Morgenrot 19.05.2008, 21:54 Uhr 57 75

Schatten

Und dann bist du einfach nicht mehr da.

Dann steht er plötzlich neben dir, dieser unwirkliche große schwarze Schatten. Hat sich heimlich herangeschlichen und passt so gar nicht in dein Leben, aber auch nicht in das meine. In keines von unseren Leben, weil wir doch alle noch soviel vorhaben.

Wir wollen die Welt erobern. Wir wollen die Freiheit spüren, wenn sie uns durch die Haare zaust, wir wollen gemeinsam am Strand den Sonnenuntergang anschauen, bis in die Nacht mit dem Rauschen des Meeres im Ohr philosophische Gespräche führen und uns dabei erwachsen fühlen. Wir wollen unseren Gedanken nachhängen, wenn wir unsere Schuhe für die nächste Party putzen. Wir wollen nachts durch Amsterdam, London, Paris oder Hamburg laufen. Barfuß im Sommer und gemeinsam spüren, was die Stadt uns träge im Morgengrauen ins Ohr flüstert. Wir wollen uns die Füße auf Parties in goldenen Wohnungen wund tanzen, bis die Vögel morgens anfangen zu zwitschern und die Sonne aufgeht. Wir wollen Kronkorken weitschnippsen gewinnen und Nachts in Freibäder einbrechen, ohne erwischt zu werden. Wir wollen auf Festivals tage- und nächtelang unsere Lieblingslieder mitsingen und im Matsch mit unseren Gummistiefeln stecken bleiben.

Wir wollen daran glauben, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren werden, und wir überkreuzen die Finger, wenn wir einander versprechen, dass sich nichts ändern wird zwischen uns. Wir betrinken uns alle Gemeinsam mit dem billigsten Rotwein und nehmen uns fest vor, jeder für sich und doch irgendwie alle gemeinsam, die Welt und alles was dazu gehört zu ändern. Uns werden Herzen gebrochen, und wir beißen trotzdem die Zähne zusammen und versuchen, unseren Schmerz zu verstecken. Wir ertragen viel und geben einander umso mehr.

Wir sind glücklich, bis dieser Schatten an unserer Seite auftaucht und alles verdunkelt. Wir sind nicht vorbereitet auf diese Situation, weil wir so sehr an die Gerechtigkeit glauben. Wir glauben an unsere Unverwundbarkeit, an unseren jugendlichen Übermut, an das Leben.Unsere Naivität ist zu groß, als das wir an die Realität dieses Schattens denken wollten. Wenn er dann aber still und leise an unserer Seite auftaucht, zerbricht etwas in uns, und alles verändert sich. Es ist, als wenn wir plötzlich mit einem Objektiv die Situtation scharfstellen und für einen winzigen Moment einen Teil der großen Wahrheit erkennen.

Wenn uns dann unsere Naiivität genommen wird, stehen wir plötzlich da, ohne Hoffnung, nackt verunsichert. Auf den Tod sind wir nicht vorbereitet, weil er nicht in unser Leben passt. Wenn er dann auch noch einen aus unseren Reihen trifft und mitnimmt, dahin wo der Himmel blau ist und das Meer und der Strand endlos sind, dann verstehen wir das Leben nicht mehr. Wir wollen nicht an die Ungerechtigkeit glauben, die still, schweigend und mahnend an unserer Seite steht.

Wenn wir dann Abends am Meer sitzen, alle zusammen, und abgeschliffene Steine in das pechschwarze, spiegelglatte Wasser werfen, glauben wir fest daran, dass du sie am nächsten Morgen in deiner neuen Welt am Strand findest und aufsammelst.

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57 Antworten

Kommentare

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    wirklich grandios!

    23.09.2009, 19:01 von keep.going
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    schöner text :)
    ein trauriges ereignis in gefühlvolle worte verpackt

    18.12.2008, 17:32 von couscous
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      @[Benutzer gelöscht] was für ein wundertoller text
      könnt den andauernd lesen,der artikel reisst einen einfach mit und regt dermaßen zum denken an...

      01.11.2008, 19:24 von babsspatz
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    Wow. So schlicht, so auf den Punkt gebracht. Und einfach nur schön geschrieben.

    12.08.2008, 02:38 von san_diego
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    Den 3. Absatz mag ich sehr , passt zu einer Situation die ich gerade erlebe.

    02.08.2008, 14:08 von polaroidfoto
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    Kompliment.

    21.07.2008, 21:49 von unfinished2008
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    ".....glauben wir fest daran, dass du sie am nächsten Morgen in deiner neuen Welt am Strand findest und aufsammelst..."

    <3

    17.06.2008, 15:20 von Dodi89
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    ich sag nur Empfehlung!!!!

    16.06.2008, 23:40 von chrissiiii
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