barbara_gaertner 20.10.2005, 12:37 Uhr 32 0
NEON täglich

Viele Fragen, keine Antworten

Älterwerden ist nicht schön. Manchmal aber sehr entspannend.

Sie sah sehr nett aus, in ein Buch vertieft, hat kaum aufgeschaut, als ich mich in der Straßenbahn neben sie setzte. Ich bin trotzdem ein wenig von dem Mädchen weggerutscht. Sie nahm mir den Atem. Genauer: Die sie umgebende Wolke aus Vanille.

Einst war ich auch süchtig nach Vanilleparfüm. Es fühlt sich an, als wären seither Jahrhunderte vergangen. Meine Freundin Silke nannte mich damals liebevoll Löffelbiskuit und meine WG-Mitbewohner konnten, die Momente, in denen ich mich glückselig der Melancholie hingab, durch die Vanilleschwaden, die durch die Türritzen krochen, erschnüffeln. Sie klopften dann nicht.

Heute mag ich Vanille immer noch gerne, aber nicht mehr am Körper. Heute ist überhaupt sehr vieles anders.

Kürzlich habe ich einen charmanten, sehr schlauen jungen Mann kennen gelernt, nennen wir ihn einfach Tom. Tom ist 19, will Philosophie studieren, weiß beeindruckend viel und stellt immerzu Fragen. Wenn man auf seine Frage ein schales „keine Ahnung“ antwortet, dann blitzt es immer kurz in seinen Augen auf. So als könne er nicht fassen, dass man sich mit einer würdelosen Keine-Ahnung-Haltung durchs Leben schlagen kann.
Ich fühle mich sehr alt, wenn ich mit Tom zusammen bin. Altgeworden, denn Tom erinnert mich an mich selbst. Damals war ich überzeugt, dass es auf die meisten Fragen eindeutige Antworten gibt, dass man sich sein Weltbild zusammenzimmern kann und nach den eindeutigen moralischen Verkehrsschildern auch bestens wandeln kann.

Heute glaube ich das nicht mehr. Erwachsenwerden bedeutet für mich, dass mir jeden Tag aufs Neue meine Gewissheiten wegflutschen. Mann kann nicht zwei Menschen gleichzeitig begehren? Klar, das lässt sich trefflich formulieren, so lange einem das Leben nichts anderes zeigt. Wenn man sich für ein Thema interessiert, dann beschäftigt man sich so lange damit, bis man eine Ahnung davon hat- das dachte ich immer. Heute interessiert mich viel und ich weiss wenig. Ich bin nicht mehr so radikal, weniger leidenschaftlich. Meine Ansprüche an mich selbst waren stets sehr rigide. Heute bin ich netter zu mir.
Nur wenn es in den Augen meines Gegenübers kurz aufblitzt, dann erschrecke ich kurz und vermisse das Mädchen, das ich einmal war, und deren Sicht auf die Welt.

Wie ist das bei euch, liebe Neon-User, woran bemerkt ihr - wenn man von der Schwerkraft, die am Körper nagt, absieht -, dass ihr alt geworden seid? Welchen Eigenschaften trauert ihr nach, worüber seid ihr froh es hinter euch gelassen zu haben?

32 Antworten

Kommentare

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    heehoo post vom alten

    30.10.2005, 16:51 von dermicha
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    ich merk, dass ich älter wrede, indem ich dinge mit der zeit einfach anders sehe bzw. anders ENTGEGEN sehe, in der freundschaft, der liebe und ganz alltäglichen dinge. klar, irgendwann hängt dein busen auch, aber die sicht der dinge zeigt alles noch deutlicher als hängende körperteile...

    25.10.2005, 20:01 von hazelnut
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    Warum ist "älter" werden eigentlich nicht schön?

