HIVpositiv 30.11.-0001, 00:00 Uhr 91 97

...und plötzlich klopft der Tod

Sommer 2005. Zwei fremde Personen haben die unangenehme Aufgabe, mir mitzuteilen, dass ich HIV-positiv bin

Nach einer Woche Krankenhaus denke ich nicht mehr daran, dass ich vor kurzem ein Date hatte, das nicht safe abgelaufen ist. Die Wochen mit hohem Fieber sind vorbei, mein Körper beginnt, sich wieder gesünder zu fühlen. In zwei Tagen wird mein Patenkind getauft und ich freue mich, weil das Wetter gut ist und ich langsam wieder auf die Beine zu kommen scheine. So weit scheint alles in bester Ordnung und ich mache mir schon Gedanken darüber, ob ich rechtzeitig zur Taufe aus dem Krankenhaus komme.

Doch ein Klopfen an der Tür macht das alles zunichte. Der Chefarzt und die Stationsärztin kommen am frühen Nachmittag zur Visite. Zum ersten Mal zusammen und zum ersten Mal allein ohne irgendwelche Ärzte im Praktikum. Als ich in ihre Augen schaue, wird mir direkt anders. Und dann der Satz: „Herr X, setzen Sie sich bitte.“

Mir schießen die letzten Wochen in den Kopf, das ungute Gefühl auf dem Heimweg nach dem Date, die Angst, dass da doch etwas passiert sein könnte. Irgendwie wird mir direkt klar, was jetzt kommt und dass ich nicht hören will, was mir gleich gesagt werden wird.

„Wir müssen Ihnen etwas mitteilen. Die Untersuchungen haben ergeben, dass Sie HIV-positiv sind.“ Schweigen.

Mein Magen zieht sich zusammen, ich will nicht hören, was mir gerade gesagt wurde. Das kann alles nicht sein. Warum gerade ich? Warum erfahre ich das jetzt? Habe ich meinen Freund infiziert? Wie lange habe ich noch? Wie soll es weitergehen?

Meine Eingeweide ziehen sich zusammen, ich merke, wie mir schlecht wird und Tränen schießen in meine Augen. Diese Wucht an Emotionen, die plötzlich in mir ist, bahnt sich ihren Weg nach draußen und ich fange an zu heulen, zu schluchzen und zu schreien, ich hämmere auf mein Bett.

„Warum?“ ist alles was ich rausbekomme. Die beiden Ärzte sitzen hilflos am Fußende meines Bettes. Nachdem ich mich beruhigt habe, führen wir ein Gespräch über eine mögliche Therapie und vieles andere. Dieses Gespräch habe ich verdrängt, ich kann mich nicht mehr erinnern.

Ich will erstmal allein sein, das wird auch akzeptiert. Später kommt eine Krankenschwester, um zu schauen, wie es mir geht. Sie nimmt sich viel Zeit für mich, hält mir die Hand und streichelt mir über den Kopf.

Ich bin 27 und fühle mich, als klopfe der Tod an.

Heute, gute 18 Monate später, geht es mir ziemlich gut. Mein (mittlerweile) Ex-Freund hat sich nicht infiziert und wir haben ein wunderbares Verhältnis. Meine Therapie schlägt gut an, ich vertrage die Pillen gut.

Manchmal weine ich daheim, still und leise. Dann denke ich an den Tod und an die Zeit im Krankenhaus zurück, und an die Wochen davor, als ich nicht mal mehr ohne Stütze laufen konnte und an das, was noch kommen mag. Dann habe ich Angst, irgendwann dahinzusiechen. Die drei Pillen am Tag verlängern mein Leben, mit ein bisschen Glück und gesundem Lebenswandel werde ich meine Rente beziehen.

Ein Jammer, dass man manche Dinge im Leben nicht rückgängig machen kann.

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91 Antworten

Kommentare

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    Bewundernswert, dass du es schaffst, so offen darüber zu reden. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute für diese Welt und hoffe, dass du dein Leben genießen kannst.

    10.07.2010, 14:47 von EliLovesMusic
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    Danke Jekaterina, als ich den Kommentar gelesen habe, hat sich mir der Magen umgedreht! Es gehören immer ZWEI dazu. Also auch Männer. Und die Sexualität spielt genausowenig eine Rolle.
    Wenn man unsafen Sex hatte, sollte man sich testen lassen, Männlein, Weiblein, homo, hetero, bi... Am besten ist es jedoch, diesen unsafen Sex zu vermeiden!

    Pauschalisierungen bringen uns nicht weiter...

    11.10.2009, 21:58 von HIVpositiv
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      @HIVpositiv Sorry, ich habe mich falsch ausgedrückt:
      Männer wie Frauen haben die Verantwortung für ihr Verhalten gleichermaßen zu tragen.

