elixa 02.05.2007, 11:59 Uhr 127 67

Verdammte 14 Jahre

Ich halte meine Hand schützend auf meinen Bauch. Doch da ist nichts mehr, was ich schützen kann

Es ist 11 Uhr. Mir ist kalt. Ich habe Angst. Ich will nicht. Was, wenn ich mich falsch entschieden habe? Jetzt muss ich. Es klopft an der Tür. Wir müssen gehen, sonst kommen wir zu spät. Ich steh auf, mir wird schwindlig. Nichts essen, nichts trinken, so hieß es, nüchtern sein ist wichtig.

Ich ziehe Schuhe und Jacke an, gehe langsam die Treppe runter, setze mich ins Auto und ziehe die Tür zu. Betrachte das Flimmern der Wintersonne. Ich dachte immer das geht nicht, aber ich kann nicht denken, ich starre nur vor mich hin. Meine Mutter fragt mich etwas, ich höre sie nicht. Sehe nur das Flimmern, spüre nur die Straße, atme einfach nur. Hab ich meinen Verstand zu Hause gelassen? Warum bin ich so stumpf? Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, vielleicht muss das so sein? Vielleicht kann ich es nur so ertragen.

Das Auto steht, ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Wieder die Stimme meiner Mutter, wieder hör ich sie nicht.Ich steige aus. Die kalte Luft droht meinen Kopf zu sprengen, ich hole tief Luft; will mich anfüllen mit dieser Kälte, damit ich etwas spüre, damit ich Schmerzen habe, nur um mir zu beweisen, dass ich noch existiere. Meine Lunge tut weh. Ohne dass ich es merkte hatte ich begonnen einen Fuß vor den anderen zu setzen. Wir sind da. Sie öffnet die Tür, ich folge ihr, bleibe in einem hellgrün gestrichenem Foyer stehn, es riecht nach Lösungsmitteln und Zitrone.Sie redet mit einer Frau, setzt sich dann auf einen blauen Stuhl, der nicht zur Wand passt. Ich setz mich neben sie, die Uhr direkt im Blick.12:01 h.

Wir warten, sie liest, ich sitze. Das erste Gespräch. Der Arzt – ein sehr hagerer Mann - fragt mich, ob ich nüchtern bin. Meine Mutter antwortet. Das ist kein Gespräch zwischen Arzt und Patient, ich bin daran nicht beteiligt. Ich weiß nicht was er fragt, ich nicke lediglich wenn meine Mutter antwortet. Zurück auf den blauen Stuhl. Der Blick auf die Uhr. 13:07 h. Das zweite Gespräch. Wieder keine Beteiligung meinerseits. Der blaue Stuhl. Die Uhr. 13:58 h.

Das letzte Gespräch. Keine Beteiligung. Blauer Stuhl. Uhr.15:37 h.

Der Termin. Die Spritze, erst Blut, dann Narkose. Ein letzter verschwommener Blick auf die Uhr. 16:13 h. Ein letzter Gedanke an sie. Ich atme, ich bin weg. Als ich wieder zu mir komme, fällt mein erster Blick auf die Uhr. (Haben die hier überall Uhren, um einem die Vergänglichkeit nur allzu präsent zu machen?) 17:21 h.

Die Wand vor mir ist gelb. Es riecht nach Apfel. Mir wird schlecht. Die Schwester hällt mir eine Tasse Tee entgegen. Ich trinke.Völlig überzuckert. Ich kann ihn nicht behalten. Will aufstehen, ein plötzlicher Schmerz hindert mich daran. Schützend halte ich meine Hände an meinen Bauch. Der Schmerz aber bleibt. Ich bin nicht mehr ich. Ich bin hier, doch ich merke, dass ich fehle.

Ich ziehe Schuhe und Jacke an und folge meiner Mutter zum Auto. Sie schaut mich sorgenvoll an. Ich will lächeln, stattdessen weine ich. Sie weiß nicht was sie machen soll, schaut mich ratlos an. Ich nehm ihr die Entscheidung ab und setze mich ins Auto. Es ist schon fast dunkel. Das Flimmern ist fast verschwunden, die kalte Luft ist geblieben. Ich friere. Bin völlig leer. Wir fahren. Das verblassende Flimmern, die Straße, mein Atem.

