Alternativen 17.07.2009, 12:22 Uhr 69 102

Sechs Begegnungen mit Menschen zwischen September und Dezember

An der Bushaltestelle sprach mich eine Frau an.

Fünfzig vielleicht. Elegant. Pastellfarben. Vielleicht zu dünn. Lavendelduft. Dauerwelle und Strähnchen. Goldringe. Ich sähe freundlich aus. Ich rauchte Selbstgedrehte und saß in der Sonne. Mir war kalt. Ich war genervt. Ich lächelte sie an. Ob ich ihr helfen könne.
Ob sie meinen Geburtstag erfahren dürfe. Weil ich freundlich aussähe. Und lächle. Ich nannte ihr Tag und Monat. Dreizehn. März. Sie kramte in der Handtasche. Weiß. Leder. Sie schrieb es sich auf. Kleines Notizbuch. Rosen und Ranken. Putten. Rosa, Braun und Gold. Und mein Name?
Ob sie Geburtstage und Namen von Menschen sammle, die sie freundlich finde. An Bushaltestellen. Sie verneinte. Sie sammle nicht, sondern versuche loszuwerden. Sie stand vor mir in der Sonne. Lächelte. Kein Werbekuli. Füllfederhalter. Schwarz mit Ornament. Zahnprothese. Flüssig-Make Up. Gebräunt.
Was sie denn versuche loszuwerden.
Liebe Gedanken. An liebe Menschen. An besonderen Tagen. Das klinge komisch, das wisse sie. Doch es helfe ihr, sich dem Elend in der Welt emotional nicht ausgeliefert zu fühlen. Wenn sie an bestimmten Tagen kurz liebe Gedanken für jemanden denke, den sie mal getroffen habe. Fremde. Liebe fehle. Sie spende natürlich auch, aber das sei noch darüber hinaus. Für die armen Menschen hier. Und lächelte noch immer. Und ganz ehrlich. Und ich konnte, konnte, konnte das Häkchen im Kopf bei verrückt einfach nicht setzen. Konnte es nicht. Ich war zuerst verblüfft, dann ergriffen. Und dann voll Mitleid. Abscheu. Mitleid. Mitleid. Frust. Mitleid. Und Selbsthass. Dann dafür.


Der Mann an der Ecke vor dem Geldschrank-Geschäft. Mit Bierflasche und in einem anderen Leben mal hellblauer, hier braunbefleckt verlebter Daunenjacke. Der einfach da steht und nichts ansieht. Er steht da, als ich zur Bäckerei gehe. Steht und bewegt sich nicht. Steht und starrt, ohne zu sehen. Er steht noch, als ich zurückkomme. Vier Brötchen. Zweimal Körner. Steht noch, als mir einfällt, dass ich zur Apotheke wollte. SSRIs. Er steht auf dem Hinweg zu Apotheke. Und er steht noch immer dort. Stehend und nichts sehend. Als ich zurückkomme. 20 Minuten, vielleicht weniger. Ich erwarte Angst oder Unbehagen. Stattdessen das Gefühl, ihm zurufen zu wollen: "Ich weiß was Du meinst! Ich weiß verdammt nochmal genau was Du meinst, Kumpel!?


Je mehr er von sich preisgegeben hatte, desto mehr hatte er die Führungsposition an diesem Abend abgegeben. Anfangs forsch, war er über die Stunden mit jedem Satz über sich. Jedem Eingeständnis, jeder Antwort. Jedem sensiblen Moment, von denen es manche gegeben hatte. Mehr und mehr weniger geworden.
Sie war es, die in Anwesenheit der Kellnerin das zweite Getränk bestellte und ihn um seine Bestellung bat. Ich nehme noch? Und was möchtest Du trinken? Sie durchquerte am Ende des Abends vor ihm das Restaurant zur Kasse. Sie sagte Zusammen. Er schwieg. Lächelte. Es schien nicht unangenehm, blieb unausgesprochen.
Als sie um Mitternacht auf die Straße traten, passte er sich, zu ihrer Linken, ihrem Schritt an. Er sprach. Sie hörte zu. Sie fragte nach. Nickte. Kommentierte. Sie sagte schließlich Es war ein schöner Abend. Er stimmte zu und wirkte befreit und zugleich schutzlos, als sie sich noch einmal umdrehte und ihn weggehen sah. Die Hände in den Hosentaschen.


