Mariki 27.11.2007, 17:58 Uhr 17 38

Spring doch endlich!

Ich bin 17, und meine erste große Liebe zerbricht. Ihr Ende rettet mir das Leben.

Wir stehen an der Salzach, es ist ein warmer Junitag, die Luft riecht schon nach Sommer. „Wenn du nicht zu mir zurückkommst“, sagt er, „dann springe ich.“ Ich schließe für einen Moment die Augen. Ich habe diesen Satz so oft gehört in den letzten Jahren, zu oft, öfter, als ein Mensch ihn sollte hören müssen. Ich möchte die Augen nicht mehr aufmachen. Ich habe keine Kraft mehr dazu.

Als es angefangen hat, waren wir 12, Kinder noch, ich trug eine Brille, und er sah aus wie der nette Junge von nebenan. In der Physikstunde haben wir dem Lehrer einen Streich gespielt, für den er uns aus dem Klassenzimmer warf. Zum ersten Mal waren wir allein, nur wir beide, haben uns neugierig angeschaut und beschlossen, nicht brav vor der Tür zu warten, sondern abzuhauen, durch die stille Schule zu laufen, es war ein Abenteuer. Es hat Spaß gemacht, wir haben gelacht, seine Augen waren so unendlich blau. Vielleicht hat es ein bisschen gekribbelt. „Willst du mit mir gehen“, fragte er leise in mein Ohr. Und ich sagte „Ja.“ Es war nur ein kleines, kurzes Wort. Ein Wort, das alles verändert hat, mich, mein Leben, die Zukunft, alles.

Wir waren schüchtern und unerfahren, wir stibitzten heimlich kleine Küsse voneinander und hielten unsere Hände, bis sie ganz warm wurden. Im Zeltlager küssten wir uns zum ersten Mal richtig, es war unangenehm und nass, aber auch aufregend und verrückt, mein Herz schlug die ganze Nacht so laut, dass ich dachte, er könnte es hören. Wir schrieben im Unterricht verliebte Botschaften und kicherten, So ist es also, verliebt zu sein, dachte ich und fühlte mich ein bisschen erwachsen. Wir waren immer zusammen, wir gingen Eis essen und ins Freibad. Alles war neu.

Dass er ein Verlorener war, habe ich lange Zeit nicht bemerkt. Ich war zu jung, zu naiv, ich konnte es nicht sehen. Dass sein Elternhaus so lieblos war, dass sein Vater trank und seine Mutter ihn verbal misshandelte, habe ich erst später mitbekommen, Jahre später. Die vielen Stunden in der Wohnung, die trotz der Menschen darin so leer war und so leise, dass man nur das Ticken der Uhr hören konnte, ich hätte schreien mögen. Er war so traurig und verletzt, er fühlte sich ungeliebt und zweifelte an sich selbst. Und ich, ich dachte, ich könnte ihn retten. Ich hätte alles dafür gegeben.

Da er selbst nur der Spielball im abendlichen Streit seiner Eltern war, brauchte er jemanden, der schwächer war als er, über den er herrschen, an dem er sich abreagieren und den er manipulieren konnte. Durch meine blinde Liebe zu ihm war ich ihm verfallen, und er benutzte mich. Wenn es ihm gut ging, flogen wir durch die Wolken, niemand konnte uns aufhalten, wir waren stark und unbesiegbar, wir waren verliebt und würden für immer zusammen bleiben. Wenn es ihm schlecht ging, küsste er andere Mädchen, sprach tagelang nicht mit mir oder erklärte mir, er hätte mich nie geliebt und ich sei das hässlichste Mädchen der Schule. Ich geriet in einen Kreislauf aus Freude, Hoffnung, Angst und Hass, aus dem ich keinen Ausweg mehr fand. Jeden Tag konnte alles passieren. Meine Haut wurde immer dünner, laute Geräusche schmerzten in meinen Ohren, ich hatte meinen Schutz verloren und fand ihn nicht wieder. Es war eine kranke, vergiftete Liebe, wir klammerten uns hungrig aneinander, und er versuchte mit aller Kraft, mich mit ihm in den Abgrund zu ziehen. Ich wusste nie, wann er wieder mit mir Schluss machen würde. Und wann er wieder kommen und mich bitten würde, ihn zurückzunehmen. Nur eines wusste ich mit Sicherheit: Wenn ich „Nein“ sagte, drohte er damit, sich umzubringen. „Ohne dich kann ich nicht leben“, sagte er, „wenn du mich nicht mehr liebst, bin ich tot.“
Manchmal im Unterricht saß er schräg hinter mir und sang mir flüsternd unser Lied ins Ohr, My love von Zucchero, so lange, bis ich aufsprang und heulend aus dem Raum rannte, um mich auf dem Klo einzusperren. Meine Maus, meine liebste, kam mit nachgelaufen und redete auf mich ein, bis ich wieder den Mut fand, ins Klassenzimmer zurückzugehen, mit roten Augen und Schmerzen in der Brust. Und wenn er dann nicht da war, begann ich panisch, ihn zu suchen, im Atrium, in der Garderobe, in der ganzen Schule, schneller, immer schneller, bis ich ihn fand, draußen, wo er saß und mit dem Taschenmesser an seinen Armen ritzte. Natürlich nahm ich ihn zurück, immer. Ich dachte, meine Liebe könnte ihm das Leben retten. Ich wollte es so sehr glauben. Und merkte nicht, dass ich dabei mein eigenes Leben aufgab.

