Weltschachtel 30.09.2006, 00:18 Uhr 124 147

There they go,..

Am Flughafen. Ihre Hand in seinen blonden Strähnen, die nach nichts riechen außer ihnen. Ihr Herz in seinem Herz, zerissen, doch voller Hoffnung:

In einem Jahr werden sie wieder hier stehen und alles wird wie früher. Zusammen werden sie die Entfernung bis dahin überbrücken. „Wahre Liebe schafft das“, hört man von allen Seiten.
„Vergiss mich nicht“, hört man von Zweien.

Er fliegt zuerst, nur für 4 Wochen. Zwei Wochen später überquert sie den großen Teich, für 40 Wochen.

Schritte durch die erste Sicherheitskontrolle und mit jeder Frage der Mitarbeiter der Fluggesellschaft schleicht sich ein weiteres Stück Heimat aus dem Kopf ins Herz. „Geh nicht, geh nicht, geh nicht“, pocht es dort in mittlerweile regelmäßigen Abständen. Doch da wird ihr schon der Reisepass in die Hand gedrückt. „Sie können nun zum Check-In weiter.“ Ja, aber da will sie doch gar nicht hin. Doch sie geht, weil ihre Beine das noch nicht wissen. 2 große Koffer zusammengepressten Lebens werden abgegeben. Der Inhalt soll das neue Land für sie zur Heimat machen, wenigstens für eine Zeit.
Ein letzte Umarmung, dick verpackte Abschiedsgeschenke, ein lieber Brief. Gut, dass er schon unterwegs ist. Nie würde sie durch die Tür gehen, sähe sie ihn jetzt hier. Doch so überwindet sie sich und winkt den Menschen zu, die seit 16 Jahren ihr Leben bedeuten, und geht..

Tage und Wochen voller neuer Menschen folgen. Lachen über Sprachhindernisse, erste zaghafte Treffen mit den neuen Klassenkameraden, die erste Einladung zur Party. Ihr erstes Trikot der Schul-Volleyball-Mannschaft wird ihr übergeben, der erste Test zurück. Zwei neue kleine Geschwister, die ihr die ersten Tage erheblich erleichtern. Zwei neue Opas, die sie direkt in ihre Arme schließen. Es könnte wunderbar sein. Ist es auch. Bis zu dem Anruf, der das noch zarte Sicherheitsnetz aus allen Ösen löst. Er sei früher zurückgekehrt, ein Nottransport. Buchstaben zwängen sich durch den Telefonhörer, Buchstaben, die nicht ankommen wollen. Buchstaben, die Buchstaben bleiben und erst später zu Tränen werden. Auf das K folgt ein R, ein E, ein B, ein S. Und Monate später folgt darauf ein T, ein O, ein D. Schnell ging es, doch ohne die Lungenentzündung wär es nie soweit gekommen. Eine Operation war schon angesetzt, doch zuerst mussten die Strahlen in seinen Körper. Strahlen, die seine blonden Haarsträhnen verschwinden ließen und auch den Tumor verkleinern sollten.
Es war Weihnachten, doch das bekam er schon nicht mehr mit. Denn seine Schwester sang schon vor 14 Tagen das letzte Lied für ihn, 2 Meter über ihm.




Ein Wiedersehen am Flughafen. Alle sind sie gekommen um ihre Tochter, Schwester und Freundin zu begrüßen. Nur einer nicht. Und er fehlt, jedes Jahr, jeden Monat, jede Woche. Doch manchmal nimmt sie einen Hauch ihres gemeinsamen Duftes wahr und die Welt wird zurückgespult. Wahre Liebe hätte es geschafft, doch ihr wurden die Chancen genommen. Und vergessen - werd ich dich nie

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124 Antworten

Kommentare

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    das ist wirklich sehr traurig


    12.08.2011, 23:32 von friedolin_der_held
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    wie traurig. wie unglaublich traurig.

    07.10.2010, 15:09 von redlipstick
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    Ich hab geweint.

    20.09.2010, 16:50 von MissKellyMojo
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    Sehr schön und treffend geschrieben. Ich fühle mit Dir.

    09.09.2010, 11:46 von Kurremkarmerruk
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    da kann man nur weinen

    19.01.2010, 16:46 von Kitty_Kaddi
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    eigentlich wollte ich dir schreiben, dass ich diese situation nur zu gut kenne.
    beim weiterlesen habe ich allerdings bemerkt, dass das so nicht ganz stimmt.
    toller text!

    26.10.2009, 22:30 von frl.prusseliese
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    hab gaensehaut bekommen... sehr traurig und sehr schoen geschrieben

    08.06.2009, 09:03 von Tik_tak
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    Noch 12 Tage dann bin ich nach 13 Monaten wieder in Deutschland und ich werde bis zu dem Zeitpunkt Angst haben, das jemandem was passiert.

    Dein Texr geht einem sehr nahe, vor allem, wenn man es vom Aufenthaltsort her so gut nachvollziehen kann,

    Alles Liebe für die Zukunft.

    19.05.2009, 07:24 von Sugar_83
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