byebyefirefly 26.10.2008, 18:47 Uhr 102 171

Ungebetene Gäste

„Bitte geh!“, sagte ich zu ihr. „Weißt du denn nicht, dass ich die bin, die immer als letzte geht?“, fragte die Hoffnung und sie lächelte dabei.

."Doch, schon.", sagte ich. "Und es ist ja nicht so, dass ich dich nicht leiden könnte. Ich mag dich sogar sehr. Mit dir fängt so vieles an und dann hilfst du dabei, dass es groß werden kann und schön. Aber ich versteh nicht, warum du auch dann noch da bist, wenn alles schon vorbei ist und verloren."
Sie grinste. "Ich kann eben einfach nicht genug kriegen. Und außerdem, wer sagt denn sowas? Dass alles schon verloren ist..."
"Die Vernunft zum Beispiel. Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber ich hab das Gefühl, die kennt sich da ganz gut aus. Sie sagt jedenfalls, dass sie sich sehr viel Zeit genommen hat, um darüber nachzudenken."

Die Hoffnung schüttelte ganz langsam den Kopf. Dann seufzte sie. "Oh je, die Vernunft. Das schwere Geschütz. Dann muss ich jetzt wohl wirklich abziehen, was? Wann hab ich denn gegen sie schon mal eine Chance gehabt? Lass mich mal überlegen. Hm, wo soll ich anfangen? Bei deiner ersten großen Liebe, du erinnerst dich? Oder bei den Nächten, in denen du eigentlich längst schon heimgehen hättest sollen, wenn es nach ihr gegangen wäre? Oder wart mal, ich erzähl dir zuerst von der Zeit, in der du so schwer krank warst, dass -"
Ich muss wohl ziemlich verärgert geschaut haben. Denn plötzlich hielt sie inne und meinte: "Komm schon, mach nicht so ein Gesicht. Nichts gegen die Vernunft. Sie hat ganz schön was auf dem Kasten, das will ich ja gar nicht schlecht machen. Aber überleg doch mal. Was hat sie denn DABEI für eine Rolle gespielt? War sie denn da, als es anfing? Als dein Herz plötzlich schneller schlug, weil die, auf die es plötzlich nur noch ankam, mit dir redete und lachte und bei dir bleiben wollte?" Sie strich mir über die Wange. "Und da glaubst du echt, die Vernunft kann mitreden, wenn es darum geht, zu entscheiden, ob es vorbei ist?"

"Zumindest schafft sie es, mich einigermaßen zur Ruhe zu bringen. Bei dir ist das anders. Du wühlst alles wieder auf. Du bringst alles durcheinander. Gründe findest du, wo gar keine sind. In Abgründe springst du und freust dich auf Netze, die niemand gespannt hat. Du erzählst mir Geschichten über das Mädchen, das ich liebe und sagst, hör zu, sie gehen noch weiter. Du malst mir Bilder von ihr und sagst, schau her, da ist noch Platz für dich. Ihre Lieder singst du mir vor und sagst, sing mit, sie stimmt doch auch gleich mit ein." Ich musste tief Luft holen. "Aber siehst du denn nicht, wie sehr du damit daneben liegst? Du machst doch alles nur noch schlimmer! Lass mich doch einfach nur in Ruhe."
Jetzt erst merkte ich, dass ich die Hoffnung bei meinen letzten Worten an beiden Armen gepackt und kräftig geschüttelt hatte. Etwas beschämt ließ ich sie los.

Sie schaute mich mit großen Augen an. "Willst du denn echt ruhig gestellt werden? Bewegungsunfähig sein? Willst du dein Leben in Klammern setzen lassen? Willst du das wirklich?" Sie schüttelte den Kopf. "Hör zu. Das geht so nicht. Ich bin der Sturm vor der Ruhe. Wenn du echte Ruhe willst, dann darfst du mich nicht wegschicken. Du musst warten. Am besten sogar ungeduldig warten." Sie stockte. "Und kämpfen. Ja. Du musst kämpfen!"
Ich konnte nicht glauben, was ich da schon wieder hören musste. "Bist du denn so blind, dass du nicht siehst, dass ich schon verloren habe?"
"Blind? Mag sein. Augenblind vielleicht. Aber ich wette mit dir, dass ich trotzdem richtig liege. Man sieht -"
"Sag jetzt nicht, man sieht nur mit dem Herzen gut. Sonst wird mir noch schlecht."
Sie lachte. "Komisch, dass ihr Menschen abgedroschen nennt, wo man noch so viel ernten könnte. Wollt ihr die einfachen Wahrheiten nicht mehr ertragen? Legt ihr euch vielleicht deswegen komplizierte zurecht? So komplizierte, dass ihr dann wieder meint, es gebe überhaupt keine mehr?"

