Magnolina 30.11.-0001, 00:00 Uhr 48 46

Und wenn nichts funktioniert, stellst du dich einfach tot.

10 Schritte, die Angst in seinem Leben zu akzeptieren

1.Alles dreht sich um die Atmung. Du atmest unbewusst. Das ist schon mal ein Problem, wenn du in einem engen Raum sitzt und das Einzige, dass dir plötzlich auffällt, ist, das dein Herz rast und dein Atem unkontrollierter schneller wird. Auf einmal atmest du einen zerstörerischen Marathon. „Atme erstmal tief durch“, sagte der Fremde neben mir in der Bahn, als er sah, dass ich laut schluchzend in meinem Beutel nach den Beruhigungstabletten suchte und völlig panisch wurde, als ich sie nicht sofort fand. Er hatte Recht. Atme.


2. Schlafe. Ja. Es klingt einerseits plausibel, aber andererseits ist man doch noch so jung und sprunghaft, unregelmäßig auftretende Spontansituationen, die dich aus dem Haus scheuen oder dich nach 2 Stunden Schlaf volltrunken ins Ungewisse schicken, dies alles geschieht doch auf Kosten des Schlafes, der auch so unwichtig ist! Falsch. Du verpasst etwas? Ja. Deine Ruhe. Du hältst das schon aus, mit wenig Schlaf? Ja. Aber nicht lange. Du lebst nachts und am Tage liegst du lieber? Das ist großartig. Aber dein Körper holt sich, was er braucht. Immer. Schlafe einfach.

3. Du kannst nicht alles. Das ist es. Du vermutest, alles bewältigen zu können. Die anderen schaffen es ja auch. Du denkst, du bist beinahe allmächtig, denn nichts rafft dich dahin. Du hast es anhand jahrelanger Eigenversuche getestet: Du kannst fast alles. Gleichzeitig. Beim Kochen telefonieren, Post öffnen und deine Hose anziehen. Klar. Super. Mehrere Jobs gleichzeitig, denn sie sind ja toll, und dann das viele Geld irgendwo in großartigen Trinkgelagen wieder ausgeben, während du wieder mit jemandem telefonierst, um die nächste Party mit zu organisieren. Irgendwann musst du einfach auf deiner Liste, die so lang ist, dass du morgens schon Herzklopfen davon bekommst, einfach etwas wegstreichen. Wie sehr ich weinte, als der Psychiater mir sagte, ich habe die Wahl. Tabletten oder Lebenswandel ändern. Du kannst nicht alles. Und das ist nicht schlimm.

4. DU bist der Mittelpunkt deines Lebens. Nicht die Bedürfnisse der Anderen. Nicht die Pflicht, die dir von jemandem auferlegt wurde. Nicht dein Partner, der vielleicht auch mal zuviel verlangt. Nicht deine Eltern, die Ergebnisse sehen wollen. Nicht dein Körper allein, der von Frauenzeitschriften zum größten und schönsten Kapital hochstilisiert wird, nicht dein Geist allein, den du schulen sollst, um die Gefahren der modernen Welt erkennen und im Alleingang erlegen sollst. Nicht dies alles allein. Sondern du. Deine Zeit. Deine Wohltaten. Dein Wille. Du. Dreh dich wieder um dich.

5. Sage Nein. Verabschiede dich von der allgegenwärtigen Hilfsbereitschaft. Die Kraft, die du in ein Ja legst, ist so immens und zehrt an dir, dass du bald nicht mal dir selbst helfen kannst.

6. Sieh dir dein Leben an. Was hast du doch alles schon geleistet. Es war so schön bisher. Die Zettel auf denen steht, was du noch machen willst oder musst, werden plötzlich so klein gegen die, auf denen steht, was du Wundervolles getan hast und wie sehr du genossen hast in diesen Momenten. Welch wundervolle Menschen dir begegneten. Dass du manchmal den Kopf aus der Schlinge zogst, obwohl du den Strick verdient hättest. Wie wehleidig man war, weil man verlassen wurde, und wie großartig das Gefühl, als man feststellte, dass der Nächste so viel besser für einen war. Notiere dir: „Bis hier hin war alles gut, wie es war. Ich bereue nichts.“

7. Stelle dir die schlimmstmögliche Situation vor. Was könnte passieren, wenn du dort sitzt, zwischen den Fremden und sie starren dich an, wie du vermutest. Was passierte, wenn du vor einem Dozenten einen Nervenzusammenbruch erleidest? Was, wenn du im Supermarkt schreiend zwischen den Regalen herumirrst, weil du Angst bekommst? Okay. Ganz ehrlich? Es geht vorbei. Du schreist, du fällst um, du zitterst, du denkst, du stirbst. Und dann ist es einfach vorbei. Die Menschen haben schon Schlimmeres gesehen. Sie erwarten Terroranschläge und spenden für Erdbeben. Ein durchgeknallter junger Mensch weckt in ihnen höchstens Mitleid und Hilfsbereitschaft. Und dein Körper lässt dich nur einige Minuten lang in diesem steinzeitlichen Gefühl der Hilflosigkeit und der Selbstzerstörung.


