T-A 06.05.2009, 12:25 Uhr 58 46

Swine Fever, Swine Feeeveer!

Put your hands in the air - and then under water! Ein Text über mehr oder weniger sinnvolle Warnhinweise.

Mein Schreibtisch sieht aus, als hätten die Kölner Verkehrsbetriebe versucht einen U-Bahn-Tunnel darunter zu bauen. Ganz ähnlich verhält es sich mit meinem Email-Postfach, das voller ist als David Hasselhoff, wenn er den Anrufbeantworter seiner Ex-Frau zutextet. Mein Kalender öffnet sich erst gar nicht, statt dessen sagt mir meine Assistentin: "Trink nicht so viel Kaffee. Du kannst frühestens um drei mal kurz aufs Klo!" Aha. Danke. Aber bis zum Startschuss sind es noch zehn Minuten und auf meine Assistentin höre ich sowie so nicht. Also versuche ich meiner Autorität durch ein knallhartes "Du bist nicht meine Mutti!" Ausdruck zu verleihen, trinke meinen Kaffee und stöbere ein bisschen durchs Intranet. Top-Story: Eine Zusammenfassung der jüngsten Ereignisse im Zusammenhang mit der Schweinegrippe. Ich bin zu Tränen gerührt von der Fürsorglichkeit meines Arbeitgebers. Zwar ist mir nicht ganz klar, für wen diese Zusammenfassung eigentlich sein soll - das Tal der Ahnungslosen soll es ja nicht mehr geben - aber kann ja wirklich sein, dass ein Mitarbeiter von uns gerade von einer arktischen Expedition zurückgekehrt ist oder vielleicht in den letzten Wochen im Koma gelegen hat. Das ist zugegeben ähnlich pragmatisch wie der Umgang der Ägypter mit dem Thema. Ich bin nicht stolz eine Deutsche zu sein, aber nach solchen Meldungen einfach verdammt froh. Und irgendwie auch dankbar. Es hätte ja auch Blondinen- oder Juden-Grippe heißen können.

Ding-Dong. Neue Mail. Betreffzeile: "Swine fever: Update recommendations regarding international travel". Thanks a lot, aber jetzt ist Schluss! Ich habe kurz den Impuls zu antworten. "Ihr blöden Pisser! Ich wasche meine Hände nicht nur in Unschuld wie ihr, sondern ab und zu auch mit Seife. Lasst mich endlich mit dem Scheiß in Ruhe!" Aber dann fällt mir auf, dass das im Englischen nicht so schön rüber kommt und lese stattdessen mal lieber die Zeitung.

Hoppla! Die Annemarie, Deutschlands aktueller "Ups, ich habe gar nicht gemerkt, dass mir meine Brüste rausgefallen sind und ein Bild-Zeitungs-Fotograf dabei war"-Prototyp, fordert also eine Wiederholung vom DSDS-Halbfinale, weil statt ihrer Telefonnummer die von "Schatzimausi, ick bin wirklich nich schwul"-Daniel genannt wurde. "Sogar meine Oma hat irrtümlich unter der 03 für Daniel angerufen", heult das kleine Annemariechen in die Diktiergeräte der Journalisten und ich könnte verstehen, wenn sie die alte Schachtel zur Strafe dafür ins Altenheim stecken würde. RTL sieht das alles ganz gelassen. Der Fehler habe keinen Einfluss auf das Ergebnis. Die Sprecherin des Senders, Anke Eickmeyer, erklärt: Selbst falls Annemarie die für Daniel Schumacher abgegebenen Stimmen zugeschlagen würden, läge sie immer noch auf dem dritten und letzten Platz. Aha Frau Eickmeyer?! Sie kommen jetzt mal schön nach vorne an die Tafel und weisen uns mathematisch nach, wie der Daniel, mit seinen an Annemarie abgetretenen Stimmen, noch auf Platz zwei landen kann?! Aber Frau Eickmeyer frisst wie alle Pressesprecher einfach nur die Kreide, statt wirklich was zu erklären und ich weiß nun: Keine Schweinegrippe in Köln - dafür aber Rinderwahn!
Aber zurück zum Thema. Mein Arbeitgeber möchte, dass ich mir regelmäßig die Hände wasche, meine Regierung will das auch und es scheint tatsächlich ein ernstes Problem zu sein. So blieb die Schweiz beispielsweise nach Abschluss der Expo 2002 auf einem Vorrat von 2 Tonnen(!) Seife sitzen, weil man zwar die Anzahl der Besucher und durchschnittlichen Toilettenbesuche korrekt berechnet, allerdings vergessen hatte, dass nicht jeder Toilettenbesucher sich auch die Hände wäscht. Und lange vor der Erfindung des Wortes "Schweinegrippe" stolperte ich beim allseits beliebten Ratespiel "Für welchen Scheiß wird hier geworben?" über einen Spot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der tatsächlich das Händewaschen anpries, und verlor haushoch.

