Tausend tote Tage. / Frohes neues Leben!
Wenn du denkst, es geht nicht mehr, wird es noch viel beschissen-er. Aber auch wieder gut. Lebe wohl, 060708. Willkommen im Leben!
Es ist Neujahr, 17:40 Uhr. Ich habe fünf Stunden lang vergeblich versucht zu schlafen, um letztendlich aufzugeben. Acht Milliarden gleichzeitige Gedanken und wabernde Wände sind keine gute Dösbasis. Zeit für eine Retrospektive mit einer saftigen Portion Sentiment.
Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, keinen Text mehr über SIE zu schreiben. Und das hier ist kein Text über sie. Doch diese fürchterlichen letzten drei Jahre sind ein Teil von mir. Und mittlerweile ein Teil, den ich noch nicht mal missen möchte. Genauso, wie Schmerz die allergrößte Muse ist, ist Schmerz auch die größte Quelle der Erkenntnis.
Ich war Schmerz. Ich habe versucht zu verdrängen, weil ich keinen anderen Weg sah, mit der Realität umzugehen. Die Realität zu umgehen. Ewiger Selbsthass dafür, die Liebe des Lebens verjagt zu haben. Zwei Jahre lang Leid, das ich eigentlich nicht mehr ertragen wollte. Aber ich blieb, weil ich meiner kleinen Mama nicht das Herz brechen wollte. Und weil sie mir letzten Halt gab. Dann ging Mama, einfach so. Lungenentzündung, künstliches Koma, Hirntod. Weg. So gingen in zwei Jahren meine beiden mir liebsten Menschen aus dem Leben.
Allein sein. Chemische Seiltänze ohne Auffangnetz. Fallen wäre egal gewesen. Aber andere liebe Menschen waren da. Meine beste Freundin hat mit mir geweint, hat langsam das Leben aus meinen Augen weichen sehen und war irgendwann genauso verzweifelt wie ich. Aber sie hielt mich fest, als ich festgehalten werden musste. Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich dir bin.
Wahrscheinlich hatte jeder Mensch mit einem gebrochenen Herzen mal diesen pubertär-romantischen Gedanken, einfach einen Schlussstrich zu ziehen, um der Welt und vor allen Dingen sich selbst zu beweisen, was man doch für ein bemitleidenswertes Häufchen Mensch ist. Eitel. Selbstverliebt in den Selbsthass. Dieser Zustand ist nicht schön, aber auch nicht schlimm. Irgendwie ahnt man ja doch, dass das vergehen wird. Wie alles Andere im Leben auch. Schlimm wird es, wenn man niemandem irgendwas noch beweisen möchte. Wenn man einfach denkt: Ich habe keine Lust mehr, zu leben. Ich möchte gehen.
„Und ich bitte euch darum
Mich zu verstehen
Dass ich gehen muss
Und wir uns nicht mehr
Nicht mehr wieder sehen
Nicht morgen, in einer Woche
Und nicht in 15 Jahren
Ich kann einfach nicht vergessen
Dass wir mal glücklich waren“
Die ewig vor mir her geschobene Therapie. Langsame Gehversuche, bis der Therapeut auch nicht mehr weiter wusste. Und die bittere Erkenntnis, dass nicht mal ein professioneller Seelenverstehenhelfer mir helfen kann. Flucht in saure Nächte, Rausch als Selbstzweck, vollkommen seelenlose Körperlichkeiten, kathartische Lieder. Mit den Gedanken am Grab meiner Liebe und am Grab meiner Mutter. Mit der Gewissheit, dass nichts in meinem Leben Bestand hat.
„Irgendwo hin
Einfach von mir weg
Gehirn, Adern, Herz
Alles ist voller Dreck
Ich bin der, der nur dabei steht
Ich bin der, der nur vorbei geht
Ich bin jeder
Ich bin niemals ich“
Und dann kam ein neuer Mensch in mein Leben. In den ich dachte, verliebt zu sein. Vielleicht war ich es sogar – letzten Endes vollkommen egal. Es war überraschend leicht zu verschmerzen, dass nichts aus uns wurde. Denn das Wissen, dass ich vielleicht doch jemanden lieben kann, der nicht SIE – Verkörperung all meiner Selbstzweifel und immer noch der beeindruckendste Mensch, den ich je traf – dass ich jemand anderes irgendwann mal lieben könnte, ändert alles.
