rainon 30.11.-0001, 00:00 Uhr 45 54

Schwule Juden und schwule Moslems

Was uns verbindet und was uns trennt. Ein Erfahrungsbericht über zwei versch. Religionen und über zwei Menschen, die sich sehr hätten mögen können...

Da steh ich nun, hochkonzentriert und völlig der Arbeit ergeben. Nur ab und zu huscht mein Blick über die Verkaufsfläche, da es mir die Arbeit an einer H&M Kasse nicht ermöglicht, mich auf etwas anderes zu konzentrieren als auf das Kassieren selbst.
Und in einem dieser schnellen Augenblicke schaut er mich an. Direkt in die Augen und so wissend, dass ich mich frage, ob ich das Wort schwul dick und fett auf meiner Stirn tätowiert habe. Den Rest kann man sich denken, wir tauschen Blicke, ich vertippe mich einmal, zweimal aber das macht nichts. Die Kundinnen bei H&M lassen sich relativ schnell besänftigen, wenn man ihnen nur einen Moment der Schmeichelei gönnt und ein oder zweimal zuzwinkert.
Dann ist es acht Uhr, ich habe die ominöse Person schon vor Stunden aus den Augen verloren und rechne die Kasse ab. Nach getaner Arbeit bleibt mir nur noch übrig, die Portale ins kapitalistische Eden zu verschließen und mich auf den Heimweg zu machen... doch siehe da? Wer steht da an der Tür und schaut mich mit einem entwaffnenden Lächeln an? Der "Ich-schau-dir-in-die-Augen-Mann" und ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Er macht den Mund auf und möchte mir durch das Glas der Türen etwas zurufen, aber ich verstehe nichts und winke ihm, er solle einen Moment warten. Ich schließe ab und laufe die Treppen hoch um mich zu verabschieden und aus dem Hinterausgang in die Freiheit zu entschlüpfen. Mein Herz klopft, und irgendwie fühle ich mich verdammt geschmeichelt. Das passiert ja nicht alle Tage, dass man von einem gut aussehenden Mann angesprochen wird.
Eigentlich viel zu selten!
Dann steh ich ihm gegenüber und lächele zurück und er schaut mich an. Aber nur einen Moment, denn jetzt, da ich vor ihm stehe ohne die Glastür zwischen uns, ist er doch ein wenig schüchtern. Ich muss schmunzeln und irgendwie streift mich die Frage, ob er überhaupt mit mir hatte reden wollen. Vielleicht meinte er ja die Kollegin die vorhin hinter mir stand. Jetzt schau ich zu Boden und vernehme eine tiefe Stimme, die mir ein nettes "Hello, my name is ******" zuhaucht.
Ich gebe ihm die Hand und bin ganz aufgeregt, weshalb auch immer. Ich sage ihm meinen Namen und er versucht mir in etwas gebrochenem Englisch zu erklären, dass es ihm leid tue mich dermaßen zu übertölpeln, aber er habe sich gefragt, ob er wohl meine Nummer haben könne und ob wir uns nicht mal verabreden könnten.
AHA! Die Zügel sind also in meiner Hand!
Also bejahe ich dies, gebe ihm meine top-geheime Handynummer, nenne ihm meinen Namen und versichere ihm, dass es mich höchst erfreut, ihn kennen lernen zu dürfen. Er steht ein wenig verdutzt da und ich muss lachen. Wir verabreden uns für denselben Abend auf einen gemeinsamen Spaziergang und ich verabschiede mich mit wahrscheinlich hochroten Kopf.
Bis dahin ist alles in Ordnung und das Ganze hört sich an wie eine schwule „Pretty Woman“ Story, wäre bei dem allen nicht ein kleiner Hacken.
Er ist Jude, nur weiß ich das natürlich nicht.
Wir treffen uns!
Wir gehen spazieren!
Wir reden angeregt, angetan vom Gegenüber!
Dann kommt meine hirnverbrannte Frage: “Where are you from and what are you doing here in Germany?“
Er antwortet mir, dass er hier zeitweise bei einer großen Firma arbeite und ursprünglich aus Israel komme.
„You’re jewish?“ frage ich.
