachvollziehen, bin auch vor ein paar Monaten gefallen.
    Danke!

    31.10.2009, 13:50 von hellcat
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    Schöne Metapher!
    Bin auch noch am Klettern. Gerade erst wieder ein bisschen abgerutscht.. aber hoffe dass ich in einem Jahr so reden kann wie du ;)

    29.10.2009, 15:22 von manen
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    Dein Text gefällt mir und die Metapher mit den Bäumen zeigt wunderbar, wie standhaft Beziehungen sein sollten. Bis dann jemand böses kommt und den eigenen Baum mit einer Kettensäge massakriert. So war es zumindest bei mir.
    Mittlerweile bin ich wieder am klettern, schaue aber leider immer noch zurück und folge auch dem einem oder anderen Blatt wieder hinunter. Aber das wird schon! Da hilft nur jede Menge Düngen und für das Baumhaus eine Menge Nägel, damit es zusammenhält!

    Empfehlung!

    27.10.2009, 22:02 von SchokoEva
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    toll!

    27.10.2009, 20:11 von bratpfanne
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    wunderbare metapher

    27.10.2009, 12:53 von anti_heldin
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    schön zu lesen, weil die stimmung zu den bildern passt.

    27.10.2009, 09:28 von marco_frohberger
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