    Ich werde noch heute für sehr viel jünger gehalten als ich bin- das freut mich meistens, manchmal nur erschreckt es mich.
    Eigentlich verbinde ich mit meinem "Älter" werden fast nur Vorteile:
    1. Ich bin gelassener geworden un dwerde nicht gleich hektisch, nur weil mal etwas länger dauert oder nicht sofort klappt.
    2. Ich muss nicht mehr zu allem etwas sagen, sondern habe zuweilen das Bedürfnis, den anderen zuzuhören, wenn sie über Dinge reden, von denen ich keine Ahnung habe (haben will).
    3. Antworten, die ich früher geben wollte und mir merken wollte- von denen weiß ich heute oft nur, wo sie stehen... aber das reicht mir.
    4. Ich muss nicht mehr die Nächte durchmachen (nicht, weil ich 2 Tage brauche um zu regenieren sondern, weil es nicht mehr dieses "die große weite Welt erobern"- Gefühl auslöst)
    Meine Prioritäten haben sich geändert.
    5. Und ja, vielleicht ist das deutlichste aller Zeichen, dass ich "älter" geworden bin, dass ich lieber mit meinem Freund oder meiner Familie zu Abend esse und über den Tag rede als in irgendwelchen halbdunklen Bars zu sitzen.
    6. Früher haben Bekannte im Monatstakt gewechselt, heute baue ich auf weniger, aber dafür tiefere Freundschaften.

    Und was ist jetzt nicht schön daran, gelassener, ruhiger, solider und etwas entschleunigt zu sein?
    Verstehe ich nicht.
    Ich genieße das "älter" werden. Tag für Tag.

    21.10.2005, 09:51 von Juli.
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      @Juli. Juli, Treffer! Das kann ich alles gut nachvollziehen. Auf den Puinkt gebracht sozusagen. Feine Sache das

      24.12.2005, 12:30 von sternschnuppchen
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    Genau daran. Ich sage: "Ich habe keine Ahnung" wenn ich es nicht weiß, statt mich hinter einer Pseudo-Meinung zu verstecken. Manches weiß ich halt nicht.

    Es ist weniger eine egal-haltung, mehr ein: wissen, wann man auch den mund halten kann.

    20.10.2005, 22:33 von sabbelwasser
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    da fällt mir einiges ein. man merkt, dass eltern und erwachsene tatsächlich ihre macken haben. und sieht das jeder mensch irgendeine macke hat. man macht sich sorgen, was man mit den eltern macht, wenn diese mal versorgt werden müssen. man rechnet sich geldbeträge durch, für wie lange sie reichen. ich bin unsportlicher geworden und habe zugenommen (ist jetzt nicht so schlimm wie es sich anhört). ich kaufe eine kosmetiklinie für die haupt ab 20. ich kann schon lange nicht mehr ins "k5", mit 18 ist man da schon alt. ich trage meine zweiten docs nurnoch bei übelsten regen/schlammwetter, da es schöneres gibt. ich habe keinen bock mehr bei einem einwöchigen festival im zelt zu übernachten. ich rauche aus gesundheitsgründen fast nicht mehr. man erinnert sich wie man nicht werden will und beglückwunscht einen selbst es geschafft zu haben. und jetzt schau ich lieber einen film.

    20.10.2005, 20:46 von zabou
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    der hammer der dich aus deiner ansessenen position kickt, muss schon ein paar nummern grösser sein. erfahrungen des alters bewirken auch eine abgeklärtheit, dass man wirklich beeindruckendes zunehmend vermisst. und auch das hat zwei seiten. wenn was stört, gilt immer noch: fehler erkannt = fehler gebannt.

    20.10.2005, 18:54 von brot
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    Älterwerden heisst für mich immer noch die gleichen Träume zu träumen, aber zu wissen dass sie zumindest in den letzten Jahren nicht Wirklichkeit geworden sind. Älterwerden heisst weiter darauf zu warten, dabei manchmal (fast) zu verzweifeln, schließlich aber trotzdem nicht aufzugeben.

    20.10.2005, 18:09 von Marvin.
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