HerzSplitter 06.05.2011, 02:02 Uhr 20 10

"Sie haben 26743580 neue Mitteilungen!"

Die Flatrate - Krankheit oder wie Handys unser Leben bestimmen

Seit geraumer Zeit hege ich einen unbehaglichen Verdacht.
Es begann damit, dass meine Gesprächspartner während einer Unterhaltung zunehmend aufhörten mich anzusehen, wenn ich mit ihnen sprach. Schnell fand ich heraus, dass diese seltsame Angewohnheit weder auf einen unästhetischen Ausschlag in meinem Gesicht zurückzuführen war, noch auf ein plötzlich aufgetretenes, übernatürliches Interesse an den umliegenden Geschehnissen. Ich musste schockiert feststellen, dass meine Gesprächspartner zweigleisig fuhren. Es gab da noch Jemanden. Und als wäre das nicht schon genug: ich konnte nicht einmal sicher sein, dass es nur EIN Jemand war. Es konnten auch zwei bis hundert verschiedene Personen sein, die die Aufmerksamkeit meines Gegenübers so derartig in ihren Bann zogen, dass der reale Dialog nur noch beiläufig und desinteressiert verfolgt wurde. Die Schuld daran tragen wir alle in uns, nein, korrekt gesagt: an uns. Möglicherweise liegt sie auch neben uns. Vielleicht befindet sie sich auch in unserer Tasche. Die Schuld trägt den Namen „Handy“, wahlweise auch „Smartphone“.

Wir, eine angeblich freiheitsliebende, selbstbestimmte und aufgeklärte Generation, die immer aus zahlreichen Möglichkeiten wählen muss und immer eine Wahl hat, sucht sich höchstens noch die neue Vorwahl der eigenen Handynummer aus. In den meisten Fällen ist dies die Vorwahl eines bekannten Flatrate-Anbieters.

Es ist durchaus lobenswert, dass die Kosten der Telekommunikation und des SMS-Schreibens immer geringer werden. Es ist auch unheimlich praktisch, immer und überall ins Internet gehen zu können. Jeder verläuft sich mal, jeder braucht schnell mal eine Bahnverbindung und jeder vertreibt sich gerne Wartezeiten mit Musik, Spielen, Videos und all den anderen unendlich erweiterbaren, kurzweiligen Medien.

Aber ist es auch lobenswert, dass wir Personen, mit denen wir echte, messbare Zeit verbringen, zu Gunsten von SMS-Chattereien oder auch Facebook vernachlässigen? Von welcher Dringlichkeit muss eine Kurznachricht sein, damit sie eine höhere Priorität hat als ein gemeinsamer Abend mit Freunden? Wie langweilig muss dieser sein, damit wir anfangen unsere fehlende Unterhaltung durch SMS- „Unterhaltungen“ zu ersetzen?

Mobiltelefone haben Einzug in alle Lebensbereiche- und situationen erhalten. Für viele sind sie von reinen Nutzgeräten zum Dreh- und Angelpunkt jeglichen sozialen Lebens mutiert und nicht umsonst hat sich der Begriff „Baseopfer“ fest im Wortschatz der meisten Jugendlichen etabliert.

Ich habe Paare erlebt, die vom vorzeitigen Ableben ihrer/ihres Liebsten überzeugt waren, weil sie nach fünf Minuten immer noch keine Antwortmitteilung auf eine selbstredend überlebenswichtige Frage erhalten hatten. Eben diese Paare hatten später auch mit einer gewissen Sprachlosigkeit zu kämpfen, denn alle erwähnenswerten Erlebnisse, Gefühle und Gedanken waren dem abwesenden Partner bereits genauestens dokumentiert worden.
Sicher verursacht die Aufforderung der Kinos „sein Mobiltelefon für die Zeit der Aufführung auszuschalten“ einigen tippfreudigen Zeitgenossen Herzrasen und Schweißausbrüche.

Natürlich ist ein Alltag ohne Handys heute kaum noch denkbar. Das Problem liegt auch weder in ihrer Existenz, noch in den Flatrates, die inflationäres Hin- und Hergetexte ja erst ermöglicht haben.
Es liegt in unserem Umgang mit diesem Medium. Wer während eines Gesprächs permanent unwichtige SMS versendet, könnte genauso gut mitten im Satz aufstehen und sich zu einer wildfremden, anderen Person gesellen. Er könnte auch ausgiebig gähnen, mit der schon lange überfälligen Entfernung von Dreck aus dem eigenen Bauchnabel beginnen und sich dann zu einem kurzen Nickerchen auf dem Boden einrollen.
All diese Tätigkeiten würden dasselbe signalisieren: Desinteresse und Langeweile.

Ständige Erreichbarkeit hält uns davon ab, sich auf die Dinge um uns, sei es ein Gespräch oder irgendeine andere Handlung, einzulassen. Niemand möchte gern nur das Hintergrundgeräusch eines legendären Mitteilungsaustauschs sein, denn die meisten Menschen wollen, dass das was sie sagen auch gehört wird. Und für den Moment wichtiger ist, als die Tippereien eines Abwesenden.
Egal welche Möglichkeiten der Kommunikation sich für die Menschheit noch auftun werden, vermutlich wird keine von ihnen die Qualität eines persönlich geführten Gesprächs übertreffen können.

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20 Antworten

Kommentare

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    Also, mein Geschmack ist es nicht.
    Die Thematik ist zwar eine gute Idee, aber für mich stellt sich das Geschriebene eher flach dar. Zwar wurde versucht, mit ein bisschen Witz und angespitzten Bemerkungen den Text aufzulockern, hat für mich aber leider nicht ganz funktioniert.
    Das etwaige Stolpern über Rechtschreibfehler oder vergessene Satzzeichen sei jetzt mal dahin gestellt.
    Für mich persönlich kein hochzulobender Text.
    Trotzdem immer weiter versuchen und vielleicht etwas mehr Zeit vorher investieren.