Sie tippte mit ihrem Finger an meine Brust. "Weißt du was? Du verwechselst da etwas. Ich hab nicht gesagt, dass du betteln sollst. Dass du das nicht willst, kann ich sehr gut verstehen. Auch wenn ich mit dem Stolz manchmal aneinander gerate, da soll er ruhig mitreden. Hat er doch hier die gleiche Meinung wie ich. Gib sie nicht auf!"
"Oh Mann. Ich muss langsam aufpassen. Du bist schon wieder dabei, mich um den Finger zu wickeln. Aber heute geb ich dir nicht nach. Heute nicht. Da kannst du dich noch so sehr verrenken."
Sie verschränkte ihre Arme und setzte kurz einen Schmollmund auf. Aber nur solange, bis sie diesen spöttischen Zug in ihren Mundwinkeln hatte, ihr wisst schon, den von der Sorte "Das wollen wir doch mal sehen, Kleiner."
"Jetzt komm schon", sagte ich, "gib mir einen Tipp, wie ich dich loswerden kann."
"Gut, damit du siehst, wie wenig Angst ich vor dir habe... Also, du könntest jemanden einladen, den ich nicht mag. Den Zorn vielleicht oder die Müdigkeit. Viele glauben ja, wenn die Verzweiflung kommt, dann verschwinde ich wie von selber. Aber die täuschen sich ganz gewaltig. Ich halte einiges aus und dazu kommt, dass sie sich in meiner Gesellschaft viel weniger wohl fühlt als ich mich in ihrer. Also, lass sie lieber aus dem Spiel. Dann ersparst du dir viel Ärger."
"Jaja. Ich hab auch nicht vor, sie einzuladen. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass du mit den meisten ganz gut auskommst, oder? Gibt's denn gar niemanden, den du auf den Tod nicht ausstehen kannst?"
"Hm, da kommen wirklich wenig in Frage. Am ehesten noch die Resignation."
"Aber die mag ich ja auch nicht! Und ich fürchte, wenn ich die herein lasse, würden noch ganz andere gehen als nur du."
"Tja, schaut schlecht aus für dich". Sie grinste. "Oder du schickst jemanden weg, den ich sehr gern habe. Die Phantasie zum Beispiel und den Mut. Oder das Selbstbewusstsein. Aber ich muss dich warnen, ich bin unberechenbar. Manchmal bleib ich dann gerade aus Trotz da. Und außerdem wird's mir auch nie langweilig."
"Du sollst ja nicht für immer gehen. Ganz im Gegenteil, du musst sogar wiederkommen. Alles, was ich will ist, dass du dir einen anderen Anlass suchst."

"Ohne die Liebe gehe ich nicht.", sagte sie. "Solange sie noch da ist, wirst du mich nicht los. Manchmal bleib ich sogar noch länger als sie. Dann ist es zwar meistens schon recht dunkel, aber das macht mir nichts aus. Ich hab keine Angst."
"Die Liebe und du. Tretet ihr eigentlich immer im Doppelpack auf? Ihr sorgt doch gegenseitig dafür, dass keine von euch weg will."
"Kann schon sein." Sie überlegte kurz. "Die Liebe ist mir jedenfalls von allen die liebste. Denn wenn sie mit dabei ist, fühl ich mich so wunderbar leicht und Flügel wachsen mir und plötzlich ist alles möglich."
Ich nahm noch einmal all meine guten Vorsätze zusammen und erwiderte: "Das bildest du dir nur ein. Ich hab das auch mal gedacht. Und manchmal tu ich es sogar noch immer. Aber es stimmt nicht."
"Doch", sagte sie, "es stimmt. Und wie! Wo sind nur deine Träume hin?"
Ich musste nachdenken, denn sie waren ja noch da. Alle waren sie noch da.

Da meinte sie: "Also gut. Ich werd mal mit der Liebe reden, und wenn sie auch deiner Meinung ist, dass es besser ist, wenn wir gehen, dann lass ich mich vielleicht dazu überreden."
Jetzt musste ich doch lächeln. "Du bist mir vielleicht eine! Du weißt doch ganz genau, dass sie auch noch bleiben will. Wenn es um uns Menschen geht, dann ist euch beiden doch jedes Mittel recht um uns den Kopf zu verdrehen."
Sie grinste. "Du kennst uns schon ganz gut..."
Ich schüttelte den Kopf. "Nein, eben nicht. Ich lerne euch zwar täglich besser kennen. Aber nur um zu merken, dass ich euch wohl nie verstehen werde. Ihr seid viel zu geheimnisvoll. Für was seid ihr denn eigentlich gut?"
"Wir sind da. Und du magst uns. Ist das denn nicht genug?"
"SIE war da und ich mochte sie und es war gut - und genug. Aber plötzlich wart ihr auch noch da. Ganz einfach da. Wir haben euch doch nicht eingeladen", sagte ich. "Und ich hab euch noch nicht mal kommen hören."
Ich spürte, wie sich von hinten ganz sanft zwei Arme um mich schlangen. "Kein Wunder", flüsterte die Liebe und legte ihren Kopf auf meine Schulter, "wir sind ja barfuß."
Da sagte ich nichts mehr.

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102 Antworten

Kommentare

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    sowas hübsches! danke.

    13.07.2011, 23:09 von BunteKuh
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    Sehr schöne Darstellung der Hoffnung

    25.05.2011, 11:14 von SM-Spatz
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    wunderhübsch.

    21.01.2011, 00:57 von glatthaarlocke
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    <3

    19.10.2010, 10:05 von childofnature
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    Toll! Sehr schön geschrieben und man erkennt sich darin wie in einem Spiegel...
    Besonders gefällt mir das "barfuss angeschlichen kommen" - passt! : )

    20.09.2010, 22:21 von topfbluemchen
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    hab den Text gerade entdeckt. Da kam der Zufall wohl zu mir ins Zimmer. Ich find ihn großartig und traumhaft schön. Ich kenen das alles irgendwo und irgendwie nur zu gut und gebe dir recht, dass man sie nie ganz vertehen wird....
    Danke für so einen schönen Start in den harten Arbeitsmorgen! Ich hab sie gleich mal eingeladen bei mir zu bleiben ;)

    13.01.2010, 08:44 von flower-goddess
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Bitte...MEHR davon!

    10.12.2009, 22:25 von stopligth
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    yo, nice!

    28.10.2009, 10:25 von she_devil
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    wunderschön geschrieben :)

    27.10.2009, 18:56 von IIR
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