kryptonite 08.06.2009, 22:22 Uhr 54 84

Rattenmädchen

Weißt du, Rattenmädchen. Ich dachte, du und ich, das sei für immer. Zeiten ändern sich, Rattenmädchen. Nur du dich nicht.

Was war das für ne Zeit damals, was? Nach billigem Fusel stinkend mit selbstgestochenden, pochenden Piercings aufm Bahnhof stehen. Nächte auf der Straße, warm gehalten von noch mehr billigem Fusel und Freunden. Diese Blicke in der Kleinstadt und dieser wahnsinnige Stolz, nicht eine von denen zu sein. Morgens weggeschossen in der Bahn zu sitzen, weil man nach 36 Stunden dann doch noch nach Hause gegangen ist, und all diese Arbeitstiere zu sehen, wie sie brav traben, während das eigene junge Herz schlägt, zum Zerspringen laut gegen den Schädel hämmert. BA-DAM-BA-DAM-BA-DAM:

Mensch, was waren das für Zeiten, Rattenmädchen. Nur du und ich und billiger Fusel und noch billigeres Gras und schlechte Lieder auf scheppernden Kassettenrekordern davon, dass wir young and lost sind und dass wir auch niemals anders werden wollen.

Mensch, Rattenmädchen. Du und ich. Nächtelang hast du mich um den Schlaf geschrieen, hast mich geschlagen mit deinen blutigen Armen, hast mich hin und her geworfen im Bett, hast mich die ganze Nacht hindurch wachgeflüstert, als die Psychose kam.

Mensch, Rattenmädchen. Was für Nächte. Was für Tage. Du warst so laut und so unbequem, und du warst es nicht, weil du beschränkt und unterfordert gewesen wärest, sondern weil bei dir zu Hause die Hölle tobte, und nichts und niemand war da, dich zu halten. Nichts und niemand außer all diesen Worten, und darum hast du angefangen, Worte und Wissen zu horten und damit um dich zu werfen, wenn dir jemand zu nahe kam. Wenn sich jemand an deinen Panzer aus Farbe, Piercings und "igitt, das ist doch nicht dein Ernst" heranmachte und es tatsächlich wagte, einen Finger auf all die Worte zu legen, diese Worte, die deine Wunden waren, in die du dich verschüchtert gekleidet hast.

Mensch, Rattenmädchen. Du und ich und all der Dreck und die durchwachten Nächte und die Psychosen und der Kater und all die kalten, klebrigen Morgenden auf Bahnhofsboden. Du und ich, und dieses unglaublich nahe, dreckige, pulsierende was wir Leben nannten.

Mensch, Rattenmädchen. Du bist fast explodiert, explodiert vor Gefühlen und Feuer, warst voll von Lyrik und Worten, du hast dich damit gefochten und gewonnen, du hast nächtelang Sätze und Bilder aus dir rausgepresst und sie mir gezeigt.
Alles an dir war Text, war Form, war Kunst, du warst Kunst, dein Kunstprodukt.
Du warst "fuck you all" und du warst es mit Recht.

Mensch, Rattenmädchen. Und dann kam dieser Kerl und hat dich einfach mitgenommen. Du wolltest ihm gefallen und du wolltest auch mal auf der Gewinnerseite sein, und irgendwann wars das dann auch mit der poetischen Umschreibung von Dreck, irgendwann war Dreck nur noch dreckig, und du wolltest raus und wer sein und er nahm dich mit. Und er hat dich gewaschen und dir was richtiges angezogen und er hat dir beigebracht, bitte und danke zu sagen, und er hat dir das Rauchen abgewöhnt, das Trinken, und den Spaß gleich mit.

Mensch, Rattenmädchen. Du und er und das was du Liebe nanntest. Und wenn du ihm, dämlich wie ein junger Hund, all deine Worte, deine Wunden vor die Nase gezerrt hast, strahlend auf ihn gewartet hast, deinen Traumprinz, auf dass er deine Welt sehe.... Mensch, Rattenmädchen. Da hat er dir einfach die Kehle durchgeschnitten.
Und dich behutsam ausbluten lassen, drei Jahre später.

Mensch, Rattenmädchen. Manchmal sitzt du auf dem Badewannenrand, wenn ich in meiner Zivilisationsverkleidung nach Hause komme, und in die Knie gehen muss, vor meinem Kreislauf und dem Alkohol.
Da sitzt du dann in deinen zerissenen Strümpfen, und deine Springerstiefel schlagen leise gegen die gekachelte Wand, wenn du mit sanfter Stimme sagst: "Du hast mich verarscht, Krypto. Du hast dich einfach davongemacht in die Welt dieser Leute und jetzt tust du zwischen ihnen so, als ob dich Perlen und Pastell zu etwas anderem machen würden."
Und dann drückst du meinen Kopf noch ein bisschen tiefer in die Kloschüssel.
Und während du behutsam ein wenig fester drückst, beugst du dich vor und flüsterst mir ins Ohr "Du wirst nie eine von denen sein, Krypto. Du wirst immer das Rattenmädchen bleiben, und du und ich, wir wissen das. Trag Ralph Lauren, so viel du willst".

Mensch, Rattenmädchen. Du hast verdammt recht. Ich werde immer das Rattenmädchen bleiben, irgendwo in mir drin riecht es noch nach Bahnhof und durchgetrunkenen Nächten, nach verwahrlosten Wohnungen und ebensolchen Freunden.

Und dafür dank ich dir, Rattenmädchen. Und darum halte ich diesen kleinen, dreckigen Platz in meiner Seele auch immer schön warm und feucht. Denn Rattenmädchen, du schreist und tobst in mir, und manchmal malst du echt große Worte an die Wand. Und das ist großartig. Ich will mein Rattenmädchen nicht noch ein mal weggeben. Jetzt, wo ich wieder weiß, dass es fühlt.

Mensch, Rattenmädchen. Du und ich.

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54 Antworten

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    14.05.2010, 19:01 von SonnenTaenzer
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    Ich bin auch ein Rattenmädchen, dass sich bei deinem Rattenmädchen zutiefst für diesen Text bedankt und vor Rührung keinerlei Worte mehr findet.

    29.11.2009, 13:27 von sarah_90
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      @[Benutzer gelöscht] Rattenmädchen...wie wunderbar! Fantastisch. Ich liebe es.

      17.10.2009, 18:38 von Madame_H
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    Wunderbar !!!

    14.07.2009, 00:25 von snowflake84
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    WOW!

    30.06.2009, 12:06 von Surulunda
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    ich bin sprachlos.

    23.06.2009, 22:04 von LittleMissStrange007
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    interessanter, fesselnder text

    19.06.2009, 18:51 von Colene
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    sehr geil.

    17.06.2009, 16:11 von Intelligenzbestie
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    Ist lesenswert, aber sich verneigen?

    16.06.2009, 15:14 von Lucbutz
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    klasse, jeder muss sein inneres rattenmädchen bewahren!

    16.06.2009, 03:51 von reisbaellchen
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