Er bejaht dies und schaut mich an. Ich versuche irgendwie meine Fassung zurück zu gewinnen und frage mich, was mich denn so an dieser Tatsache schockiert.
Nichts!!!
Nur weil er Jude ist und ich ein Moslem heißt das nicht, dass wir den nahen Osten im Kleinen nachspielen müssen. Immerhin sind wir beide schwul, haben Interesse aneinander und das verbindet, denke ich.
Ich frage ihn, wie ihm denn Deutschland gefalle und er antwortet mir, dass er es ganz OK finde. Was ihm am besten gefalle frage ich und er antwortet: „Die H&M Verkäufer“ und ich muss wieder schmunzeln, auch wenn ich mir vorkomme wie ein schüchternes kleines Mädchen.
Ob er sich vorstellen könne, für immer hier zu bleiben?
Nein, nie und nimmer!
Wieso? Wenn es ihm so gut gefällt!
Wieso? Ja weißt du denn nicht, was die Deutschen meinen Vorfahren angetan haben?
Natürlich weiß ich das, aber dazu kann ja ich und jeder in meinem Alter nix.
Ja, aber mit diesem Wissen lässt es sich nicht hier für mich leben!
Na, das ist Pech für dich, denn ich lebe gerne hier und Deutschland ist das schönste Land, das ich kenne und das Einzige in dem ich leben möchte!
Er schaut mich an, verwirrt und ein wenig wütend und ich starre zurück.
Er nickt und wir sprechen weiter über weniger politische Themen. Es ist ein wundervoller Abend, bis es zu regnen anfängt und wir zu seinem Auto laufen.
Eigentlich möchte ich mich verabschieden, aber er fragt mich, ob ich nicht mit zu ihm kommen wolle und nach einigem Zögern bejahe ich das. Jetzt komme ich mir nicht vor wie ein kleines Mädchen, sondern wie einer, der sich besonders billig anpreist. Egal, er sieht scheißgut aus und außerdem ist er der interessanteste Mann, den ich seit laaaaaangem kennen lernen durfte.
Wir sind in seiner Wohnung und er fordert mich auf, Platz zu nehmen. Seltsam türkisch sieht es hier aus, mit Teppichen an den Wänden und altbackenen Möbeln. Fast wie bei meiner Oma und er setzt sich zu mir.
Bietet mir Wein an, den ich abschlage, weil ich doch Moslem bin und keinen Alkohol trinken dürfe. Er schaut schon wieder verwundert und ich frage mich, ob es an mir liegt, dass ich die Leute immer zum Staunen bringe und ob das Gut oder eher weniger Gut ist. Er sagt mir, dass er noch keinen Moslem gesehen hat, der keinen Alkohol trinkt.
Ich sage Herzlichen Glückwunsch, dann bin ich der Erste.
Er schenkt mir Wasser ein, trinkt selbst Wein.
Wir reden.
Zuerst über den Film, den wir schauen wollen, dann über unsere Religionen. Was uns verbindet, was ihn und mich an unseren Glauben bindet. Ich frage ihn aus, wie das mit Schwulen in Israel sei und er sagt mir, dass es das gäbe aber dass seine Familie ihn töten würde, wenn sie es wüssten.
Ich stimme ihm zu und sage, dass es bei mir genauso wäre. Niemand dürfe das bei mir erfahren und bei ihm auch nicht und irgendwie sind wir froh, dass wir jemanden gefunden haben, der unser eigen Schicksal teilt. Wir reden bis tief in die Nacht hinein und erzählen uns von unseren Schicksalen und beide sind wir erstaunt, wie sehr sich unsere Geschichten ähneln. Irgendwann liege ich in seinen Armen und er erzählt weiter, von Israel, von seiner Familie, von seinen Freunden, von seiner ersten großen Liebe bei der Armee und ich wundere mich, wie sehr sich unsere Kulturen doch ähneln.
Ich staune und dieser Mensch aus Israel, der für mich bisher nur ein Bild aus den Medien war, dessen Religion und politische Einstellungen für mich fremd und nicht nachvollziehbarer waren nimmt immer mehr Züge an von jemandem, den ich verstehen und den ich gern haben kann.