Wir stehen. Wieder ganz stur einen Fuß vor den anderen. Die Treppe noch, zwei Türen und ich bin da. Lasse Jacke und Schuhe fallen und mich aufs Bett. Immer eine Hand schützend auf meinem Bauch. Doch was will ich schützen? Dort ist nichts mehr. Ich weine. Er ist da. Will, dass er mich tröstet, aber berühren darf er mich nicht. Will, dass er für mich da ist, aber hier sein soll er nicht. Will alleine und in Gesellschaft sein. Weiß nicht was ich will. Ich weine. Weine bis ich nicht mehr kann. Weine um ihn, um unsere Beziehung, weine um mich und vor allem um sie......mein Baby, dem ich das Recht genommen habe die gleiche Luft zu atmen, die auch ich atme. Ich mit meinen dummen, naiven, verdammten 14 Jahren.

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127 Antworten

Kommentare

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    Verzeih mir, elixa, das ich erst kritisierte, bevor ich pries, was mir zuerst auffiel und was zu nennen auch das wichtigste ist.
    Dein Mut. Und zwar zuallererst der, diesen Text hier zu veröffentlichen und so offen über deine Gefühle zu schreiben.
    Dein Text ist sehr gut geschrieben. Diese Gefühlslosigkeit, dieses bloße Funktionieren ist sehr gut dargestellt.

    Vielen dank, für diesen guten und "mitnehmenden" Text. Ich wünsch dir auch weiterhin die Stärke, mit der Entscheidung zu leben und wünsche dir viel Sonne auf deinen Wegen.

    22.07.2011, 21:59 von deluecksartist
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    Krass!

    18.11.2010, 20:11 von Flymokatze
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    Unheimlich traurig...

    17.10.2010, 14:51 von nimsaj
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    Ich liebe Menschen, die einserseits sagen "Mit 14 ist man doch noch ein Kind und viel zu jung um Sex zu haben!", im gleichen Atemzug aber von einer 14jährigen absolut erwachsenes Verhalten verlangen. Entscheidet euch mal für einen Standpunkt.

    Den Text finde ich stilistisch toll, mir gefällt besonders die Beschreibung der Gefühlslosigkeit. Eine ähnliche Passage habe ich gerade in einem Buch gelesen.

    Inhaltlich ist deine Entscheidung eben deine Entscheidung, basta. Ich erinnere mich gut, wie ich mit 14 war, und kann dein Denken nachvollziehen, auch wenn ich diese Entscheidung nie treffen musste.

    30.03.2010, 11:34 von volumINA
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    du hast meinen ganzen respekt.
    ein wirklich trauriger text.
    ich hoffe du hast diese zeit gut überstanden

    01.07.2009, 00:10 von SchereSteinPapier
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    Liebe Elixa,
    ich habe nun alle Kommentare zu Deinem Text gelesen - es sind nicht gerade wenige ... Es wurde uber Kummer, Schmerz, Mord und Jesus diskutiert.
    Was fehlt ist Folgendes: Du hast einen wunderbaren sehr literarischen Text geschrieben! Die Überschrift ist sehr zutreffend! Die Idee mit der Uhr und dem blauen Stuhl ist hervorragend. Du hast die Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit sehr schön dargestellt. Diesen Text würde ich glatt in einem Buch für Heranwachsende zur Diskussion stellen.
    Deine schriftstellerische Verarbeitung ist ein großer Schritt zu dem ich Dich beglückwünschen möchte!
    Du hast sehr viel Talent! Pflege es!

    Und zum Schluss: Du trägst KEINE Schuld!
    Gestalte Dein Leben aktiv und sinnvoll, das ist der beste Weg, Abbitte an ein Leben zu tun, das sich nicht gestalten durfte...
    Herzlichst
    nywi

    16.05.2009, 13:30 von Nywi
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    Ich finde es sehr gut von dir, dass du es dir raus geschrieben hast!Sehr wenig Menschen trauen sich, darüber überhaupt zu sprechen und du in ca. meinem Alter, bist mutiger und ehrlicher, als welche die schon 30 oder 40 sind!Mutig und gut geschrieben!!

    23.04.2009, 21:39 von Dina-Lisa
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    ich bin auch 14, und wenn ich mir vorstelle -
    mutig. toller text.

    05.01.2009, 21:49 von Lenna.
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