Stolzlos
Und jetzt, da ich ohne Stolz bin, ist plötzlich alles möglich.
Ich weiß nicht, wann genau er abhanden gekommen ist. War das, als ich dich mit verliebten Augen ansah und du mir seelenruhig gestandest, dass du ja eigentlich immer noch mit deiner Freundin zusammen bist, jetzt nicht einfach so Schluss machen kannst und ich voller Verständnis nur dazu genickt habe? So leicht beendet man ja auch keine Beziehung. Und wenn der richtige Moment, es ihr zu sagen, eben noch nicht gekommen ist …
Oder war es, als du dich einfach tagelang nicht gemeldet hast – kein Lebenszeichen von dir, aber ich dann selbstverständlich auf Abruf bereit war, als dir wieder danach war, mich zu sehen. Ich wollte doch keine Minute mit dir verpassen! Die gemeinsame Zeit war eh immer viel zu kurz. Da hielt ich mir doch gerne ein ganzes Wochenende nur für dich frei – auch wenn du dann nur ein paar Stunden Zeit hattest, immer auf dem Sprung warst.
Aber vielleicht ist er ja auch bei einem der unzähligen Male verschwunden, als du mich vor deinen Freunden verleugnet hast oder wir nicht zusammen gesehen werden durften – wegen dem Gerede der anderen. Das war ja alles keine leichte Situation für dich. Natürlich musste ich da Rücksicht nehmen. Man muss auch mal zurückstecken können, sich in die Lage seines Gegenübers versetzen.
Oder ging er gar verloren, als ich dich bat, die Nacht bei mir zu bleiben und du trotzdem gegangen bist, weil du am nächsten Morgen ausgeschlafen sein wolltest, um lernen zu können? Du bist ja dann sogar noch Feiern gegangen, ganz spontan, wie du mir am nächsten Tag mit verkatertem Blick erzählt hast. Eine sehr stressige Zeit damals, als du mitten in den Prüfungen stecktest.
Vielleicht ist es aber auch passiert, als du mich ohne Erklärung versetzt hast und du stattdessen deine Exfreundin getröstet hast. Immerhin ging es ihr nicht so gut und sie konnte einfach nicht mit dir abschließen. Da war deine Schulter zum Ausheulen natürlich genau die richtige. Ist doch wichtig, auch für die Probleme der anderen, gerade wenn man sich mal so nahestand, ein offenes Ohr zu haben.
Aber wenn ich so nachdenke, dann ist er wohl an dem Nachmittag abhanden gekommen, als du lieber dein Zimmer aufräumen wolltest, anstatt dich mit mir zu treffen und ich dir abends noch eine SMS geschrieben habe, wie sehr du mir fehlst. Manchmal muss man eben Prioritäten setzen. Und da steht aufräumen wohl höher auf der Liste als Eis essen mit seiner Freundin, die man dann eine ganze Woche nicht mehr sieht.
Aber wahrscheinlich hat er sich einfach ganz klammheimlich Stück für Stück aus dem Staub gemacht, jeden Tag ein bisschen mehr. So still und leise, dass ich es gar nicht bemerkt habe.
Und jetzt, da ich ohne Stolz bin, ist plötzlich alles möglich. Deswegen schicke ich dir morgen einen Brief. Um dir zu sagen, dass ich dich nicht verlieren möchte, dass ich kämpfen werde. Man muss ja auch mal über seinen Schatten springen können.

Kommentare
noch vor einem jahr war ich so egoistisch zu glauben nur mir würde es so ergehen. dies nun mit hilfe solch "schöner" (welch paradoxe bezeichnung) texte verarbeiten zu können tut gut. danke. und chapeau! an den mut. nicht den stolz. und viel erfolg!
09.10.2011, 00:22 von m.salzte.nach.!!!SCHICK IHN IN DIE WÜSTE!!! Habe derartige Situationen auch gut kennenlernen dürfen und es ist besser[!!!] solche Tunichtgute vor die Tür zu setzen!
23.09.2011, 12:32 von diehollaWirklich schön geschrieben...hält einem zudem einen Spiegel vor die Nase. Hoffe es beim nächsten Mal anders zu machen. Das einzige was nicht so gefällt ist der Schluss...hätte gehofft, dass der Stolz siegt...auf der anderen Seite: Was Du beschreibst ist wohl eher das Leben :-)
26.07.2011, 20:48 von LilaKoboldmaki
26.07.2011, 08:59 von missweissToll geschrieben, ich kenn die Situation nur zu gut. Aber irgendwann merkst du, dass ein Mann, der dir all deinen Stolz und deine Vernunft nimmt, nicht der richtige Mann sein kann. Der richtige Mann würde deinen Stolz fördern, stolz sein, dich an seiner Seite zu haben. Stolz kann ja auch überbewertet sein, aber den Respekt dir selbst gegenüber solltest du für keinen Mann verlieren.
Ich masse mir nicht an, dir sagen zu dürfen, du solltest ihn abschiessen. Aber ich glaube mit dem Gedanken spielst du ja selbst schon...
Viel Glück!
Irgendwie kann ich dich verstehen allerdings verstehe ich nicht das du dich weiter und weiter entwürdigst.
