Xceptional 17.07.2011, 11:54 Uhr 42 115

Unsere Geschichte.

„Weil man sich nur verlieben sollte, wenn eine tolle Geschichte hinter dem ersten Treffen steckt“.

Hast du mal zu mir gesagt: "Schließlich muss man sie tausend Mal erzählen."

Ich erinnere mich an deine Worte als hättest du sie mir erst gestern mit einem schiefen Lächeln zugeflüstert und gehofft, ich würde dir noch einmal schildern wie ich anfing dich zu lieben.

Ich weiß noch genau wie ich im Dunkeln das Treppenhaus hochgekommen bin;
die hölzernen Treppenstufen aus den Altbauwohnungen dieser Stadt knarren unter jedem meiner Schritte, die Lampe im zweiten Stock surrt und der Geruch von Mittagessen hängt überall, an den Wänden, in den Gemäuern.
Und oben aus der Wohnung drängt bereits die Musik, ein Schwall aus Tönen und Melodien mischt sich in die Luft, die ich atme.
Die Wohnungstür ist angelehnt und ehe ich eintrete, nimmt mich bereits der Bass in Empfang.
Im schummrigen Licht der verdeckten Lämpchen sitzen Menschen auf dem Boden, auf alten Sofas mit bunten Kissen und zusammengewürfelten Holzstühlen. Sie lachen, rauchen, summen, sie schwenken ihre Köpfe im Takt der Musik, haben die Augen geschlossen, die Münder geweitet, sie unterhalten sich aufgeregt, küssen, essen schmatzend, feiern. Das Geburtstagskind hebt einen Plastikbecher in die Luft, mitten auf der umfunktionierten Tanzfläche, sie ist glücklich, feiert sich, feiert ihr Dasein.
Der Rauch zieht seine Kreise, unendliche Bahnen, durch die Räume und ich folge ihm – auf der Suche nach der Nacht.

Und dann, in all diesem Durcheinander, treffen sich unsere Blicke.
Deine blauen Augen verfolgen jede meiner Bewegungen, beobachten gespannt, wie ich erschrocken zu Boden schaue, weil ich überrumpelt bin, deine Neugierde spüren kann, weil ich mich ertappt fühle.
Wie lange hast du mich schon angesehen?
Du guckst nicht weg. Als ich erneut einen Blick in deine Richtung wage, lächelst du mir zu. Dein Selbstbewusstsein imponiert. Ich bin sofort fasziniert.
Du kommst direkt zu mir rüber, verlierst keine Zeit.
Einen Mundwinkel, den Linken - immer den Linken, leicht nach oben gezogen, so versuchst du ein freches Grinsen zu formen und bei dem Gedanken daran wird mir heute noch ganz warm. Ein Grinsen, das keines ist und irgendwie doch das Schönste von allen.
Du stehst vor mir, viel größer als ich. Ich kann dich riechen, du riechst so gut. Und alles nimmt seinen Lauf.
Die ganze Nacht haben wir nebeneinander auf dem Boden gesessen, deine Arme gestikulieren, während du lachst. Deine Augen erzählen dein Leben, dein widerspenstiger Dreitagebart kitzelt mich, wenn du dich zu mir beugst und mir aufgrund der Lautstärke etwas ins Ohr flüsterst.
Du hast mich mit deinem Witz und deinem Charme, deiner Art du selbst zu sein eingehüllt;
hast geredet und ich habe deiner Stimme gelauscht. Ich weiß nicht mehr was du gesagt hast, aber ich weiß noch genau wie es geklungen hat.

In dieser Nacht habe ich mich verliebt.

Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht. Ich hatte nichts von dir. Nicht deine Nummer, nicht deinen Nachnamen, nicht deine Adresse. Immer wieder habe ich mir deinen Vornamen laut aufgesagt, damit ich ihn nicht vergesse, damit die Buchstaben mich umgeben, die ein Teil von dir sind, damit die Nacht kein Traum war. Damit du bei mir bist, ein Stückchen zumindest.
Wieso hatten wir nicht geschafft Nummern auszutauschen? Wieso taucht die Gewissheit erst immer mit dem nächsten Morgen auf?
Die darauffolgenden vier Tage habe ich geflucht, habe schlechte Laune verbreitet, ich hab mich gehasst, meine Umwelt gehasst, ja, ich habe sogar dich gehasst.

Und dann änderte sich alles von einem Augenblick auf den anderen.
Mein Leben.
Als ich vier Tage später nach Hause komme und die Schlüssel bereits aus meiner Tasche krame, sehe ich dich. Du sitzt auf den zwei grauen Treppenstufen hoch zu meiner Haustür, starrst verstohlen auf dein Handy, drehst es in deinen großen Händen.
Du wippst nach einem Rhythmus, den nur du wahrnehmen kannst, mit einem Bein. Bist gedankenverloren.
Fährst dir durch die Haare, reibst dir ein Auge und wartest.
Ich bleibe stehen, bin geblendet von deiner Schönheit, deiner Perfektion als ich dich so da sehe.
Nein, du bist nicht perfekt, aber perfekt für mich. In diesem Augenblick weiß ich es mehr als jemals.
Mein Herz beginnt sofort zu rasen, es schlägt mir bis zum Hals. Ich bin aufgeregt, mir ist schwindelig. Ich kann es auch heute noch spüren!

Ich erinnere mich an alles. An jeden Augenblick, jede Sekunde mit dir.

Ich erinnere mich wie wir auf das Dach eines Hochhauses gestiegen sind, wie wir die Welt unter uns ließen und es nur noch uns beide gab. Wie du mir sogar in der Großstadt Sterne gezeigt hast und wir die Zeit vergaßen als die Stadt erwachte, die Laternen verglühten und die Straßen erblühten.