In seinem Profil war unter 'Homepage' der Internetauftritt der Kopfverunstalterkette UNISEX angegeben. Das Leben, sagte sein Profil aus, solle Spaß machen und nie langweilig werden. Ich zählte 27 Portraitbilder von ihm in wechselnden Outfits und Farben. Er war auf der Suche nach einem Date. Für jetzt. Plötzlich kam eine Nachricht.
"Ich glaube wir sind uns ähnlich?, schrieb er. Ich schrieb zurück: "Kann sein. Wir sind beide von uns überzeugt. Aber nur weil der Walfisch und die Fledermaus Säugetiere sind. Heißt das weder, dass sie in der selben Welt leben. Noch, dass ein Walfisch fliegen kann.?
Er antwortete: "Das verstehe ich jetzt nicht??
Ich schrieb: "Und genau das meine ich.?


Kalter Wind wehte Regenschleier gegen seinen Hals. Einzelne Tropfen seilten sich vom Rand seiner Brille über die Wangen herab. Noch flatterten seine Haare und fingen den Regen im Flug auf. Hin, dachte er und wollte es schon flüstern. Weg. Hin. Hin oder weg. Hin und weg. Hin. Er schüttelte den Kopf im Gehen. Zerblinzelte die kleine Welle, die sich in den Augenwinkel geflüchtet hatte. Die Unterführung war in Sicht und erreicht, bevor das erste Rinnsal sich über den Rand seiner Augenbrauen stürzen konnte. Der Schriftzug auf einem regenverbeulten Plakat: Wir retten Eure Welt. Und er lachte. Ja, Scheiße nochmal! Das tut Ihr!


Die beiden jungen Männer in der S-Bahn, die so schön gelächelt haben wie ich lange niemanden habe lächeln sehen. Sie sahen bekannt aus. Doch ich erkannte sie nicht. Ich bewunderte sie mit einem Gefühl des Vertrauten und dachte dabei, dass nur wenige Menschen so lächeln können. Dass man meint darin etwas Vergangenes wieder zu erkennen. Und ich wäre gerne mit ihnen gegangen, etwa zwei Augenblicke lang. Dem vertrauten Lächeln hinterher wie dem Rattenfänger.
Sie lächelten mich an. Und ich lächelte nicht zurück. Konnte nicht. Aus Furcht, sie würden mich lächelnd nicht erkennen.

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69 Antworten

Kommentare

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    Talent die Dinge genaustens zu beobachten und dann uns, den Lesern, zu vermitteln. Kurzum: Schöner Text.

    15.05.2011, 18:41 von Horizontsblick
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    Perfekt! :) Sehr emotional und wunderschön :)

    07.03.2011, 18:56 von LoveYourself
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    Toll geschrieben :)

    11.02.2011, 21:13 von Glas.klar
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    Die Frau der ersten begegnung müsste man sich zum Vorbild machen...
    Sehr schöner Text!!

    24.08.2010, 13:36 von juuu
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    tu es! werd Schriftsteller, ich kauf jedes Buch!

    18.06.2010, 09:29 von MissLynn
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    wahnsinnig gut!!
    nicht jeder ist so aufmerksam und sieht hinter die Fassaden.

    14.05.2010, 18:17 von SonnenTaenzer
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    Die erste find ich echt krass...fand ich iwie bewegend und bei der vierten hab ich kurz lächeln müssen !

    17.03.2010, 21:13 von ApuNahas
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    Die erste find ich echt krass...fand ich iwie bewegend und bei der vierten hab ich kurz lächeln müssen !

    17.03.2010, 21:13 von ApuNahas
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    Schön.

    05.01.2010, 18:09 von Seidenschalhans
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    weltklasse.
    vier und sechs haben mir am besten gefallen, obgleich eins und drei auch viel potential besitzen. zwei und fünf sind in ordnung, mir aber nicht speziell genug.

    anyway, sowas kann sowieso nur ein fisch schreiben glaube ich .)

    empfohlen.
    LG

    26.10.2009, 23:06 von Seraph-
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