bealein 18.03.2008, 20:17 Uhr 51 65

Überrollt

Seit einem Jahr sind wir zusammen. Du und ich. Und der Rollstuhl.

Ein flotter Dreier. Wie prickelnd. Alle reden darüber, aber nur wenige tun es. Und ich wollte es nie. Aber auf einmal warst du da. Mit Vollgas bist du in mein Leben gerauscht. Aber nicht allein. Dich gibt es nur im Doppelpack mit deinem Rolli. Ich wusste es, denn wie oft zuvor waren wir uns schon begegnet, hatten uns unterhalten, über albernen Stumpfsinn ebenso wie über bizarr-intelligente Synapsenergüsse gelacht.

Als du an diesem Abend deinen Kopf in den Nacken geworfen hast, wirbelten deine Locken durch die Luft und deine Augen funkelten zu mir hoch. Unsere Wege kreuzten sich schon so oft, jetzt aber sollten sie tatsächlich parallel verlaufen.

Ihr beide, du und dein Rolli, ihr seid ein eingespieltes Team. Ihr schenkt euch nichts, ihr schlagt euch, ihr schätzt euch, ihr liebt euch und hasst euch gleichzeitig - aber keiner von euch könnte ohne den anderen. Und ich? Würde in dieser engen Beziehung noch Platz bleiben für mich? An diesem Abend musste ich zumindest keine rationale Entscheidung treffen, für oder gegen diese Dreierbeziehung. Dann küssten wir uns. Du und ich. Und dazwischen war der Rolli. Das Neun-Kilo-Gestell, das dich durchs Leben trägt. Kalt, hart, schwer und immer da.

Wie oft habe ich das dritte Objekt in unserer Beziehung verdammt und verflucht und mich geschämt, meine politisch unkorrekten Gedanken preiszugeben. Du weißt von deren Existenz. Wie gerne würde ich dir meine Wohnung zeigen. Mein kleines Reich. Vierter Stock Altbau. Kein Lift. Für dich sind das unerreichbare Sphären. Für mich ist es mein Zuhause, ein Teil meines Ichs. Wenn doch bloß dein verdammter Stolz nicht wäre. Wir hätten schon alle angepackt und dich da hinaufgetragen, damit du nur einmal bei mir sein könntest. Damit wir uns vielleicht nur ein einziges Mal die Frage stellen könnten, wie andere Paare auch: „Zu mir oder zu dir.“ Nein.

Für die Gehsteigkante fragst du wildfremde Menschen. Zwei, drei Stufen zerre ich dich mittlerweile auch schon hoch, dich und deinen Rolli. Die Technik beherrsche ich. Vier Stufen schaffen wir auch noch, oder fünf. Soviel Hilfe lässt du gerade noch zu. Manchmal, aber nur sehr selten, lässt du dich von deinen Kumpels in deine Uralt-Lieblingsbar hinunterschleppen. Manchmal, das weiß ich, fechtest du ganz tiefe Grabenkämpfe in dir aus, zwischen deinem Stolz und deiner Angst, Schwäche zu zeigen. Und eine Niederlage willst du dir nur ungern eingestehen, deinem Stolz schon gar nicht..

Dass die Stufen in meinen früheren Lieblingsclub hinab so steil und so eng sind, das wäre mir bis vor einem Jahr nicht einmal aufgefallen. Ich war in den letzten zwölf Monaten mehr selten dort, in diesem Keller, der über eine schmale Wendeltreppe zu erreichen ist und wo die beste Latinomusik der Stadt gespielt wird. Bei jedem meiner Tanzschritte muss ich an dich denken. Wie fühlt sich das wohl an, seine Beine nicht zu spüren, nicht einfach aufstehen zu können, und statt stark muskulöser Stelzen nur zwei schlaffe, schwache und bewegungslose Gließmaßen da unten dranhängen zu haben.