25.07.2011, 22:22 von feral-deepLos lassen tut weh aber krampfhaft auf etwas hoffnungsloses zu warten ist unerträglich.
erst mal sehr sehr schöner text- nur habe ich eine bitte: gib dich nicht auf! du bist bestimmt ein wunderbarer mensch und er kann das einfach nicht sehen. das tut mir richtig weh zu lesen, wie er dich behandelt. ich versteh aber das du irgendwie nicht anders handeln kannst.
25.07.2011, 20:08 von la_la_labei meinem jetzigen Freund war es zu Anfang auch so, dass ich noch in einer Beziehung steckte.
25.07.2011, 00:10 von deinKindFür mich war es auch schlimm zu sehen, wie es ihn verletzt hat, dass wir an einigen Orten nicht "als Pärchen" rumlaufen konnten, aber ich war auch zu schissig, meinem damaligen Freund die Karten sofort auf den Tisch zu legen.
Witzigerweise fühl ich mich allerding so, wie du dich in deinem Text.
Trotz allem war ich immer die, die jede Minute freiräumt und sich nichts anderes vornimmt und immerwieder angerannt kommt und kämpft.
Ist wahrscheinlich der Ausgleich des Schicksals für mich.
Komisch, als wir noch nicht zusammen sein "durften", waren wir glücklicher als heute, wo ich mich bis zum letzten aufopfere.
@deinKind Wer sich "aufopfert" ist ein Opfer (seiner selbst) und kein gleichberechtigter Partner. Es mag sein, dass so eine Beziehung für mache erstrebenswert ist. Aber wenn man sich darüber aufregt ist man vielleicht doch nicht cool genug um auf Dauer das "Opfer" zu bleiben. Ich hoffe es jedenfalls mal für dich, deinkind.
25.07.2011, 08:11 von TaneaMan hatte ja eigentlich was anderes vor, aber wenn er dann anruft und sowas sagt wie "ich hatte ja schon vor, dich heute noch zu treffen", sagt man natürlich alles andere ab... Man kann ja nicht absagen, wenn Mr. Viel-beschäftigt sich schon mal Zeit nimmt!
23.07.2011, 21:34 von kay.piranhaUnd wenn er sich halt mal ein Wochenende lang nicht bei seiner Freundin meldet, weil die Zeit sooo schnell vergangen ist, dass er einfach keine Zeit gefunden hat, dann ist das ja auch nichts Schlimmes... so ne SMS dauert ja immerhin ganze zwei Minuten!
Oder wenn er am Tag nach der Party halb tot auf der Couch liegt... Macht doch nichts! Man kann bei strahlendem Sonnenschein ja auch mal den ganzen Tag alte Simpsons-Folgen schauen. Was will man mehr von seinem Freund??
Wenn er das ganze Wochenende keine Zeit hat, weil er eine Präsentation vorbereiten muss, für die er VIER Wochen Zeit hatte, dann ist es doch auch nicht so wichtig, dass er lieber die ganze Woche über bis abends spät gezockt hat, statt sie zu machen.
Hätte er bedacht, dass er seine Freundin dann nicht sehen kann, hätte er sich seine Zeit beeeestimmt anders eingeteilt.
...Die Wahrheit? Alles Verarsche!
Such deinen Stolz, schnapp ihn dir, halt ihn ganz fest und gib dem Idiot endlich eine. Ernsthaft.
Und wenn er dann angekrochen kommt, weil er so schnell keinen Ersatz findet, dann denke an diese Zeile eines genialen Lieds:
"Es ist jetzt Schluss mit dem ganzen hin und her.
Und wenn du noch mal wieder kommst, will ich nich mehr!"
hmm. auch ich habe den brief geschrieben. aber es war mehr ein abschiedsbrief. trotzdem warte ich auf eine antwort, weil ich einfach noch zuviel gefühl hineingelegt habe. er müsste doch wissen, dass wenn er mir nur zeigt, dass er mich liebt... usw. nur sein stolz steht dem im weg...
22.07.2011, 12:23 von Stahlblutund irgendwie fragt sich der eine immer, ob er das fünkchen, was vielleicht dort noch glimmt, nicht nur einfach übersehen hat.... und wirft dem anderen ganz viel stroh vor die füße. aber stroh brennt bekanntlich auch nicht lange.
Eigentlich hab ich genug von diesen Herz-Schmerz-Texten, weil es mir einen auch irgendwie noch mehr runterzieht, trotz des Verständnisses.
22.07.2011, 10:51 von LaVieCurrieuxAber ich mag die Struktur sehr - man erwartet ja, dass sie am Ende ihren Stolz wiederfindet und sich von ihm lossagt - aber sie tut es nicht. Sie macht genau das, was man als Leser nicht will, weil man weiß, dass es schlecht ist :D
Sich einzugestehen, dass man einen Fehler machen will, obwohl man weiß, dass es nix bringt, bewusst in den Abgrund zu springen, obwohl man weiß, dass man an den Steinen kaputtgeht, das ist mutig!
Ansonsten... man merkt eben, dass es ein Herz-Schmerz-Text ist :D