Varekes 26.08.2011, 14:14 Uhr 21 42

Vier halbe Affen

Der Akt von Schimpansen dauert im Schnitt nur sieben Sekunden.

Als ich dir das sage, drehst du dich noch nicht einmal zu mir um. Wir sind auf dem Heimweg und wie immer gehst du zwei Absatzlängen voraus, als wolltest du mir, der ganzen Welt, am Ende vielleicht sogar dir selbst, bedeuten, dass wir zwar zusammen, aber nicht miteinander gehen.

"Du machst dich zum Affen.", sagst du und deine Stimme klingt belustigt. Du bist wieder einmal beschwippst von dir selbst, deine eigenen Witzchen amüsieren dich am meisten. Niemand kann dich so zum Lachen bringen wie du dich selbst. Das war schon zu Zeiten so, als ich das noch mochte, als ich es noch lustig fand, wenn du in Cafés deinen Latte durch einen Strohhalm schlürftest oder begannst, an deinem kleinen Finger zu knabbern, wenn dir etwas langweilig wurde.

Als wir noch miteinander um die Häuser zogen, weil wir Lust darauf hatten oder weil es sich einfach so gehört, wenn man ein Paar ist, musste ich oft auf dich warten. Wenn wir von Club zu Club liefen, auf sonntäglichen Spaziergängen, die wir nur unternahmen, weil du es von zu Hause aus so kanntest. Immer ging ich voran, während du hinter mir her schlichst, auf Entdeckungstour, die Nase zwischen zwei Ästen, auf denen irgendwelche Insekten Dinge taten, die du spannend fandest oder am Glas der Scheibe von irgendwelchen Shops in der Fußgängerzone, die ich keines Blickes gewürdigt hätte. Manchmal denke ich darüber nach, wie viele Plätze und Orte ich ohne dich nie kennengelernt hätte. Lieblingsorte, die man einander zeigt, weil sie einem viel bedeuten, weil Erinnerungen daran hängen, die man gern teilen möchte mit dem Menschen, den man liebt oder von dem man sich geliebt fühlen möchte. Einmal hast du zu mir gesagt, du seiest höchstwahrscheinlich unfähig zu lieben. Nicht gehemmt, aus irgendwelchen Ängsten heraus, sondern wirklich unfähig. Ob ich mir vorstellen könne, ob es so was wirklich gibt, wolltest du wissen. "Das glaube ich nicht.", habe ich dir entgegnet, weil ich mir absolut nicht vorstellen konnte, dass es Menschen gibt, die keine tiefe emotionale Bindung zu jemandem aufbauen können.

"Ich habe nie geweint, wenn jemand gestorben ist.", sinniertest du. "Weil ich einfach nicht traurig war. Als mein Hund starb, habe ich das einfach so hingenommen. Er war nicht mehr da, also habe ich nicht mehr an ihn gedacht. So ging es mir mit jedem Tier und jedem Menschen, ob er mir nahestand oder nicht. Wenn er gegangen war, interessierte er mich nicht mehr."

Du warst häufig aufmüpfig wie ein kleines Mädchen und ich mochte auch das an dir. Ich kannte das von meinen Schwestern, die garstig werden konnten, wenn etwas nicht nach ihrem Willen ging, die dann quengelten und jammerten, manchmal einen Affentanz vollführten. Als großer Bruder lernt man, das nicht allzu ernst zu nehmen. Ich entwickelte Strategien, meine Schwestern abzulenken, indem ich sie zum Lachen brachte mit irgendeiner kleinen Albernheit. Es genügte irgendwann ein einziger Blick, um sie darüber schmunzeln zu lassen, dass sie sich selbst zum Affen machten, wenn sie ihre Gesichter verzogen und mit den Füßen aufstampften.

Bei dir fand ich keine Strategie. Ich konnte nur ruhig bleiben und abwarten, bis du selbst das Interesse an deiner Nölerei verlorst. Das war nicht schwer, denn es dauerte selten lange, bis du vergessen hattest, was du eben noch wolltest oder nicht wolltest. Einfach wurde es allerdings auch nie, weil du in allem, was du wolltest, unverbindlich bliebst. Mir machte das wenig aus, ich konnte damit umgehen, wenn du etwas einklagtest und wenn dir etwas gleichgültig wurde. Ich war geduldig mit dir, solange ich Grund hatte daran zu glauben, eines Tages würdest du einsichtig werden, dich über dich selbst lustig machen können und mir gemeinsam über deine Sturheit lachen.