Du hast ein paar Mal versucht, mir das Gefühl zu beschreiben, an so Momenten, an denen ich deine Beine gestreichelt habe, einfach so, weil sie ein Teil von dir sind, von dem Mann, den ich liebe. Du hast meine Berührung gesehen, du hast sie wahrgenommen und als ein Zeichen der Zärtlichkeit in deinem Kopf verarbeitet - aber etwas fehlte: du hast meine Hand auf deinem Oberschenkel nicht gespürt.

Die ersten Wochen, die auf diesen Abend vor einem Jahr folgten, waren die schwersten meines Lebens. Ich war zerrissen. Ich wollte es in die Welt hinausposaunen, dass ich so verknallt war wie noch nie zuvor in meinem Leben. Und gleichzeitig haben mich meine Zweifel zerfressen, dass ich meine Gefühle, meine Liebe und jede Sekunde mit dir noch mit jemandem teilen muss, mit einem Dritten in der Beziehung, mit jemandem, der mich in der Zweisamkeit mit dir störte. Dein Rollstuhl.

Er stört noch immer. Immer wieder. Und selbst wenn er nicht da ist, weil wir uns Körper an Körper im Bett ganz eng aneinander kuscheln, dann ist es eben die Querschnittslähmung, die zwischen uns steht - die so vieles einfach nicht ganz normal zulässt wie bei anderen Paaren.

Ja, natürlich haben wir Sex aber wir reden zu wenig darüber. Es gibt Menschen, mit denen breche ich sämtliche Verbaltabus. Du gehörst nicht dazu. Wir tun es dafür einfach. Vor dem ersten Mal hatten wir beide Schiss. Die Angst schien uns beiden so normal wie die Sache Sex an sich, aber auf einmal war die Begierde stärker. Es funktioniert, aber es ist anders und es befriedigt mich nicht immer. Was mir hilft, ist darüber zu sprechen. Mit dir, aber auch mit anderen.

Das Rationalisieren, das Vor-Augen-Halten, wie das so ist, das erleichtert mir vieles. Da war dieser Motorradunfall vor zwölf Jahren. Du warst zu schnell unterwegs und die Kurve war im Dunklen schärfer als du sehen konntest. Seither sind drei Wirbel zermatscht und dein Rückenmark durchtrennt zwischen dem zehnten und elften Brustwirbel. Komplett. Das heißt, alles was rund fünf Zentimeter unterhalb deines Nabels liegt ist lahm.

Unwiderruflich. Deine Beine, deine Blase, die Haut, die Füße, dein Darm, dein Penis. Das gute Stück kriegen wir natürlich hoch. Du hast mittlerweile gelernt, die sexuellen Reize so stark vom Gehirn aus zu steuern, dass der kleine M. schon mal aufsteht. Toll. Er bleibt meist nicht lange, aber dafür gönnst du dir hin und wieder eine kleine, blaue Pille. Dein Blase stimulierst du mit einem Katheder und deinen Darm mit Abführmitteln. Und dein Rolli trägt dich anstelle deiner Beine durch‘s Leben.

„Kind, worauf lässt du dich nur ein“, seufzte meine Mutter. „Diesen Mann kannst du nie mehr verlassen“, mahnte sie, „Der verkraftet das nicht.“ Doch ich bin nicht die erste Frau in diesen zwölf Jahren seit deinem Unfall. Du hast auch diese Trennungen verkraftet und bist daran gereift und gewachsen. Dich haut schließlich nichts mehr so schnell um. So gut, wie es trotz der nicht immer leichten Dreier-Beziehung läuft, will ich dich auch gar nicht verlassen.

Ich fühlte mich selten so geliebt und verstanden. Ich fühlte mich auch selten so überrollt und dominiert von einem Mann. Noch nie musste ich in einer Beziehung so viele meiner Bedürfnisse derart zurückstecken und bekam gleichzeitig so viel Wertschätzung, Achtung, Aufmerksamkeit und letztlich Liebe zurück wie von dir.