Ich erinnere mich wie wir an einem Sonntag im August raus aufs Land gefahren sind und im Maisfeld Rad schlagen geübt haben. Wie wir lachend zusammengesackt sind und Kopf an Kopf lagen, Insekten gezählt und Sonnenstrahlen gefangen haben bis uns der Bauer mit seinem Traktor verscheuchte.

Ich erinnere mich wie ich dir die Haare geschnitten hab und danach immer eine Strähne in deine Augen gefallen ist. Meine Strähne. Wie du sie dir im Sekundentakt so kindlich unbeholfen und gleichzeitig so wunderschön mit einer schnellen Bewegung aus dem Gesicht gestrichen hast und sie doch immer wieder gekommen ist, ungebändigt.

Wie du mir das Schlagzeug spielen beibrachtest und manchmal beinahe daran zerbrochen wärst. Wie du meinen Rücken, meine Oberschenkel und meine Arme als Trommel benutzt hast, deine Hände meinen Körper erkundeten und du deine Lippen, konzentriert, fest zusammenpressend, geschlossen hieltest, während ich mich vor Tagträumerei kaum noch halten konnte.

Ich erinnere mich, dass du immer extra schief gesungen hast, weil du genau wusstest, wie du mich damit ärgern kannst.
Wie wir immer und immer wieder nachgemessen haben, dass du doch keine 2m groß bist und du es mir jedes Mal aufs Neue nicht glauben wolltest. Wie du mit deinen 1,98m auf dem Spielplatz „Hoppe Hoppe Reiter“ gespielt hast und von der Wippe gefallen bist.

Ich erinnere mich an die zwei feinen Fältchen unter deinen Augen, die immer da waren. Nicht nur, wenn du gelacht hast. An dein Talent, Sätze ohne Pause auszusprechen und hintereinander zu reihen, sodass sie manchmal einen ganz verqueren Sinn ergeben.
Wie du immer an deiner Uhr rumgespielt hast, wenn du nervös warst.

Ich erinnere mich wie stolz ich war, deine Freundin sein zu dürfen. Wie lässig du an der Bar stehen konntest, mit dem Bier in der Hand, wie sie dich alle gemocht und geliebt haben und deine Aufmerksamkeit trotzdem immer nur mir galt, wie du mich nie losgelassen hast.
Wie du mich an die Hand genommen und zur Bahn geführt hast als es hell wurde, wie du mich auf deinen Schoß gleiten ließest und wie sich dein Kopf in meine Haare vergrub, während das Rattern der Schienen uns in den Schlaf wog.

Ich erinnere mich wie oft du mich fotografieren wolltest. Wie oft du mir gesagt hast, dass ich schön bin, wie schön ich bin. Wie oft ich in der Nacht deinen Brustkorb beim Heben und Senken betrachtete und mich fragte, womit ich dich verdient habe. Wie oft du gespürt hast, dass ich wach bin und mich, ohne die Augen zu öffnen, angelächelt und wieder zu dir gezogen hast.

Ich erinnere mich wie wir uns küssten. Wie deine Lippen weich und warm über meine fuhren, wie du jeden Millimeter meines Körpers mit einem Teppich aus Küssen bedecktest. Wie wir stundenlang, ganze Abende, nichts weiter taten als uns zu küssen.

Ich erinnere mich wie wir uns liebten. Wo wir uns liebten, wann, wie oft. Ich spüre deinen Atem auch jetzt noch in meinem Nacken, wie du mir leise ins Ohr stöhnst. Wie ich erschauere vor Intensität und Gefühlen. Wie wir uns gemeinsam bewegen, ineinander bewegen, wie du mich anfasst, deine Hände meinen Rücken festhalten, drücken, wie sich meine Finger in deine dicken Haare krallen, wie ich nie mehr loslassen möchte, wie wir eins werden.

Ich erinnere mich wie wir danach nackt im Bett lagen und du mir leise Rilke vorgelesen hast; dass sich deine Stimme wie ein warmer Mantel um mich schmiegte und deine Fingerspitzen durch meine Haut hindurch mein Herz anfeuerten, es zu Höchstleistungen antrieben, wie ich dich liebte, dass ich dich liebte.

Ich erinnere mich an jeden Augenblick, jede Sekunde mit dir. An alles.
An die letzten drei Jahre.

Und auch wenn jede gute Geschichte einmal endet, so erzähle ich hiermit noch ein letztes Mal wie ich anfing dich zu lieben. Nur für dich.

___
(Anmerkung: Das Zitat stammt übrigens aus dem Film "Lucky Number Slevin".)

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42 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Mir fehlen die Worte. Ich bin tatsächlich sprachlos. Großartig! 

    13.01.2014, 21:02 von einna95
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  • 1

    Bewegend. Atemlos. Frei. Schön. Wundervoll. .. ein Hauch von Leben.

    Großartig! <3

    06.03.2013, 11:32 von Floeeckchen
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  • 0

    bezaubernd und schwerelos! 

    10.04.2012, 23:38 von wittchenschnee
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  • 0

    Wundervoll.

    24.03.2012, 20:54 von julina.
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  • 2

    von so etwas träumt jedes noch so kleine oder große mädchen. vollkommenheit!

    03.01.2012, 22:46 von touchofme
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  • 1

    wunderbar bewegend.

    27.12.2011, 14:24 von Himbeerteee
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    zauberschön

    04.10.2011, 00:25 von thiskittenhasclaws
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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