Drei Jahre waren wir ein Paar, du und ich. Unsere Freunde und unsere Familien wussten das, jeder Fremde, der uns zusammen sah, musste den Eindruck gewinnen. Ich wusste, dass ich dich liebe, du wusstest, wie man Kaffee aus Strohhalmen schlürft, wie man Fliegen erschlägt und dem Affen Zucker gibt. Du wusstest, wie man schallend und ansteckend lacht, aber nicht, wie und warum man etwas komisch findet. Weinen konntest du auch, in den drei Jahren ganze zweimal. Einmal, als du dir beim Schlittschuhfahren den Arm brachst und ein anderes Mal, als du ein halbes Netz Zwiebeln in eine Partysuppe schneiden musstest. Als ich dir sagte, dass ich aufgebe, weintest du nicht. Du warst kalt, eiskalt, als wir vor der abgebrannten Scheune standen, die meinem besten Freund und mir in Kindheitstagen als Versteck und Rückzugsort gedient hatte und deshalb zu meinen Lieblingsplätzen gehörte. Du hattest keine Lieblingsplätze.

"Sie wird niemals welche haben.", sagte dein Vater zu mir, nachdem wir wohl zwei Stunden über nichts als dich geredet, gelacht und geweint hatten. Dass du anders warst, das haben wir beide gewusst, das wussten alle, die mit dir umgingen. Dass du krank sein könntest, das wäre niemandem von uns in den Sinn gekommen.

Asperger-Syndrom nennen die Ärzte das, was dich davon abhält, neben anderen Menschen zu gehen, dich ihnen zuzuwenden, wenn du mit ihnen sprichst oder Trauer über einen Verlust so so zu empfinden, dass du weinen musst.
Für mich bist du vier halbe Affen, du siehst nur auf einem Auge, du hörst nur mit einem Ohr du sprichst nur mit halber Zunge und du liebst nur mit halbem Herzen.

Wenn wir heute um die Häuser ziehen, du voran läufst und die Welt glauben lässt, uns verbände nichts, wenn du dann auf eine blöde Bemerkung mit einem Spruch reagierst und ich weiß, dass du gleich lachen wirst, ein wenig zu laut zwar, aber dafür echt, wünsche ich mir insgeheim, dein halbes Herz liebt mich.

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21 Antworten

Kommentare

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    och, das finde ich traurig, besonders den letzten satz

    01.09.2011, 22:25 von Madame_Malheur
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    oh man wie toll! der schluss ist echt super gelungen!

    31.08.2011, 14:38 von incyde
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    "...wünsche ich mir insgeheim, dein halbes Herz liebt mich."

    Es war zu erahnen im Verlauf des Textes.
    Eine schöne, sanfte Beschreibung der Beziehung, die mir sehr gut gefällt und mir etwas warm ums Herz hat werden lassen.

    29.08.2011, 00:08 von petit.papillon
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    Wunderbarer Text. Danke dafür!

    28.08.2011, 17:48 von Unresting
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    schön -- eine hommage an den als geschichte ausformulierten vorwurf... was mich ein wenig verkühlt zurücklässt.

    28.08.2011, 14:04 von Kata_Pult
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  • 0

    Mhm. Da halte ich deinen anderen Text für gelungener. Trotz der fehlenden Absätze...

    28.08.2011, 13:23 von Herr_Schaft
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    Sehr sehr schön. Tolle Textpassagen, mache Sätze die einem nahe gehen, und ein Schluss der, so überaschen in seiner Art, Hoffnung gibt. Auch einem Menschen mit einer solchen Krankheit wird Liebe geschenkt. Und er lässt sich Fragen, was ist Liebe? Wenn so wenig zurückkommt, wenn der Geliebte so kalt erscheint. Was hält uns an ihm, was lässt ihn uns lieben? Und samit auch die Frage: Was ist Liebe?

    27.08.2011, 18:57 von LonleyHeart
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    das ist gut beschrieben.
    am anfang denkt man noch, das mädel hat einfach nicht alle tassen im schrank, aber je näher du das (liebes)verhalten beschreibst, wird einem klarer, dass sie unter irgendeiner "sache" leidet. spätestens als du den vater von ihr mit eingebracht hast.

    asperger- autisten wirken wirklich normal, sind meist nicht als behindert eingestuft (die diagnosestellung ist äußerst schwierig) und man merkt nur im sozialen, bzw, im beziehungsleben, dass sie irgendwie "komisch" sind.
    eine normale geprächsführung ist so gut, wie niemals möglich.
    ich kenne das auch, denn mein stiefpapa leidet unter dieser erkrankung.
    wir hatten ebenso ganz schön was zu wuppen.
    heute wissen wir darum und können sogar über die eine, oder andere dämliche situation lachen.

    ich kann das "halbe herz"- gefühl gut nachvollziehen.

    27.08.2011, 13:13 von MiZa.
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    Sehr schön geschrieben!
    Asperger so treffend beschrieben...
    Mein kleiner Bruder hatte Asperger. Oft wird es mit Ende zwanzig besser, und das 'asozial' anmutende Verhalten kann verschwinden.
    Seine Jugend war eine harte Zeit für die Familie...

    26.08.2011, 23:50 von miss_mel
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