Vor einen Jahr hätte ich noch für den Sommer 2008 eine zweiwöchige Trekking-Tour im Norden Indiens geplant. Aber zu dritt hätte das nicht funktioniert. Stattdessen spulten wir tausende Kilometer im Auto ab, wir drei, und fuhren nach Schottland. Wir pennten im Stall eines holländischen Bauernhofes und setzten mit der Fähre nach Edinburgh über. Die Buchung der Bed&Breakfast-Pensionen war ein Spießrutenlauf gegen zu viele Stufen, zu enge Badezimmertüren und behindertenfeindliche Sehenswürdigkeiten. Für die Telefonkosten zur Organisation der Reise hätten wir uns locker zwei Flugtickets können. Aber bloß für den Sonnenuntergang am Strand von Oban hatte sich der Aufwand gelohnt..

Wie sehr habe auch ich mich verändert in den vergangenen 365 Tagen. Die Wandlung von der Chaos-Single-Queen zur gelassenen Beziehungsfrau erschreckt mich selbst hin und wieder. Soll das jetzt wirklich ich sein, die die es mit keinem Mann länger als ein paar Wochen ausgehalten hatte? Ich, die mit Salsa und Yoga, meinem Job und einem großen Freundeskreis ständig ausgebucht war, sodass jeder Beziehungsanwärter erst mit viel Humor und Schlagfertigkeit um einen Eintrag in meinen Terminkalender buhlen musste?

Es fühlt sich so gut an, wie es ist. Ich hatte mal ein fixes Konstrukt an Interessen, Werten und kompatiblen Lebenszielen rund um den perfekten Kleidungsstil und symbiotischen Musikgeschmack aufgebaut - ein Schema, in das kaum ein Mann in der Realität außerhalb meiner idealen Traumwelten zu passen schien. Der Mann, dem ich erlauben würde, meine sorgsam gebaute Schutzmauer um mich herum abzureißen, der musste etwas Besonderes sein. Der nächstbeste Durchschnittsmann würde das nie schaffen. Das war mir schon immer klar.

Der Mann, dem ich mein Innerstes nun zeige, das bist du. Immer schon wollte ich einen etwas anderen Mann. Klar, du bist anders, das sieht jeder auf den ersten Blick. 1 Meter 30 hoch, auf vier Rädern, und überdurchschnittlich gutaussehend. Dein verboten hübsches Gesicht, das fällt bestimmt tausenden anderen Frauen auf, auch auf den ersten Blick. Dass du wirklich anders bist, lernte ich auch auf den zweiten, dritten und auch immer noch auf den zehntausendsten Blick.

Bei deiner Tiefsinnigkeit und deiner wortgewaltigen Fähigkeit, Gefühle auf den Punkt gebracht auszuformulieren, verschlägt es selbst mir alten und eloquenten Quasseltante oft mal die Sprache. Gegen deine Disziplin und Willensstärke fühle ich mich wie ein armes Hascherl, das wie ein Fähnchen im Wind eine Rolle zum Nonkonformismus spielt und die eigene Anpassungsfähigkeit erst ausloten muss. Aber du, du wusstest, was du wolltest, heute vor einem Jahr: Mich. Wortlos und konsequent stelltest du mir das Ultimatum: Nimm uns beide oder lass es.

Ich konnte gar nicht anders, als mich in das Abenteuer M. zu wagen. Du warst anders. Du brachtest meinen Magen zum Kribbeln. Ausgerechnet meinen Bauch, der so lange ultraresistent gegen hormonelle Verliebtheitsattacken schien. Also ließ auch ich mir von dir zeigen, dass Pärchenabende mit DVD nicht den Gipfel an Ideenlosigkeit zur Freizeitgestaltung darstellen muss. Ich lernte, dass auch ein Sonntagsausflug ins Grüne vereinbar ist mit einem urban-alternativen Leben und nichts mit der langweiligen Spießigkeit der 08/15-Bourgeoisie zu tun haben muss.

Du erträgst meine jähzornig-impulsiven Gefühlsausbrüche und konfrontierst mich im Gegenzug mit deiner bedingungslosen Sturheit. Und du weißt, dass du der erste Mann bist, mit dem ich überhaupt einen Beziehungsjahrestag begehen kann. Und vor allem begehen will. Alle vorhergehenden Männer bin ich noch rechtzeitig zuvor losgeworden, freiwillig und unfreiwillig. Diesen Dienstagabend werden wir heute aber ganz langweilig begehen. Klassisch aber gut. Wir zwei unter 30 anderen Menschen auf einer Hütte mit Blick über die Stadt, aber ohne Rotwein.

