Vom Sollen und Können
Sie sagen, Einsamkeit erschafft man sich meistens selbst, aber ich weiß, dass sie von ganz alleine kam.
Im Sommer soll man baden gehen, sagen sie. Im Herbst, da fallen die welken Blätter bunt und braun von den Bäumen, da soll man spazieren gehen, sagen sie. Dann kommt der Winter so schnell, dass ich vergesse, meine hellrosa Stoffballerinas auszuziehen. Dann schneit es. Da soll man dicke Mäntel und feste Schuhe tragen, sagen sie. Und dampfenden Punsch und Glühwein trinken. Aus großen und kleinen Tassen. Für Erdbeereis ist es im Winter zu kalt, sagen sie. Sind Tränen denn nun heiß oder lauwarm? Das wissen sie nicht. Meine sind heiß, sie brennen schon, bevor sie ausbrechen können, sie glühen in mir.
Im Frühling soll man sich verlieben, sagen sie. Warum ich nicht verliebt bin, fragen sie. Ich sage nichts. Ich habe meine Gefühle vor einiger Zeit in einen winzigen Spielzeugkarton gelegt und mit blauer Schleife umwickelt. Es waren nicht mehr viele, deshalb war ich sehr behutsam. Er hat es nicht verstanden, denn er besitzt so viele von ihnen, alle sind sie verschieden, und ständig entwickeln sich neue. Er möchte mir ein Paar davon schenken, sagt er, aber ich weiß, dass ich sie nicht annehmen möchte.
Draußen schneit es, als er sich zaghaft zu einem weichen Kuss bückt. Er möchte wissen, wann wir uns wiedersehen, ich sage, demnächst, wohl wissend, dass ich ihn nie mehr wieder küssen will. Zuhause trinke ich roten Wein aus einem bauchigen Glas und höre mir Klavierstücke auf CD an. Ich weiß, dass er anrufen wird, deshalb schalte ich mein Mobiltelefon aus. Einsamkeit ist etwas, das tief in uns sitzt und uns stark beherrscht, auch wenn wir wissen, dass wir nicht alleine sind. Sie sagen, Einsamkeit erschafft man sich meistens selbst, aber ich weiß, dass sie von ganz alleine kam. Sie ist wie die verschiedenen Jahreszeiten, taucht auf, macht sich breit und bedeckt einen wie der Schnee oder Blätter, strahlt einen an wie die Sonne. Ich rauche meine letzte Zigarette, befreie sie aus ihrer Einsamkeit in der roten Schachtel. Es läutet an der Tür, erst beim dritten Mal entschließe ich mich, aufzumachen. Er habe sich Sorgen gemacht, sagt er. Er wollte mir sagen, dass ich ihm wichtig bin. Dabei sieht er in meine leeren Augen, meine Hand klammert sich um das Weinglas und wieder brennen sie in mir, die heißen Tränen, die in diesem Moment zu kochen beginnen. Er küsst meinen Hals, genau auf die Stelle, an der sich mein Muttermal befindet und greift mir dabei auf die Taille. Die Glut der Zigarette fällt auf meinen Vorzimmerboden, ich drehe mich um und gehe ins Wohnzimmer. Ob er Wein möchte, frage ich. Er möchte mich, sagt er. Wir schlafen auf dem Wohnzimmerboden miteinander, unter den sanften Klängen der Musik, er sagt, er liebt mich. Ich antworte nicht. Man soll glücklich sein, sagen sie.
In der Früh trinke ich heiße Milch mit Zimt. Ich beobachte den leichten Schneefall durch mein Küchenfenster und weine. Die Tränen brennen auf meiner Wange, aber ich genieße den Schmerz, es ist der Ausdruck der letzten Menge an Gefühl, das sich noch in mir befindet. Dieses Gefühl nennt sich Trauer. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich meine Tränen in einem Behälter sammle, um eines Tages, wenn auch dieses letzte Gefühl nicht mehr aus mir heraustreten kann, eine Art Erinnerung daran zu haben. Stattdessen wische ich sie weg, meine kostbaren Beweise, mit einem Stück Küchenrolle. Ich stehe auf und mache mich auf den Weg zur Arbeit. Ich beobachte meine Fußstapfen im Schnee und male Herzen auf Autoscheiben, bis meine Finger taub sind.
Man soll lieben, sagen sie. Dass ich es nicht kann, verstehen sie nicht.
http://www.youtube.com/watch?v=s4_4abCWw-w
http://www.yolanthe.de/lyrik/kaestner01.htm





Kommentare
einfach unheimlich toll und so wahr.
13.10.2011, 15:24 von staceysehr berührend, dein text. er macht mich traurig, irgendwie. Wie ist es soweit gekommen?
24.05.2011, 15:31 von trariAlles Liebe!
"Manchmal stelle ich mir vor, wie ich meine Tränen in einem Behälter sammle, um eines Tages, wenn auch dieses letzte Gefühl nicht mehr aus mir heraustreten kann, eine Art Erinnerung daran zu haben. Stattdessen wische ich sie weg, meine kostbaren Beweise, mit einem Stück Küchenrolle."
11.05.2011, 23:40 von Jamila_VanillaSehr, sehr schön. Vielen lieben Dank!
Ich mag deine Liebe zum Detail.Wörter, die eine einfache Situation umgarnen und vielleicht sogar das normalste der Welt als etwas besonderes darstellen, wie zum Beispiel eine Kiste einzuwickeln.
27.12.2010, 00:33 von NastenkaIch mag deine Liebe zum Detail. Wörter, die eine einfache Situation umgarnen und selbst das vielleicht normalste der Welt als etwas besonderes darstellen...wie eine Kiste einzuwickeln.
27.12.2010, 00:28 von Nastenkasehr traurigschön
09.12.2010, 09:11 von HendrikBgroßartig geschrieben.
08.12.2010, 15:05 von MissKateSie sagen, es könnte doch alles so schön sein.
07.12.2010, 20:54 von Rotti.Ich weiß, wovon Du sprichst.
Einsamkeit ist ein wie seelische Folter, der man ausgesetzt ist. Sie wächst mitunter sogar, wenn man unter Menschen ist. Das ist besonders schlimm. Aber wie Du selbst sagst, braucht dieses Land Menschen, die lächeln. Und Du kannst sicher sein, dass es oft die lächelnden Menschen sind, die sich einsam fühlen. Alles Liebe für Dich!
mir gefällt der Satz, der sich wie ein roter Faden durch den Text zieht:
06.12.2010, 20:29 von topfbluemchen"...sagen sie"
Passt gut zum Inhalt und verdeutlicht ihn gut.
Wundervoller Text für eine schreckliche Tatsache.
06.12.2010, 20:17 von soitisFinde mich sehr wieder.