8. Sei mit dir selbst. Vielleicht denkst du, du könntest nicht alleine sein. Nie. Immer sollen Menschen um dich herum sein, die dir das Gefühl von Liebe und Geborgenheit geben. Vielleicht lenken sie dich auch von deinen Gedanken ab, die du hättest, wenn du alleine wärst. Und nun sei mutig. Geh ohne sie weg. Raus. Auf die Straße, den Wald, die Stadt, den Club. Du wirst sehen, um dich herum baut sich ein Kokon von Stille auf. In dem kannst du immer verschwinden und schon beachtet dich keiner mehr. Aber gleichzeitig kannst du jederzeit heraustreten und aufmerksam beobachten, wie sich die Menschen regen. Du wirst anders mit ihnen umgehen. Du wirst sie bemerken und ihnen helfen. Du wirst mit ihnen reden und dich in Situationen manövrieren, aus denen du selbständig wieder herauskommst. Und dann bist du mit dir selbst und erlebst, dass dies nicht die schlechteste Sache der Welt ist.


9. Unterschätze dich und die anderen Menschen nicht. Dein Körper ist stark und die Menschen sind es auch. Sie kommen mit den wahnwitzigsten Situationen klar. Und du auch. Es wird sich ein Ausweg finden und wenn der heißt, sich tot zu stellen. Oder in die Arme eines Fremden zu sinken und ihn um Hilfe anzuflehen. Und dein Geist hat schon viel Seltsames verarbeitet. Wozu hast du seltsame Daily Soaps, Serien staffelweise oder Ballerspiele in deinem Leben genutzt? Damit sie dich kurzzeitig verwirren und dann nie zum Einsatz kommen? Dein Gehirn ist geschult. Auf Abstraktes, Reales, Irrationales und Metaphysisches, irgendwie. Unterschätze deine Fähigkeiten nicht.


10. Rede. Darüber, wie du dich fühlst. Mit deinen Nächsten. Die dich vielleicht am allerwenigsten verstehen werden. Also ziehe den Kreis weiter. Erzähle Bekannten davon. Arbeitskollegen. Erzähle von deiner Angst. Von der du weißt, dass sie irrational ist. Aber sie ist da. Und dass du gerade versuchst, zu erkennen, warum sie da ist. Und dann ziehe den Kreis immer weiter. Frage und höre auch zu. Dort draußen laufen alle mit Ängsten herum. Einige zeigen sie nie, andere äußern sich nicht. Aber jeder hat vor irgendetwas Angst. Und wenn du redest, dann tun sie es auch. Und erst, wenn du in der Lage bist, dem jungen Mann neben dir zu sagen, dass du gerade eine Panikattacke bekommst und er verständnisvoll nickt und dich minutenlang mit Gesprächen ablenkt, dann erkennst du, dass es richtig ist, seine Angst auszusprechen und ihr das Gruselige zu nehmen, dass sie so leise lauernd in dir hat.

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48 Antworten

Kommentare

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    Die Menschen haben schon Schlimmeres gesehen. Sie erwarten Terroranschläge und spenden für Erdbeben.

    Die Stelle fand ich wirklich gut. Super geschrieben!

    29.07.2010, 19:16 von Luanna
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    "wow" es kommt nicht oft vor,dass ich alleine vorm pc sitzte und das sage!
    ist zwar nichts neues was du schreibst, aber dafür echt schön verpackt!das mit der angst spricht mich vor allem sehr an,gute tipps!

    05.03.2010, 19:31 von bittersweetthing
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    "wow" es kommt nicht oft vor,dass ich alleine vorm pc sitzte und das sage!
    ist zwar nichts neues was du schreibst, aber dafür echt schön verpackt!das mit der angst spricht mich vor allem sehr an,gute tipps!

    05.03.2010, 19:31 von bittersweetthing
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    "wow" es kommt nicht oft vor,dass ich alleine vorm pc sitzte und das sage!
    ist zwar nichts neues was du schreibst, aber dafür echt schön verpackt!das mit der angst spricht mich vor allem sehr an,gute tipps!

    05.03.2010, 19:21 von bittersweetthing
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    danke... du sprichst mir aus der seele.. ich hätte bei diesen worten fast geweint.. genau das hab ich jetzt gebraucht.. danke..

    16.02.2010, 10:14 von Meradil
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    einsame klasse!

    10.02.2010, 19:49 von ich.lese.gern
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    Danke!

    04.02.2010, 19:54 von Suemilou
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    Danke!

    04.02.2010, 11:14 von reese-with-her-spoon
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    sehr gut geschrieben und vor allem hilfreich

    02.02.2010, 17:18 von laphz
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    DANKE.... hab jetzt nen kloß in der kehle vom nachdenken und trotzdem ein bisschen weniger panik vor den kommenden klausuren...
    schön, dass es noch menschen gibt, die noch wissen, dass niemand perfekt ist...

    wie wahr, wie wahr...alles hat man dann doch noch nicht falsch gemacht...

    danke :)

    01.02.2010, 21:12 von tezzie
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