Mariki 21.04.2008, 09:05 Uhr 54 42

Spieglein, Spieglein an der Wand …

Es gibt sie. Die Tage, an denen ich mich schön finde. Ungefähr so häufig wie vierblättrigen Klee.

Ich kann mich an mir selbst festhalten. Wenn ich unter der Dusche stehe, das Wasser prasselt mir auf den Kopf, und ich lege die Arme um mich selbst, passen die kleinen Speckröllchen an meinem Bauch gut in meine Hände. Love handles heißen sie auf Englisch. Das ist mein Lieblingseuphemismus. Gleich nach gebärfreudiges Becken. Ein solches habe ich auch.

Ich bin nicht fett. Ich bin auch nicht dick, übergewichtig oder so breit wie hoch. Vermutlich bin ich nicht einmal mollig. Ich bin aber auch nicht schmal, schlank und zierlich. Und schon gar nicht dünn. Ich liege irgendwo dazwischen, im Mittelmaß, Durchschnittsgröße, Durchschnittskörper. Ich könnte vielleicht vollschlank sein oder gut gebaut. Eventuell auch kurvenreich, oder, wie es bei uns auf dem Land heißt, „eine Frau, an der was dran is“.
Ich gehöre zu diesen klischeehaften, bemitleidenswerten Frauen, die ihren Freund mit aufgerissenen Augen fragen: Findest du mich fett? Und die dann aufhören zu atmen, bis die beruhigende Antwort kommt: Natürlich nicht, ich mag dich, wie du bist. Und sie dann sowieso nicht glauben.

Ich mag nicht über meinen Körper reden. Er ist ein einziges, großes, sprachliches Tabuthema. Ich schweige über meine dicken Waden (Betonstampfer), meine schwabbeligen Oberschenkel (Fettberge) und meinen nicht ganz so glatten Bauch (Wamperl). Und schon gar nicht rede ich über meinen Hintern (Brauereipferdarsch). Manchmal, unter ganz besonderen Umständen, verliere ich vielleicht ein Wort über meine wunderschönen Fingernägel oder meine frechen Sommersprossen. Ab und zu spreche ich sogar über meine glänzenden Haare oder meine strahlenden Augen. Aber nur, wenn ich in der Stimmung dazu bin. Ansonsten tue ich gerne so, als wäre ich ein unkörperliches Wesen. Als hätte meine irdische Form nichts mit mir zu tun. Dann starre ich in den Spiegel, warte, bis das Bild verschwimmt, und wundere mich dann, wie es sein kann, dass ich, dieses ICH, in diesem Körper feststeckt. Das ist mir dann selbst unheimlich und ich wende mich von meinem Gegenüber, das mich so dämlich anglotzt, ab.

Mein Freund sagt, ich würde mich nur fett finden, weil ich von unechten Modepuppen in Hochglanzmagazinen und dürren Magermodels in der Heidi-Klum-Freak-Show umgeben bin. Ich weiß nicht, ob er Recht hat. Wie viel von der Abscheu, mit der ich in meine Reiterhosen (ja! noch so ein Euphemismus!) zwicke, kommt aus mir selbst, und wie viel davon hat mir die Gesellschaft eingeprägt? Ich kann das nicht unterscheiden. Vielleicht ist mein Körperbewusstsein ein gesellschaftliches Diktat, aber ich schreibe ja mit.
Der Schlankheitswahn, der mich regelmäßig überfällt, merkwürdigerweise stets knapp vor der Bikinisaison, hat viele Quellen. Eine davon ist meine Mutter. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass sie an einer Essstörung leidet, und zwar seit ihrer Pubertät. Mit 16 wurde sie magersüchtig – und niemand hat es gemerkt. Niemand wollte es merken. Seit ich sie kenne, kämpft sie mit ihrem Gewicht, hört monatelang auf zu essen und nimmt 15 Kilo ab, nur um sie sich in kürzester Zeit wieder anzufressen. Als ich noch ein Kind war, half ich immer beim Kochen: Ich musste die Speisen kosten und nachwürzen, weil meine Mutter keinen Bissen zu sich nahm. Nicht einmal, um zu probieren. Stattdessen trank sie heißes Wasser mit Essig und Ingwer. Ihre Selbstkasteiung, ihr ewiger Verzicht und ihr innerer Kampf mit sich selbst haben sich in mich eingefressen. Ich wollte nicht so sein wie sie, ich wollte im Sommer Eis essen oder mir mal eine ganze Tüte Chips einbauen, ich wollte mir nichts verbieten und mich nicht selbst quälen. Aber gleichzeitig wollte ich auch nicht aussehen wie ein Walroß.

