Vaterschaft verweigert
Ich wollte immer Kinder, obwohl ich schwul bin. Plötzlich hatte ich eins. Bis es sprechen konnte.
Auch wenn mir der Begriff „Vater“ sehr schwer über meine Lippen kommt, da er leider in meinem Fall keine Bedeutung haben durfte und schmerzende Erinnerungen hervorruft, bin ich einer. Zumindest biologisch und das bereits seit 27 Jahren. Ich habe eine Tochter. Oder besser, ich hatte eine Tochter.
Die Mutter meines Kindes war eine Freundin meines damaligen Freundes. Gerade 17 Jahre alt, habe ich mein Schwulsein, oder besser, meine sexuelle Neugier ausgelebt und wie es so im Leben sein kann, landete ich irgendwann auch mit dem Mädel in der Kiste, nachdem ich mit dem Typen Schluss hatte. Sie war vier Jahre älter und sexuell reifer als ich und es war schön und aufregend, mit ihr diese neuen Erfahrungen zu machen, auch wenn es letztlich nicht mein Ding gewesen ist.
Trotzdem, wir verstanden und mochten uns und hatten immer wieder mal Sex miteinander. Konnten über alles reden und plötzlich kamen wir auf Kinder zu sprechen. Ich muss dazu sagen, sie liebte mich, obwohl sie wusste, dass es keine Chance für uns geben würde. Ich liebte sie auch, aber eben nicht so, wie es „normalerweise“ sein sollte. Wie auch immer, sie kam damit klar und wir hatten beide den Wunsch, mal Kinder zu haben. Ob es nun jugendlicher Leichtsinn war oder nicht, sie wurde schwanger. Und damit ging das Drama schon los.
Ihre Eltern, stockkonservativ und auch noch streng katholisch, konnten mich nicht ausstehen, was allerdings auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie wussten nicht, dass ich schwul bin und hielten mich für ausgesprochen merkwürdig, weil ich nun mal absolut nicht in ihr Bild eines Schwiegersohnes passte, zu schrill, zu „anders“. Doch das war ihr Problem, nicht meines. Dachte ich. Denn meine Freundin stand absolut unter der Fuchtel ihrer Eltern, obwohl sie bereits 21 war und hatte Panik, ihnen die Schwangerschaft zu gestehen, und erst recht, von wem sie ein Kind bekommen würde. Sie war etwas fülliger und schaffte es dadurch tatsächlich, ihren Umstand bis zum 8. Monat zu verheimlichen.
Und als es nicht mehr zu verbergen war, kam es zu einem Familienstreit vom Feinsten. Natürlich war ich der geile Bock, der ihrer Tochter ein Kind angedreht hatte, natürlich war ich es schuld, ihr nun die Zukunft versaut zu haben. Es fiel mir damals sehr schwer ihnen nicht entgegen zu brüllen, dass es eine gemeinsame, wenn auch unbedachte Entscheidung gewesen ist und ich nicht „merkwürdig“, sondern schwul bin. Wie auch immer. Unsere Tochter erblickte, und das ist kein Witz, am 1. April das Licht dieser Welt und ich war bei der Geburt dabei. Selbst noch ein halbes Kind, hielt ich dieses Würmchen die ersten 2 Stunden seines Lebens fest in meinen Armen und war einfach nur glücklich. Wer selbst Kinder hat, weiß, was ich meine.
Meine Schwiegermutter nicht in spe, wollte mir mein Kind immer wieder aus den Armen nehmen, aber da war auch noch meine Mutter, die diesen unerträglichen Drachen von einer Frau zurechtwies. Die darauf folgenden Monate waren der reinste Horror. Ich durfte zwar das ehrenwerte Haus betreten und ein bisschen am Gedeihen des Kindes teilhaben, Windeln wechseln, füttern und vor allem knuddeln und herzen, aber immer unter den argwöhnischen Blicken des Hausdrachens, deren Mann ebenfalls unter ihrem Regiment stand und nie einen Ton gesagt hat, wenn sie wieder auf mich los trümmerte. Es war unerträglich und geriet nach der Taufe zu einem Eklat, als klar war, dass wir auf keinen Fall heiraten würden. Das war es dann und ich wurde zur absoluten Unperson erklärt, sprich, ich hatte Hausverbot.
