iananderson 22.09.2006, 13:54 Uhr 37 43

"Schatz, sie spielen unser Lied"

„Break On Through“, „Love Me Tender“,“You’ve Got To Hide Your Love Away”, “Wish You Were Here”,

„Tür an Tür mit Alice“, "Hoch auf dem gelben Wagen" und "Ein Freund ein guter Freund". Setzen Sie irgendeinen beliebigen Titel ein, der Ihnen gerade einfällt, den sie lieben, der unvergesslich scheint und der es wahrscheinlich auch bleiben wird. Denn die Musik hat ihre eigene unerklärliche Magie. Sie bringt Gefühle und Momente mit sich, welche die Menschen einfach nicht vergessen können.

Während meiner Schulzeit habe ich in einem Altersheim gearbeitet, um ein wenig Geld zu verdienen. Denn davon braucht man ja bekanntlich in dieser Zeit eine ganze Menge. Es war oftmals sehr traurig, die Menschen und ihre Geschichten in diesem Heim kennen zu lernen. Manche waren glücklich, hatten Mann oder Frau verloren und suchten jetzt nach Gesellschaft, die sie im eigenen Haus nicht mehr finden konnten, denn dort fehlte etwas. Andere waren traurig, fühlten sich abgeschoben und ertrugen die Tage nur mit bitterer Mine.
Im Laufe der Zeit lernte ich die unterschiedlichsten Menschen kennen. Manche waren körperlich behindert, fuhren unter großen Anstrengungen mit einem Gehwagen durch die Flure. Andere wiederum waren völlig gesund, gingen spazieren und genossen im Innenhof die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Mit manchen spielte ich Karten, unterhielt mich über Vergangenes, über ihre Jugend und das allgemeine „Damals“.

Ich erfuhr wie Bomben während des zweiten Weltkriegs selbst die kleinsten Dörfer in der Gegend zerstört hatten, von Angst und von jahrelanger Gefangenschaft. Man gab mir Kochtipps oder zeigte mir, wie man beim Halma am Besten gewinnt, ohne zu schummeln versteht sich. In diesen vier Jahren habe ich eine ganze Menge unterschiedlichster Menschen kenn gelernt, die alle auf ihre ganz eigene Art und Weise etwas Besonderes waren. Viele habe ich bedrückt kommen und gehen sehen. Doch ein Mensch ist mir aus dieser Zeit immer im Gedächtnis geblieben.

Ihr Name war Frau Jakobs *. Schon als ich begann im Altersheim zu arbeiten litt sie an Alzheimer. Wenn es draußen schön war, nahm ich ihren Rollstuhl, spazierte mit ihr eine Runde durch den Innenhof, setzte mich auf eine Bank und hörte ihr ein wenig zu. Sie erzählte und lachte sehr viel. Manchmal sah man ihr an, wie sehr es sie anstrengte, sich an etwas zu erinnern, auch wenn es gerade einmal fünf Minuten her war. Sie wusste noch den Namen ihres Heimatortes und auch, wie man dort hinkommen konnte. Sie kannte die Gesichter und Namen ihrer Kinder und Enkel. Andere Menschen die sie besuchten, erkannte sie wiederum gar nicht und blieb regungslos, wenn diese sie herzlich umarmten. Ich fand es sehr interessant zu erfahren, was sie noch alles wusste, aus vergangenen Tagen. Andererseits war es traurig mit anzusehen, wie sie versuchte sich an Dinge zu erinnern, die ihr wichtig schienen, die aber aus ihrem Gedächtnis gelöscht worden waren.

Als ich an einem Sonntagmorgen das Altenheim betrat kam mir schon einer der Pfleger zusammen mit Frau Jakobs entgegen und sagte“ Los! Wir singen ein bisschen mit Frau Jakobs“. Die Cafeteria war um diese Zeit noch völlig menschenleer, sodass wir niemanden stören konnten. Daniel * setzte sich an das Klavier, das neben einem riesigen Aquarium in der Ecke des Raumes stand, während ich mich zusammen mit Frau Jakobs und ihrem Rollstuhl an einen Tisch direkt neben dem Klavier setzte.
Daniel begann zu spielen, alte Leider, die hier an der Mosel jeder kennt. Wir begannen zu singen und nach kurzer Zeit begann auch Frau Jakobs zögerlich, jedoch immer selbstsicherer werdend, die Texte und Melodien wieder zu erkennen, bis sie irgendwann lauthals mitsang. „Oh Mosella! Trinkst du den Wein allein...“ Sie kannte die Texte und Melodien fast aller Lieder die Daniel und ich anstimmten und in ihren Augen machte sich ein Glänzen breit, das ich so schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte. Es war einfach unbeschreiblich, wie sehr die Musik auf diese wirklich schwer kranke Frau wirkte und wie sie in der Lage war, Erinnerungen wieder hervor zu kramen.