Es ist schwer für mich, damit umzugehen. Ich wünsche mir, dass meine Mutter sich einmal so sehen könnte, wie ich sie sehe, so natürlich, lebensfroh und hübsch. Ich möchte, dass sie lernt, sich selbst zu lieben. Ich will, dass ich einmal, nur ein einziges Mal, ein Gespräch mit ihr führen kann, in dem kein Wort über ihr Gewicht oder meines, über Essen oder Diät fällt.
Und ich habe Angst, dass ich ihr in diesem Punkt immer ähnlicher werde. Dass ich es nicht schaffe, mich selbst zu akzeptieren, wie ich bin. Dass alles, was ich esse, meinen ganzen Tagesablauf, mein Denken und mein Leben beherrscht.
Und deshalb kämpfen zwei Seelen ach! in meiner Brust. Sie reden auf mich ein, versuchen, einander zu übertönen, Scheiß drauf, zieh den Rock an, der sieht toll aus, sagt die eine, Aber wundere dich nicht, wenn sie dir dann im Kino zwei Sitzplätze verkaufen, die andere. Lass dich nicht fertig machen, du hast tolle innere Werte, ruft die eine, Ja, aber die kann man nicht sehen, lacht die andere. Ich will sie nicht hören, drehe die Musik auf oder knabbere ohrenbetäubendes Knuspermüsli, manchmal setze ich mich auch auf mein Rad und fahre ihnen davon.

Ich tue mein Bestes. Ich stelle mich manchmal vor den Spiegel und versuche, mich zu mögen. Ich will mich dann lossagen vom Abziehbild in meinem Kopf, wie eine attraktive Frau auszusehen hat, und mir selbst einen neuen Bezugsrahmen geben. Aber natürlich vergleiche ich mich mit anderen. Mein Blick, mit dem ich andere Frauen messe, ist schnell, abschätzend und urteilend. Dabei gibt es zwei Kategorien: dicker als ich und dünner als ich. Erstere lassen mich erleichtert aufseufzen, zweitere innerlich aufheulen. Besonders inakzeptabel sind Frauen, die fressen wie ein Scheunendrescher und Größe 32 tragen. So wie meine Freundin Teresa. Wenn ich sie nicht so sehr mögen würde, ich müsste sie für ihre Bevorzugung durch Mutter Natur hassen. Weil sie sich keine Gedanken machen muss, ob sie ein zweites Stück Sachertorte essen oder sich nachts um drei einen McChicken mit großen Pommes reinziehen soll. Weil sie alles tragen kann, sogar Babydolls, und darin nicht aussieht wie ein trächtiges Nilpferd. Weil sie noch nie eine Diät gemacht hat und sich ihrem Freund ohne Scham in Strapsen präsentiert – mit Licht an. Weil ich mir oft wünsche, ich könnte so sein wie sie.

Aber ich stecke in meinem Körper fest, und ich hab nur den einen. Er verzeiht es mir nicht, wenn ich zu viel Chips esse, er lagert jedes Stück Schokolade sofort auf seinen ausladenden Hüften ab. Er passt oft in fies beleuchteten Umkleidekabinen nicht in eine enge Jeans und demütigt mich. Er sieht im Bikini aus wie ein gestrandeter Wal und lässt mich ihn verschämt mit einem Handtuch zudecken, wenn die gebräunten Strandschönheiten in ihren Stringtangas vorbeispazieren. Er quält sich gemeinsam mit mir auf dem Fahrrad, im Schwimmbad und im Fitnesscenter, keuchend wie ein geplatzter Frosch neben den Fitness-Grazien in rosa T-Shirts Größe 34. Wir führen einen ewigen Kampf miteinander, er und ich. An den guten Tagen mag ich ihn trotzdem. An den schlechten Tagen verlasse ich mich darauf, dass mich nichts so schnell umhaut.
Schließlich kann ich mich an mir selbst festhalten.

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    "Lass dich nicht fertig machen, du hast tolle innere Werte, ruft die eine, Ja, aber die kann man nicht sehen, lacht die andere. Ich will sie nicht hören, drehe die Musik auf oder knabbere ohrenbetäubendes Knuspermüsli, manchmal setze ich mich auch auf mein Rad und fahre ihnen davon."

    Unglaublich, wie sehr der Text genau das beschreibt,
    was ich fast jeden Tag durchmache ;D
    Es gibt Tage da bin ich die Jenige, die wenn sie Heißhunger auf Schokolade hat einen Tee trinkt.
    Aber dann gibt es diese Tage an denen ich mir denke:
    verdammt es reicht mir! Ich lass mir nich nehmen mein heißgeliebtes Knuspermüsli zu essen,
    nur weil ich dann morgen vllt. ein halbes Kilo mehr wiege.

