Und wir halten einander am Leben
Ich habe gelernt, wie man ein Iglu baut, und ich teile es mit dir.
Wann haben wir gemerkt, dass es manchmal abends finster wird und es keinen Platz gibt, an dem sich die Helligkeit verstecken lässt, weil sie so schelmisch ist und die geheime Truhe im Baumhaus zu klein, damals, als wir uns noch nicht kannten. Es gibt viele Sorten Schnee, aber nur wenige eignen sich dazu, ein stabiles Iglu zu bauen, es darf mehrere Tage nicht schneien, damit der Untergrund zusammensackt und fest wird, aber nicht zu nass, stundenlang habe ich die Wände mit meinen Handschuhen glatt gestrichen, eine perfekte Form aus der Welt geschnitzt. Mit der Gießkanne habe ich mein Iglu übergossen, wenn der Frost schon in den Wolken lag, viele Winter hat es gedauert, bis ich die perfekte Temperatur an der obersten Schneekruste auf dem Gartenzaun erkennen konnte, ohne hinzuschauen. Und wenn sich dann über Nacht unsichtbar feine Kristalle auf meinem Iglu bildeten, hielt es den Winter über für immer und stand noch trotzig im Garten, wenn die Märzenbecher schon freundlich anklopften, es solle doch Platz machen für die Wiese, das Fangenspielen, den Frühling.
In meinem Iglu konnte ich alles und jeder sein, sogar ich selbst, mein Skianzug war rot und hatte kleine weiße Punkte, ich baute einen Hocker aus Schnee und saß darauf, in mir eine kleine, glänzende Zufriedenheit, bis ich spürte, dass es dunkel wurde im Draußen. Ich hatte es warm, aber manchmal nicht warm genug, denn der Eingang zu meinem Iglu blieb offen, immer, manchmal starrte ich darauf mit der Geduld der Hoffenden, ich wartete, jeden Winter, auf dich.
Dann kam das Leben und drückte meinen Kopf unter Wasser, so lange, bis ich gerade, gerade nicht mehr atmen konnte, um mich dann zurückzuziehen, mit einem spöttischen Lächeln, Noch nicht, und so lernte ich schwimmen. Ich hatte zuvor in meinem Skianzug nicht bemerkt, wie eisern die Welt war, und als er mir zu klein wurde, begann die Kälte, ein feines Netz aus silbrigen Fäden in meine Haut zu ätzen, für jeden Schmerz eine Furche. Es kam jener Moment, der mein Ich in ein Vorher und ein Nachher zerschnitt, so dass es auseinanderklaffte wie die Haut der Erde in vielen Schluchten. Aber ich konnte bereits schwimmen, und ich wusste, wie man ein Iglu baute, ein schützendes, und brachte mich in Sicherheit vor dem Erwachsenwerden.
Der Winter ist unsere Jahreszeit, weil es einer jener Abende war, an denen die Helligkeit schon mittags von der Nacht verschluckt wird, als wir uns endlich, endlich trafen, erleichtert. Wie nur magnetische Seelen es können, wandten wir uns einander zu, zuerst im Außen, dann im Innen, während der Frost heimlich aus den Wolken fiel, es war die einzig perfekte Nacht für ein Iglu, ich spürte es an deiner Haut, ohne hinzusehen.
Es war bitter und kalt in der Luft, als wir uns küssten und du sagtest, du könntest dein Herz plötzlich fühlen mit mir, so als hättest du vorher keines gehabt, und wir schlossen den Eingang hinter uns und wir strichen die Wände glatt, sie waren fest, aber nicht zu nass, und wir hatten es warm genug.
Wir verknüpften unseren Anfang mit Ritualen, die dem Winter gehören, und jedes Jahr erinnern wir uns aufs Neue, der Geruch des Tages, an dem es zum ersten Mal schneien wird, gehört genauso dazu wie die Maroni, die du für mich abschälst, weil ich mir die Finger verbrenne, immer. Im Sommer sind wir gelöster voneinander, umkreisen uns, in der Mitte verbunden, ich beobachte dich mit Achtsamkeit, wenn du dich als kleiner Punkt im Meer treiben lässt, mein Blick findet dich, auch wenn ich dich kaum sehe. Du streichst mir die Haare aus dem Gesicht, um die Sommersprossen zu zählen, die die Sonne als fernen Gruß auf meinem Gesicht hinterlassen hat, nachts flüstern wir so lange, bis wir einschlafen, lächelnd. Wir haben zugelassen, dass unsere Körper, unsere Gedanken und Erlebnisse miteinander verwoben wurden, so eng, dass wir nicht mehr erkennen, wo wir uns trennen könnten. Ich liebe die Stelle an deiner Schläfe, wo du so nach dir duftest, und dass du mir manchmal so fremd bist, als hätte ich dich noch nie beim Träumen gesehen.
Im Winter rücken wir zusammen, wir schließen uns in uns ein und küssen uns unter den Weihnachtslichtern, wo die Welt zärtlich ist, ich fange die Momente, in denen du lachst und der Schnee um deine Hände wirbelt, die mich halten, wenn es eisig ist. Wir gehen zurück an die Orte, an denen wir uns trafen und die Liebe, sie sehen im Winter anders aus, vertraut, und ich danke dir dafür, dass du mich gefunden hast, weil es sonst so einsam geblieben wäre in mir.
Und immer, immer sind wir in Sicherheit, an unseren Wänden hängen glitzernde Worte, die nur wir beide verstehen, und in unseren Ecken sitzen Erinnerungen an ein Lied im Auto auf dem Parkplatz, an ein Boot in einer stillen Bucht an einem erfundenen Tag, an eine Rakete, und ich habe uns mit der Gießkanne übergossen, in der einzigen Nacht, die uns retten konnte, wir werden noch trotzig dastehen, wenn das Alter freundlich anklopft, wir sind ein Iglu.
Und wenn es draußen dunkel ist und die Helligkeit verblasst, lege ich mich zu dir, ganz nahe, wir können uns mit geschlossenen Augen sehen, wir wärmen uns an den richtigen Stellen, und wir halten einander am Leben.

Kommentare
Wahnsinn.. Toll
06.02.2009, 12:17 von LeuchtturmDer Text ist so wunderbar geschrieben, seitdem ich ihn vor Wochen das erste Mal gesehen habe, habe ich ihn bestimmt an die 10x gelesen. Einfach durchweg gut und gefüllt mit Gefühl wie ich es selten erlebt habe.
19.01.2009, 22:26 von patrickloveslifewow. Das ist einfach wunderbar!
14.10.2008, 17:53 von Prinzessin.Lizsehr schön geschrieben.. das hat den Montag Morgen glatt gerettet - danke dir!
01.09.2008, 09:46 von diedanneOb dem Kitsch anheim gefallen oder nicht -
26.08.2008, 23:32 von touchtheskyganz ganz wundervoll.
So jemanden zu finden grenzt an ein Wunder.
Ich hab ja schon viel gelesen, aber das ist einfach sensationell. Ich bin gerührt.
24.08.2008, 19:45 von xonaIch hatte kurz Pippi in den Augen....das passiert nicht oft...;)
21.08.2008, 15:48 von TerrorEngel"Dann kam das Leben und drückte meinen Kopf unter Wasser"
20.08.2008, 15:43 von ciao.bellahach.
Einfach nur wunderschön!!
19.08.2008, 12:58 von Zufallssuechtig