In Witten lehrt David Aldridge Musiktherapie. „My Top Ten“ ist ein von ihm ins Leben gerufenes Forschungsprojekt, welches Erinnerungen von Menschen über 60 untersucht und mit welchem man herausfinden will, welche Rolle die Musik dabei spielt.
Musik beeinflusst unsere Erinnerung, denn wir verbinden bestimmte Melodien, Lieder und Interpreten mit konkreten Gefühlen, Ereignissen oder beidem. Sie erinnert uns an eine schöne Zeit mit der Liebe unseres Lebens. Oder aber einen einen lustigen Abend, verbracht und genossen mit den besten Freunden. Jeder verbindet mit einem bestimmten Lied oder einem bestimmten Album seine eigene große oder kleine Erinnerung. Vielleicht ist es das, was die Musik als Teil unseres Lebens so unvergesslich macht.

Die Musik ist vielleicht in der Lage uns eines Tages Erinnerungen an eine Zeit zu schenken, die wir eigentlich schon lange vergessen hatten. Vielleicht sitzen auch wir eines Tage da, ein Lied singend, welches wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehört haben und sind für diesen einen Moment glücklich mit uns und unseren Erinnerungen. Und wer weiß, vielleicht schafft es die Musik uns eines Tages, wenn es uns vielleicht nicht so gut geht, ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.




* Name geändert."Wichtige Links zu diesem Text"
Interview mit David Aldridge

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37 Antworten

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    Ein bestimmter Song wird jeden sein Leben lang begleiten.

    29.03.2009, 14:21 von Koeniglich
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    sehr schöner text!

    solche erlebnisse hatte ich auch im altenheim. auch wenn sich bewohner an kaum was erinnern können, aber an alte lieder können sie sich erinnern.

    ich kann mich aber auch an eine frau erinnern, die hatte auch alzheimer und erkannte ihre familie nicht mehr, aber nach dem mittagessen kam sie immer und wollte den tisch abwischen, weil das hat sie ja früher in ihrem gasthof auch gemacht.

    17.01.2008, 17:31 von fetzmaus
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    wow guter artikel. genau so etwas habe ich vor später einmal zu machne. musiktherapie. sehr interessant

    27.06.2007, 21:11 von f.g.schwarz
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    Der Text ist klasse! Ich besitze diverse Alben die ich mich schon seit ein paar Jahre nicht mehr traue zu hören.. aus Angst, dass mich die Lieder in die damalige Stimmung zurückversetzen.
    Meine Oma hatte Alzheimer, sie kannte die alten Lieder auch noch zu gut.. leider vergaß sie kurze Zeit später wer ich bin.

    10.02.2007, 12:20 von Nordschnute
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  • 1

    Das kenn ich nur zu gut,
    ich höre ein lied und muß ganz plötzlich schmunzeln.
    Schön ist das!

    02.02.2007, 12:54 von babyloewe
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    ..ich denke das kann vielen Leuten helfen, denn schöne Erinnerungen sind wichtig.

    25.01.2007, 18:48 von anytime
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  • 1

    Wenn es Musik nicht schafft uns zu berrühren, was dann?

    22.01.2007, 09:09 von Trineline
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    Musik prägt mich und mein Leben seit Jahren und ich könnte mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen.
    Wie Du schon geschrieben hast, hört man plötzlich eine Melodie und eine Stimme und wird um Jahre zurück versetzt, oder spürt tiefe Gefühle wieder, riecht vielleicht einen bestimmten Duft, oder sieht fast vergessene Bilder....Einfach schön.
    Musik hilft in den verschiedensten Lebenslagen.

    11.01.2007, 04:05 von Anoriel
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    PS: besonders schön, wenn so alte, hilfsbedürftige, nette Menschen genau dieselben Reaktionen zeigen und sich erinnern - woran auch immer.
    Man dürfte ihre Geschichten nicht sterben lassen. Auch so ein Phänomen =/ ...

    26.12.2006, 23:53 von matjez
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