Er ist Jude, aber kein Jude wie er bisher in meinem Kopf rumspuckte, sondern einfühlsam und zuvorkommend, charmant und absolut liebenswürdig.
Aber er ist auch konservativ und orthodox und ebenso im Klitsch mit seiner Sexualität wie ich. Noch ein Punkt, der uns verbindet. Wir beide glauben, dass unser Gott uns hassen muss, für das, was wir sind, weil uns das von Kindesbeinen an eingebläut wurde. Bei den Juden, sowie bei den Moslems!
Er nennt mich „my little Moslem“ und gibt mir einen Kuss und ich erwidere ihn.
So kommt es zu dem, zu dem es kommen muss und irgendwann liegen wir nebeneinander im Bett, aneinandergekuschelt, ein Jude und ein Moslem, beide schwul, beide Ausgestoßene, beide beschnitten und beide mit denselben Erfahrungen, denselben Geschichten.
Wir sind uns so ähnlich und doch so fremd. Weil er uns hasst und weil er mich hasst. Ich bin sein little Moslem, ein kleiner Fratz, etwas anderes, etwas, mit dem er schlafen, das er aber nicht tolerieren kann.
Ich frage ihn, ob ihm das nichts ausmacht mit einem Moslem zu schlafen und er verneint dies. Er sagt, ich sei nett und er möge mich und ich erwidere seine Worte mit dem schlimmen Geschmack des schlechten Gewissens auf meiner Zunge, weil ich weiß, dass das mit uns nur ein kurzer Ausflug in eine meiner so ähnliche Welt ist.
Ich frage ihn, warum es keinen Frieden geben könne, zwischen den Moslems und den Juden und dass wir uns doch auch nicht hassen, ja dass wir uns näher waren als man sonst irgend sein kann und uns trotzdem nicht hassen.
Er sagt, dass dies was anderes sei. Dass ich nicht so reden dürfe, weil ich keine Ahnung hätte, was da unten abginge. Ich sage ihm, dass ich nicht wissen müsse, was da abgeht, weil da grundlos Menschen sterben und das sei schon Wissen genug.
Er sagt, dass ich das nicht nachvollziehen könne, dass ich hier in einem sicheren Land aufgewachsen sei, in dem ich mir keine Sorgen machen müsse ob meine Mutter oder Schwester im nächsten Bus in die Luft fliegt oder nicht. Dass diese verrückten Palästinenser jeden töten würden, ob Frau oder Kind, das sei denen egal.
Ich schüttele den Kopf und er fragt mich, weshalb ich das mache.
Ich antworte, dass mir ein Palästinenser wahrscheinlich genau das Gleiche erzählen würde und er lacht.
Das sei nicht zu vergleichen, dieses Land gehöre ihnen und sie würden sich nicht vertreiben lassen.
Wie er denn über Frieden mit den Moslems denken würde, frage ich und er lacht und sagt Mit den Moslems? Das ist nicht möglich…
Ich sage, dass er nicht vergessen solle, dass ich auch Moslem sei und er meint, dass das etwas anderes sei.
Warum ist das was anderes?
Weil ich anders sei und ich sage ihm, dass ich nicht anders wäre, wenn meine Familie getötet werden würde.
Er dreht sich zu mir und schaut mir in die Augen und ich verfluche mein Temperament, weil ich weiß, dass soeben etwas zerbrochen ist.
Das ist was anderes, wiederholt er und legt seine Hand auf mein Gesicht. Ich küsse sie und schließe die Augen.
Als er eingeschlafen ist oder so tut als ob, stehe ich auf, ziehe mich an und schleiche aus der Wohnung.
Ich frage mich, wie es sein kann, dass ich einen Menschen kennen lerne, der mir so ähnlich ist, dass ich schon fast das Gefühl habe mich selbst befriedigt statt mit jemandem geschlafen zu haben. Ich frage mich, wie das mit uns weitergehen und ob es überhaupt weitergehen würde. Ich habe zum ersten Mal einen Israeli kennen gelernt, einen orthodoxen schwulen Juden und er hat mich fasziniert. Aber ein Zusammensein ist nicht möglich, denn so ähnlich er mir ist, so sehr unterscheiden wir uns voneinander.