Perspektive. Sich auf den nächsten Tag freuen. Das war und ist so unfassbar neu. Zu sagen „Es geht mir gut“ und es ist keine inhaltslose Floskel. Und ich weiß, dass meine Mama am schönsten Ort des ganzen Universums sein muss, denn diesen Platz hat sie sich verdient. Und ich weiß, dass sie jetzt lächelt. Ich lächle zurück. Hallo Mama!
Genauso werde ich in einem Monat höchstwahrscheinlich die größte Liebe meines Lebens wieder treffen. Das erste mal seit knapp anderthalb Jahren. Ja, ich bin ein bisschen aufgeregt. Denn wer weiß? Niemand, that’s who! Niemand weiß irgendwas, das ist ja das Tolle am Leben.
Entscheidend ist: Ich habe keine Angst mehr. Nicht vor mir, nicht vor ihr, nicht vor dem Leben, wahrscheinlich nicht mal vor Chuck Norris. Ich habe den dreijährigen Krieg gegen mich gewonnen und habe meinen Platz gefunden – in mir und in den Herzen der Menschen, die mir am Herzen liegen.
So sitze ich hier, altklug vor mich hin schreibend. Mit einem gefühlten Zentner Chemie im Körper und einem enormen Maß an Schlafentzug. 060708-Style. Aber diesmal bin ich es, der zu Grabe trägt. Den passenden Songtext dafür habe ich noch nicht geschrieben, aber er kommt bald.
Hoch erhobenen Hauptes sage ich: Auf immer Wiedersehen, ihr letzten drei schlimmsten und prägendsten Jahre. Ich bin jetzt wohl sowas wie erwachsen.
Lebe wohl, 060708. Willkommen im Leben!"Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare
Sehr guter Text!
Tolles Lied und tolle Stimme.
10.06.2011, 15:29 von topfbluemchenwie geht es dir jetzt?
31.10.2010, 02:31 von Kiesllisl@Kiesllisl Eine Frage, die ich im Jahr 2011 berechtigt finde. Zwar zu intim, andererseits aber, nach dem erlebten und nach einem hoffnugsvollen Neuanfang nicht uninteressant.
03.06.2011, 13:26 von CyroIm Übrigen wünsche ich niemandem, die Menschen im Leben zu verlieren, die man am meisten liebt. Schon gar nicht in zeitlich so kurzem Abstand. Es würde mich vermutlich völlig aus der Bahn werfen, ich mag es mir nicht vorstellen.
@Cyro Es geht mir gut, danke.
03.06.2011, 14:15 von cell44@cell44 top. Freut sehr.
03.06.2011, 14:31 von Zio"Niemand weiß irgendwas, das ist ja das Tolle am Leben. "
27.05.2009, 20:02 von Aalaalehja. und das beängstigende. außer man kann diesen satz sagen:
"Entscheidend ist: Ich habe keine Angst mehr. "
für einen moment macht der text, dass ich keine angst mehr habe.
wirklich schön.
wow...
12.05.2009, 17:53 von ZioWundervoll! Einmalig! Brillant! Ich glaube, ich liebe Dich <3
20.03.2009, 11:44 von AnybellNun. Deine Augen werden wohl noch länger so groß und traurig gucken ... Aber Lebewohl- und Willkommen-Phasen sind meist die, in denen man nicht mehr kriecht und das ist schon viel wert.
08.01.2009, 15:35 von lisbeth_salanderThat´s life!!! Toller Text...Chuck Norris hättest du dir sparen können ;)
05.01.2009, 17:59 von MaxxxPowerWeiterhin alles erdenklich Gute!
Fein. Wünsche Dir ein grandioses 091011 und so weiter. Alles Liebe!
03.01.2009, 12:18 von schattenkatzePS: Mir hat sie auch zugelächelt, neulich.
:)
02.01.2009, 18:39 von ochrasy