Vor zwei Tagen bist du mal wieder krank geworden. Blasenentzündung und Harnwegsinfekt, wie immer. Dein Harnleiter ist schließlich schwach geworden und leidet vom täglichen Kathedern. Du könntest dich operieren lassen, hast du mir erzählt, aber du zweifelst noch. Du könntest dir ein Maschinchen einbauen lassen, das deine Blasentätigkeit, deinen Stuhlgang und selbst dein bestes Stück aktivieren und steuern würde. Aber du zweifelst noch, weil du Angst hast. Angst vor dem Krankenhaus, vor den Ärzten, der sechsstündigen Narkose, den Schmerzen und der langen Reha danach.

Aber trotz Fieber bist du auch heute morgen um halb sechs Uhr aufgestanden. Hast dir deinen Rolli geschnappt und dich mit ihm in dein Trainingszimmer zurückgezogen. Die Stunde am Morgen, die gehört euch ganz allein. Wenn dein Wecker an anderen Tagen kurz nach fünf Uhr morgens klingelt, schlafe ich meist einfach weiter. Du absolvierst dein Training. Konsequent, diszipliniert, jeden Tag. Festgeschnallt im Stehgerät lässt du deine Beinmuskulatur strecken und dehnen. Deine Stimme klingt dann auch so fremd, wenn du da drin stehst und plötzlich so groß bist, so aufgerichtet.

Eines Tages, so hast du mir mal erzählt, so von oben herab, plötzlich 1 Meter 90 groß, da wird die Medizin so weit sein, dass du wieder gehen kannst. Du glaubst daran. Der Gedanke gibt dir Kraft. Und dann, dann sollen deine Beine und Muskeln soweit trainiert sein, dass sie dich auch tragen können, sagtest du.

Und während du deine Gewichte stemmst und deinen Oberkörper kräftigst, klassische Musik hörst und trotz Fieber trainierst, frage ich mich, warum ich mir das alles antue. Nicht nur du kämpfst jeden Tag. Auch ich kämpfe. Einfach ist es nicht mit dir. Womöglich ist es gerade diese Dreierbeziehung, die das ganze Abenteuer mit dir so prickelnd macht.
Denn du und er, der Dritte im Bunde, ihr habt mich einfach überrollt. Mit Liebe.

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51 Antworten

Kommentare

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    wunderschön... ich wünsche euch alles Gute, vor allem viel Kraft und Stärke, damit umzugehen... es lohnt sich.

    22.09.2008, 21:46 von LadyLibertine
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      @stefftier sehr authentisch :)... viele Aspekte witzig, selbst-ironisch und intelligent in Worte gefasst.

      Eine Geschichte, die berührt und eine Liebe, die sich von dem Kaugummi-Hollywood-Fakesex-Mist völlig abhebt. Und echt ist :)

      09.09.2008, 18:56 von Madame_Frosch
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    wirklich sehr toller und impulsiver text... die länge stört garnicht... großen respekt meinerseits

    22.07.2008, 23:58 von dvux
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    Wie könnte man so einen Artikel nich Wort für Wort lesen?

    16.07.2008, 16:24 von Artemisia87
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    Wahsinn,so brutal-ehrlich und exakt ins Herz, dass es weh tut beim lesen. Du hast meinen größten Respekt!

    16.07.2008, 16:23 von Artemisia87
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    einfach nur toll.

    11.07.2008, 23:38 von strahlemaedchen
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    sprachlich hinreisend...

    23.05.2008, 22:26 von monpapillon
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    Ich bin gerührt!

    15.05.2008, 21:09 von bunteWollsocke
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    voller emotionen und total klasse...super das du auf dein herz hörst und auf das innere achtest...normale und stressfreie beziheung sind langweilig...

    05.05.2008, 23:32 von diewoelfin1988
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