Von da an kam meine Freundin mit unserem Kind ein, zwei Mal die Woche zu mir und wir verbrachten in Ruhe und voller Liebe das Gefühl, Eltern eines wunderschönen Mädchens zu sein. Bis es anfing zu sprechen. Die Gefahr, die Kleine könnte gegenüber ihrer Oma etwas von „Papa“ ausplappern, war ihr zu groß und ich durfte das Kind ab sofort nicht mehr sehen. Gelegentliche telefonische Berichte waren alles, was mir von meinem Kind übrig blieb. Und die Tatsache der monatlich zu zahlenden Alimente. Hinzu kommt, dass man bis Mitte, Ende der 80er als unehelicher Vater absolut keine Rechte hatte. Ich konnte nichts machen, außer manchmal heimlich um das Haus zu schleichen, in der Hoffnung, einen Blick des Kindes zu erhaschen. Mal abgesehen davon, dass ich selbst einfach noch zu jung und unerfahren war, gab es wirklich keine Chance, gegen diese Situation anzugehen.
Das eigentlich Schlimme dabei ist, dass ich mit den Jahren jegliche emotionale Bindung zu meinem Kind verlor. Ich sah es nicht aufwachsen, durfte seine Entwicklung nicht miterleben, nie seine Stimme kennen lernen oder in die Augen schauen, die sie von mir hatte. Mein letzter Versuch, doch noch in Kontakt zu kommen, endete mit einer Erfahrung, die mich manchmal auch heute nicht loslässt. Die Gesetze änderten sich und plötzlich hatte ich die Möglichkeit, ein Besuchsrecht einzufordern. Ich rief die Mutter meines Kindes an, bevor ich rechtlich vorgehen wollte, um eine gütliche Einigung zu finden.
Sie wusste sofort, was ich von ihr wollte, druckste herum und flehte mich an, es zum Wohle des Kindes zu lassen. Ich wollte nicht nachgeben und drängelte, drohte mit meinen gesetzlichen Möglichkeiten, bis sie in den Hörer brüllte, dass sie unserer Tochter schon vor Jahren gesagt hatte, dass ich, ihr Vater, längst tot bin. Welche entsetzten Gefühle, welchen Hass das in mir auf sie auslöste, braucht sicher nicht erklärt zu werden. Hass, der bis heute in mir lodert, wenn ich an sie denke. Ich hatte mir immer gewünscht, dass meine Tochter eines Tages vor meiner Tür stehen würde und wir die Chance für Erklärungen, vielleicht eine Chance des Nachholens haben könnten. Aus der Traum und zum „Wohl“ des Kindes, ihr nicht als „Toter“ entgegen zu treten, habe ich dann endgültig aufgegeben.
Ich weiß nicht, ob es der Lauf der Zeit ist, ob es sich zwangsläufig so ergibt oder ich einfach ab da nur noch verdrängt hatte – mein Kind verschwand aus meinem Leben und aus meinen Gefühlen. Sicher, manchmal denke ich an sie, besonders an ihrem Geburtstag und der fest eingebrannten Erinnerung unserer ersten beiden gemeinsamen Stunden, aber da ist nichts mehr. Und wenn, spüre ich es nicht mehr oder weigere mich unterbewusst, etwas zu spüren. Ich weiß es wirklich nicht. Selbst die 2, 3 Bilder von ihr habe ich tief in einer Bilderkiste vergraben. Ja, das ist schlimm und vielleicht hätte ich damals, wenn ich älter und reifer gewesen wäre, anders gehandelt. Auch das weiß ich nicht.
Inzwischen bin ich über 40 und auch, wenn ich eigentlich eine Tochter habe, von der ich ja rein gar nichts hatte und der Kinderwunsch immer noch in mir schlummert, ist das Thema endgültig abgehakt. Ich bin zu alt und mein Partner und ich trauen uns jetzt nicht mehr zu, ein Kind, mit all dem was ihm zustehen sollte, aufzuziehen. Abgesehen davon, auch wenn die Gesetze gegenüber „Regenbogeneltern“ mittlerweile ein Stück weit liberaler gestaltet sind, hätte ich jetzt auch nicht mehr die Nerven, mich mit diesem ganzen Ämterkram auseinander setzen zu müssen. Möglicherweise ist es auch die tief sitzende Angst, wieder etwas weggenommen zu bekommen, was man begonnen hatte, zu lieben, aber auch das weiß ich nicht.
