T-A 23.02.2010, 13:57 Uhr 116 123

Schreib mal über Sex!

Leider bin ich viel zu fett dafür.

Ding Dong, da war sie. Die Nachricht, auf die ich immer gehofft - die ich aber nie erwartet hatte. Ein Verlag will sich - ganz unverbindlich natürlich - mit mir treffen, um über ein Buchprojekt zu sprechen. Speziell ginge es um erotische Literatur für junge Frauen. Yeah! Übers Ficken schreiben. Was man da wohl alles von der Steuer absetzen kann? Ich hätte Luftsprünge machen können. Hätte. Leider war und bin ich so fett, dass ich lieber nicht mehr hüpfe. Zumindest nicht in einer Wohnung im vierten Stock. Ich habe die Füße eines Elefanten und das Kreuz einer 90-jährigen. Ich bin schwanger...

Ich habe nie mit dem Vater meines Kindes geschlafen. Wir haben auch nie Liebe gemacht oder so einen Schischi. Wir haben gevögelt und gefickt und es überall und nirgends getrieben. Wenn wir dabei Kerzen anzündeten, dann nicht wegen der Atmosphäre, sondern um heißen Wachs zwischen meinen Brüsten entlang laufen zu lassen. Wir haben nie Atmosphäre zum Vögeln gebraucht - nur uns. Und hier und da vielleicht ein wenig Spielzeug. Wer Atmosphäre und Kerzen für Knickknack braucht, hat entweder das sechzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet oder den falschen Mann. So war das. Jetzt ist alles ganz anderes.

Der Vater meines Kindes gehört gottlob nicht zu den Weicheiern, die behaupten, sie können ihren Penis nicht in eine schwangere Frau stecken, weil das Kind ja nicht als erstes ihren Dödel sehen solle. Was für eine gequirlte Scheiße. Mein Kind ist seit sieben Monaten wortwörtlich hautnah dabei, wenn ich auf dem Klo sitze und hört jeden Furz in Dolby Digital. Und das sind seit Beginn der Schwangerschaft nicht wenige gewesen. Bei der Nato flüstert man sich von Zeit zu Zeit zu: "Gott sei dank, sie steht auf unserer Seite. Was wenn...?" Aber so weit will man noch nicht mal bei der Nato denken und mein Freund denkt wie gesagt eben auch nicht darüber nach, dass der Anblick seines Penis seine Tochter schwer traumatisieren könnte. Und trotzdem sind wir Weicheier geworden und betreiben eine Form von Geschlechtsverkehr, die man getrost für einen fsk-freien Calvin-Klein-Werbesport benutzen könnte. Könnte. Denn auch dafür bin ich zu fett oder zu "weiblich", wie mein Freund euphemistisch behauptet.

Man darf das jetzt auch nicht falsch verstehen. Ich bin nicht komplett unsexy geworden. Na gut, meine Oberschenkel sind zum Fasching als Wackelpudding gegangen. Aber meine Brüste... oh ho ho meine Brüste. Ich brauche morgens einen Gabelstapler, um die dicken Dinger in einen BH zu heben, während der Mann neben mir merkwürdige Grunzlaute von sich gibt. Dass ich allerdings in letzter Zeit häufiger über Nippelclips nachdenke, hat wenig mit dem Versuch zu tun, neuen Pep in das Sexleben mit dem Grunzebär zu bringen. Sie sind lediglich meine letzte Hoffnung gegen das ständige Jucken auf meinen Gipfelkrönchen. Aber es gibt wohl keine Rettung. Und so kratze ich mir wie der Klischeebauarbeiter in aller Öffentlichkeit meine sekundären Geschlechtsmerkmale - wenigstens nur die sekundären. Mit den primären habe ich kaum noch Kontakt. Es ist hart, aber es lässt sich auch nicht mehr leugnen: Ich sehe meine Mumu nicht mehr. Überflüssig zu berichten, wie mein letzter Versuch einer Intimrasur ausging. Und überflüssig zu erwähnen, dass "Mumu" erst kürzlich Mitglied in meinem Wortschatz wurde - ebenso wie Pipi, Pupu und Muschebubu.

Sex beginnt im Kopf. Dieser Entstehungsprozess wird allerdings empfindlich gestört, wenn sich Wörter wie Dammmassage, Dammschnitt und "Anleitung zur Abhärtung der Brustwarzen für den Stillvorgang" darunter mischen. Laut der Fachbücher, aus denen eben diese Worte stammen, müsste ich längst ein nymphomanisches Fickschwein sein. Bin ich aber nicht. Die Bücher lügen. Sie behaupten auch, eine Schwangerschaft bestünde aus drei Trimestern: Dem Kotze-Trimester, dem Wohlfühl-Trimester und dem Wal-Trimester. Alles gelogen. Ich bin von der Kotze-Phase nahtlos zur Wal-Phase übergegangen. Jetzt habe ich einen Bauchumfang von 110 cm und suche jeden Abend mindestens eine Dreiviertel Stunde nach einer geeigneten Position zum Einschlafen. Und die gebe ich ganz sicher nicht für ein bisschen FickiFicki wieder auf. Mal ganz ehrlich: Hand hoch, wer noch Bock auf Sex hat, wenn sich in ihm gerade ein Schwein zwischen zwei Toastbrot schreiben verdaut! So ungefähr fühlt es sich nämlich an, schwanger zu sein - nur dass man trotzdem immer Hunger hat.

Und überhaupt: Wer, bitteschön, hat nach diesem Text noch Lust auf Sex? Machen wir uns also nichts vor und schauen der dicken Wahrheit ins Gesicht: Meine Schriftstellerkarriere ist vorbei, bevor sie angefangen hat, ich werde nie wieder guten Sex haben, und am Ende bin ich so wie ich nie sein wollte. Komisch, dass ich trotzdem so glücklich wie nie zuvor bin.

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116 Antworten

Kommentare

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    tränen gelacht ♥

    07.01.2013, 16:47 von LoveLight
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    Sehr nice.

    07.01.2013, 16:38 von seek4happiness
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    Hey...Willkommen im Club :0)
    Gut beschrieben..das kann keine reine Phantasie sein..(?)

    08.12.2012, 08:50 von Igel75
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    Das ist so albern! Ich mag albern! Buch, bitte.

    08.12.2012, 04:38 von Gerardi
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    klasse! bei der NATO musste ich fett grinsen.

    01.10.2012, 14:07 von HerrJemine
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    Endlich mal ein gut geschriebener Fick/Titten/Muschi/Penis usw.- Text.
    Aber ich hoffe, es bleibt bei einem Buch und du "überstrapazierst" das Ganze hier nicht auf NEON. ;-)
    Das passiert hier schon häufig genug.

    13.09.2012, 00:16 von mirror87
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    jetzt hab ich keine Angst mehr vorm Papa werden :-)
    Absolut spitzenklasse geschrieben. Herrlich erfrischend!
    Bitte mehr davon. :-D

    12.09.2012, 21:57 von Jensation82
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    hihi, hach ja, das leidliche phaenomen des reproduktionsbedingten aufquellens.... ich hab nie verstanden, was die leute so schoen an schwangeren finden... ich meine, dieser fantastische hohlkreuz-enten-watschel-gang in kombination mit dieser unheimlich erotischen umstandswaesche kanns wohl kaum sein... ;o)


    26.11.2011, 18:15 von Insomnia291986
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