Die Lage ist ernst und wer die Debatten und Aktionen rund ums Thema Rauchen in den letzten Jahren verfolgt hat, kann sich ausmalen, was uns in den nächsten Monaten bevor steht. Der harmlose Beginn sind Warnhinweise auf Seifenschachteln vom EU-Gesundheitsminister: "Unterlassenes Händewaschen kann zur Keulung in Ägypten führen." Das EU-Parlament wird noch Monate später darüber debattieren, ob statt der Sprüche nicht doch besser Bilder von Rotze ausstoßenden Nasen auf die Schachteln zu drucken sind. Die Bravo veranstaltet ganz im Sinne ihrer sozialen Verantwortung vor dem Brandenburger Tor ein Benefiz-Konzert "Gemeinsam gegen Viren", was unschöner Weise als "Gemeinsam gegen Vieren" angekündigt wird und daher besucherlos bleibt, weil die Teenies es für eine Werbeveranstaltung der Schülerhilfe halten. Unerschrocken stehen Scooter dennoch auf der Bühne und untermalt von einem knallharten Techno-Beat brüllt H.P. Baxxter "Vor dem Essen, nach dem Essen - Hände waschen nicht vergessen! Move your Ass!" den gelangweilten Tontechnikern ins Gesicht. Ein leicht bekleideter Damenchor mit attraktivem Mundschutz, den man mittlerweile auch als farbenfrohen Fan-Artikel wahlweise im Miss Piggy- oder Sido-Style im Jamba-Spar-Abo erhalten kann, trällert den Refrain vom Number-One-Hit- Bee-Gees-Cover-Song: "Swine Fever, Swine Fever. We know how to wash it!" Vom Misserfolg der Aktion lässt sich die Schirmherrin und Frau mit der Nasenscheidewandverkrümmung allerdings nicht beeindrucken. Arbeitslose mit Waschzwang werden in einem Sonder-ABM-Programm der Bundesregierung zu Trainern ausgebildet, die wahlweise Vorträge in Schulen halten oder Seminare in den nach der Wirtschaftskrise noch übriggebliebenen Unternehmen geben. Kids, die den ultimativen Kick suchen, tummeln sich zwischenzeitlich auf dem neusten Party-Trend: Flatrate-Fressen mit den Händen. Ohne Gummihandschuhe und ohne Waschen. Aber das wird natürlich sofort verboten, nachdem die Bildzeitung von der 13jährigen Susi berichtet, die im Rausch der Nacht auf einer solchen Party an einer Klobrille leckte und nun mit ganz fiesem Mundgonorrhoe im Krankenhaus liegt. "Aber wenigstens keine Schweinegrippe.", stellen die Eltern von Susi erleichtert fest. Stimmt. Es hätte alles viel viel schlimmer kommen können.


Tags: Krankheit
46

Diesen Text mochten auch

58 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich liebe es Deine Texte nochmal zu lesen ... sie sind einmalig schön. Danke, dass sie weiter hier zu finden sind.

    22.10.2014, 13:21 von Cyro
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Deine Texte sind richtig geil!
    Könnt ich den ganzen Tag lesen.
    Und die Vergleiche am Anfang waren richtig gut!
    Und ich meine Schweinegrippe heißt Swineflu?!
    Jedenfalls in England...
    Macht den Text trotzdem nicht schlechter ;)

    14.06.2010, 19:05 von Uttox
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Richtig geil. ich hab mich halb weggeschmissen.
    Vorallem der Teil mit dem neusten Party-Trend. Köstlich!
    Ich glaub ich kann mir auch zukünftig bei keinem Vorschlag an meinen Chef und keinem neuen Projekt bei uns in der Firma mehr das Grinsen verkneifen.

    19.08.2009, 13:29 von KDX
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    der text ist einfach genial.
    kreativ,lustig,ironisch.was will man mehr!?

    17.06.2009, 17:36 von JoannaStarlette
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    achja: der spot is echt lächerlich...

    18.05.2009, 10:49 von RitaRiot
    • Kommentar schreiben
  • 0

    :) Genial!

    18.05.2009, 10:47 von RitaRiot
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3 4 5 ... 6