      Nachdenklich machen sollte jedoch das Epidemiologische Bulletin, 29. Mai 2007, Sonderausgabe A" des RKI, das meine These der Dunkelziffer bei Frauen und abnehmendes Testverhalten stützen könnte:

      "Die Absolutzahl der HIV-Neudiagnosen bei Frauen in Deutschland (n = 494)
      hat sich gegenüber dem Vorjahr (n = 484) praktisch nicht verändert und betrug in
      den letzten Jahren gleichbleibend zwischen 400 und knapp 500 Fällen pro Jahr.
      Der Anteil der Frauen unter den HIV-Neudiagnosen erreichte im Jahr 2006 in
      Deutschland 19 % und nahm damit im Unterschied zur weltweiten Entwicklung
      oder zur Entwicklung in Osteuropa nicht zu. Im Gegenteil war der Frauenanteil
      in den letzten Jahren eher rückläufig – im Jahr 2000 lag er noch bei 26 % –, was
      darauf zurückzuführen ist, dass die Zunahme der HIV-Neudiagnosen in
      Deutschland in den letzten Jahren in erster Linie bei Männern erfolgte."

      und später heißt es:

      "Erstmals seit 2001 stellen im Jahr 2006 Personen, die ihre HIV-Infektion durch
      heterosexuelle Kontakte erworben haben und nicht aus Hochprävalenzländern
      stammen (HET), mit 17 % die zweitgrößte Betroffenengruppe dar"

      Zählt man 1 und 1 zusammen, dann müsste die Zahl positiver HIV-Tests bei heterosexuellen Frauen eigentlich stetig gestiegen sein. Es sei denn, das heterosexuelle Frauen sich immer weniger testen lassen.

      Oder sehe ich das falsch?

      Quelle:
      http://www.rki.de/cln_049/nn_196014/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2007/Sonderausgaben/A__2007,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/A_2007.pdf

      12.10.2009, 20:19 von Emil_Empire
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    Ich hoffe, viele hetero-Frauen lesen diesen Bericht und lassen sich endlisch testen. Es wird nämlich vermutet, dass die Dunkelziffer bei heterosexuellen Frauen sehr hoch ist - sei es, weil sie Angst vor dem Test haben, sei es, weil sie denken, dass sie sich z.B. beim Oralverkehr überhaupt nicht anstecken könnten.

    Das gute daran wäre, dass sie endlich von kompetenten Leuten darüber informiert würden, was risikolos ist und was nicht. Außerdem diszipliniert die eine Woche mega-Angst zwischen Test und Ergebnis ungemein - das weiß ich aus mehrfacher eigener Erfahrung...

    11.10.2009, 19:12 von Emil_Empire
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    beeindruckend, dass du so darüber reden kannst.
    und vorallem du öffnest damit einigen die Augen - durch deine Geschichte - durch dein Schicksal.

    Dafür bin ich dir sehr Dankbar...

    alles Gute!

    26.06.2009, 19:34 von Kurthie
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    Ich finde es toll, dass du da so offen darüber schreiben kannst !
    Sehr ergreifend geschrieben ..

    15.06.2009, 16:48 von gossipgirl.
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    Das tut mir aufrichtig leid für dich, aber Mut, dass hier aufzuschreiben, das würde sich nicht jeder trauen.
    Meinen ganzen Respekt an dich!!!

    04.05.2009, 15:48 von Dina-Lisa
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    ich kommentiere ohne mir die anderen kommentare durchgelesen zu haben...

    es tut mir wirklich leid für dich...aber auf der anderen seite muß man solch offenen worten auch ehrlich entgegnen...

    also,in der heutigen zeit weiß jeder das aids existent ist und das jeder selbst für seinen schutz zu sorgen hat...ich will nicht unsensibel klingen,aber beim sex besteht jedes mal die gefahr sich mit krankheiten jeglicher art anzustecken...

    du kannst noch von glück sprechen,dass du an einem ort lebst,an dem die medikamente für dich zur verfügung stehen,die dein leben am leben halten,trotz diesem virus...

    aber ich fände es natürlich auch gut,wenn mehr leute offen damit umgehen würden...bei diesem thema kann es nicht genug erhobene zeigefinger geben...

    wünsche dir nur das beste

    03.05.2009, 12:45 von benedictsmutter
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    ich habe Riesenrespekt davor, wie du mit dieser krankheit trotzdem nicht die Lust am leben verloren hast.
    es gehört enorm viel stärke dazu, über so etwas offen zu schreiben...
    ich weiß, dass ich nie so stark wäre wie du.
    ich wünsch dir alles glück dieser welt...

    01.05.2009, 01:35 von saruschel
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    hmm ich habe dein artikel gelesen .. ich bin 20 und habe naja nicht das gleiche problem .. ich bin irgendwie schon selbst verantwortlich .. aber nun sind meine wert soweit unten das ich nun medikamente nehmen muss .. hmm nun frage ich mich dummer weise mit meinen 20 wie geht es weiter .. ich habe in den lezten jahren alkohol getrunken im übermass sex gehabt drogen genommen hatte spaß am leben nun stehe ich da und frage hmm .. waum lohnt es sich ... ich habe freunde eine mutter die mich liebe ne schöne wohung nen guten job und trotzdem frage ich mich ob ich diese medikamente nehmen soll all die neben wirkungen die auftreten könnten .. das gefühl ist traurig neutral unbeschreiblich ... ich habe angst aber weiß nicht wovor .. aber es fehlt mir die angst zum bleiben ..

    10.01.2009, 17:19 von Mr_Independent
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