„Ich springe jetzt“, sagte er eines Nachts ins Handy, ich war verwirrt, dem Schlaf entrissen, „ich stehe gerade auf der Brücke.“ Dann legte er auf, und ich weinte, er hob nicht mehr ab, und ich weinte noch mehr. Ich wollte morgens nicht mehr aufstehen, nicht mehr in die Schule gehen, ich konnte nicht mehr essen und hatte das Lachen verlernt. Ich war 13, 14, 15, 16 und es änderte sich nichts, nie, ich versuchte, ihm zu entkommen und brach dabei zwei anderen, lieben Jungs das Herz, weil ich nicht bei ihnen bleiben konnte, weil die Liebe zu ihm mich immer wieder zu ihm zurück trieb, als wäre er ein Magnet, mein Gegenpol, mein Schicksal. Ich schrieb Gedichte, die vor Schmerz pochten und vor Panik schrieen, ich fühlte mich gefangen in einem Raum ohne Türen und ohne Fenster und kratzte mir die Fingernägel blutig, doch keiner konnte mein Flehen um Hilfe hören.

Manchmal waren wir monatelang getrennt. Manchmal küsste er eine andere vor meinen Augen. Manchmal hatten wir Sex, und es war, als würden wir verschmelzen. Manchmal dachte ich, ich könnte mich auflösen und würde nur noch aus der Liebe zu ihm bestehen. Sie war alles, was ich war. Ich stolperte durch mein Leben und fand keinen Halt. Als meine Eltern sich trennten, war er nicht für mich da. Er konnte nicht der tragende Part sein, das war meine Aufgabe, ich hatte ihm zu helfen und nicht umgekehrt. Ich bettelte, ich weinte, ich ging vor ihm auf die Knie, er wies mich ab. Es regnete, als ich nach hause fuhr, und für einen Moment nur, einen winzigen, stelle ich mir vor, ich würde mit dem Moped auf der nassen Straße stürzen und dann wäre es vorbei, endlich. Ich blieb stehen, rannte in den Wald, über glitschige Felsen und Blätter, es wurde langsam dunkel und es schüttete, ich fiel in den Dreck, und da lag ich, der Regen prasselte auf mich und vermischte sich mit meinen Tränen, und dann begann ich zu schreien, ich schrie so laut ich konnte und so lange, meine Stimme kippte, und alles tat mir weh, so unendlich weh.