Und ich fürchte, ich will es auch nicht mehr wissen.

Kommentare
Werte Neon-Redaktion,
11.07.2011, 15:44 von derHalbstarkewie kann es sein, dass hier noch alte Texte unter meinem früheren Nick stehen, obwohl ich die alle seinerzeit gelöscht habe?
...sehr seltsam. ^^
und so nimmst du deiner Tochter die Chance einen wunderbaren Menschen und Vater kennenzulernen.
23.03.2011, 20:19 von Signum-weLove
23.03.2011, 20:18 von Signum-weLoveAuch wenn es böse klingt, du hast mit deinem Nachgeben, deiner Tochter die Chance genommen, einen wunderbaren Vater und Menschen kennenzulernen.
23.03.2011, 20:14 von Signum-weLoveMein Bruder ist auch in so einer Situation, er will aber seinen Sohn nicht sehen, nicht weil er es nicht will sondern weil er sich einredet dieses Emotional nicht zu verkraften, wenn er wieder gehen muss.
So nimmt auch er seinem Sohn, die Chance einen wundervollen Menschen und tollen Vater kennenzulernen.
Wenn man Vater/Mutter ist hat man eine Verpflichtung gegenüber dem Kind und muss auch mal bereit sein über seinen Schatten zu springen auch wenn es verdammt nochmal schwer fällt.
Starker Text, krasse Geschichte.
17.02.2011, 09:48 von buch77Auch wenn Du inzwischen von NEON abgemeldet bist, liest Du meine Vorschläge vielleicht doch noch ...
Bitte!!! Versuch wenigstens mit der Mutter Kontakt aufzunehmen. Vielleicht hat sie Ihre Meinung inzwischen geändert. Vielleicht kann Sie dir wenigstens ein Foto und ein paar Informatinen zukommen lassen.
Was ich nicht nachvollziehen kann, ist das Verhalten Deiner Eltern, meine Mutter hätte sich Ihre Enkelin nicht vorenthalten lassen.
Oder hast Du inzwischen Kontakt aufgenommen?
Ich fände es allein aus medizinischer Sicht wertvoll, wenigstens einen sehr losen Kontakt zu halten (z.B. für eine Organspende).
Und ich denke meine eine Vorrednerin hatte Recht, willst Du Dir wirklich (auch noch) ein evtl. Enkelkind vorenthalten (lassen)?
Vielleicht könnte Deine Tochter ja auch psychologisch auf ein Treffen vorbereitet werden ...
Alles Gute für die Zukunft!
Ich, als noch nicht Erwachsene kann das vielleicht nicht beurteilen, mögen manche sagen, aber wenn der Kinderwunsch immer noch in dir schlummert, wenn auch im Verborgenen, dann musst du auch etwas dafür tun doch noch dein Kind kennenzulernen. Ich denke, dass dir deine Tochter deine Abwesenheit verzeihen wird und bist du nicht auch glücklicher mit einer Versöhnung?
03.01.2011, 20:55 von Clair_De_Lunediese geschichte ist echt hart! ich hab selbst ein kind und kann mir mein leben nicht mehr ohne vorstellen.... ich an deiner stelle würde trotzdem herauszufinden wer sie ist und den kontakt aufzunehmen. auch wenn du deiner meinung nach damit abgeschlossen hast. so was lässt einen nie wieder los. (sorry wenn sich das hart anhört, aber das ist meine meinung)
20.12.2008, 23:48 von sadomeIch finde das Verhalten der Eltern auf beiden Seiten indiskutabel und unverantwortlich. Ob vor 20 Jahren oder zum jetzigen Zeitpunkt.
01.08.2008, 02:02 von DASkannNICHTklappenMenschen können verdammt grausam sein...die schlimmste Sorte ist allerdings das Schwiegermonster ;)
18.06.2008, 19:36 von BeachgirlGott sei Dank, ist meine ein Engel auf Erden <3