    Aber es ist doch wirklich verrückt,
    wie sehr wir uns von diesem "perfekten Bild einer Frau"
    unser Selbstbewusstsein kaputt machen lassen!
    Ich mein, wer hat bitteschön beschlossen, dass dünne Beine, ein flacher Bauch
    und ein kleiner Hintern attraktiv sind?
    ich finde man kann nicht sagen, was eine Idealfigur ist, solang man nicht zu über- oder untergewichtig ist,
    passt doch alles, wenn man nur glücklich dabei ist :)

    Und auch du solltest dir da nich zu viele Gedanken machen,
    sei doch zufrieden mit dir, du sagst doch selbst du bist nicht übergewichtig und
    ich kann dir versichern, wenn du nur Lebensfreude ausstrahlst, anstatt an deinen Selbstzweifeln kaputt zu gehen,
    dann hast du mehr Ausstrahlung, als 20 dünne Mädels zusammen :-D

    12.04.2010, 19:46 von Katonga
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    Ich finde es mutig, wie du deine wahren Gedanken - deinen Körper betreffend - öffentlich so preisgibts. Und ich denke, dass dich ca. 80 Prozent der Frauen mehr als nur hervorragend nachvollziehen können.
    Dafür, dass du eine magersüchtige Mutter hast, hast du doch eine akzeptable Einstellung zu deinem Körper. Hey, lass dich vom Modediktat nicht unterkriegen. Ich selbst kann nur immer wieder sagen, dass ich Frauen bewundere, die sich keine Gedanken machen darüber, ob ein Pfund mehr oder weniger auf der Waage sie gleich fett macht, ob sie weniger liebenswert sind, wenn sie 2 Kilo zunehmen und auch die Frauen, die einfach ganz genussvoll essen können... Sei es ein normales Mittagessen bei Oma oder die Spaghetti Carbonara beim Italiener...
    Mach dich nicht kaputt mit deinen Gedanken.
    Das machen schon genug andere...

    20.12.2009, 09:26 von SusaBa
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    sehr, sehr zutreffender Text..mich beruhigt es immer, dass nicht nur ich so krank denke (bin mir sicher, dass wenn ich dich sehen würde dich keineswegs zu dick finden würde und andersrum, aber leider sind wir nun mal so verblendet ^^)

    30.01.2009, 12:55 von EnteEnteEnte
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      @EnteEnteEnte Aber genau da liegt das Problem ja ... so manche Frau wird von männlicher Seite ja als echt attraktiv wahrgenommen, nur findet sie sich selber nicht schön. Ich bin der Meinung dass Frau viel mehr ihrem Partner glauben sollte, wenn er sie schön findet. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Frauen und Männer haben auch unterschiedliche Vorstellungen ... und die Männerwelt ist auch keineswegs immer einig bei der Frage wer schön oder attraktiv ist.

      Allerdings, würden sich alle Frauen wunderschön finden, wäre die Welt voller Diven, die sich als zu wertvoll erachten um einen Mann mal ‚ranzulassen’ und die Menschheit würde aussterben. :)

      19.06.2009, 16:55 von Cyro
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    Du hast doch nen Freund, den du ungefähr 37x erwähnt hast, oder so. Passt doch alles mit deinem Körper. Manchmal denke ich, Menschen haben einen inneren Zang, immer igendwo unzufrieden sein zu müssen.
    Wegen den Esstörungen könntest du dir vielleicht Sorgen machen. Aber solange sich dein Freund auch gern an deinen Speckröllchen festhält... Sonst mach halt Sport, wenns dich wirklich stört. Das hilft, soweit ich weiss, auch gegen psychische Probleme^^

    Ansonsten finde ich den Text ziemlich gut geschrieben. Wurde ja auch schon paar mal gesagt (:

    11.11.2008, 23:33 von salomonskatze
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    trotz aller Diskussion. Danke. ich versteh DIch. ach mehr fällt mir grad garnicht ein. will nochmal lesen ;o)

    05.09.2008, 19:19 von Gluecks_Kind
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    ich glaub so geht es echt vielen frauen ( insbesondere mir) und glaub mir das ist dir von der gesellschaft so eingeprägt...

    20.08.2008, 22:36 von schaefchen2
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    mag den artikel,ich habe auch ein essproblem.ich möchte nicht störung sagen,weil ich durchaus esse,nur eben nicht viel und nichts kalorienhaltiges.und ich mache sport.nicht total viel aber gesund viel.
    ich finde fett einfach eklig.sorry.
    und das mit deiner mutter hat mich echt ergriffen,muss ziemlich heftig sein,wenn die mutter das hat.

    28.06.2008, 15:08 von JoannaStarlette
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    Guter Artikel, finde ich. Genauso geht es vielen anderen auch. Eigentlich ist es ja egal, wie man aussieht, solange es nicht gesundheitlich bedenklich ist oder man sich wirklich nicht wohl fühlt. Und damit meine ich nicht das Nicht-wohl-fühlen, das man von Germany's Next Topmodel oder Menschen mit fraglichen Vorstellungen und Idealen zur perfekten Figur vermittelt bekommt.

    17.05.2008, 16:43 von Epiphaneia
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    Du sprichst mir aus der Seele ...

    09.05.2008, 11:41 von freakyphaqui
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