Ist es das wert?


Tags: Schwul & Lesbisch
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45 Antworten

Kommentare

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  • 0

    einfach nur pervers !!!!

    25.03.2013, 21:59 von Adem79
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  • 0

    Wirklich guter Text, die Geschichte wirkt authentisch und berührt, kann mich den Vorpostern nur anschließen, Kurzfilm ! : )

    21.01.2012, 14:40 von Maldamalnich
    • 0

      Mir kommen gleich die tränen



      15.05.2014, 23:06 von Adem79
    • 0

      Behalte deinen Sarkasmus, ich brauch den nicht.

      19.05.2014, 21:17 von Maldamalnich
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    "Nur weil er Jude ist und ich ein Moslem heißt das nicht, dass wir den nahen Osten im Kleinen nachspielen müssen."

    der satz ist echt großartig!
    die geschichte hat mir sehr gut gefallen, aber ich habe nicht verstanden (im sinne von: was soll denn da noch schief gehen?), wieso ein zusammensein nicht möglich sein soll.... gelbe untertitel und wir haben einen arte-kurzfilm im themenabend :)

    27.03.2009, 12:58 von dummesmaedchen
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  • 0

    ein ganz besonderer text - sehr interessant!

    21.05.2008, 17:55 von Verlchen
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  • 0

    Wow.
    Ich hab den Text zum ersten Mal vor ca. einem halben Jahr irgendwo gelesen- und war sofort fasziniert.
    & jetzt bin ich durch Zufall wieder hier gelandet, huh.
    Icke bin sprachlos.
    Der Text ist unglaublich (schön, hinreißend).
    & Ich sag mal, wertvoll, in vielen Hinsichten.
    Hmm, mit der Verfilmung hat es wohl nicht geklappt ?
    xxxxxxxxxxxx

    20.04.2008, 16:45 von traumlos
    • 0

      @traumlos hm... nee!
      da ich überhaupt nicht weiß, wie ich das anpacken soll, konnte ich da nichts in die wege leiten... ganz abgesehen, dass ich mittlerweile vllig in mein studium involviert bin! :-)

      und ich hoffe, du bist nicht wirklich traumlos??? :-)

      19.05.2008, 13:51 von rainon
    • 0

      @rainon das Wort kann man auch drehen. (:

      Apropo, ist es auch dein Studium das es dir nicht erlaubt noch Artikel zu schreiben ?
      Ich würde unheimlich gerne mal wieder was (neues) von dir lesen !
      Ansonsten schönen Tag noch .
      [:

      04.07.2008, 18:58 von traumlos
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  • 0

    kann mich nur den Anderen anschließen: super guter Text, sowohl vom Thema als auch von der Schreibweise.
    Und wenns mit der Verfilmung klappt musst du das natürlich hier schreiben :)

    30.09.2007, 07:41 von on.the.road.again
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  • 0

    lebe meui,
    hab mich doch jetzt tatsächlich mit der wiesbadener medienzentrum kurzgeschlossen. mal schauen... vielleicht kann man diesen teil meines lebens (wie krassssss!!!) bald auch visuell miterleben!
    ich hure! :-)

    01.06.2007, 13:08 von rainon
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  • 0

    sehr fesselnd geschrieben und sehr schön den konflikt dargestellt.....trotzder nähe doch diese kluft...danke für den schönen text..

    31.05.2007, 18:57 von esra_pa
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  • 0

    wow. eine triviale begegnung , eine geschichte von toleranz und religion... DEN Kurzfilm sichere ich die besten preisabräum-chancen zu.

    mei

    30.05.2007, 13:03 von meui
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