Wir sind 17 und stehen an der Salzach, es ist ein warmer Junitag, die Luft riecht schon nach Sommer. Vor zwei Monaten hat er mich für eine andere verlassen, wieder, ich kenne sie, ich hasse sie. „Ich verlasse sie“, sagt er, „Ich liebe nur dich.“ Der Fluss rauscht, und meine Hände zittern. Ich möchte aus dem Zimmer ohne Fenster und ohne Türen ausbrechen. Ich möchte leben. „Nein“, flüstere ich, „nein.“ Eine Träne tropft auf meine Hand. „Wenn du nicht zu mir zurückkommst“, sagt er, „dann springe ich.“ Er legt die Hand auf das Geländer, lehnt sich darüber. Ich schließe für einen Moment die Augen. Und plötzlich, für den Bruchteil einer Sekunde, wünsche ich mir, er würde wirklich springen, ich könnte zusehen, wie er fällt und in den Fluten verschwindet, ich wünsche es mir mit einer Macht, die mich selbst erschreckt. Ich kann kaum noch atmen, und mein Herz fühlt sich an, als würde es explodieren, in unendlich viele kleine Teile, aber ich sage es trotzdem, „Spring doch“, flüstere ich, „Spring doch endlich!“ Ich spucke die Worte aus wie Gift, in ihnen liegen 5 Jahre voller Liebe, Zuneigung, Tränen und Verletzungen. Er starrt mich an, seine Augen, so tief und blau, und meine Gedanken rasen, Wie ist die Nummer der Rettung, Wie schnell können sie hier sein, Soll ich ihm nachspringen, da verzieht sich sein Gesicht zu jenem höhnischen Lächeln, das ich so gut kenne, und er sagt: „Den Gefallen tue ich dir nicht.“ Einen Herzschlag lang schauen wir uns noch in die Augen, dann ist es vorbei. Ich schüttle leicht den Kopf, kann es noch nicht glauben. Ich drehe mich um und gehe. Und während meine Schritte immer schneller werden, bis ich renne, euphorisiert, glücklich, hysterisch und erleichtert, denke ich nur, dass es so einfach war, dass es so einfach gewesen wäre, die ganze Zeit über. Tränen rinnen mir über die Wangen, aber ich lächle. Ich bin frei. Er ist nicht gesprungen. Er ist nicht ertrunken. Nur meine Liebe zu ihm ist an jenem Tag gestorben. Sie hat sich geopfert, damit ich überleben konnte.

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17 Antworten

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    Wirklich ein wunderschöner Text. Und umso krasser, wenn man die Story quasi aus der Zuschauerperspektive erlebt hat...

    10.09.2008, 13:32 von HisHiasness
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    ergreifernder text.

    23.05.2008, 14:11 von stare.at.the.sun
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    Großartig und fesselnd zugleich!

    19.01.2008, 17:28 von Lissy89
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    Außergewöhnlich gut dargestellt.
    Partner von einem Borderliner zu sein, kann dem sehr nahe kommen, was man Hölle auf Erden nennt. Ein blasses Synonym für Dinge, die manchmal schier unaussprechlich sind.
    Wer das über Jahre hinweg durchmacht und übersteht, weiß nicht nur viel über die hellsten wie abscheulichsten Falten solcher Seelen, sondern auch entscheidend mehr über die eigenen. Aber vor allem kann denjenigen mit solcher Erfahrung (wenn sie verdaut und verarbeitet ist) so leicht nichts mehr an menschlichen Abgründen aus der Bahn werfen.

    10.01.2008, 04:13 von schauby
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    das hast du wunderschön geschrieben..

    19.12.2007, 13:15 von Sasou07
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    Gänsehaut.

    Man kann nur ahnen, was für eine Tortur es für dich gewesen sein muss um "Spring doch" zu flüstern, aber man glaubt dir jedes Wort.
    Authentisch und berührend.

    18.12.2007, 15:55 von touchthesky
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    im übrigen habe ich auch schon mehrfach mit solchen zeitgenossen gehabt, die einen gerne mit selbstmorddrohungen erpressen. inzwischen würde ich genau wie du am ende handeln. "spring, fahr gegen die brücke, häng dich auf" egal was, ich würde es ihm nicht ausreden, denn in 99,9% der fälle ist das nicht ernst gemeint. im nachhinein würde ich einem von ihnen gerne noch ein seil in die hand drücken, das ich persönlich an einem ende irgendwo aufgeknüpft habe. es ist die niederträchtigste art, jemanden an sich binden zu wollen in dem man mit selbstmord droht oder damit, dem anderen etwas anzutun. hin-ter-letzt.

    18.12.2007, 15:52 von unicorna
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    so schwer es ist, über solche gefühle und erlebnisse zu schreiben, so offen, ehrlich und schön hast du es trotzdem zustande gebracht. wenn ich könnte, ich würde den text zweimal empfehlen..

    18.12.2007, 15:49 von unicorna
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