    12.05.2011, 13:09 von Salatschnecke
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    ...ich finde es schön, dass es noch Menschen gibt die tiefgründig nachdenken & empfinden können.

    09.05.2011, 12:33 von sabrina1980
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      @sabrina1980 Also ich finde den Text gut. Nicht waaaahaannsinniiig gut, aber gut. Und die Diskussion hier ist ja mal echt witzig... Ich denke mal HerzSplitters Leben ist eben gar nicht langweilig, weil sie auf solche Dinge achtet. Ich finde das persönlich auch unangenehm. Klar, manchmal muss man "dringend" eine SMS oder Mail beantworten, aber ständig das iPhone in den Händen zu halten und auf triviale, langweilige Messages wie "Hey schatz, was machst du? Bin um 18 Uhr bei dir." - "Suuupeer, freu mich auf dich. Was möchtest du zum Abendessen?" ... usw. So etwas macht man einfach nicht während man sich mit jemand unterhält oder trifft. Das Leben ist zu kurz, wirklich. Und schon in ein paar Jahren werden wir das so verdammt über zu spüren bekommen, wenn wir merken, wie viele Freundschaften wir nur noch virtuell führen und keine gemeinsamen Erlebnisse mehr haben. Schade... ich würde sagen: die neuen technischen Errungenschaften dann immer benutzen, wenn niemand anderes darunter "leidet" oder sich ignoriert fühlt. PEACE

      10.05.2011, 15:20 von missweiss
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    Der Text ist sooo wahr!

    Ich glaube die meisten regen sich hier so künstlich auf, weil sie selbst nicht besser sind.. Hauptsache ständig erreichbar und ständig zurückschreiben, egal, ob's vielleicht auch nur unnötoger Kram ist.
    Und das wird nicht besser.
    Wo ist das Persönliche geblieben? Wie kann ich deuten, wie mein Gesprächspartner mit seinem Gesichtsausdruck auf etwas reagiert, wenn er mich nicht ansieht, sondern wie wild geworden auf seinem Handy herumtickert?
    Für mich persönlich ist es einfach eine Frechheit.. Interesse heucheln und sich treffen und dann die ganze Zeit SMS schreiben oder bei Facebook nachsehen, wer gerade geatmet hat!

    09.05.2011, 09:35 von jule.th
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    Vielleicht bist du auch einfach langweilig.

    06.05.2011, 17:15 von denkanstosser
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    ich mag den text. sowohl die art, wie er geschrieben ist, als auch das thema. ist leider auch in meinem freundeskreis recht weit verbreitet. es lebe die prepaidkarte!



    06.05.2011, 13:18 von gem.einsam
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      @Neania Find ich gut...

      06.05.2011, 14:32 von sailor
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      @oceaneyes Das ist genau der Punkt. Diese ständige Generalisierungen gehen einem gewaltig auf den Zeiger.

      Dabei ist das alles nur ein mediales Perpetuum Mobile. In irgend einem Lifestyle-Gedöns-Druckwerk ist mal n Kommentar oder n Artikel mit dem im Text eingeschlagenen Tenor verbreitet worden, und jede Flachpfeife von Hobby-Blogger schreibt das ab

      06.05.2011, 13:29 von holo...
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    ich kann dieses "Wir" nicht mehr sehen. Bitte Bitte Bitte all ihr "Wir" Schreiber: LASST DAS!
    ich gehöre nicht zu euch - ich bin nicht wie ihr - und NEIN ihr könnt euch NICHT anmaßen auch für alle anderen mitzusprechen!

    ich mag es wenn leute sich über ein thema auskotzen - gerne auch über handys und ihre ursachen - aber dann bitte bleibt auch dabei es als eure sicht darzustellen und kommt nicht mit diesem beschissen, verfickten "wir" daher!

    wir haben fertig,
    deurich

    p.s. das gilt auch für "uns" - is klar, ne?

    06.05.2011, 12:32 von Der_Misanthrop
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      @Der_Misanthrop ich kann dieses "Wir" nicht mehr sehen. Bitte Bitte Bitte all ihr "Wir" Schreiber: LASST DAS!

      Endlich spricht es mal jemand aus.
      Wir können dasn nämlich echt nicht leiden!

      06.05.2011, 19:09 von m0ndiii
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    Ich finde zwar, dass du mit deiner Darstellung übertreibst

    z.B. hier: "Wir, eine angeblich freiheitsliebende, selbstbestimmte und aufgeklärte Generation, die immer aus zahlreichen Möglichkeiten wählen muss und immer eine Wahl hat, sucht sich höchstens noch die neue Vorwahl der eigenen Handynummer aus. In den meisten Fällen ist dies die Vorwahl eines bekannten Flatrate-Anbieters."

    Aber das Grundproblem kann ich gut nachvollziehen. Es gibt kaum etwas nervigeres, als ein Gesprächspartner, der permanent auf sein Handy starrt und irgendetwas tippt. Und trotz einem dahingemurmelten "Ja, red weiter, ich hör schon zu" hat man nach spätestens zwei Minuten überhaupt keine Lust mehr, weil man das Gefühl hat, dass man gegen eine Wand redet. Allerdings verhalten sich zumindest in meinem Freundeskreis die wenigsten so, so dass ich mich kaum über Handys etc beklagen kann/muss/will.

    06.05.2011, 11:41 von VNNR
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